Zwei nimmermüde Hände haben aufgehört zu schlagen

Die 17. internationale Tagung Kronstädter Germanistik beschäftigt sich mit Eros und Tod

Donnerstag, 10. April 2014

Schon vor Beginn der Tagung wurde lebhaft diskutiert Foto: Philipp Mangold

Die Konferenz beginnt ungewöhnlich: Tagungsleiterin Dr. Carmen Puchianu stellt sich vor das Publikum, deutet auf ihren Hals und schweigt. Auf der Leinwand hinter ihr erscheint der Begrüßungstext, den statt ihr die Kronstädter Lektorin Dr. Delia Cotârlea vorliest. Im Rückblick war die Begrüßung der einzige Programmpunkt der Veranstaltung, der nicht ganz nach Plan ablief. Das ehrgeizige Konzept der Tagung nämlich ging auf: Zu dem Thema „Einmal von Eros zu Thanatos und zurück, bitte!“ waren Vorträge von je zwanzig Minuten zu halten. Alle Referenten hielten sich an die vorgegebene Dauer und beschränkten sich auf Kernthesen und -argumente. Dadurch erhielten die etwa fünfzig Zuhörer Einblicke in unterschiedliche Forschungsergebnisse und -perspektiven und konnten sich, durch die häufige Abwechslung, bis zum Schluss konzentrieren.

Der Tod in der Zeitung

Den Schwerpunkt der Tagung bildete die Literaturwissenschaft, aber auch Vorträge zu Sprach- und einige zur Übersetzungswissenschaft waren zu hören. Unter den sprachwissenschaftlichen Beiträgen war einer der besten der Tagung: Doris Sava aus Hermannstadt präsentierte ihre Analyse rumänischer und deutscher Todesanzeigen: In beiden Ländern gehören diese zu den beliebtesten Zeitungstexten, in beiden Ländern geht es darum, verbale Entgleisungen zu vermeiden und die Toten mittels Angaben zu Ort und Zeit ihrer Geburt und ihres Todes zu identifizieren.

Im Vergleich zu deutschen Anzeigen sind die rumänischen schlichter, enthalten genauere Hinweise zu Zeit und Ort der Begräbnisse und zählen detailliert die Familienmitglieder auf. Deutsche Anzeigen nennen oft nur die engeren Familien und Freunde; dort gibt es zudem Selbstanzeigen, Hassanzeigen und normabweichende Anzeigen. Normabweichende Anzeigen passieren in Rumänien stets unabsichtlich; umso stärker ist für den unbeteiligten Betrachter der komische Effekt. Ein Beispiel: „Die Beisetzung findet in römisch-katholischem Rhythmus statt.“ Auch die Überschrift dieses Berichts ist einer Todesanzeige entnommen; besonders deutlich stellt sie die Frage, wie bewusst oder unbewusst der Verfasser das Herz durch die Hände ersetzt und die Bedeutung des Spruchs dadurch verändert hat.

Im Mittelpunkt steht das zwanzigste Jahrhundert

Thanatos ist nach Sigmund Freud der Todestrieb, der dem Eros, dem Lebenstrieb, entgegensteht. Der Eros zielt auf Lustgewinn, der Thanatos auf Vernichtung des Lebendigen. Beide Triebe spielen Hauptrollen in Thomas Manns „Tod in Venedig“ und Annette Kolbs „Das Exemplar“. Stefan Lindinger (Athen) legte dar, dass sich in Manns Novelle der Eros im Thanatos vollendet, während in Kolbs Roman der Thanatos als Begleiter des Eros auftritt. Ganz anders interpretiert der Stummfilm „Asphalt“ von 1929 Thanatos und Eros – so zumindest die These von Ioana Crăciun. Die männliche Hauptfigur erfährt den Eros zum ersten Mal und wird seinetwegen zum Mörder – der Eros treibt ihn zur Erfahrung des Thanatischen. Der Mord führt jedoch nicht zu seinem Untergang, sondern macht ihn zum Erwachsenen – erst jetzt kann er sich von der Umklammerung seiner Mutter lösen. Die Moral des Films widerspricht den bürgerlichen Moralvorstellungen und ist damit laut Crăciun ein Unikum in der Weimarer Filmkultur.

Die Zukunft der Germanistik sitzt im Publikum

Nachdem in den letzten Jahren nur wenige Studenten an der Tagung teilgenommen hatten, fanden sich diesmal zahlreiche Studenten im hellen, vollbesetzten Konferenzsaal des Gästehauses Casa Speran]ei ein. „Es war sehr interessant für uns.“, sagte Elena-Larisa Hodorogea, Germanistikstudentin an der Universität Transilvania. Ihr kann sich der Verfasser voll und ganz anschließen. Und deswegen hörten seine nimmermüden Hände am Ende auch nur widerwillig auf zu klatschen.

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