Zum Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren

Offener Brief an Dr. Martin Luther

Samstag, 16. September 2017

Lucas Cranach d.Ä.: Martin Luther (1528)

Hochverehrter Herr Dr. Martin Luther,

gestatten Sie mir, dass ich Ihnen hiermit meine tiefe Dankbarkeit für den Mut ausspreche, mit dem Sie die Reform der Kirche und damit den Schritt aus dem Mittelalter in die Neuzeit vor 500 Jahren eingeleitet haben. Sie haben in einer Zeit gelebt, in der viele Menschen geahnt haben, dass sich eine neue Ära der Geschichte ankündigt, aber niemand wusste, wann und wie sich dies ereignen und welche Auswirkungen es haben wird. Ich möchte im Folgenden versuchen, das festzuhalten, was für uns, Menschen des 21. Jahrhunderts, wesentlich erscheint.

a) Das Problem des Amtsmissbrauchs
Wir haben mit Bewunderung wahrgenommen, wie sehr Sie sich gegen das Geschäft mit dem Ablass gestellt haben. Damit haben Sie sich gegen einen Amtsmissbrauch auf höchster Ebene gestellt. Das Problem, das sich Ihnen stellte war, dass aufgrund des Ablassbriefes der diensttuende Geistliche genötigt wurde, Sündenvergebung auszusprechen, ohne dass eine Reue und Buße erkenntlich war. Das gute Werk, wozu die Gläubigen beitragen sollten, war der Bau des Petersdoms in Rom, für den viel Geld benötigt wurde. Albrecht, der Bischof von Brandenburg, hatte für seine Ernennung auch als Erzbischof von Mainz eine hohe Summe an die kirchliche Zentrale in Rom bezahlt, die er von dem Bankhaus Fugger in Augsburg geborgt hatte und zurückzahlen musste. Dazu wurde ein System erfunden, das eine direkte Verbindung von Spende und Vergebung ermöglichte, die keine Reue mehr nötig machte. Das war der Amtsmissbrauch.
In diesem Kampf gegen den Amtsmissbrauch fanden Sie vielfältige Unterstützung bei Freunden und besonders beim Kurfürst Friedrich, dem Weisen. Aber in der schwierigen Lage auf dem Reichstag zu Worms im Angesicht des Kaisers Karl V. standen Sie allein. Die einzige Grundlage Ihrer Argumentation war die Bibel. So haben Sie vor dem Kaiser ausgesprochen, dass Sie Ihre Aussagen nur widerrufen können, wenn Ihnen aufgrund der Bibel bewiesen wird, dass Sie im Unrecht sind. Sie haben mit Ihrem Glauben vor den Mächtigen dieser Welt standgehalten. Diese Ihre Standhaftigkeit hat sich auf die Menschen prägend ausgewirkt.

b) Sündenvergebung
Das Thema der Sündenvergebung, bekannt in dem Ausspruch der „Rechtfertigung aus Glauben“, war die zentrale Aussage Ihrer Erkenntnis und das Schlagwort der Reformation. Sie haben immer neu hervorgehoben, dass der Christ von Gott aufgrund seines Glaubens angenommen wird und Vergebung erhält, ohne dass er durch Werke versuchen muss, Gott zu gefallen. Sie haben vom Apostel Paulus gelernt, dass der Christ zum Glauben gerufen ist und in solchem Glauben Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit zugesprochen bekommt. Der Christ kann Gott nicht durch Werke, etwa durch Geld, bewegen, ihm seine Sünden zu vergeben. Nach erfolgter Sündenvergebung und zugesprochener Gerechtigkeit ist er gerufen, Taten der Liebe auszuüben und damit anzuzeigen, dass er seine Lebenseinstellung geändert hat.
Wir erleben heute eine merkwürdige Variante solcher Erkenntnis: die Tendenz der Begnadigung für gemachte Untaten aufgrund des bei den Wahlen ausgesprochenen Vertrauens. Es gibt große Unterschiede zwischen beiden, aber auch Parallelen. Die erste Parallele besteht darin, dass sich die neu Gewählten als solche verstehen, die eine neue Ära einleiten.

Man kann aus dem bei den Wahlen ausgesprochenen Vertrauen folgern: „Das Volk, also Gott, hat uns Vertrauen geschenkt. Wir beginnen etwas Neues aufgrund des Wahlergebnisses. Dies Neue können wir nur durch Streichung der gemachten Fehler ansetzen.“ Auch das Christentum verkündigte eine neue Zeit und bot Sündenvergebung an. Ein Unterschied besteht aber darin, dass das Angebot der Vergebung sowohl im Urchristentum als auch zu Ihren Zeiten allen Menschen galt. Und zur Vergebung musste etwas getan werden. Das Evangelium erwartete Glauben. Die Regierungskoalition aber wollte Begnadigung einfach verschenken aus der vermeintlichen Annahme, eine neue Zeit sei gekommen. Die Begnadigung sollte auch nur einem Teil der Bevölkerung zugute kommen. Sogar für die Zukunft hatte man Gesetze im Auge, die Strafen bei Amtsmissbrauch mildern sollten. Dass für Vergebung von Fehlern und Vergehen Buße und Reue nötig sind, hat man ganz ausgeklammert. Auch eine neue Gesinnung hat man nicht erwartet.

