Zum Beginn von Rumäniens EU-Ratspräsidentschaft

Ein Brief an den Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker

Sonntag, 03. Februar 2019

Demonstration am Bukarester Victoriei-Platz im Mai 2018
Archivfoto: Agerpres

Dieser Text wurde im Auftrag des Bayerischen Rundfunks München verfasst. Zum Jahreswechsel hat Rumänien erstmals die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Zu diesem Anlass hatte die Sendung „Dossier Politik“, die am 16. Januar vom Radiosender „Bayern 2“ ausgestrahlt wurde, das Thema „Sorgenkind übernimmt Führungsrolle – Schafft Rumänien den EU-Vorsitz?“. Die Kollegen aus Deutschland haben mich gebeten, einen Brief an EU- Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu schreiben. Der Brief wurde in der Sendung vom 16. Januar vorgelesen. Die Sendung kann auf www.br.de nachgehört werden.

Lieber Herr Juncker,

Sie haben die Botschaft auf dem Plakat sicher gesehen, als Sie an einem verschneiten Januarabend in Ihrer Limousine zum Bukarester Konzerthaus Athenäum fuhren, wo die Festlichkeiten zum Beginn von Rumäniens EU-Ratspräsidentschaft stattfanden. „Wir brauchen Europa, keine Diktatur“, stand auf dem Plakat.
Es sind junge Leute wie ich, die an diesem verschneiten Januarabend in Bukarest auf die Straße gingen.

Es war ebenfalls ein Wintertag in Bukarest, vor fast 30 Jahren, als zwei junge Männer mit Wollmütze ein Plakat hochhielten. „Unsere Kinder werden frei sein“, stand mit großen Buchstaben darauf. Das Schwarzweißfoto, das die beiden während der Revolution im Dezember 1989 zeigt, wird jedes Jahr Tausende Male auf Facebook geteilt.
Wenn sie nur gewusst hätten, dass ihre Kinder auch auf die Straße gehen werden, um für diese Freiheit zu kämpfen…

Mit dem EU-Beitritt im Jahr 2007 haben wir das Recht gewonnen, anderswo zu leben und zu arbeiten, anderswo frei zu sein. Laut einem UNO-Bericht haben sich zwischen 2007 und 2015 über 3,4 Millionen Rumänen entschlossen, das Land zu verlassen. Somit befindet sich Rumänien weltweit auf Platz zwei, nach Syrien, was die Auswanderungsquote betrifft.
Mit dem Weggehen der Anderen bin ich aufgewachsen. Es gehört zu meinem Alltag, so wie die Luft, die ich einatme. Die Hälfte meiner Familie war schon aus Rumänien weg, als ich geboren wurde. Meine Verwandten lernte ich auf Farbfotos kennen.

Ich war zehn Jahre alt, als ich erfuhr, dass meine beste Freundin mit ihren Eltern nach Kanada auswandern wird. Es war der erste große Verlust, den ich gespürt habe.
Danach kam sie immer wieder, die Nachricht, dass Freunde oder Bekannte wegziehen. Jeden Monat. Jede Woche. Jeden Tag. Ab einem Punkt schmerzt es nicht mehr, man ist abgehärtet. Und dann kommt ein Gedanke, wie ein Schatten: Wenn alle das Land verlassen, dann ist man fremd im eigenen Land. Ist man dann noch zu Hause?

Dass es anderswo besser ist, damit bin ich auch aufgewachsen. Das „Anderswo“, das war Westeuropa. Das „Anderswo“ roch nach Seife, so wie die Pakete rochen, die regelmäßig von unseren Verwandten aus Deutschland kamen.
Ich war acht Jahre alt, als der Kommunismus stürzte. Gleich danach war ich zum ersten Mal in meinem Leben „anderswo“. Westeuropa schien mir wie ein Schlaraffenland, ich habe Pommes mit Ketchup gegessen, bis mir schlecht wurde.

Als ich zurückkehrte, sagte ich zu meinen Eltern, dass unser Wohnblockviertel eine riesige Mülltonne sei.
Seitdem war ich in vielen Ländern. Doch ich wollte nie aus Rumänien weg. Ein gewisses Etwas, das man nicht mit Worten beschreiben kann, hielt mich immer zurück. Hält mich auch heute noch zurück.

„She is still in Romania“, sagte ein rumänischer Künstlerkollege, der inzwischen in Berlin lebt, über mich, als wir im September 2018 unsere Arbeit in Rom vorstellten. Als ob es eine Schande wäre, im Land geblieben zu sein.
Ich bin stolz, Rumänin zu sein, und trotzdem passiert es in letzter Zeit immer öfter:
Wenn mich jemand im Ausland fragt, woher ich komme, stocke ich. Und auch etwas anderes passiert immer öfter: Ich denke, Leute aus dem Ausland sind besser als ich. Es ist ein Minderwertigkeitskomplex, den wir in unserer DNA tragen.

In Bezug auf die rumänische EU-Ratspräsidentschaft bin ich, ehrlich gesagt, skeptisch. Es ist, als ob der schlechteste Schüler der Klasse auf einmal beauftragt wird, Klassensprecher zu sein.
Auch Sie haben Rumänien kritisiert. Zu Recht. Sie meinten, Sie würden nicht glauben, dass unsere Regierung in vollem Umfang begriffen hat, was die Ratspräsidentschaft bedeutet. Wie kann man die Einheit Europas fördern, wenn man als Land so gespalten ist? Das Rumänien der Regierungspartei PSD entfernt sich immer weiter von Europa. Das Rumänien, in dem ich hoffe zu leben, braucht Europa. Für das Rumänien, in dem ich hoffe zu leben, ist der Ratsvorsitz eine Chance.

