Zuhause im eigenen Museum

Maria und Mircea Drăgan teilen ihr Heim mit 162 Trachtenpuppen und liebevoll gesammelten Exponaten

Sonntag, 26. Februar 2017

Sammler von Folklore und Autor mehrerer Bücher über Lieder und Bräuche im Harbachtal: Mircea Drăgan

Liebevolle Schöpferin prächtiger Trachtenpuppen: Maria Drăgan

Im sächsischen Zimmer

Eine „Großfamilie“, die auf Nachwuchs hofft...
Fotos: George Dumitriu

Ein leidenschaftliches Hobby ist ein bisschen wie die große Liebe: Es begleitet einen durchs Leben, schenkt Freude und erfüllte Stunden, lässt einen an den Sinn des Daseins glauben; man scheut keine Mühe, es zu pflegen und rechnet nicht auf, was man hineingesteckt hat und wieder herausbekommt. Ein solches Hobby ist wie ein Maibaum, um den sich das Schicksal tanzend dreht, vom Frühling bis in den Lebensherbst. Gemeinsam gepflegt, verbindet es durch Erinnerungen, Pläne schmieden, neue Erinnerungen, neue Pläne...  

Maria (69) und Mircea Drăgan (70) in Agnetheln/Agnita ist es so ergangen. Ihre Leidenschaft hat nicht nur von ihrem Leben Besitz ergriffen, sondern sogar von ihrem Haus: zwei Räume und ein Vorzimmer, das Ehepaar beschränkt sich auf Küche und Schlafstatt. Der Rest gehört den prachtvollen Trachten aus dem gesamten Harbachtal – und 162 Puppen, die Maria Drăgan liebevoll mit ebensolchen ausgestattet hat. Langhaarige, lockige mit Kulleraugen, Babypuppen, ja sogar Barbies hat die ehemalige Mathematiklehrerin in akribischer Handarbeit kostbar ausstaffiert, mit authentischen Festtagskleidern, genäht aus dem Material mottenzerfressener Originale. “Schmeißt eure alten Puppen nicht weg, auch wenn sie defekt sind”, bat sie ihre früheren Schüler. Die Sammelleidenschaft der Drăgans zu allem, was Brauchtum und Folklore betrifft, macht auch vor Gebrauchsgegenständen, alten Büchern oder Schallplatten nicht Halt. Zärtlich wird hier eine Hochzeitsfahne, dort eine “vălitoare” (Schleier verheirateter rumänischer Frauen) oder eine “bortiţa” (Kopfputz für Mädchen bis 12 Jahre) in die Hand genommen. Jedes Stück erzählt eine Geschichte. Stolz führt das Paar durch den Vorraum, mit bäuerlichen Utensilien, alten Fotos und bestickten Stoffen ausgestattet, in das rumänische und das sächsische Zimmer - seit 2000 ein kleines Museum, in dem sich die Zeit höchstpersönlich zuhause fühlen muss.

Namensschürze und Hochzeitsspindel

Mit dem Sammeln von Folklore in den Dörfern des Harbachtals hat Mircea Drăgan schon zur Zeit seines Studiums in Klausenburg/Cluj Napoca begonnen. Seit 1967  bereiste der aus Neustadt/Noiştat stammende Philologiestudent die Umgebung auf der Suche nach alten Bräuchen und Liedern, die er Wort für Wort notierte bzw. auf Kassettenrekorder aufnahm. Retiş und Săsăuşi waren die ersten beiden Dörfer. Dort packte ihn die Leidenschaft und ließ ihn nicht mehr los. Im doppelten Sinne, denn in Săsăuşi lernte er seine Maria kennen... Mit ihr machte er seither über 40 Dörfer unsicher - in dem kleinen Dacia, den sich das Paar vom Hochzeitsgeld gekauft hatte. “Wenn man allein die Hochzeitsbräuche in einem Dorf recherchiert, braucht man schon einen halben Tag vor Ort - und man muss mindestens dreimal hin”, erklärt Mircea Drăgan, der unter seinem Pseudonym  Drăgan-Noişteţeanu mittlerweile vier Bücher geschrieben hat und nun an einer Monografie des Harbachtals arbeitet. Mit den Exponaten ist auch ihre persönliche Geschichte verwoben: “Hier, eine Schürze mit meinem Namen.” Der Hausherr hält sie in die Höhe. “Wenn ich zum Singen ins Kulturhaus gehe, trage ich sie noch!” Genäht und bestickt wurde sie von seiner Verlobten, wie es früher Brauch war. Dafür hat er seiner Maria im Gegenzug eine Hochzeitsspindel geschnitzt. Das prachtvolle Stück – rumänische waren mit Schnitzereien verziert, sächsische hingegen nur bemalt, erklärt er – ist ebenfalls Teil der Sammlung.

