Zurück ins Mittelalter

Oder vom Wiederbeleben der althergebrachten Traditionen in der katholischen Kirche

Samstag, 18. Februar 2012

Die Nachricht vom angeblichen Mordkomplott gegen Papst Benedikt XVI. machte die Runde im Internet. Begonnen hat damit die italienische Zeitung „Il Fatto Quotidiano“. Einer ihrer Journalisten bekam die „streng vertrauliche“ Notiz, die der kolumbianische Kardinal Dario Castrillo Hoyos am 30. Dezember 2011 dem vatikanischen Staatssekretär, Kardinal Bertoni, und dem Privatsekretär des Papstes übergeben habe. Darin berichtete der 82-jährige Kardinal über die Aussagen eines seiner Amtsbrüder, des Erzbischofs von Palermo, Paolo Romeo, welche dieser während seiner Reise nach China gemacht haben soll.

Der in deutscher Sprache verfassten Nachricht nach soll Kardinal Romeo (74) den Tod des Papstes Benedikt XVI. (84) bis November 2012 vorausgesagt haben. Die Aussagen Romeos sollen wegen ihrer Detailliertheit bei seinen Mitarbeitern den Eindruck erweckt haben, das Leben des Heiligen Vaters schwebe in unmittelbarer Gefahr. Der Vatikan bestreitet keinesfalls das Vorhandensein einer derartigen Nachricht, stempelt aber die darin enthaltenen Informationen als „unseriöse und absurde“ Gerüchte ab. Warum eigentlich?

Kann es sein, dass der gebürtige Sizilianer Romeo im Kreise der Vertrauten nur zu viel gesagt hat? Die gewalttätige Befreiung des Stuhls Petri von unerwünschten Stellvertretern Christi ist ein alter, wenn auch nicht offiziell anerkannter „Brauch“ in der katholischen Kirche. Die Geschichte des Papsttums ist voll von „überraschend starb“-Bemerkungen. Gewiss nahmen diese mit dem Einbruch des modernen Zeitalters ab und die Dauer der Amtszeit zu. Womöglich liegt genau da der Hund begraben. Von 107 der noch wahlberechtigten Kardinälen der römisch-katholischen Kirche werden bis zum Jahresende elf nicht mehr zum Papst gewählt werden dürfen. Die 1932 geborenen Kardinäle werden alle, spätestens am 8. Dezember (Geburtstag des Kardinals Scheid), aus dem Spiel sein, weil sie das 80. Lebensjahr vollenden werden.

Bestimmt gibt es Kardinäle, die nicht unbedingt zum Papst gewählt werden wollen. Doch wenn man schon zu diesem Club der auserwählten Träger des scharlachroten Biretts gehört, könnte man es auch gegen ein weißes Pileolus (Scheitelkäppchen), wie es der Papst trägt, tauschen. Rein theoretisch könnte diese Würde jedem männlichen Katholiken zuteilwerden, doch praktisch muss man dafür Kardinal sein. Um den Kardinalsstand zu erreichen, muss man eine vorbestimmte Karrierelaufbahn hinter sich gebracht haben und dabei wird man nicht jünger. Vatikan ist eben nicht Rumänien, wo man mit 32 Jahren eines der höchsten Ämter im Staat erreichen kann. Der jüngste Kardinal, Reinhard Marx (59), darf nicht nur bei der nächsten, sondern wahrscheinlich auch bei der übernächste Papstwahl dabei sein. Für den Jahrgang 1933 hingegen schwindet die Wahrscheinlichkeit, je auf den Stuhl Petri zu kommen, mit jedem Monat.

Derselbe gesprächige Kardinal Romeo verplapperte sich in China auch, dass Benedikt XVI. Kardinal Angelo Scola (70) als geeigneten Kandidaten für seine Nachfolge auserwählt habe. Sein für die Kardinäle noch relativ junges Alter kann aber zum Problem werden. Womöglich bleibt er ein Jahrzehnt oder gar länger an der Spitze der Kirchenleitung. Denn kein Papst ist seit dem Ende des 13. Jahrhunderts freiwillig vom Amt zurückgetreten. Gerade die Begrenzung der Amtszeit auf Lebensdauer ist die schwierigste Hürde, die man beim Scheitelkäppchen-Lauf nehmen muss. Anscheinend ist dieser Posten auch nach dem fast vollständigen Verlust der weltlichen Macht immer noch so begehrt, dass manche, glaubt man Kardinal Romeo, nicht einmal vor Mord zurückschrecken würden. Doch ist Benedikt noch nicht tot und wenn alles gut geht, wird er noch einige Jahre leben und herrschen.

Mich wundert, wieso die Vereinigten Staaten und die Westeuropäer als Verteidiger der Demokratie in der ganzen Welt, dieselbe nicht auch nach Vatikan tragen? Denn einen weniger demokratischen Staat als den Vatikan gibt es in der modernen Welt nicht. Einen mächtigeren Despoten als den Papst findet man auch kaum. So heißt es im Grundgesetz des Vatikans aus dem Jahr 2000 (!) im 1. Artikel: „Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt“. Hätte ein Lukaschenko oder ein Ahmadinedschad sich so etwas erlaubt, stünden die GI´s längst im Lande mit der Demokratie auf den Spitzen der Bajonette. Möglicherweise hängt die Duldung der Despotie im Vatikan auch mit geringen Erdölvorkommen im Zentrum Roms zusammen.

Doch zurück zum vermeintlichen „Mordkomplott“. Um das frühzeitige Ableben eines Oberhauptes des Vatikanstaates zu verhindern, empfiehlt sich eine einfache Lösung: Rotationsprinzip. Jeder der Kardinäle, nach Alter geordnet, dürfte für ein Jahr oder einen Monat die Tiara aufsetzen, das weiße Scheitelkäppchen tragen und sich „Heiligkeit“ nennen lassen. Das wäre zwar auch keine Demokratie, sondern eine Oligarchie, doch käme man dadurch eventuell von einigen althergebrachten mittelalterlichen Bräuchen weg.

Kommentare zu diesem Artikel

Andrey, 18.02 2012, 23:46
soll ich schreiben, was ich über die orthodoxe kirche denke?
arthur, 18.02 2012, 22:27
interessant
Olga von der Wolga, 18.02 2012, 20:22
Naja, der Vatikan ist wohl - Öl hin oder her - schon deshalb nicht ganz mit Weißrussland zu verlgeichen, weil die im Vatikan lebenden Männer es sich freiwillig ausgesucht haben, in diesem System zu leben. In Minsk kann davon wohl nicht wirklich die Rede sein. - Sonst ein sehr gelungener Beitrag!

@ Stahys: Sind Sie sicher, dass Sie die Aussage des Artikels auch wirklich erfasst haben?
Stahys, 18.02 2012, 20:13
BRAVO! Endlich steht die Warheit in den Massenmedien! Die fruhmittelalterlichen Verhaltnisse bei den Katoliken sind schon seit immer das Problem gewesen! Die Herrn in Rom sollen sich ein Beispil nehmen an der Heiligen Rumanischen Ortodoxen Kirche und sich bekehren!

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