Zum Abschied gibt’s ein kleines Telefon

Nach vier Jahren gibt Nokia sein Rumänien-Werk bei Klausenburg wieder auf (II)

Donnerstag, 05. Januar 2012

Ein Schild, das vielleicht Geschichte machen wird. Als effektiver Hinweis ist es bald nicht mehr von Nutzen. Foto: der Verfasser

(siehe Teil 1)

Nachdenklich nippt der Radioreporter Bogdan Roşca an seinem Tee, zupft sich den Schal zurecht. Längst ist der Fall Nokia auch aus den Schlagzeilen seines Senders verschwunden. Da steht ein ganz anderes Thema oben an – ein Thema, das für Rumänien sehr typisch ist:

„Derzeit dreht sich alles um die Verhaftung des Bürgermeisters von Klausenburg. Es geht um Korruption. Die Anti-Korruptionsbehörde Rumäniens, ANI, wirft ihm vor, Geld von Firmen angenommen zu haben, die im Gegenzug Bauaufträge von der Stadt erhalten haben. Konkret lief das so ab, dass die Frau unseres Bürgermeisters Anwältin ist und genau mit denjenigen Firmen Beraterverträge abgeschlossen hat. Schmiergeld als Beratungshonorar. Die Summe der Gelder, die der Bürgermeister kassiert haben soll, liegt immerhin bei satten 90.000 Euro.“

Rache als Staatspolitik

Solche Korruptionsfälle beherrschen seit Jahren die Schlagzeilen der rumänischen Medien. Da mutet die Schließung des Nokia-Werkes in Jucu eher harmlos an. In diesem Zusammenhang sieht Bogdan Roşca auch die Razzia der Zollbehörden im Nokia-Werk, kurz vor der Schließung: Angeblich, so der Vorwand für die Durchsuchung, habe Nokia zehn Millionen Euro an Einfuhrzöllen unterschlagen. Bogdan Roşca muss dabei unwillkürlich lächeln.

„Sehen Sie, das ist unsere typisch rumänische Art zu reagieren: Erinnern Sie sich doch an jene schöne Geschichte vor ein paar Monaten, als Holland und Finnland mit ihrem Veto den geplanten Beitritt Rumäniens zum Schengener Abkommen blockierten. Da hatten wir nichts Besseres zu tun, als unter fadenscheinigen Gründen an der Grenze holländische Lastzüge mit Blumen festzuhalten. Das ist eine Reaktion so nach dem Schema ‘Beleidigte Leberwurst spielen’.  Es ging bei der Zoll-Razzia um eine Summe von 10 Millionen Euro, die Nokia angeblich nicht bezahlt hat. Wenn da wirklich was dran ist, wissen das unsere Behörden ja schon seit Längerem. Warum haben Sie nicht gleich entsprechend reagiert? Also ich glaube, wenn Nokia nicht bekannt gegeben hätte, seine Fabrik zu schließen, hätte es keine Razzia gegeben.“

Die Piaţa Avram Iancu ist einer der zentralen Plätze im Zentrum von Klausenburg: Aus der großen Kathedrale auf der einen Seite hallt der Gesang eines orthodoxen Chores über den Platz. Gesäumt von dezenten Grünpflanzen und Zierbäumchen, erweckt der Platz einen gepflegten Eindruck. Schräg gegenüber die Strada Eroilor, die ‘Heldenstraße’: Hübsche kleine Boutiquen, Cafés und Restaurants – hier treffen sich viele Bürgerinnen und Bürger zum Einkaufsbummel.

In einem Hinterhofhaus hat die regionale Filiale des rumänischen Gewerkschaftsbundes Cartel Alfa ihren Sitz. Valentin Ilcaş ist dort  hauptberuflicher Vize-Präsident im Kreis Klausenburg/Cluj. Mit seinem korrekt anliegenden dunklen Anzug könnte er auch als Geschäftsführer eines Unternehmens durchgehen. In der Vergangenheit musste der grauhaarige, etwa 50 Jahre alte Gewerkschaftsfunktionär viel Kritik einstecken, wegen der geringen Abfindungen für die Nokia-Beschäftigten. In Deutschland, so bekam er zu hören, hätten die Gewerkschaften mit viel härteren Bandagen für ihre Mitglieder gekämpft.