Handarbeit als Therapie

An der Pforte des Hauses Nr. 16 in der Strada A. Vlaicu, die direkt hinter der Kirchenburg von Agnetheln liegt, steht auf einem Brett: ”Ethnografisches Museum”. Freilich ist es kein offizielles - und die Öffnungszeiten sind eher symbolisch. Nur zu gern zeigen die Drăgans ihre Sammlung, erzählen stolz von Besuchern aus aller Herren Länder. Wie es zu der Idee kam, erfahren wir im rumänischen Zimmer: Die ersten Exemplare der umfassenden Trachtensammlung hatte Maria Dr²gan von ihren Eltern geerbt. “Vor über 15 Jahren haben wir sie zum Lüften aus dem Schrank genommen” erzählt sie. “Und weil sie uns so gut gefielen, nie mehr zurückgehängt” ergänzt der Ehemann. So entstand das erste Museumszimmer – und das Paar begann, Bekannte und Verwandte gezielt anzusprechen: Habt ihr nicht noch alte Sachen? Nichts sollte weggeworfen werden, nichts verkommen. Selbst löchrige Kleider wurden gebraucht - als Material für die wunderschönen Trachten der Puppen. Diese wiederum haben ihre eigene, bewegende Geschichte: Ihnen verdankt ihre Schöpferin ihre vollständige Genesung, nachdem sie nach einem Schlaganfall 1997 halbseitig gelähmt war. Weil sie Handarbeiten schon immer geliebt hatte, wählte sie intuitiv die richtige  Therapie: Sie beschloss, kleine, überschaubare Arbeiten in Angriff zu nehmen, die man gut zuhause ausführen kann. “Es war sehr schwierig am Anfang”, gesteht Maria Dr²gan. Doch die Hände, die seit ihrem sechsten Lebensjahr mit Leidenschaft gestickt, gestrickt und gehäkelt hatten, “erinnerten” sich nur allzu gerne.

Rumänische Hochzeitsbräuche

Die meisten Trachten und Gegenstände erzählen von der Hochzeit: Da gibt es einen bunten Stab mit Bommel dran, den trug die Traupatin, erzählt Maria Drăgan. Beim Haus des Bräutigams angelangt, musste ihn dieser über das Dach werfen. Dahinter warteten die unverheirateten Burschen, und wer ihn fing, bekam einen Liter Schnaps, ergänzt der Ehemann. Typisch auch die Hochzeitsflaggen (“steaguri”), mit vielen Tüchern geschmückt: Die musste ein Junggeselle tragen, neben ihm ein Mädchen als “stegariţa”. Jedes Dorf hatte eine andere Flagge. Der Bursche musste sie gut hüten, denn wenn sie gestohlen wurde – was gerne versucht wurde – musste er einen Liter Schnaps geben, lacht Mircea Drăgan. “Und dies ist die Brautspindel” verweist seine Frau auf ein buntes Gebilde, in der Mitte ein Bündel Flachs, von dem mehrere Dinge baumeln: Trockenpflaumen, Holzlöffel, eine Miniatur-Babywiege... Mit dieser wurde die Braut von den Dorffrauen beschenkt, die dazu ein bestimmtes Lied sangen. Anschließend gingen sie mit der Braut nach Hause und halfen ihr beim Spinnen. Dazu brachten sie die ersten Hanfbündel für den Beginn des neuen Haushalts mit. Auch die Gerätschaften zur Bearbeitung des Flachses kann man im Hause Drăgan bestaunen. Frau Maria kennt noch alle Arbeitsschritte, vom Einweichen im See über das Trocknen am Zaun, das zweimalige Schlagen, das Kämmen und Bürsten der Fasern, das Spinnen und Aufwickeln des Fadens, das Kochen in Aschenlauge, damit das Material schön weiß wird. Abwechseln erzählen die Eheleute: Von den rumänischen Trachten im Harbachtal, die früher alle bunt waren, nur in der Marginimea Sibiului schwarzweiß. Doch weil Königin Maria, eine begeisterte Trachtenträgerin, diese bevorzugt hatte, wurden sie bald überall modern. Von den typischen Merkmalen, die den gesellschaftlichen Status anzeigten. Von der sich ändernden “Brautmode”, trug man doch bis 1939 einen Helm aus künstlichen Blumen, den danach der Schleier ablöste.

