Zuerst war die Bühne

Das „Electric Theatre“ möchte Temeswars neuer Kulturtreffpunkt werden

Mittwoch, 20. November 2013

Kleine Bühne für große Ambitionen: Bis zu zehn Schauspieler haben auf der „Electric Theatre“-Bühne Platz. Diese besteht aus Modulen und kann je nach Vorstellung umgebaut werden

Ein elektrisierendes Theater auf einer Kleinstraße Temeswars: Das „Electric Theatre“ befindet sich auf der Argeş Straße Nr. 18

Seine Karikaturen schmücken die Wände des Cafés: Der Künstler, Schauspieler und Regisseur Romeo Ioan stellt im „Electric Theatre“ aus Fotos: Privat

Andreea Hulughiuc (28) sitzt allein in ihrem Café, wird von Romeo Ioans Karikaturen beobachtet, während dumpf aus dem anderen Raum Indie-Musik dröhnt. Mitten in der Woche ist noch nicht viel los im „Electric Theatre“. „Viele wissen noch nicht, dass wir mehr als ein Theater sind“, erklärt die junge Inhaberin. Sie hofft auf mehr Kundschaft in den nächsten Wochen, sobald die offizielle Seite online steht und sich die Nachricht verbreitet hat, dass in Temeswar/Timişoara eine Schauspielerin und ein Ökonom Kunstprojekte fördern wollen und zwar im ganz großen kleinen Stil. Und zwar nicht anders als das im englischen Guildford ansässige, gleichnamige „Electric Theatre“, wo viele unbekannte Künstler ihren Durchbruch schafften und wo es schon mal passiert, dass auf der Bühne internationale Größen Theater oder Musik spielen.

Hulughiuc träumt von dem idealen Treffpunkt für lokale Künstler, wo man Ideen austauscht, wo sie entstehen und umgesetzt werden. Darum mag sie die Leere nicht, die an einem Donnerstag Nachmittag in ihrem Café herrscht. Besonders, wenn sie an den Ansturm denkt, der an den ersten beiden Wochenenden seit der Eröffnung herrschte. Mit einem Star wie Horaţiu Mălăele kann auch nichts schief gehen, aber auch die anderen Vorstellungen, die bisher im „Electric Theatre“ stattfanden, brachten Qualität in einen Theaterraum, der nicht viel größer als eine Plattenbauwohnung ist. Die Einrichtung kennt Hulughiuc inzwischen in und auswendig. Denn sie und ihr Geschäftspartner Florin Suciu (38) haben gemeinsam Hand angelegt und immer wieder dort den Hammer geschwungen, wo die Bauunternehmen für Arbeiten zu viel Geld verlangten. Wie viel das Projekt bisher gekostet hat, wollen die beiden Gründer von „Electric Theatre“ nicht preisgeben. Wichtiger sei ohnehin die Zeit, die darin geflossen ist. Drei Jahre lang arbeiteten Suciu und Hulughiuc daran. Ein Jahr lang wurde nur am Konzept gefeilt, der Schlachtplan erarbeitet, ehe man das passende Haus – eine Altvilla auf der Arge{ Straße Nr. 18 – und die passenden Partner suchte und fand.

Von Schauspielerin zur Inhaberin

Eigentlich wollte die aus Iaşi/Jassy gebürtige Hulughiuc nur Schauspielerin werden. In ihrer Heimatstadt besuchte sie die Schauspielabteilung des Kunstlyzeums „Octav Băncilă“, kam dann mit 19 Jahren nach Temeswar, wo sie an der Musikhochschule Theater studierte. Schwierig wurde es für sie nach dem Abschluss, als sie keine Stelle als Schauspielerin an einem der großen Theaterhäuser der Stadt fand. Niemand stellte damals ein und auch in den kleineren, unabhängigen Gruppen, wie Auăleu, fand sich für sie kein Platz. Darum kam seitens Florin Suciu ein Gegenvorschlag: Sie solle zusammen mit ihm eine Firma gründen, die sich um die Beschaffung von Baumaterialien kümmert. Daraus entstand eine ideale Partnerschaft. „Wir beide ergänzen uns einfach sehr gut“, meint sie. „Das, was er nicht so gut kann, darum kümmere ich mich und umgekehrt.“

Doch die Arbeit erfüllte sie nicht. Die Schauspielerin konnte sich vom Theater nicht verabschieden. Darum fasste Hulughiuc irgendwann den Entschluss, eine eigene Bühne zu bauen, wenn sie denn auf den bereits vorhandenen nicht spielen darf. So wie ihr würde es bestimmt vielen anderen auch gehen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als im Rampenlicht zu stehen.

