Zuckerl für Schiefergas-Skeptiker

Energieexperte der Akademie plädiert für Schiefergasförderung

Freitag, 20. Dezember 2013

Ionuţ Purica, Energieexperte der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, erklärte jüngst auf einer Konferenz zum Für und Wider hinsichtlich der Schiefergasförderung, dass eine Förderung des in Rumänien nachweislich vorhandenen Schiefergases das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um zwei Prozent steigern wird. Gleichzeitig würde laut Purica der Preis des Erdgases „um 15 bis 25 Prozent gesenkt” werden, sagte er im gleichen Atemzug.

Purica ist einer der Autoren der Studie über „Ressourcen von Naturgas aus unkonventionellen Quellen – Potenzial und Nutzung“, die von 43 Experten des Rumänischen Nationalkomitees im Rahmen des Weltrats für Erneuerbare Energien (rumänisches Kürzel: CNR-CME) ausgearbeitet und unlängst vorgestellt wurde.

Leuchtende Zukunft – ohne Preisangabe

Ionuţ Purica prognostizierte, dass Rumänien „um 2019-2020” zur „effektiven Ausbeutung seiner Schiefergasreserven” schreiten werde und „etwa ab 2025” zu den Erdgas-Exportländern vorstoßen wird: „Gegenwärtig macht die Jahresrechnung der rumänischen Erdgasimporte etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Das entspricht in etwa dem Verteidigungshaushalt Rumäniens. Wenn wir ab 2025 Erdgas exportieren, dann wird nicht nur dieser 1,5-Prozent-Anteil am BIP wegfallen, sondern das BIP wird um 0,5 Prozent gesteigert, woraus die eingangs erwähnten zusätzlichen zwei Prozent Bruttoinlandsprodukt errechnet sind. Und im Augenblick des Beginns der Erdgasexporte kann der Inlands-Endverbraucherpreis neu berechnet werden – ich schätze mal, er wird um die 15 bis 25 Prozent unter dem gegenwärtigen Endverbraucherpreis liegen.“ Nur verschwieg der Energieexperte der Rumänischen Akademie der Wissenschaften tunlichst jenen Preis, den jedes Land, das sich zur Schiefergasförderung mittels Fracking entschließt (und niemand erwähnte auf der Konferenz auch nur mit einem einzigen Wort, dass es sich auch um andere, umweltfreundlichere und sicherere Fördermethoden als Fracking handeln könnte), hinnehmen muss.

Dass den Hauptinteressenten an der Schiefergasförderung in Rumänien solche Überlegungen nicht fremd sind und dass auf solchen Konferenzen ihre Verflechtung wahrgenommen werden kann, das verriet der Energieexperte der Akademie – wissentlich oder nicht – wie zufällig: „Auf den Schiefergasfeldern, die Chevron in Rumänien besitzt“, sagte Ionuţ Purica, „könnten um die 19.000 Arbeitsplätze geschaffen werden, direkt oder indirekt.

Chevron-Frage und Ponta-Antwort

In diesem Kontext sei daran erinnert, dass die Amerikaner von Chevron vor allem in Ostrumänien – an der Schwarzmeerküste, südlich von Konstanza bis zur bulgarischen Grenze, und in der Moldau, im Raum Pungeşti im Verwaltungskreis Vaslui – großflächige Schürfarbeiten starten und dass dagegen seit Monaten massive Bürgerproteste stattfinden, die mehrmals mit Polizei- und Gendarmeriegewalt niedergeschlagen wurden. Premierminister Victor Ponta gab zu, dass ihn die Leute von Chevron immer wieder süffisant fragen, ob in Rumänien Privatbesitz geschützt sei – weil Chevron zuerst die Grundstücke, auf denen sie zu schürfen beabsichtigten, gekauft hat. Die vom Premierminister autorisierte Antwort auf die Chevron-Frage ist die Ermutigung polizeilichen Gewaltvorgehens gegen die um die Reinheit ihres Grund- und Trinkwassers besorgten Protestler, was dann für die Öffentlichkeit damit übersetzt wird, dass Rumänien auf jeden Fall Privatbesitz schützt. Plötzlich.

Andererseits werden immer wieder Veranstaltungen organisiert, wo ganz einseitig die Vorteile der Schiefergasförderung für Rumänien herausgestrichen werden – ohne irgendwelche Nachteile oder Gefahren zu erwähnen. Wie es auch diese Veranstaltung in einem Bukarester Nobelhotel war.

Der Energieexperte der Akademie argumentierte, ohne sich vor krassen Spekulationen zu verwahren oder zumindest ein zaghaftes Fragezeichen in der Luft stehen zu lassen: „Die Preissenkungen beim Verkauf von Erdgas an die Endverbraucher werden dazu führen, dass wir eine erneute Industrialisierung erleben werden“, verkündete Ionuţ Purica, „denn vor allem die energieschluckenden Industrien (der Energieexperte erwähnte die metallurgische Industrie, die Aluminiumerzeugung, die Düngemittelindustrie und die Petrochemie – Anm.wk), die noch einen hohen Anteil am Bruttoinlandsprodukt Rumäniens haben, werden entlastet. Und die Kosteneinsparungen beim Energiepreis werden in die Erneuerung der Industrie fließen“, lehnte er sich ziemlich weit aus dem Fenster.

Arbeitsplatzschaffung auf amerikanisch

Die wie nebenbei erwähnten potenziellen Arbeitsplätze, die Chevron in Rumänien schaffen könnte, nutzte Purica zu einer Abschweifung auf den in vielen rumänischen Wirtschaftskreisen und Kreisen von Wirtschaftstheoretikern als Idealstandort angesehenen US-amerikanischen Arbeitsmarkt: „In den USA, beispielsweise, steht auf Rang eins, wenn von Großprojekten gesprochen wird, die Zahl der neuen Arbeitsplätze, die entstehen. Denn diese bringen dem Staatshaushalt die meisten Einkommen. In der amerikanischen Industrie rechnet man bei jeder Schiefergasbohrung mit 30 neuen direkten Arbeitsplätzen. Zu jedem Direktjob werden dann drei bis fünf indirekte neue Jobs gerechnet. Das Schiefergasfeld Vaslui, das so umstritten ist, umfasst 6000 Quadratkilometer, jenes südlich von Konstanza hat 2700 Quadratkilometer Größe. Zusammengenommen kann man auf den beiden Schiefergasfeldern mit 4700 direkten und 14.000 indirekten Arbeitsplätzen rechnen – und das ergibt, über den Daumen gepeilt, 19.000 neue Arbeitsplätze“, warf Purica den Zuckerlköder aus.

Kommentare zu diesem Artikel

Manfred, 20.12 2013, 22:20
Ich würde nach wiki-Studie dieses Verfahren ablehnen.Zu riskant,wenig effizient.
Morgen geht´s in die Weihnachtsferien-ich wünsche allen Rumänienfreunden ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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