Sächsischen Einflüssen auf der Spur

Zu den Sachsen hatte Mircea Drăgan, der als Rumänischlehrer an den deutschen Abteilungen der Schulen Henndorf/Brădeni und Neustadt wirkte, stets eine besondere Beziehung. So spitzte er auch stets die Ohren, wenn auf seinen Recherchen in rumänischen Dörfern ein Bezug erkennbar war. “Wieviele Sachsen habt ihr denn noch?” hatte er seine Maria bei einem der ersten Treffen in Săsăuşi gefragt. „Sachsen?“ echote das Mädchen verblüfft. „Das ist ein rein rumänisches Dorf – bei uns gibt’s nichtmal Zigeuner!“ Doch seltsam schien ihm nicht nur der Name, sondern auch, dass die Bewohner ein Sträßchen “Hindrigas” (hintere Gasse) nannten und über einen anderen Ort sagten, „mă duc în hof’“. In der späteren Monografie von Săsăuţi verrät Mircea Drăgan: Der Name kommt von Sachsenhausen, 1448 erstmals als Sagesenhusen dokumentiert, 1456-86 als Sasenhüs. Ab 1700 wird es dann in den Akten plötzlich als “Pagus valahicus”, als rumänisches Dorf erwähnt. Was war passiert? Die Pest hatte die Sachsen dahingerafft und auf fünf Leute dezimiert, so dass der Stuhl aus Leschkirch/Nocrich die Ansiedlung von Rumänen aus dem Alttal erlaubte, erzählt er und ergänzt: „Dasselbe passierte in Hochfeld/Fofeldea, Ziegenthal/Ţichindeal, Eulenbach/Ilimbav.“ In Săsăuţi seien  auf dem Friedhof noch sächsische Namen zu lesen, der letzte Sachse starb 1819, und es gäbe noch Namen wie Boander von Binder, und Foalten von Falten, erklärt er - was für eine gewisse Kontinuität der sächsischen Bewohner spricht, die möglicherweise in Mischehen aufgegangen sind.

„In unserem Dorf hatten wir Nachbarschaften nach sächsischem Modell“, berichtet er weiter. „Die Leute haben sich gegenseitig beim Hausbau geholfen, nur den Meister musste man bezahlen.“ Dann, ein wenig wehmütig: „Man hat nichts für Geld gemacht – aber heute, für jede noch so kleine Hilfe will jeder gleich Geld!“ Die Drăgans halten es heute wie früher: Ihre Objekte kaufen und verkaufen sie nicht, sondern bewahren und retten, was freiwillig abgegeben wird. Auch Eintrittsgebühr gibt es keine für das charmante kleine Museum. Eine Freude könnte man ihnen dennoch bereiten, da sind sich beide einig: Wer alte Puppen - oder sogar Schaufensterpuppen - abgeben könnte... Sie bekämen im Haus Nr. 16 hinter der Kirchenburg nicht nur prachtvolle neue Kleider, sondern auch ein liebevolles, würdiges Zuhause.




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