„Zusammenarbeit gibt Gemeinschaftsgefühl“

Gespräch mit Paul Iacob, Mentor für Unterricht in deutscher Sprache am Kronstädter Honterus-Lyzeum

Mittwoch, 07. Februar 2018

Der Biologielehrer Paul Iacob setzt sich für die Deutschsprachigkeit im Kronstädter Honterus-Lyzeum ein.
Foto: privat

Seit Beginn des Schuljahres 2017-2018 wurde an deutschsprachigen Schulen in Rumänien auf Initiative der Unterrichtskommission des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) ein Mentorenprogramm ins Leben gerufen. Mentoren sind Lehrer mit sehr guten Deutschkenntnissen, die Begleiter und Berater ihrer Kollegen sind, die die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen. Ein Mentor soll offen sein für die Probleme, die Kollegen hinsichtlich des Unterrichts in deutscher Sprache haben und ihnen helfen, diese zu lösen. Ziel ist die Verbesserung der Sprechkompetenz der Lehrer, sowie der Methoden, die deutsche Sprache den Schülern zu vermitteln. Das Mentorenprogramm wird von der Saxonia-Stiftung finanziell unterstützt. Am Kronstädter Honterus-Lyzeum sind derzeit fünf Mentoren tätig. Einer von ihnen ist der Biologielehrer Paul Iacob. Das Berufsleben des gebürtigen Zeidners (Jahrgang 1972) spielt sich zwischen Schule und seiner Psychotherapie-Praxis im Kronstädter Viertel Avantgarden ab.

Während des Gesprächs holt Paul Iacob einen Zettelstapel aus einem Regal. Er legt den Stapel auf den Tisch, entnimmt diesem einen Zettel und öffnet ihn. Auf dem linierten Papier steht in wackliger Kinderschrift: „Der beste Lehrer der Welt“. Darunter steht: „Wir lachen viel“. Auf einem anderen Zettel steht: „Ich habe keine Angst mehr vor Biologie“. Der Zettelstapel ist vielleicht das Kostbarste, was Paul Iacob erhalten hat, seitdem er am Kronstädter Honterus-Lyzeum Biologie unterrichtet. „Am Ende des letzten Schuljahres habe ich die Schüler gebeten, mir Feedback zu geben. Sie sollten auf der einen Seite des Zettels die positiven Aspekte meines Unterrichts nennen, auf der anderen Seite die negativen. Alles sollte natürlich anonym erfolgen. Mir ist wichtig, was sie denken“. Als gelernter Psychologe setzt Iacob viel auf Kommunikation, bei ihm im Unterricht wird viel gelernt, aber auch viel gelacht, und was am wichtigsten ist: Mit den Schülern redet er nur Deutsch.

Über seine Lebensgeschichte und über die täglichen Herausforderungen im Berufsalltag sprach Paul Iacob mit der ADZ-Redakteurin Elise Wilk.
 

Herr Iacob, Sie haben eine interessante Lebensgeschichte. Sie wurden in Zeiden geboren, haben 18 Jahre hier gelebt und sind nach der Wende nach Deutschland ausgewandert. Auch ihre Berufsgeschichte ist spannend. Könnten Sie uns mehr dazu verraten?

Ich bin hier in die Schule gegangen und habe im Juni 1990 das Abitur bestanden, es war das erste Abitur nach der Revolution, sehr chaotisch. Danach bin ich alleine nach Deutschland ausgewandert, ein Teil meiner Familie kam später nach.

Mein erster Job war in einer Fabrik in Ravensburg, danach arbeitete ich bei der Müllabfuhr – zuerst als Lader, dann als LKW-Fahrer und schließlich im Vertrieb. Acht Jahre lang bin ich innerhalb einer Firma aufgestiegen. Von hier hätte ich ruhig in Rente gehen können. Aber ich wollte etwas anderes. Damals war es für mich noch ausgeschlossen, in Rumänien zu leben. Aber alle meine Sommerurlaube verbrachte ich in Zeiden. Ich liebe diesen Ort, er liegt mir sehr am Herzen.

Eines Morgens bin ich dann aufgewacht, ich war 28 Jahre alt und wohnte damals im Allgäu. Ich trank meinen Kaffee und blickte auf die Alpen, ich kann mich jetzt noch erinnern, es war eine schwarze Kaffeetasse mit goldener Aufschrift, und da war es mir klar: Heute ist der Tag meiner Veränderung.
 

