Zukunft beginnt jetzt

Festrede von Benjamin Józsa, Geschäftsführer des DFDR, beim Treffen auf dem Huetplatz in Hermannstadt am Samstag, dem 26. Mai 2018 (III)

Mittwoch, 06. Juni 2018

Zukunft, Jugend, Tradition, Miteinander sind nur einige Themen, mit denen sich das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien zurzeit beschäftigt.
Foto: Vlad Popa

(Fortsetzung vom 5. Juni 2018)

Unsere Geschichte und Tradition wird geschätzt, das beweisen jeden Tag unsere Schulen, in denen mehrheitlich rumänische Schüler deutschen muttersprachlichen Unterricht genießen. Eine neue Generation wächst hier he-ran, die zwar rumänisch und orthodox ist, aber deutsche Gedichte und siebenbürgisch-sächsische Traditionen lernt. In zehn, zwanzig Jahren werden wir eine ganze Reihe Architekten, Ärzte, Richter und Ingenieure haben, die Absolventen der Brukenthalschule sind. Diesen Generationen muss unser Augenmerk ebenfalls gelten, da unsere Themen auch schon die ihren sind.

Im dritten Workshop Schule ging es folgerichtig um Probleme des Unterrichts in deutscher Sprache, die schnellstens gelöst werden müssen, wenn das deutsche Schulwesen auch weiterhin gut funktionieren soll.

Das erste und größte Problem ist der Lehrermangel, wobei der Lehrermangel bei den Fachlehrern am gravierendsten ist. Lehrer, die Geschichte, Biologie, Mathematik oder Physik in deutscher Sprache unterrichten können, sind so selten, dass man eigentlich schon Kopfgeld auf sie aussetzen müsste. Verstärkt wird das Ganze noch dadurch, dass der Bedarf an deutschsprachigem Unterricht immer größer wird. Hier eine Lösung zu finden, wird DIE Kernaufgabe der Zukunft sein, wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft bald der Vergangenheit angehört.

Das zweite Problem ist das Mangeln der Schulbücher. Das Unterrichtsministerium hat es in fast dreißig Jahren nicht geschafft, ein kohärentes Verfahren für das Herstellen der Lehrbücher der Minderheiten zu schaffen. Lassen Sie es mich deutlich sagen: Es ist ein Skandal, dass im Zeitalter des Digitaldrucks und der Kommunikation in Echtzeit, die Schüler sich noch ihre Aufgaben mühevoll aus alten Büchern übersetzen müssen! Der Stellenwert, der zurzeit seitens der Politik der Schulbildung zugemessen wird, stimmt traurig und lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen.

Die dritte Aufgabe, die aber in unserer Hand liegt, ist die Verbindung des Forums zu den Lehrern. Trotz Schulkommission ist es vielfach so, dass unsere Lehrer und unser Forum zwei verschiedene Gebiete sind, die nur selten interferieren. Wir müssen es schaffen, hier eine tragfähige Verbindung zu schaffen und das Forum zum Begegnungsort (auch) unserer Pädagogen werden zu lassen.

Der wahrscheinlich wichtigste, aber zahlenmäßig kleinste Workshop war schließlich die Jugendarbeit. Das Leitbild, das der Jugendstrategie vorangestellt ist, gibt eine deutliche Richtung vor: „Durch seine Jugendarbeit will das DFDR darauf hin arbeiten, dass die deutsche Minderheit als Ganzes, aber auch konkret der Verein DFDR eine gesicherte Zukunft haben. Unser Bestreben ist die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Kultur allgemein, sowie der für die rumäniendeutschen Gruppen spezifischen Bräuche und Traditionen im Besonderen. Das DFDR möchte mitwirken, dass junge Menschen sich persönlich entwickeln, untereinander Gemeinschaft pflegen und zu mündigen Bürgern Rumäniens werden.“

„Was will die Jugend vom DFDR“, aber auch „Was will das DFDR von seiner Jugend“ waren die beiden Fragen, die gestellt wurden, um daraus einen sehr konkreten Maßnahmenkatalog zu entwickeln. Trotzdem sehe ich die Nachwuchsförderung als den gefährdetsten Bereich des ganzen DFDR.

Die Ursachen sind mannigfaltig. Wir leben in einer globalisierten und vernetzten Welt, in der die Mobilität unheimlich gewachsen ist. Bietet ein Arbeitgeber oder ein Verein in Dublin, Barcelona oder gar Palo Alto einem Jugendlichen Spielraum zu seiner Entfaltung, so ist er in wenigen Stunden und für kleines Geld bald dort. Wird er an einer Stelle gebremst, so wird er sich eine andere suchen, an der er auch gefragt ist. Wir sollen es nicht vergessen: Der Kampf des 21. Jahrhunderts wird um Köpfe ausgetragen! Und wir müssen uns ganz ehrlich fragen, was wir den jungen Leuten bieten können. Hier sehe ich ein doppeltes Handicap: Einesteils durch eine verfehlte Landespolitik Rumäniens, die einen schon mörderischen Brain-Drain weiterhin anheizt, und ande-rerseits durch unser eigenes Dazutun, indem wir im Forum ein starres, schwerfälliges und innovationsfeindliches Umfeld beibehalten. Überall? Natürlich nicht. Aber leider oft genug.

