Zwei Punkte

Samstag, 24. September 2016

In Kronstadt kann man bei Gott wohnen. Für 60 Euro pro Nacht. Das hat kürzlich Deutsch sprechende Touristen so sehr irritiert, dass sie auch in Tartlau, beim Besuch der Kirchenburg, kopfschüttelnd davon berichteten. Haben wir, die wir das Drei-Sterne-Hotel in der Innenstadt schon lange kennen, uns wirklich einfach daran gewöhnt, dass hier zwei Pünktchen fehlen? Soll man lachen? Oder weinen? Ich gehe die Treppen hoch zur Rezeption des Hotels „Gott“ und frage, warum der Name? Für mich bedeute er „Dumnezeu“. Man habe sich am Straßennamen orientiert, belehrt mich eine junge Dame hinterm Tresen. Auf dem Straßenschild sind die Pünktchen auf dem O sehr wohl vorhanden! Strada Johann Gött, das alte Fleischergässchen, ist nach dem Buchdrucker und Verleger Johann Gött (1810-1888) benannt, der sich um Kronstadt große Verdienste erworben hat.

„....geboren in Wehrheim i. Taunus, erlernte er den Buchdruck in Frankfurt und ging 1830 auf ausgedehnte Wanderschaft, kam 1832 nach Kronstadt und fand in der im 16. Jh. von Joh. Honterus gegründeten Druckerei Arbeit. Schon Anfang 1834 konnte Gött die Druckerei kaufen und entwickelte eine ungemein rege Tätigkeit. 1837 gründete er das Siebenbürgische Wochenblatt, aus der 1849 die Kronstädter Zeitung hervorging. Sie hatte schon in den Anfangsjahren einen unerhörten Erfolg mit 1000 Beziehern. 1838 erfolgte die Herausgabe der ersten Tageszeitung in rumänischer Sprache, die Gazeta Transilvaniei, dazu kam noch die ungarische Zeitung Erdély Hirado. 1876 wurde er Bürgermeister Kronstadts...“ ( „Lexikon der Siebenbürger Sachsen“, Wort und Welt Verlag, Thaur bei Innsbruck, 1993).

Gegenüber vom besagten Hotel, bei Hausnummer 5A, findet man übrigens noch ein Schild an der Eingangstüre zum Hostel Mara. Hier heißt es, als Variation, Johan Goth. Der Blick schweift nach oben, wo die Dächer einander fast berühren und junge Bäumchen aus den Dachrinnen sprießen. Ich entscheide mich fürs Lachen. Schließlich ist gegenüber vom Hotel „Gott“ das stadtbekannte „Süße Loch“ von Kronstadt, ein Wirtshaus, das alle Zeiten überdauert hat, und wo im 19. Jahrhundert ein Vorfahre meines Ehemanns beim Kartenspiel erschlagen wurde, wie die Familiensaga weiß. Tja, da sucht man Zuflucht bei Gott. Aber der Verlegerfamilie Gött aus Kronstadt tut man damit auch heute noch weh!

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