Zwei Kulturhauptstädte im Vergleich

Von Fünfkirchen 2010 – Temeswar 2021

Donnerstag, 10. Januar 2019

Auf den Spuren der Geschichte: Johann Habel führt durch die Stadt

Das Theaterhaus von Fünfkirchen. Fotos: Florian Kerzel

Fünfkirchen/ Pécs in Ungarn war 2010 Kulturhauptstadt Europas. Was kann Temeswar, Kulturhauptstadt 2021, aus den Erfahrungen von dort lernen? „Viel“, meint der deutsch-ungarische Touristenführer Johann Habel. Temeswar könne und müsse aus den Fehlern lernen, die im Falle von Fünfkirchen begangen wurden, sagt Habel. Alle Fehler werden sich nicht vermeiden lassen, denn aus Budapest kam die Unterstützung verspätet; Temeswar hängt ebenfalls am Tropf der Hauptstadt Bukarest. Als symbolträchtiges Beispiel der Versäumnisse in Fünfkirchen gilt die Tatsache, dass die neue Konzerthalle der Stadt erst gegen Ende des Kulturhauptstadt-Jahres eröffnet wurde, große Stars müssen jedoch bereits 1-1,5 Jahre vor dem Ereignis verspflichtet werden. Anahid Ehrenberger und Antonia Apreotesei machten einen Stadtrundgang durch Fünfkirchen und sprachen dabei mit Johann Habel. Die gesammelten Informationen und Eindrücke schrieben sie bei einem Journalistik-Seminar des FunkForums nieder. (bz)

Fünfkirchen: Tourismusboom hielt nicht lange

Acht Jahre sind vergangen, seitdem Fünfkirchen/ Pécs Kulturhauptstadt Europas war. Temeswar bleiben noch zwei Jahre bis es diesen Titel tragen wird. Eine gute Möglichkeit für die Hauptstadt des Banats einmal nach Westen zu schauen und die Entwicklungsprozesse zu vergleichen. Dafür haben wir uns mit Johann Habel getroffen. Er ist seit vielen Jahrzehnten Touristenführer, Historiker, Experte für die Stadtgeschichte von Fünfkirchen und nicht zuletzt auch Zeuge des Kulturhauptstadtjahres in Fünfkirchen. Deshalb kann er die Mängel von damals in Fünfkirchen einschätzen, hat einen Überblick über die Entwicklung des Tourismus danach und kann Vergleiche zu Temeswar ziehen.

Das Kulturhauptstadt-Jahr 2010, so Habel, war ein hervorragendes  Jahr für Fünfkirchen. Viele Touristen kamen in die Stadt, viele Veranstaltungen wurden organisiert – viel Geld floss durch Investitionen in die Stadt. Dies merkte man auch schnell am Stadtbild: Am Konzertsaal, an der Stadtbibliothek, am Puppentheater. Viele Gebäude wurden damals renoviert. So gut das Jahr 2010 aber war, so enttäuschend sieht Habel die Folgejahre. Nach diesem Jahr mit Tourismus- und Kulturboom verlor die Stadt viel Gewonnenes gleich wieder: große Hotels wurden geschlossen, das Einkommen vieler aus der Branche verringerte sich. Nun kommen Touristen hauptsächlich im Sommer in die Stadt. Der traditionelle Bustourismus verliert immer mehr an Bedeutung. Lediglich Touristen, die mit den Donauschiffen von Passau bis zum Donaudelta fahren und dabei regelmäßig einen Zwischenstopp mit Ausflug nach Fünfkirchen machen, bringen regelmäßig zahlungskräftige Kunden. Johann Habel ist da ebenfalls betroffen. Wenn diese Kreuzfahrtschiffe nicht wären, müsste er in Österreich oder Deutschland nach Arbeit suchen. Dabei hat die Stadt viel zu bieten: Historische Gebäude, Museen, Kunstausstellungen, eine attraktive Bar- und Kneipenszene, mit Ruinenbars, so wie man sie aus Budapest ebenfalls kennt. Jede Altersgruppe von Touristen kann in Fünfkirchen etwas finden. Vor allem aber ist es die Multikulturalität, welche die Stadt so besonders macht: Eine aktive deutsche Gemeinde – zu der nicht zuletzt auch Johann Habel gehört, aber nicht nur. Eine Besonderheit, weswegen Fünfkirchen den Titel der Kulturhauptstadt überhaupt gewann, sind die vielen Kulturen die hier nebeneinander und gleichzeitig lebten und leben: Die kroatische Gemeinde  gibt es hier schon seit Jahrhunderten – Fünfkirchen liegt nur etwa 30 Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt. Und wenn das Wetter gut ist, kann man von manchen Punkten aus sogar die kroatischen Berge sehen. Aber auch andere Bevölkerungsgruppen beleben die Stadt: Obwohl es nie eine nennenswerte tschechische Gemeinde gab, gehört die tschechische Kneipe vor allem unter Studenten zu den beliebtesten der Stadt. Und durch die beliebte Medizinuniversität kommen viele Studenten aus anderen Ländern zum Studium nach Fünfkirchen.

