Zwei grundverschiedene Konzepte

Zweite Bauphase für Restaurierung der evangelischen Stadtpfarrkirche Hermannstadt

Samstag, 26. April 2014

Abb.1 Grundriss Fundament. Zeichnung aus dem Projekt Popp & Asociaţii

Abb.2 Grundriss Ebene der Empore. Zeichnung aus dem Projekt Popp & Asociaţii

Abb. 3 Luftbild der Stadtpfarrkirche von Südwesten
Foto Hermann Fabini

Am 13. März 2014 wurde der Gemeindevertretung der Kirchengemeinde Hermannstadt die zweite Phase des Projektes der Restaurierung der Stadtpfarrkirche Hermannstadt vorgestellt. An der Präsentation, durch den Projektleiter Arch. Mihai Ţucă und den Statiker Ing. Dragoş Marcu, haben Stadtpfarrer Kilian Dörr und 14 Mitglieder der Gemeindevertretung teilgenommen.
Kurz zur Erinnerung: 2007 hatte der Klausenburger Statiker Ing. Bálint Szabó  festgestellt, dass in der Stadtpfarrkirche Einsturzgefahr besteht. Das Thema beschäftigte damals auch die in- und ausländische Presse. Am 20. September desselben Jahres erschien in der Siebenbürgischen Zeitung, München, unter dem Titel „Pro und kontra Einsturzgefahr, Expertenstreit um die Hermannstädter Stadtpfarrkirche beschäftigt die Süddeutsche Zeitung“ ein Bericht über das Gutachten Szabó und die damit verbundene Einsturzgefahr. In einer Eingabe an die Hermannstädter Kirchenleitung und das Landeskonsistorium vom 16. August 2007 hatte ich darauf hingewiesen, dass hier „der Versuch unternommen wird, durch das Präsentieren eines Horrorszenarios von eminenter Einsturzgefahr, die Kirchenleitung in möglichst umfangreiche Ausgaben hineinzuziehen“ (www.patrimoni-um-saxonicum.ro, Presse und Berichte). Im erwähnten Artikel vom 20. September wurde die Sanierung von Stadtpfarrer Kilian Dörr auf 700.000 Euro geschätzt. Anschließend wurde im Herbst 2007, in der Kirche, nach Anweisungen von Ing. Szabó, ein großes Holzgerüst aufgestellt. 2008 hat der Brandenburger Architekt Dr. Achim Krekeler, zusammen mit dem Statikbüro Krämer aus Berlin, ein Restaurierungsprojekt für Dach und Gewölbe erstellt.

In der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ vom 4. Februar 2009 wurde darüber berichtet, unter anderem auch, dass von der „zur kompletten Sanierung benötigten Summe von schätzungsweise 4,5 Millionen Euro rund ein Viertel vorhanden ist.“ Dieses Projekt konnte, wegen unterschiedlichen Konzepten für die Konsolidierung der Gewölbe, nicht umgesetzt werden. Dr. Krekeler war nicht bereit, die Verwendung von Beton zur Sicherung im Dachstuhlbereich, wie sie von einem Bukarester Experten und der Firma Popp & Asociaţii verlangt wurde, mitzutragen. Am 15. Oktober 2010 konnte der Finanzierungsvertrag für 2,3 Millionen Euro von der Kirchenleitung und den zuständigen staatlichen Stellen unterschrieben werden. Im Sommer 2011 erstellte das Münchner Ingenieurbüro Barthel & Maus ein komplettes, 88 Seiten starkes, statisches Gutachten, dessen Schlussfolgerungen von dem Bukarester Ingenieurbüro, das die weitere Planung durchgeführt hat, nicht berücksichtigt worden sind. Die Planung wurde daraufhin an den Architekten Liviu Gligor und das gleiche Bukarester Statikbüro Popp & Asociaţii übertragen. Aufgrund der EU-Finanzierung sind die Arbeiten der ersten Phase 2011 begonnen worden und sollen in diesem Jahr abgeschlossen werden. Soviel zu der Planung und den Arbeiten während der letzten sieben Jahre.

