Zweite Heimat in der österreichischen Literatur

Mariana Lăzărescu mit dem Großen Silbernen Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet

Donnerstag, 06. April 2017

Der österreichische Botschafter Mag. Gerhard Reiweger (v. l.), Prof. Dr. Mariana Lăzărescu, Prof. Dr. Gabriel Horaţiu Decuble, Leiter des Departments für germanische Sprachen und Literaturen an der Fremdsprachenfakultät der Univ. Bukarest, Elisabeth Marinkovic, Leiterin des österreichischen Kulturforums, Gesandte Ulla Krauss-Nussbaumer, Abteilungsleiterin im österreichischen Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres
Foto: die Verfasserin

„Mehlspeise, Zuckerl, Paradeiser, Erdäpfel” und sogar „fesche Buben” kannte sie schon aus ihrer Kronstädter Kindheit, gesteht Mariana Lăzărescu lächelnd. Denn ihre Nachbarn, mit denen die zweisprachig aufgewachsene Gymnasiastin des deutschen Honterus Lyzeums häufig zusammen war, waren Siebenbürger Sachsen. Diese Volksgruppe hatte sich im Laufe historischer Begegnungen auch österreichischen Wortschatz angeeignet, fügt sie erklärend an. So stand die Germanistik-Professorin an der Bukarester Universität, die zudem seit 25 Jahren ehrenamtlich die dort untergebrachte Österreich-Bibliothek leitet, dem Alpenland zumindest sprachlich schon lange nahe. War es Zufall oder Schicksal, dass sich auch beruflich eine enge Bindung entspann? Ihren glanzvollen Höhepunkt fand diese am 29. März in der Residenz des österreichischen Botschafters in Bukarest, Mag. Gerhard Reiweger: In feierlichem Rahmen überreichte der Diplomat Prof. Mariana Lăzărescu das Große Silberne Ehrenzeichen für ihre Verdienste um die Republik Österreich.

Kampf dem Bücherstaub

„Sie ist eine der Urmütter der Ursuppe der Österreich-Bibliothek”, bringt es die Gesandte Ulla Krauss-Nussbaumer, Abteilungsleiterin im österreichischen Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres, auf den Punkt. Lăzărescus Berufskollege, Prof Dr. Gabriel Horaţiu Decuble, erklärt in seiner Laudatio: „Die 1992 eröffnete Österreich-Bibliothek ist organisatorisch der Fremdsprachenfakultät an der Universität Bukarest angegliedert, und wenn die österreichische Literatur sich an unserem Lehrstuhl für Germanistik hat überhaupt zu einem wichtigen Forschungsgebiet entwickeln können, so ist das in den letzten 15 Jahren vor allem Professor Mariana Lăzărescu zu verdanken.” Ob durch Vorlesungen und Seminare, die Betreuung zahlreicher Diplomarbeiten zu österreichischen Autoren, wissenschaftliche Publikationen, Lehr- und Forschungstätigkeit, Kontakte und Initiativen, Moderation von Lesungen, Stellungnahmen, Rezensionen, Interviews, hat sie die österreichische Literatur und Kultur jahrzehntelang wort- und tatkräftig gefördert.

Geprägt vom geistigen Umfeld im Kronstadt der späten 60er Jahre und einem Umfeld, in dem Menschenwürde und Bildungsideale in Rumänien noch unversehrt waren, erhielt sie für ihren Werdegang entscheidende Impulse, so Decuble. Wichtige Etappen waren aber auch ein DAAD-Stipendium in Erlangen Anfang der 90er Jahre, betreut von Prof. Peter Horst Neumann, der sie dann Jahr für Jahr zu Tagungen der Eichendorff-Gesellschaft einlud, später als Mitglied. Forschungsaufenthalte führten sie ins Deutsche Literaturarchiv Marbach – dies zu einer Zeit, in der gewisse Themen in Rumänien nicht zugänglich waren, wie der Laudator erklärt –, sowie nach München, Erlangen und Berlin. Der Kommunismus war es auch, der einen Berufsstart an der Bukarester Universität verhinderte. Auf Umwegen, zuerst als Übersetzerin in der Fabrik „Munca textilă”, dann am Fremdsprachenlehrstuhl der Technischen Universität für Bauwesen, konnte sie sich daher erst nach der Wende als Doktorandin einschreiben, promovieren und schließlich am Lehrstuhl für Germanistik angestellt werden, „wo sie aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Leistungen eigentlich von Anfang an hingehörte”, so Decuble.