Johann Habel hat großes Interesse an allem was ihn umgibt. Er beschäftigt sich gerne mit Fachliteratur und historischer Literatur. Geboren wurde er nicht in Fünfkirchen, sondern in dem davon südöstlich gelegenen Dorf Großnarad. Er arbeitete auch als Deutsch-Ungarisch-Übersetzer. Nach seinem Studium in Kulturmanagement und Germanistik an der Fünfkirchner Universität erwarb er eine Lizenz als Stadtführer. Die Region, in der er lebt, interessierte ihn schon immer sehr und durch Wanderungen und Fahrradtouren mit seinen Kindern erkundete er sie auch früher schon gerne.

 

Multikulturalität und Mehrsprachigkeit

Die Barockzeit, die Osmanische Zeit, das Avarische Zeitalter und die Römer: Viele Epochen haben  ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Johann Habel führt uns allerdings auch außerhalb des alten Stadtkernes zu einem Monument der jüngeren Geschichte, welches entscheidend für die Entwicklung der Stadt war, obwohl dies nicht vielen Touristen und selbst nicht allen Fünfkirchnern bekannt ist. Es geht dabei um das Monument über die Bergbauarbeiten im Großraum von Fünfkirchen liegt nur unweit der alten Stadtmauern, weist aber eindrücklich auf die Einkommensquellen und Entwicklungsfaktoren von Fünfkirchen hin. Viele Stollen gab es hier, einige noch bis Anfang der 2000er Jahre in Benutzung. Unter anderem wurde auch Uran abgebaut.

Dann geht es zurück in die Innenstadt, bis zur großen Synagoge. Obwohl in Fünfkirchen nicht mehr viele Juden leben, gibt es noch eine kleine Gemeinde mit aktiver Öffentlichkeitsarbeit. Auch daran hat Johann Habel seinen Anteil, obwohl er nicht zu dieser Gemeinde gehört. Ehrenamtlich engagiert er sich dennoch für die Gemeinde, unter anderem kümmert er sich um deren Facebook-Auftritt und weist Touristen auf die reichhaltige jüdische Geschichte der Stadt hin. Mehr als 400 Menschen folgen der Facebook-Seite – obwohl die jüdische Gemeinde in Fünfkirchen nur noch sehr klein ist. Wie viele Juden es hier noch gibt, das kann Johann Habel nicht beantworten, denn laut Habel Zahlen von einer zur anderen Informationsquelle.

Mit den neuen Medien kennt sich Johann Habel gut aus. Neben der Facebook-Seite der jüdischen Gemeinde hat er auch noch zwei weitere: seine private und eine Geschäftsseite für seinen Nebenberuf als Fach-Übersetzer. Oft schicken Menschen ihm Fotos von Texten in alter Schrift. Nur wenige Menschen können diese lesen – Johann Habel ist einer von ihnen. Auch in seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Geschichte: Er geht in die Archive der Stadt, forscht in den alten Texten und Geschichten und veröffentlicht seine Ergebnisse.

Die vielen ethnischen Gruppen und die reichhaltige Geschichte, war nicht nur für Fünfkirchen ein Grund, den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt zu erhalten – auch Temeswar ist in diesen Punkten ähnlich. Johann Habel ist etwa Mitte der 2000er Jahre mit einer Gruppe nach Temeswar gereist und er erinnert sich gerne an die Stadt an der Bega. Gerade deshalb will er Tipps geben, auch weil er sich an viele Versäumnisse in Fünfkirchen erinnert: Bereits ein Jahr im Voraus müssten die Daten der wichtigsten Veranstaltungen feststehen, denn viele Touristen aus dem Ausland planen ihre Urlaubsreisen schon lange im Vorfeld. Das Niveau der Veranstaltungen muss stimmen. In Fünfkirchen erinnert sich Habel auch an kaltes Essen beim Festival, schmutzige Zimmern und Toiletten. Die Temeswarer haben schon begonnen Hotels zu bauen und Stadtviertel und Straßen zu reparieren, und bereiten sich mit kleinen Schritten auf ein großes Ereignis vor.

Auch Mehrsprachigkeit ist essentiell. „Wenn Temeswar 2021 Kulturhauptstadt Europas wird, dann müssen auch die Minderheiten stark mit eingebunden werden“, so Habel. Nicht nur Rumänisch und Englisch – auch auf Deutsch, Bulgarisch, Ungarisch und Serbisch müssen die Informationen zu finden sein. Das gehöre sich für eine multikulturelle Kulturhauptstadt wie Fünfkirchen es war und wie Temeswar es schon bald sein wird.

Temeswar muss nach Fünfkirchen schauen um aus den dortigen Erfolgen, aber auch Misserfolgen zu lernen und es besser nachmachen bzw. besser zu machen.

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