Für dieses Rumänien werde ich weiterhin auf die Straße gehen und protestieren, wie die jungen Leute, an denen Sie an einem verschneiten Januarabend vorbeigefahren sind.
Wenn ich jetzt auf der Straße stehen würde, und Sie würden vorbeifahren, dann würde ich ein Plakat hochhalten, auf dem steht: Ich will hier bleiben.

 

Kommentare zu diesem Artikel

Klaus, 05.02 2019, 00:02
Meine Stimme hat die PSD waehrend den Parlamentswahlen im Dezember 2016 nicht bekommen. Habe damals fuer die PNL în den Senat und die USR in die Abgeordnetenkammer bestimmt. Im Nachhinein tut es mir und auch nicht wenigen anderen Waehlern fuer die PNL leid, aber sie hat viel an Gesicht verloren und verkommt zunehmend sicher zur Witzfigur.

Es ist noch ein langes Stueck hin bis zum Termin der rumaenischen Parlamentswahlen im Dezember 2020. Rumaenien wird zu dem Zeitpunkt die Chance haben, den 2016 selbstverschuldeten Unfall zu reparieren. Aber eine Bedingung hierfuer ist das Ausbleiben weiterer Rueckschritte. Und genau dafuer koennte Rumaenien der Notbremse halber ein EU-Strafrechtsverfahren gebrauchen, um sich bis Dezember 2020 irgendwie durch die viel zu Schnelle davonlaufende Zeit zu retten.

Es ist bitterst anzusehen, dass man selbst im Dezember 2016 im Wahlgang persoenlich fuer einen progressiven Horizont gestimmt hat (der fuer die PNL unterdessen nicht mehr, fuer die USR aber nach wie vor gilt), die breite Masse der Waehler jedoch aus Missmut nicht an der Wahl teilnehmen wollte und diesen Wunsch foermlich ausgelebt hat.

In Rumaenien fehlt das Zivilbewusstsein an allen Ecken und Enden. Die wenigen Staatsbuerger, die es dennoch praktizieren, wuenschen sich von der EU mehr Rueckendeckung als bislang ueblich. Leider tut sich die EU noch immer diplomatisch zurueckhalten. Wie lange macht sie das denn noch auf diese Art?
Mark, 04.02 2019, 23:18
Wer auch immer die Leute sind, die zurzeit Rumänien regieren, darf man dabei eins nicht vergessen: Sie sind durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen. Es kann einem speiübel werden, wenn man daran denkt, wer in Europa nicht alles schon dank Volkes Wille Parlamentsmehrheiten in übelster Art und Weise missbraucht hat.
So gesehen, haben die Rumänen nur eine Chance, diese Meute vorbestrafter PSD-Politiker und ihre Marionetten in der Regierung loszuwerden. Diese Möglichkeit liegt in den Wahlurnen.
Herbert Achternbusch weiß: "Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie."
Klaus, 04.02 2019, 22:10
Es gibt vielleicht auch die ein oder andere Person, die Herrn Juncker mittels eines offenen Briefes folgendes gebeten haetten: brummen Sie Rumaenien ein Strafrechtsverfahren a la Ungarn auf! Gleichbedeutend mit temporaerem Stimmrechtentzug! So bald wie nur irgend moeglich!

Ich selbst moechte Rumaenien auch nicht verlassen. Und auch ich gehoere zu denjenigen, die ihr eigenes Rumaenien grundsaetzlich moegen. Das haelt mich aber nicht davon ab, meinem Rumaenien und dem Rumaenien vieler anderer Menschen ein international hohes Strafmass zu wuenschen. Rumaenien braucht die EU - und zwar ein Strafrechtsverfahren der EU. Nicht deren Indulgenz, nein, sondern ein Strafrechtsverfahren. Die Indulgenz erzeugt Rumaenien selber, und deswegen hat das Strafmass von aussen zu kommen, da es von innen niemals beschlossen werden wird - und genau diese Haltung ist nicht mit einem Minderwertigkeitskomplex zu verwechseln! Der Minderwertigkeitskomplex bestuende eher darin, das EU-Strafmass fuer nicht noetig zu erachten. Kritische Selbstreflexion ist eine saubere Sache und in Rumaenien bislang leider noch immer nicht etabliert. Wer darueber Bescheid weiss und trotzdem Schiss davor hat, es oeffentlich in die Welt hinauszutragen, DER hat echt einen Minderwertigkeitskomplex. Wer jedoch ehrlich all seine Schwaechen zugibt, traegt weder einen Vogel noch irgendwelche parranoischen Aengste in sich.
Manfred, 04.02 2019, 18:17
Leute vom Schlage Frau Wilk müssen in die Politik!Es ändert sich nichts im Lande,so lange die jetzige Garde an der Macht ist.Das Auswandern muß gestoppt werden,das Land hat genug Potential,um sehr viele Rückkehrer zu beschäftigen.Die Bedingungen dazu müssen geschaffen werden,der Selbstbedienung der Politiker muß ein radikales Ende gesetzt werden,dann ist auch Geld da!
Dieter, 04.02 2019, 14:51
Respekt.
Die Verfasserin dieses Briefes ist sicherlich der letzte Mensch, der einen Minderwertigkeitskomplex haben sollte.
Ich kann mich dem Vorredner nur anschließen.
Alexandru, 03.02 2019, 16:58
Ich bedauere sehr, ich nicht selbst diesen Brief geschrieben habe!
So stark identifiziere ich mich der Autorin!

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