Haben Sie dann Ihren Job gekündigt?

Am selben Tag noch. Das Geld, das ich während dieser Jahre gespart habe, wurde in mein Studium investiert. Zuerst habe ich eine Ausbildung als Logopäde bei einer privaten Schule in Wilhelmsdorf absolviert. Doch mein Traum war es eigentlich, Psychologie zu studieren. Man nannte mich „den Müllmannpsychologen“. Ich las Sigmund Freud am Lenkrad, während der Müll aufgeladen wurde. Die Logopädieausbildung absolvierte ich erfolgreich. Aus Angst, dass ich es nicht schaffen werde, habe ich die Lehrbücher regelrecht verschlungen. Schon vor meiner Abschlussprüfung hatte ich einen Job. Ich musste keine einzige Bewerbung schicken, da ich gleich genommen wurde. Dann habe ich zwei Jahre lang in der Fachklinik für Neurologie in Wangen im Allgäu gearbeitet und später die Leitung der logopädischen Abteilung übernommen. Ich wusste aber, dass mein Weg nicht hier endet, dass es weitergehen muss.
 

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie nach Rumänien zurückwollen?

Es war 2006. Ich habe meinen Traum verwirklicht und bei der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg Psychologie studiert.

Danach habe ich in meiner Heimatstadt Zeiden die Stiftung „Rafael“ gegründet, mich impliziert im Gemeinschaftsleben. Parallel dazu habe ich noch fünf Jahre Pharmazie in Großwardein/Oradea studiert. Dann habe ich eine Praxis für Logopädie und Psychotherapie eröffnet. Nie werde ich die Worte einer meiner Professorinnen aus Deutschland vergessen: „Patienten kommen mit der Fähigkeit, sich selbst zu heilen“. Ich habe das Zeidner Forum fünf Jahre lang geleitet. Manchmal haben wir gedacht: „Wozu machen wir das alles? Für wen? Ist es vielleicht sinnlos?“ Wenn über 90 Prozent einer Gemeinschaft weg sind, dann existiert die Gemeinschaft nicht mehr. Man muss umstrukturieren, man muss neu bauen. Vor zwei Jahren im November habe ich dann zu mir selbst gesagt: Zieh dich zurück. Es war wieder Zeit für etwas Neues.
 

Wie kam es dazu, dass Sie an der Honterus-Schule unterrichten?

Dann kam dieser Anruf von der Schulinspektorin Gabriela Adam: „Könnten Sie sich vorstellen, Biologie zu unterrichten?“ Ich nahm den Auftrag an. Meine Kinder gingen auch in die Honterus-Schule, mir war es wichtig. Im ersten Jahr habe ich 10 Stunden pro Woche unterrichtet, ansonsten war ich in der Praxis. Jetzt ist es mein zweites Jahr im Honterus-Lyzeum, ich unterrichte in den Klassen 5-8.
 

Seit Anfang des Schuljahrs 2017-2018 sind Sie auch ein Begleiter und Berater der Lehrer, die in deutscher Sprache unterrichten.

Das Mentorat-Projekt wurde Anfang des Schuljahres 2017-2018 als Initiative des Deutschen Forums eingeführt. Meiner Meinung nach ist jedes Projekt, das zur Deutschsprachigkeit beiträgt, gut. Es gibt fünf Mentoren, zwei für die Grundschule und drei für die Klassen 5-12. Dabei handelt es sich um Lehrer mit sehr guten Deutschkenntnissen, die andere Lehrer betreuen. Es gibt Lehrer, die in manchen Fachbereichen verbeamtet sind und deren Deutschkenntnisse nicht auf einem sehr hohen Niveau sind. Sie bilden unsere Zielgruppe. Die Frage ist: „Tun wir hier so, als hätten wir eine deutsche Schule oder haben wir wirklich eine deutsche Schule?“
 

Es gibt eine steigende Tendenz der Schüler, die an deutschen Schulen lernen, aber gleichzeitig gibt es immer weniger Lehrer, die die deutsche Sprache beherrschen. Das ist ein Problem an allen deutschen Schulen in Rumänien. Glauben Sie, dass es eine Lösung dafür gibt?