„Ich weiß schon...in Deutschland sind die Abfindungen deutlich üppiger ausgefallen. Aber das Nokia-Werk dort gab es ja auch um die 40 Jahre lang; das müssen Sie berücksichtigen. Und in Rumänien waren es wenig mehr als vier Jahre. Und dann ist es in Rumänien grundsätzlich so, dass mehr als drei bis maximal acht Gehälter als Abfindung prinzipiell nicht drin sind.“

Managementpatzer des Ex-Marktführers

Dann ist es für ein paar Momente eigenartig still in dem Zimmer des Gewerkschaftsfunktionärs; man könnte eine Stecknadel fallen hören. Die zwei Handys auf dem Schreibtisch bleiben stumm. Nur eines trägt die Aufschrift Nokia; das andere stammt aus dem Hause Samsung. Gewerkschafter Valentin Ilcaş spricht über den Fall Nokia weitgehend emotionslos. Überraschenderweise hegt er sogar ein Stück weit Verständnis für die Entscheidung, das Werk zu schließen.
„Möglicherweise hat Nokia nicht rechtzeitig auf die Entwicklung des Handymarktes reagiert, die von der Entwicklung moderner Smartphones gekennzeichnet ist. Naja, und die jetzige Situation ist eben die unmittelbare Folge daraus. Also kurzum: Das alles sind die Auswirkungen strategischer Entscheidungen, die die Nokia-Manager aber schon vor Jahren getroffen haben.“

Mit dem Taxi unterwegs durch Klausenburg: Die Fahrt führt durch die Innenstadt, entlang an alten Bauten auf romanischen Fundamenten, mit  großen Torbögen und sorgsam sanierten Fassaden. In der vierten Etage eines modernen Bürogebäudes ist das Unternehmen Lupp Projekt Transsilvania zuhause – die 100-prozentige Firmentochter der deutschen Lupp-Gruppe. Das Unternehmensziel: Projektentwicklung für ausländische Investoren, die neu nach Rumänien kommen – vom ersten Kontakt mit den Behörden über das Einreichen des Bauantrages bis zur Konzeption eines Fabrikneubaus. Geschäftsführer Ludger Thol arbeitet seit acht Jahren in Rumänien und steht seit einem Jahr auch dem Deutschen Wirtschaftsclub Nord-Siebenbürgen vor. 62 Investoren aus Deutschland haben sich darin zusammengeschlossen.

„Also da gibt es mehrere Aspekte: Klausenburg ist sehr gut angebunden über seinen Flughafen an deutsche Städte. Es gibt sehr viele Direktflüge. Die Stadt hat sehr bedeutende Universitäten, hat über 100.000 Studenten. Die deutschsprachigen Studenten, die hier Wirtschaftswissenschaften studieren oder eine technische Ausbildung haben, werden meist vor Abschluss des Studiums schon angeworben von den Firmen.“

Es war ein Run auf eine Weltfirma

Ludger Thol sitzt in einem nüchtern eingerichteten Besprechungsraum. An der Wand hängt ein Schild mit dem rumänischen Satz: „Nu merge nu există!“ An der Aufbruchstimmung unter den deutschen Investoren im Kreis Klausenburg ändere auch die Werkschließung von Nokia nichts, gibt sich Ludger Thol selbstbewusst.

„Als Nokia kam, wurde das als Konkurrenz angesehen von vielen Firmen, ein Konkurrent, der viele Arbeitskräfte an sich gezogen hat. Es ist bekannt, dass bei Nokia eigentlich nicht sehr gut bezahlt wurde. Aber für die Rumänen war es wichtig, bei einer Firma zu arbeiten, die einen Namen hat. Und wenn ich als einfacher Arbeiter in der Produktion sagen kann: ‘Ich arbeite bei Nokia’, dann ist das etwas anderes, als ‘Ich arbeite bei irgendeinem Automobilzulieferer`, der Kabelkonfektionen oder sonst etwas macht. Das war ein Run auf eine Weltfirma. Und da sind viele Arbeitsplätze gewechselt worden, nicht aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, weil sie mehr verdient hätten, sondern weil Nokia einen Namen hat. Man konnte sagen: ´Ich arbeite bei Nokia!´  Wenn man jetzt die Werkschließung anschaut, wenn man jetzt den Klausenburger Arbeitsmarkt ansieht – keine großen Auswirkungen. Die führenden Leute kriegen alle sofort eine Stelle. Die aus der Produktion sicher auch irgendwie schnell, weil gerade jetzt die Diskrepanz wirkt: Nokia geht – aber viele andere Firmen haben Interesse an Klausenburg gezeigt und werden auch kommen, auch in das Industriegebiet in Jucu. Die Architekten arbeiten an den Plänen, und nächste Woche werden wir einen gemeinsamen Termin mit dem Arbeitgeber haben. Das heißt, wir kommen dann weiter....“