Konkret würde das bedeuten, dass wir die Jugend sehr früh zu fördern beginnen. Kindergruppen, beginnend mit dem Kindergarten, würden sicherstellen, dass man frühzeitig auf Talente aufmerksam wird. Datenbanken mit Namen und möglichen Aufgabenbereichen, die ergänzt und gepflegt werden, wären ein guter Anfang. Heranziehen der jungen Leute an Kultur, Traditionen der Minderheit, Politik und Soziales durch Workshops sollte das Mindeste sein. Wir müssen proaktiv auf die Schulen zugehen und die Ausbildung begabter Jugendlicher durch Hospitationen, Praktika, Volontariate und Stipendien sicherstellen.

Auch das so oft angesprochene Problem des fehlenden politischen Nachwuchses kann man nur durch aktives Heranziehen lösen. Bei einem Gespräch schnappte ich einen Satz auf: Wir können Jugendliche nur dann in der Politik gebrauchen, wenn sie gut ausgebildet sind und Verwaltungserfahrung haben. Wirklich? Braucht ein guter Architekt im Stadtrat Verwaltungserfahrung, um Vergehen gegen den Denkmalschutz festzustellen oder Ideen im Bereich Straßenplanung zu entwickeln? Muss man Diplom-Verwaltungswirt sein, um festzustellen, wo Infrastruktur veraltet ist? Natürlich nicht. Wir brauchen gute Fachleute auf ihrem Gebiet, Leute mit gesundem Menschenverstand, die sich einbringen wollen. Diese müssen wir anhören und machen lassen, dann wird sich auch die Verwaltungserfahrung einstellen, wo sie auch wirklich benötigt wird.

Wir müssen eine Sache ständig im Hinterkopf behalten: Probleme werden nicht durch einfaches Ansprechen verschwinden. Wir müssen selber aktiv werden. Alle! Jeder von uns! Deswegen wird es darauf ankommen, wie wir das Strategiepapier „Forum 2030“ zur Umsetzung bringen. Wir alle sind gefragt, wenn es gilt, den festgehaltenen Grundsätzen Leben zu verleihen.

Nun werden Sie einwenden, dass ich ausschließlich über Siebenbürgen und Hermannstadt gesprochen habe und kein Wort über unsere Landsleute gesagt habe, die in Deutschland wohnen, in Österreich, in Kanada oder in den Vereinigten Staaten, und die so zahlreich heute erschienen sind. Dass ich nicht die enge Verbindung beschworen habe zwischen unseren ausgewanderten und den hiergebliebenen Landsleuten. Doch das ist nicht richtig.

Ich muss gestehen, dass ich „Hiergebliebener“ mit der Trennung „Hiergebliebene“ und „Ausgewanderte“ nie viel anfangen konnte. Ein Hermannstädter, der nach München oder Stuttgart umzog, hat sein Hermannstädter-Sein, seine Erinnerungen und sein ganzes seelisches „Gepäck“ mit Sicherheit nicht an der Grenze abgegeben. Ein Hermannstädter wird auch in Blankenese oder Neukölln noch ein Unterstädter bleiben, auf der Konradwiese geboren sein oder sich daran erinnern, dass er seine erste Liebe auf den Brettern gefunden hat. Diesem werden auch mit neunzig noch die Namen Schreyermühle, 90er-Kaserne und Entengasse die Augen aufblitzen lassen. Diese werden in ihren Träumen auch nach dreißig, vierzig Jahren noch am „Platz“ einkaufen gehen.

Deswegen wendete sich diese Rede an uns alle, an uns Siebenbürger, an uns Hermannstädter, an alle Oberstädter, Unterstädter, Bewohner der Konradwiese, der Hallerwiese oder des Hippodrom, egal wo Sie ihren Wohnort zurzeit haben. Wir sind alle gefragt, wenn unser materielles und vor allen Dingen immaterielles Kulturgut erhalten werden soll. Wir sind alle verantwortlich dafür, dass in der Brukenthalschule auch noch die nächsten 600 Jahre deutsch unterrichtet wird. Wir sind alle in der Pflicht, wenn es um den Erhalt unserer Trachten und unserer Bräuche geht. Wir sind alle wichtig, wenn es um die Zukunft unserer Jugend geht. Sprecht sächsisch (oder landlerisch) mit Euren Kindern! Bringt ihnen die deutschen Gassennamen bei. Erzählt ihnen von Euren Erinnerungen aus Siebenbürgen und Hermannstadt und erklärt ihnen, dass es schade wäre, wenn ihre Erinnerungen diese wunderschöne Stadt nicht mit einschließen würden. Kommt her. Wohnt hier. Baut ein Haus. Pflanzt einen Baum. Erzählt Euren Freunden von Hermannstadt und Siebenbürgen. Bringt Euch ein, in allen Bereichen, denn in allen Bereichen seid ihr wichtig und nötig. Denkt immer dran: Wir alle sind das Forum, wir alle sind die Zukunft unserer gemeinsamen Heimat Siebenbürgen.

Und diese Zukunft beginnt jetzt. Aber nur dann, wenn wir die Ärmel hochkrempeln und das tun, was wir am besten können: Aufbauen.

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