Man kann die Parallele auch noch erweitern: Korruption ist ein anderes Wort für Sünde, das aus dem Lateinischen kommt. Der Unterschied in dem heutigen Sprachgebrauch besteht darin, dass Korruption sich auf die Dieberei gegenüber dem Staat bezieht. Die Wurzeln der Korruption bei uns liegen teilweise in einer Gewohnheit zur Zeit des Sozialismus. Damals gab es einen breiten Konsens darüber, dass jeder sich vom Staat bedienen durfte, denn schließlich war der Staat „wir“ und er hatte „uns“ weitgehend enteignet. Die Dinge gehörten also auch „uns“. Man sprach damals von „gleichmäßigem Diebstahl“, jeder nahm sich, was er benötigte. Das konnte freilich nur in kleinem Ausmaß geschehen. Nach 1989 änderten sich aber die Dinge. Das Augenmaß, das den Diebstahl in Grenzen hielt, ging verloren. Es begann die Korruption in großem Stil. Und das Problem ist, dass die Täter kein schlechtes Gewissen hatten.
Die frühchristlichen Missionare gingen mit der frohen Botschaft in die Welt und boten Vergebung der Sünden an. Aber sie erwarteten auch einen Mentalitätswandel, Buße und Reue. Etwas Vergleichbares ist in den Korruptionsfällen nicht festzustellen.

Auch Sie, verehrter Dr. Martin Luther, waren davon überzeugt, in einer neuen Zeit zu leben, vor allem in der Endzeit vor dem Jüngsten Tag. Aber Sie haben bereits in Ihrer ersten der 95 Thesen festgehalten, dass die Vergebung der Sünden nur aufgrund von Reue und Buße geschehen kann und ebenso auf der Grundlage des Glaubens an das Evangelium. Niemals konnten Sie denken, dass Sündenvergebung möglich ist, weil wir in einer neuen Zeit leben, ohne einen Sinneswandel. Die Regierungskoalition aber wollte Begnadigung anbieten, ohne dass sich die Tendenz zu einem Sinneswandel abzeichnete.

c) Die Entwicklung der Persönlichkeit und der Individualismus
Durch die Tatsache, dass Sie vor dem Kaiser und dem gesamten Reichstag einsam standen und standhaft blieben, waren Sie für viele Menschen jener Zeit und auch der folgenden Zeiten, ein Vorbild darin, dass die Bindung an das Gewissen wesentlich für unser Leben ist. Ihre Bewunderer haben daraus gelernt, dass das ganze Verhalten eines Menschen sich vom Gewissen leiten lassen muss. Damit haben Sie zur Herausbildung der Persönlichkeit beigetragen, zu Selbstvertrauen und zur Entwicklung der Individualität bis in unsere Tage. Wenn heute unsere Kinder nicht mehr nur Gedichte auswendig lernen, um sie vorzutragen, sondern auch angehalten werden, selbst zu denken, hängt das mit Ihrer Standhaftigkeit vor Kaiser und Reichstag zusammen.

d) Das allgemeine Priestertum
In Ihrer Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ haben Sie die Adligen aufgefordert, an der Veränderung innerhalb der Kirche mitzuwirken. Sie haben gesagt, dass jeder, der aus der Taufe gehoben wurde, auch Priester ist, und haben so den Unterschied zwischen dem Klerus und den Weltlichen in der Kirche verringert, ein Unterschied, der zu Ihrer Zeit ausgeprägt war. So haben sich die von Ihnen geprägten Priester aufgrund Ihrer Schriften zunehmend vor allem als Prediger und Seelsorger verstanden, wodurch die Bezeichnung „Pastor“ geprägt wurde. Ihre Sicht des Priesters war eine prophetische. Wir aber, die Nachgeborenen, haben gelernt, dass es für das Leben im Glauben auch eine kirchliche Organisation braucht, und zwar mit geistlichen, hingebungsvollen und speziell für ihren Dienst Geweihten (Geheiligten), die sich in besonderer Weise mit den geistlichen Anliegen beschäftigen, wofür die „Weltlichen” keine Zeit und auch keine Berufung haben. Im Augsburgischen Glaubensbekenntnis ist von solchen die Rede, die „rite vocatus”, also „ordentlich berufen”, wurden.