Ich wünsche mir, dass die Lehrkräfte ausschließlich in deutscher Sprache unterrichten. Zusammenarbeit gibt Gemeinschaftsgefühl. Das Ziel ist, auch innerhalb der Lehrerschaft eine gute Gemeinschaft zu schaffen. Für mich bedeutet das Mentorat: „Lass uns Deutsch sprechen, und nicht nur so tun als ob“. Das Projekt darf nicht als Kontrolle der Lehrer gesehen werden, sondern als Unterstützung der Deutschsprachigkeit.
 

Sprechen die Schüler überhaupt noch Deutsch?

Ich unterrichte in vier Klassen, am Anfang des letzten Schuljahrs sprachen die Schüler zu 50-60 Prozent Deutsch mit mir, ansonsten Rumänisch. Dann habe ich zu ihnen gesagt: „Ich verstehe euch nicht, wenn ihr Rumänisch sprecht“. Jetzt spricht niemand mehr Rumänisch mit mir. Das will ich auch den Lehrern beibringen. Sie müssen sich nicht schämen, wenn sie Fehler machen.
 

Wie viele Lehrer betreuen Sie und was passiert konkret während des Mentoren-Programms?

Ich betreue fünf Lehrer. Ich wohne deren Unterrichtsstunden bei und fülle dabei einen standardisierten Beobachtungsbogen aus. Dabei versuche ich, auf ein paar Fragen zu antworten, zum Beispiel „ Wie viel Prozent wird auf Deutsch unterrichtet?“, „Antworten die Schüler auf Deutsch oder auf Rumänisch?“, „Ist das Lehrmaterial in einem korrekten Deutsch verfasst?“ Danach folgt eine Nachbesprechung mit dem Lehrer, oft gebe ich auch ein schriftliches Feedback mit Empfehlungen.

Es gibt unterschiedliche Niveaus. Manche Lehrer brauchen Sprachintensivierung durch Kurse, andere sind schon weit über die Grundkenntnisse hinaus und würden im Alltag mehr Deutsch brauchen, also deutsche Fernsehsendungen, Filme, Zeitungen, Bücher. Das Hauptproblem ist immer die Übung: Wenn ich nicht spreche, werde ich mein Sprachniveau auch nicht verbessern.

Das Problem ist, dass das Ganze auf die Schüler übertragen wird. Es gibt einen Teufelskreis: Der Lehrer sagt etwas auf Deutsch, dabei denkt er, es ist schlecht, und übersetzt es danach gleich auf Rumänisch. Bei den Schülern führt das zu Passivität: „Ich brauch nicht auf Deutsch zu fokussieren, denn das Rumänische folgt ja gleich“. Als Folge wird der Lehrer nicht deutsch sprechen und die Schüler werden es auch nicht tun.

Man müsste auch Kurse für die Lehrer innerhalb der Schule anbieten.
 

Welche Fortschritte haben Sie schon bemerkt?

Das Programm existiert erst seit Oktober, es wird gut aufgenommen, die Lehrer freuen sich, dass es existiert. Die ersten Resultate lassen sich schon blicken: Ich werde hauptsächlich auf Deutsch angesprochen.
 

Wie wird Ihrer Meinung nach der Unterricht in deutscher Sprache in Rumänien in 10 Jahren aussehen?

Ich stelle mir vor, dass es eine an 100 Prozent grenzende Deutschsprachigkeit innerhalb der Lehrer geben wird. Und das wird sich auch auf die Schüler übertragen.
 

Das klingt sehr idealistisch.

Es muss so sein. Ich sehe in 10 Jahren eine bewusste Wahl der Eltern für die Honterus-Schule. Es wird heißen: „Mein Kind bekommt deutsche Lehrer, gute Sprachkenntnisse und deutsche Kultur“ und nicht nur „es lernt ein bisschen Deutsch, um dann einen Job bei Ina Schäffler zu kriegen“. Um an dieses Ziel zu gelangen, braucht es jedoch viel Arbeit. Ich wünsche mir, dass die Lehrer untereinander mehr Deutsch sprechen, dass das Bewusstsein für Deutschsprachigkeit wächst.
 

Herr Iacob, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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