Für die zweite Projektphase, die Wände, Fassaden und den Innenraum betreffend, wurden der Hermannstädter Architekt Mihai Ţucă und das gleiche Bukarester Statikbüro Popp & Asociaţii vertraglich verpflichtet. Dieses Projekt ist, wie oben erwähnt, von den Autoren der Kirchenleitung übergeben und am 13. März der Gemeindevertretung präsentiert und erklärt worden, um anschließend als Antrag zur Förderung durch eine EU-Finanzierung eingereicht zu werden.
Eine erste Durchsicht der Planungsunterlagen ergibt folgendes Bild: Es wurde ein Kostenvoranschlag von 12,593 Millionen Euro vorgelegt, in dem für Restaurierung des Architekturbereichs 20 %, für statische Konsolidierung 46 % und für Steinrestaurierung 22 % des Geldes vorgesehen sind. Die restlichen 12  % entfallen auf Restaurierung der Glasfenster, Holz- und Metallgegenstände, Wandgemälde und Möbel, der elektrischen Installationen, Heizung u. a. (genauere Angaben unter Bericht: www.patrimoni-um-saxonicum.ro, Presse und Berichte).

Da die Konsolidierungsmaßnahmen fast die Hälfte der vorgesehenen Kosten ausmachen, sollen sie hier kurz beschrieben werden: Im Oktober 2009 wurde ein technisches Gutachten von den Ingenieuren Dr.-Ing. Traian Popp und Prof. Dr.-Ing. Mircea Crişan erstellt, das vorsieht, die Konsolidierung der Kirche in zwei Etappen durchzuführen: erstens Dach und Gewölbe und dann Wände, Fundamente und teilweise Gewölbe. In der ersten Etappe wurden folgende Arbeiten ausgeführt: Einbau von Zugankern, Gießen von Betongurten, hölzerne und Betonbögen auf der Außenseite der Gewölbe und Dachreparatur. Das technische Gutachten der zweiten Etappe stellt fest, dass strukturelle Eingriffe zur Konsolidierung bzw. Verbesserung des statischen Systems nötig sind. Angesichts der fehlenden Homogenität der Materialien und der ursprünglichen Konzeption ist der Grad der seismischen Sicherung für das ganze Ensemble nicht schlüssig, so wird vorgezogen, jedes einzelne Element entsprechend zu sichern.
Um dieses zu realisieren, sehen die Planer die Verbreiterung der Fundamente vor, wie im Detail der Abb. 1 zu erkennen ist. Um den Transfer der Kräfte aus „der semirigiden Scheibe im Dachbereich” auf die Fundamente zu gewährleisten und die Stabilität der Wandmauern zu erhöhen, wird vorgeschlagen, in den Wänden 9900 vertikale Bohrungen durchzuführen, in denen Stahlstäbe von 28 mm eingebaut werden (Abb. 2). Diese Maßnahmen erklären den hohen Kostenanteil der statischen Sicherung (rund 2000 Kubikmeter Beton und 300 Tonnen Stahl).