Ein Mitarbeiter kommt in den Besprechungsraum. Es geht um die Neubaupläne eines weiteren Investors. Die Aufregung über die Werkschließung in Rumänien war wohl in Deutschland größer als in Rumänien selbst, meint Ludger Thol:
„Ich glaube, die Argumentation war ziemlich falsch, dass Nokia als eine Investitionsheuschrecke nach Rumänien kam, mit dem Hintergedanken, das Geld abzukassieren und wieder zu gehen. Auch ich sehe da eher Managementfehler: Nokia hat den technischen Anschluss verloren; Samsung ist beispielsweise viel weiter. Und nachdem Nokia ein halbes Jahr, bevor es das Werk ganz geschlossen hat, die Entwicklungsabteilung aufgegeben hat hier in Klausenburg und 120 Entwicklungsingenieure entließ, hätte man sich Gedanken machen müssen: Wie geht’s weiter? Wenn ein Unternehmen nämlich das Kerngeschäft aufgibt, die Entwicklung, dann folgt irgendwann das Ende der Firma.“

Politik: Versprechungen nicht eingehalten

Zu Fuß unterwegs im Stadtzentrum von Klausenburg: Lautsprecher an den Bushaltestellen beschallen die Passanten mit vorweihnachtlichen Werbespots. Viele laufen hektisch mit prall gefüllten Einkaufstaschen auf und ab. Doch nicht alle sehen die Werkschließung von Nokia so gelassen wie Ludger Thol. Mircea Abrudean, ein junger Mann Anfang 30, hat es als Politiker der Nationalliberalen Partei bereits zum stellvertretenden Vorsitzenden im Verwaltungskreis Klausenburg gebracht. Kariertes Sporthemd, Jeans und Turnschuhe – Mircea Abrudean markiert eine neue, jugendliche Politiker-Generation, die schon mal gerne mit den alten Apparatschiks abrechnet, zumal dann, wenn diese politisch in anderen Parteien Zuhause sind. Die Liberalen waren vor über vier Jahren maßgeblich bei der Nokia-Ansiedlung mit im Boot.

„Wir hatten damals zugesagt, ein eigenes Cargo-Terminal auf unserem internationalen Flughafen zu bauen. Und es gab die Zusage, eine Autobahn zu bauen, die Jucu direkt an die transsilvanische Autobahn angebunden hätte. Aber unsere Nachfolger haben die Infrastrukturprojekte einfach gestoppt. Ok, keine Frage – der Abzug von Nokia hat viel mit der weltweiten Wirtschaftskrise zu tun. Aber vielleicht haben die nicht eingelösten Versprechungen da ja auch hineingespielt. Nehmen wir zum Beispiel die Gemeinde Jucu: Die konnten sich pro Jahr durch das Nokia-Werk über rund 500.000 Euro zusätzliche Steuereinnahmen freuen. Und natürlich hat auch der gesamte Kreis Klausenburg von den Steuereinnahmen profitiert. Und wenn das wegfällt, wird man wohl auf Projekte verzichten müssen.“

Anruf beim Bürgermeisteramt von Jucu – und das bereits zum fünften Mal. Wie wirkt sich der Nokia-Abzug konkret auf die Gemeindefinanzen aus? Welche Projekte konnte Jucu in den vergangenen Jahren mit den Nokia-Steuern finanzieren? Was muss jetzt auf Eis gelegt werden?

Was hat Jucu mit den Steuereinnahmen gemacht?

Doch sowohl der Bürgermeister selbst als auch sein Stellvertreter wiederholen am Telefon gebetsmühlenartig, sie hätten keine Zeit für Interviews.
Zurück im Dorfzentrum von Jucu mit seinen Pferdefuhrwerken und stark vernachlässigten Häusern, mit seinen Schlaglochpisten – das Kontrastprogramm zum modernen Industriepark Tetarom 3 gleich nebenan.  Die einzige Baustelle im Ort ist das Bürgermeisteramt – ein Gebäude, das eher an eine luxuriöse Villa denn an einen Behördenbau erinnert. Das Baugerüst deutet an: Hier soll in Zukunft alles noch viel schöner werden. Doch die Gemeinde bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, was sie darüber hinaus mit den Steuereinnahmen von Nokia gemacht hat – über den Daumen gepeilt immerhin zwei Millionen Euro in vier Jahren.
Die werden wohl nicht versiegen, selbst wenn der letzte Mitarbeiter Nokia verlassen hat. Direkt neben den Nokia Hallen haben schon weitere Investoren Bauanträge gestellt, darunter der deutsche Automobilzulieferer Bosch. Damit ist zumindest der Weiterbau des Bürgermeisteramtes in Jucu finanziell gesichert – und vielleicht reichen die Steuern irgendwann auch mal für eine neue Dorfstraße, so ganz ohne Löcher im Asphalt....

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