Von der Idee eines Theaters entwickelte sich schnell die Idee eines Kulturtreffpunkts: Gegenwärtig wird noch die alte Garage in einen Proberaum umgestaltet, im Untergeschoss soll zudem noch ein Tonstudio in Zukunft eingerichtet werden. Damit wird aus dem „Electric Theatre“ eine Art „Fabrica de pensule“, nur eben mit Schwerpunkt auf Theater und Musik.

Und willkommen ist jeder, der ein Projekt hat, dem aber der notwendige Platz fehlt. Bevorzugt werden zwar professionelle Theaterleute, doch das soll kein Hindernis sein. „Wir suchen Leute mit Leidenschaft und Talent“, meint die Inhaberin. Dabei soll den Qualitätsstandard das Publikum setzen. „Wenn die Vorführung schlecht ist, dann werden die Zuschauer es auch nicht mehr sehen wollen.“

Großes Theater abseits der großen Häuser

Über die Qualität des Programms hat sich bisher noch keiner beschwert. Es nahmen aber auch vorwiegend namhafte Künstler teil. So gab der Komponist und Sound Designer Tibor Cári ein Konzert am zweiten Wochenende seit der Eröffnung. Zusammen mit der bezaubernden Sânziana Târţa (Stimme), Szabó J. Attila (Geige), Boldizsár Szabolcs (Flöte) sowie Veress Alber (Schlagzeug) spielte Cári seine Kompositionen für Theaterproduktionen diverser Häuser. 2013 erhielt Cári den UNITER-Sonderpreis für seine Arbeit. Er hat an über 100 Vorstellungen mitgewirkt. Auch mit dem Deutschen Staatstheater arbeitete Cári schon zusammen. Für die Kindervorstellung „Der Zauberer von Oz“ in der Regie von Eva Labadi schrieb der Musiker die Melodien.

Besonders spannend war das Eröffnungswochenende: Der Blattmusiker Nucu Pandrea spielte im Anschluss an die Vorführung „Böse Kinder“ in der Regie von Alexandru Mih²iescu. Die One-Man-Show „Ich bin ein Blinder“ von Horaţiu Mălăele wurde von einem Konzert Jak Neumanns begleitet.

Zur Zeit wird an dem Stück „Romania Free Country“ geprobt. Darin spielt auch Hulughiuc selber mit. Ein Traum wird für sie war, jedoch muss sie inzwischen für diesen Traum Kompromisse schlagen. „Ich würde gerne selber als Schauspielerin, so oft es geht, auf der Bühne stehen, doch ich muss auch den Laden hier schmeißen.“ Die Premiere soll voraussichtlich Ende November stattfinden. Im Januar soll dann eine weitere Produktion erstmals im „Electric Theatre“ gezeigt werden. Romeo Ioan inszeniert Ion Luca Caragiales „Eine stürmische Nacht“. Für das Stück wird noch in diesem Monat ein Casting veranstaltet.

Was Hulughiuc an den bisherigen Vorstellungen gefiel, war die familiäre Stimmung. Was ihr momentan noch Sorgen bereitet, sind die Einnahmequellen. Allein aus den Vorführungen werden die Instandhaltungskosten nicht gedeckt. Dafür ist der Theatersaal zu klein. Es passen nur 70 Zuschauer rein. Darum hofft sie, dass das Café bald genauso erfolgreich wird und sich immer mehr Temeswarer auf der Argeş einfinden werden.

Ein elektrisierendes Theater in Temeswar

Es wird ein spannendes Jahr für Andreea Hulughiuc und ihren Geschäftspartner Florin Suciu: Experimentelles Theater soll im „Electric Theatre“ groß geschrieben werden. Der an Kabarett der 1920er anmutende Saal, das Café mit den Karikaturen von Romeo Ioan, der bald fertiggestellte Proberaum in der Garage sowie das Tonstudio im Untergeschoss werden Temeswarern zur Verfügung gestellt, damit sie ihre künstlerischen Visionen umsetzen können. So sollen neue Theaterformen erschlossen werden und eine alternative Bühne entstehen. Das Auăleu-Theater fing mit einem Ensemble an. Das „Electric Theatre“ fängt mit einer Bühne an. Mit der Zeit soll auch ein Ensemble wachsen. Und irgendwann soll „Electric Theatre“ zu einem Gütesiegel werden für Theater und Kunst made in Temeswar mit Anspruch.

Doch dafür will Andreea Hulughiuc nicht mehr alleine in ihrem Café sitzen und alleine der Musik lauschen, die dumpf aus einem Nebenraum dröhnt. 

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