Die Vorschläge im Architekturbereich sehen das Abschlagen von 9500 qm Verputz, neue Verputzarbeiten von über 14.000 qm und 950 qm neue Steinfußböden vor. Leider lässt die Dokumentation nicht erkennen, wie diese, aus meiner Sicht relativ großen Quantitäten zustande kommen, da keine Vorausmessungen im Projekt enthalten sind. Das gilt auch für die 2,8 Millionen Euro, die für Steinrestaurierung vorgesehen sind (genauere Angaben unter: www.patrimonium-saxonicum.ro Bericht).
Ich finde es sinnvoll, die hier kurz beschriebenen Eckdaten der zweiten Phase des Projektes mit jenem von Dr. Krekeler (2008) und dem Gutachten von Barthel & Maus (2011) zu vergleichen.
Das Projekt von Dr. Krekeler, Generalplanungs- und Ingenieurgesellschaft mbH, Brandenburg, das im Auftrag der Evangelischen Kirche A. B. Hermannstadt, mit dem Datum 31. Juli 2008, erstellt wurde (abgerufen 12.4.2014, http://hermann-stadt.evang.ro/stadtpfarrkirche,) und das die Unterlage für die EU-finanzierten Bauarbeiten lieferte – zumindest erschien Dr. Krekeler als planender Architekt auf der ersten Bautafel im Hof der Stadtpfarrkirche –, sieht die Sanierung der Gewölbekonstruktionen, des Daches, der Fassaden in Putz und Naturstein vor. Eine Instandsetzung des Innenraums der Kirche entsprechend der Nutzung als Ort für Gottesdienste, Kirchenmusik, Ausstellungen und Kirchenführungen, ist ebenfalls Gegenstand des Projektes. Das statische Konzept der Restaurierung geht von einer konstruktiven Ertüchtigung und Reparatur der historischen Konstruktionssysteme aus und kommt zum Schluss: „Aus Respekt vor der historischen Substanz sollten Beton und Stahl möglichst nicht zum Einsatz kommen. ... Die Lösungsansätze erfordern ein Verständnis von den Schadensursachen und eine genaue statische Überprüfung der Bestandkonstruktion.“ Es wird ein „hoher Respekt gegenüber der originalen Bausubstanz” gefordert. In Bezug auf Mauerwerk und Fundamente wird im Gesamtkonzept festgestellt: „Der statische-konstruktive Zustand des aufgehenden Mauerwerks ist weitgehend schadensfrei.“ „Zur Abklärung, ob Risse noch oder können Rissmonitore gesetzt werden. ...  Die anzuwendenden Maßnahmen sollen denkmalverträglich sein. ... Beobachtungen am Bauwerk lassen nicht auf Baugrundprobleme schließen, da keine typischen Rissverläufe zu erkennen sind.“ Es wird festgestellt, dass „vor allem die Materialsichtigkeit der Putzoberflächen des Kirchenschiffs das historische Erscheinungsbild vermutlich sehr stark verfälscht.“
Bei einem Gesamtkostenaufwand von 4,5 Millionen Euro sind im Projekt Krekeler 17% für Außenwände, 25 % für Innenwände 12 % für Decken, 16 % für Dächer, 18 % für technische Anlagen, Ausstattung und Kunst, Außenanlagen, verschiedene Maßnahmen – und die restlichen 12 % für Baunebenkosten vorgesehen. Diese Kostenstruktur lässt sehr klar das unterschiedliche Konzept im Vergleich zu dem oben beschriebenen Projekt erkennen.

Hier noch einige Auszüge aus einer Stellungnahme vom 28. November 2011 des Ingenieurbüros Barthel & Maus, Beratende Ingenieure GmbH, Prof. Dr.-Ing. Rainer Barthel und Dr.-Ing. Helmut Maus, München. Aufgrund eines komplexen Gutachtens vom September 2011 – das mir freundlicherweise von den Autoren zur Verfügung gestellt worden ist – wird zur Planung für die Dachkonsolidierung von Popp & Asociaţii in einem Schreiben vom 28. November kritisch Stellung genommen. Dort heißt es: „Unsere Berechnungen zeigen, dass schon der Einbau der Zuganker in Höhe der Gewölbekämpfer annähernd die gleiche Wirkung hat, wie die angedachte Aussteifung mit Betonringankern.“ An anderer Stelle wird festgestellt: „Eine nach den rumänischen Erdbebenrichtlinien erforderliche Sicherungsmaßnahme würde zudem zu großflächigen und gravierenden, in denkmalpflegerischer Hinsicht total inakzeptablen Eingriffen in das Baudenkmal führen.“
Schlussfolgernd heißt es in der Stellungnahme: „Mit Blick auf die begrenzten, für die Gesamtmaßnahme zur Verfügung stehenden Mittel muss davor gewarnt werden, große Summen in die Sicherung des Bauwerks gegen angenommene Gefahren wie Erdbeben zu investieren, statt diese Mittel in die Reparatur akuter bestehender Schäden zu stecken.“

Aus dieser kurzen Beschreibung der unterschiedlichen denkmalpflegerischen Konzepte – Stadtpfarrer Dörr meint auf der Internetseite der Kirche (http://hermann-stadt.evang.ro/ stadtpfarrkirche, abgerufen 12.4.2014): „Hier prallten zwei Kulturen aufeinander, die sich trotz zeit- und geldintensiven Bemühungen des Presbyteriums nicht in Einklang bringen ließen.“ – ergibt sich die Frage: Wie soll es weitergehen? Soll man sich, trotz besseren Wissens, dem Diktat der vorhandenen, in vielen Punkten, aus meiner Sicht, fragwürdigen Planung fügen, mit dem Risiko, dass einerseits die relativ hohe Summe eventuell nicht genehmigt wird, oder wenn ja, die Kirche „in denkmalpflegerischer Hinsicht total inakzeptablen Eingriffen in das Baudenkmal” (Gutachten Barthel & Maus) ausgesetzt wird und für längere, möglicherweise für unbestimmte Zeit, nicht benutzt werden kann? Oder unternimmt man den Versuch, doch zu einer Planung zu gelangen, die den heute in den meisten Ländern Europas geltenden Regeln der Denkmalpflege gerecht wird?

