Zum Nachdenken

Mittwoch, 16. Mai 2012

Foto: sxc.hu

„Mein Kind soll es einmal besser haben“, meinen viele der zuerst kommunismusgeschädigten, dann krisengebeutelten Rumänen.
So auch ein Bauer, wir nennen ihn hier Ionel, der in relativ desolaten Verhältnissen lebt. Desolat heißt nicht bloß ohne Bad und fließendes Wasser, sondern noch einfacher als einfach. In einem ehemaligen Sachsendorf, sein Hof verfallen, er selbst arbeitslos, die Frau schwerste Alkoholikerin, die Kinder gottlob schon aus dem Haus.

Doch der fleißige Ionel, der sich zeitlebens abplackerte, um nicht vor die Hunde zu gehen, hatte auch mal Glück. Nennen wir es Annemarie. Annemarie kommt aus Deutschland und hat sich in dem Dorf häuslich niedergelassen, übersättigt von der sogenannten Zivilisation, auf der Suche nach Naturnähe und Ursprünglichkeit. Für ihren riesigen Garten und Hof hat sie Ionel als Teilzeithelfer eingestellt und zahlt ihm ein für die Region fürstliches Gehalt.

Weil Annemarie sich jedoch kaum vorstellen kann, dass man von so wenig Geld leben kann, plagt sie oft das „soziale Gewissen“. Andererseits will sie seine Dienste nicht noch stärker beanspruchen, denn auch sie hat finanzielle Grenzen. Gelegentlich schaut Annemarie bei Ionel zuhause vorbei. Vor allem dann überfällt sie der Gedanke: Wenn ich ihn besser bezahlen würde, hätte er ein besseres Leben.

Doch Irrtum sprach der Igel und stieg von der Bürste! Denn tatsächlich gelang es Ionel, von seinem monatlichen (einzigen) Verdienst, auch noch Ersparnisse anzulegen. So teilte er Annemarie eines Tages mit, er wolle sich einen weiteren Acker kaufen. Der guten Frau blieb vor Staunen die Spucke weg: Ionel besaß bereits mehr Grund, als er jemals bearbeiten konnte! Warum sich von dem Ersparten nicht etwas wirklich Notwendiges leisten, fragte sie sich und dachte wohl an Badezimmer, Brunnenpumpe, Waschmaschine oder Motorsäge, oder vielleicht einen Zahnarztbesuch.

Ionel hingegen verschwendete keinen Gedanken an seinen Lebensstandard. Er dachte wohl, statt der Pumpe tut’s weiterhin der alte Plastikeimer, die Motorsäge kann man borgen (zum Beispiel von Annemarie) und Kauen geht noch links. Statt dessen sparte er sich den allerletzten Rest vom Mund ab, um etwas zu schaffen, das er, wie er ihr stolz erklärte, seinen Kindern hinterlassen könne.

„Mein Kind soll es einmal besser haben“, dieser Gedanke ist typisch rumänisch. So fließt mancher sauer verdiente „Bănuţ“ unter großem persönlichen Verzicht in einen mehrstöckigen Rohbau, der da langsam, aber stetig hinter dem eigenen Lehmziegelhäuschen emporwächst. Auch wenn die lieben Kleinen noch in die Windeln krachen und es höchst ungewiss ist, ob sie da jemals einziehen wollen, der Bruder im Parterre, die Schwester oben.

Oder wie die Welt funktioniert, wenn sie groß sind. Denn vielleicht wird es auch in Rumänien einmal ganz normal sein, dass man als junger Mensch dort hingeht, wo einen Ausbildung und Arbeitsmarkt hinziehen, in den seltensten Fällen in den elterlichen Hof. Andererseits, woher soll dieser Weitblick kommen? In Rumänien denkt man krisenbezogen, weil man etwas anderes als Krisen nicht kennt. Und in Krisenzeiten sorgt man sich um das Wohl seiner Kinder.

Was aber, wenn auch hier eines Tages der Wohlstand ausbricht? Was passiert dann mit der Jugend, die nicht kämpfen musste, weil elterliche Fürsorge der eigenen Sorge zuvorkam? Die ersten Ersparnisse werden ohne Umwege ins Auto investiert. Viele Erfahrungen, die vielleicht hart sind, aber einen doch fürs Leben prägen, bleiben ihnen erspart. „Die Kinder haben es besser, endlich!“ Und dann? Spätestens in der zweiten Generation beginnt für so manche ein unseliger Lauf, den wir aus Deutschland aus der Zeit des Wirtschaftsbooms nur allzu gut kennen. Trotz schmuckem Eigenheim, Tennis- und Klavierstunden, Elitekindergarten und Abitur bricht plötzlich eine innere Langeweile aus.

Wer alles hat, dem fehlt das Ziel, und auch die Freiheit, über sein Leben zu entscheiden. Zuviel behütet sein, kann einen unbändigen Freiheitsdrang produzieren, der nicht selten unheilvolle Wege geht. Dann bricht die heile Familie ob des ausbrechenden schwarzen Schafs auseinander und jeder fragt: Warum? Das Kind hatte doch alles!

Manchmal ist halt doch besser, wenn man nicht von Anfang an alles hat. So denkt auch Annemarie und macht sich keinen Kopf um das Erbe ihrer Tochter. Schließlich hat sie selbst noch ein Stück Leben vor sich.

Gesellschaftliche Unterschiede, nicht von der Mentalität des jeweiligen Volkes geprägt, sondern von dessen Hintergrund an Wohlstand und Sicherheit. Schwer zu bewerten – wohl aber zum Nachdenken...

Kommentare zu diesem Artikel

schwertfeger, 17.05 2012, 10:06
sehr schön.

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