e) Die Bibelübersetzung
Mit Ihrer Bibelübersetzung haben Sie nicht nur dem deutschen Volk zu einer einheitlichen literarischen Sprache verholfen. Sie haben damit auch andere Völkerschaften animiert, die Bibel in die eigene Sprache zu übersetzen. Weil die Sprache des Glaubens auch die Sprache der Herzen sein muss, haben Sie den Menschen „aufs Maul gesehen“ und ihnen damit die Botschaft der Bibel ihrem eigenen Herzensbedürfnis nahegebracht. Das hat zu einer Selbstfindung neuer Art der Deutschen und anderer Völker geführt. Das wiederum hat bewirkt, dass sich nationale Gefühle entfalteten, die im 19. und im 20. Jahrundert zu großen Rivalitäten mit schrecklichen Folgen führten, uns heute aber nach der Katastrophe näher bringen, weil wir gelernt haben, dass jede Sprache neue Nuancen hat, die zu einer großen Bereicherung führen können. Es ist uns bewusst geworden, dass je sicherer ein Mensch sich seiner Prägung bewusst ist und auf dieser Grundlage entscheidet, desto offener mit den Mitmenschen sein kann. Das war zu Ihrer Zeit so noch nicht gegeben.

f) Die Konzentration der Theologie auf die wesentlichen Aussagen
Sie waren ein Meister in der Konzentration auf das Wesentliche. Sie haben für die Theologie vier Hauptwörter als die entscheidenden angesehen, denen sie das Wort „solus“, allein voranstellten: sola gratia, solus Christus, sola Scriptura und sola fide.

- Die Aussage sola gratia (allein durch Gnade) betont, dass das Heil des Menschen im Tode Jesu begründet ist. Die traditionellen Kirchen waren überzeugt davon, dass diese Gnade durch die Kirche im Gottesdienst mit Abendmahl vermittelt wird. Jeder getaufte Christ befindet sich demnach im Gottesdienst, in der Sphäre der Gnade, aus der er sich zwar entfernen, in die er aber auch immer wieder zurückkehren kann. Zu solcher Rückkehr bedarf es der Werke, die zeigen sollen, dass der Mensch sich geändert hat und etwas zur Wiedergutmachung tut. Sie haben der Reue, die in den anderen Kirchen eigentlich selbstverständliche Voraussetzung ist, einen höheren Wert gegeben und die Werke nachgestellt. Sie haben gelehrt, dass Gottes Gnade dem Menschen immer voraus ist. Die Vermittlung der Gnade haben Sie stärker an das Hören und Bewahren des Gotteswortes als an den Gottesdienst insgesamt gebunden.

- Die Aussage sola scriptura (die Schrift allein) betont, dass die Schrift aus ihren Aussagen heraus und nicht durch Heranziehung fremder philosophischer Lehren verstanden werden und dann für das Leben der Kirche verbindlich sein soll. Dadurch hat die Bibel eine ganz besondere Bedeutung für das Leben der Christen bekommen. Die Bibeltexte wurden von den Predigern von der Kanzel ausgelegt. So bekam die Predigt gegenüber Abendmahl und Liturgie die Oberhand. Dies wiederum hatte zur Folge, dass in der Zeit der Aufklärung die Forderung laut wurde, dass die kirchliche Botschaft der Vernunft entsprechen muss. Die Vernunft wurde über die biblische Botschaft gesetzt. Heute wissen wir, dass die Bibel verständlich gemacht werden muss, und das geschieht durch die Bibelwissenschaften und wird in den Predigten angewendet. Es muss aber nicht alles vernünftig sein. Auch Liebe ist nicht immer vernünftig. Die Bibel bleibt die tragende Säule der Kirche.

- Die Aussage solus Christus (Christus allein) will hervorheben, dass sich unser Christsein dem Tod Jesu am Kreuz verdankt. Die Kirche lebt vom Grundsatz: „Außer Christus gibt es kein Heil“. Das ist und bleibt für uns Christen der Maßstab. Freilich sind wir heute dazu geneigt, Gott zuzutrauen, dass er auch anderen Völkern eine Möglichkeit zu einem anders gearteten Heil gibt. Die Juden wissen sich in Abraham und Jakob erwählt, die Moslems an den Propheten Mohammed gebunden. Dass Gott auch sie erlösen kann und will, sollten wir nicht bestreiten. So etwas entspricht auch dem Liebesgebot nicht. Bloß für uns Christen ist Christus unser Lebensprinzip. Das konnte man zu Ihrer Zeit noch nicht denken und darum haben Sie sehr hart über die Juden geurteilt, die auch nach der Verkündigung des Evangeliums, das Sie neu zu verstehen gelehrt hatten, nicht zum Glauben an Christus kamen.

- Die Aussage sola fide (allein durch den Glauben) will hervorheben, dass wir nur durch Glauben uns vor Gott als gerecht erweisen und zum Heil gelangen. Das meint, dass wir den Sinn und den Wert unseres Lebens nicht durch unsere Taten, auch nicht durch Reichtum oder unseren Stand erlangen, sondern in der Bindung an Gott und Christus, d. h. im Glauben haben. Alles andere ist zweitrangig. Im Glauben bekommt unser Leben ewigen Wert.
Mit dieser Botschaft haben Sie uns, verehrter Dr. Martin Luther, die Richtung angezeigt, die ein sinnvolles Leben vor Gott möglich macht. Wir beten dafür, dass auch die Verantwortlichen in der Politik verstehen, dass der Wert ihres Lebens nicht in Gütern oder Stellungen besteht, sondern in der Gewissheit, dass ihr Leben in Gottes Hand ist und bleibt.

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