Es ist mir bewusst, dass ich mich hier auf ein vermintes Gebiet begebe, und dass die angeschnittenen Fragen nicht leicht zu beantworten sind. Andererseits geht es hier um den verantwortungsbewussten Umgang mit unserem Kulturerbe. Möglicherweise auch um einen Präzedenzfall, da ähnlich radikale Eingriffe in die mittelalterliche Originalsubstanz, auch an anderen sächsischen Baudenkmälern (z. B. in Heltau) in Planung sind. Es sind vor allem drei Argumente, die mich zu dieser Stellungnahme bewegt haben: 1. Ein so massiver Eingriff in die Originalsubstanz stellt für mich einen mangelnden Respekt vor einem der bedeutendsten Baudenkmäler Siebenbürgens dar. 2. Die vorgesehenen Maßnahmen sind größtenteils unumkehrbar, irreversibel. 3. Vergleichen wir den finanziellen Aufwand der beiden Kostenvoranschläge Krekeler und Ţucă von 4,5 zu 12,6 Millionen Euro, so kann ich nur die Meinung vertreten, dass gemäß dem Grundsatz der Denkmalpflege „weniger ist mehr”, dem Vorschlag Krekeler der Vorzug zu geben ist. So bin ich zum Schluss gekommen, dass man im Interesse des sächsischen Kulturerbes, des „Patrimonium Saxonicum“, einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zu diesem Thema nicht mehr mit gutem Gewissen aus dem Weg gehen kann.

Kommentare zu diesem Artikel

Jochen, 03.05 2014, 23:37
Soll nun das gesamte Kirchengebäude inklusive Turm an die rum. Erdbebengesetzgebung angepasst werden ? Mit Maßnahmen die möglichwerweise noch nie an einem ähnlichen Bauwerk erprobt wurden ?
Mit dem Geld das hier unnötigerweise in Beton und Stahl absorbiert werden soll, könnte man die Dächer vieler Kirchen(burgen) vor dem Verfall retten.
Rudolf, 28.04 2014, 17:46
Ich denke es fehlt den rumänischen Fachkräften (Arhitekte, Bauingenieure) einfach an Erfahrung bzgl. größeren Restaurationsarbeiten. Ich denke man hat leider fast überall (ich lebe in Keisd), wo Kirchen oder Kirchenburgen restauriert worden sind, Beton und Stahl benutzt. Wie Martin schon schrieb, gibt es keine Garantie dass die Unmengen Stahl und Beton die nächsten hundert Jahre halten werden. Die Argumente verschiedener Spezialisten aus dem Ausland kommen aber auch aus Erfahrung: da werden Baudenkmäler seid vielen Jahrzehnten restauriert, mit ähnlichen Werkstoffen und Methoden wie beim Bau der Gebäude. Im Inland argumentieren die Spezialisten gewöhnlich nur dass in unserem Jahrhundert Vibrationen (Straßen-, Bahn-, Flugverkehr) und Umweltverschmutzung zuviel für die alten Werkstoffe sind und nur Beton und Stahl für die Struktur in Frage kommt. Ausserdem fehlt es an Handwerkern mit Erfahrung in Restaurationsarbeiten -Kettensäge, Holzschrauben und Schweißgerät wird bevorzugt. Und alles müssen Leute entscheiden die keine (technische) Ahnung davon haben und von Spezialisten abhängen.
Martin, 27.04 2014, 00:12
Vielen Dank fuer Ihren Beitrag und Ihren Mut Herr Arhitekt Fabini.Es ist klar hier wird mit EU-Foerdergelder und Spenden = KANONEN auf respektable Spatzen geschossen! Die Kirche steht seit Jahrhunderen ohne Beton und Stahlkorsett. Mit Beton und Stahlkorsett wie lange steht sie ?

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