Als Literaturhistorikerin hat Lăzărescu die Werke vieler österreichischer Autoren vor dem „ominösen Bücherstaub” bewahrt – Hugo von Hofmannsthal, Peter Handke, Immanuel Weissglas, Gregor von Rezzori, aber auch die Werke zahlreicher rumäniendeutscher Autoren -, durch Forschungen und hartnäckige Empfehlungen an ihre Studenten. Auszeichnungen und Preise auf nationalem und internationalem Niveau brachten ihr Mitgliedschaften in Fachvereinigungen ein, z.B. in der Internationalen Vereinigung für Germanistik, dem Verein Neugermanistik Wien, der Deutschen Schillergesellschaft oder der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft als einziges Mitglied aus Rumänien.

Die Welt als Spiegel

Lăzărescu beginnt ihre Dankesrede mit Hugo von Hofmannsthal: „Der Mensch wird in der Welt nur das gewahr, was schon in ihm liegt; aber er braucht die Welt, um gewahr zu werden, was in ihm liegt.” Der österreichische Literat steht ihr nicht nur als Thema der Abschlussarbeit im Germanistikstudium sowie der späteren Doktorarbeit nahe, sondern auch aus der Zeit, als sie an der Universität Wien zur Vizepräsidentin des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes gewählt wurde und als Mitglied in der Doktoratskommission bei der Defensio einer Dissertation über Hofmannsthals Werk mitwirken durfte: „Für mich unvergesslich schöne Momente in meiner akademischen Laufbahn.” Die Welt als Spiegel also: Umringt von Größen aus Diplomatie und Wissenschaft, Freunden und Familie, steht sie einem Teil ihres selbst geschaffenen Netzwerks gegenüber. Ein fördernder und fordernder Geistesraum - essentiell, will man etwas bewegen. Obwohl es nicht immer einfach war, „die Präsenzbibliothek aus einem Klassenraum in einen Lesesaal, in einen Ort der Lektüre, der Spiritualität und der Begegnung mit Österreich auf rumänischem Boden umzuwandeln”, gesteht Mariana Lăzărescu. Ihr besonderer Dank für die langjährige Unterstützung und exzellente Zusammenarbeit, für großzügige Bücherspenden und technische Ausstattung geht an die Österreichische Gesellschaft für Literatur in Wien mit Ehrenpräsidentin Prof. Marianne Gruber und Dr. Manfred Müller, an das österreichische Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres mit Hofrätin Christine Dollinger, sowie die Leitung der ausländischen Österreich-Bibliotheken unter Sandra Diepenseifen.


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Die Österreich-Bibliothek feiert 25-jähriges Jubiläum

1992 auf Initiative des österreichischen Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres und der Gesellschaft für Literatur in Wien ins Leben gerufen, gibt es mittlerweile an 65 Orten in 28 Staaten Österreich-Bibliotheken, vier davon in Rumänien: in Bukarest, Temeswar, Jassy und Klausenburg/Cluj-Napoca. Alle zusammen verfügen über einen Bücherstand von etwa einer Viertelmillion. Ihre Ziele sind: die Förderung von Kenntnissen der österreichischen Literatur und Kultur, Studenten zu betreuen und mit Professoren und Literaten zu vernetzen. Die Österreich-Bibliothek in Bukarest gibt es ebenfalls seit 1992. Als Präsenzbibliothek organisiert, hat sie ihren Sitz in der Straße Pitar-Moş Nr. 7-13 und verfügt über ca. 7574 Buchbände sowie Tonträger und DVDs. Eine Bibliothekarin und ein elektronisches Archiv helfen bei der Titelsuche. Das Spektrum reicht über Belletristik und Geisteswissenschaften bis hin zu Kunst, Musik, Interkulturalität etc. Auch sind zahlreiche Literatur- und Kulturzeitschriften dort einzusehen. Den Studenten als Hauptnutzer wird dort nicht nur Zugang zu Pflichtlektüre, sondern auch Hilfe bei Abschlussarbeiten zu Themen aus der österreichischen Literatur und Kultur geboten.

Auch Veranstaltungen werden organisiert, oft in Kooperation mit dem Kulturhaus „Friedrich Schiller”, dem österreichischen Austauschdienst OeAD (österreichische Agentur für internationale Mobilität und Kooperation in Bildung, Wissenschaft und Forschung) oder dem Theaterlaboratorium Bukarest (TLB): Lesungen mit bekannten Autoren (z.B. Marjana Gaponenko, Vea Kaiser, Jutta Treiber, Gerda Anger-Schmidt), Theatervorstellungen (z.B. „Stück ohne Juden” von Julya Rabinovich), Theaterwerkstätten, Foto-, Buch- und Dokumentarausstellungen, die „Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek”-Woche, internationale Treffen mit anderen Österreich-Bibliotheken in Bulgarien oder der Ukraine, „Life long learning”-Projekte und vieles mehr.

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