Zwischen Anpassung und Widerstand

Vergleichende Darstellung zur Lage der Kirchen im Kommunismus in Osteuropa

Donnerstag, 08. August 2013

Detlef W. Stein/William Totok (Hrsg.): Die Kirchen in Osteuropa im Kommunismus, OEZ-Berlin-Verlag, Berlin 2011, 456 S., ISBN 978-3-940452-49-8, 49,90 €

Unter allen gesellschaftlich relevanten Kräften waren die Kirchen stets ein besonderes Feindbild der Kommunisten. Deren jenseitsorientierte Botschaft und die Spiritualität der Gottesbeziehung waren grundsätzlich nicht mit der marxistisch-leninistischen Ideologie des Sozialismus und des historischen Materialismus vereinbar, der Allmachtanspruch Gottes sperrt sich gegen die Allmachtphantasien jeder Ideologie und diktatorischer Regimes. Das Christentum und die Kirchen sollten vom Kommunismus daher letztlich überwunden werden. Das von Detlef W. Stein und William Totok herausgegebene Buch „Die Kirchen in Osteuropa im Kommunismus“ bietet Beiträge zur Lage der Kirchen in Bulgarien, Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien, der Sowjetunion und der DDR. Es handelt sich um Studien, die in der „Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik“  zwischen 1994 und 2006 erschienen sind.

Eine vergleichende Darstellung erlauben die Beiträge zum Verhältnis von Kirchen und Staat in der Tschechoslowakei (Boris Blahak, S. 34-75), Bulgarien (Björn Opfer, S. 76-113; Hristo Berov, S. 114-149), der DDR (Hans-Joachim Tschiche, S. 177-214) und Polen (Gregor Ploch, S. 215-278). Hier wird länderübergreifend deutlich, dass sich das Verhältnis der kommunistischen Regimes zu den Kirchen in stets gleichen Schritten entwickelte und zwischen Unterdrückung und Duldung seitens des Staates sowie Anpassung und Widerstand seitens der Kirchen abspielte. Die Länderberichte lassen ein übereinstimmendes Vorgehen der kommunistischen Staats- und Parteiführungen erkennen. Zunächst wurden die Kirchen enteignet und aus der Jugend- und Sozialarbeit verbannt, der Religionsunterricht wurde verboten, kirchliche Feiertage abgeschafft und die Ausübung des Glaubens in die Gotteshäuser und ins Privatleben verbannt. In den ersten Jahren der kommunistischen Machtergreifung versuchten die Machthaber zunächst stets, jeden kirchlichen Widerstand durch Schauprozesse, Haft und Todesurteile im Keim zu ersticken.

Der nächste Schritt war der Versuch, durch Überwachung, Zensur und Unterwanderung die Kirchen systematisch unter Kontrolle zu bekommen. Mit populären Musik- und Jugendveranstaltungen und in Bulgarien sogar finanziellen Anreizen sollten die Menschen von Gottesdiensten abgehalten und ihrem Glauben entfremdet werden. Das Regime in Bulgarien erfand dazu sogar eigene staatliche Ersatzhandlungen zur Gestaltung von Rites de passages, die DDR die Jugendweihe als Konkurrenz zur Konfirmation. Gleichzeitig ließen in Ländern wie Bulgarien, Polen und Rumänien Parteifunktionäre kirchliche Handlungen heimlich vornehmen. Neue Verfassungen garantierten offiziell die Religionsfreiheit, zementierten aber gleichzeitig die Allmacht der Partei. Die praktische Kontrolle, Unterwerfung und Unterdrückung sicherten die entsprechenden Religionsgesetze wie etwa das rumänische Kultusgesetz von 1948 und die Departments für Kultusangelegenheiten oder „Ämter für Bekenntnisse“. Parallel dazu wurden staatliche Theologische Fakultäten zu kirchlichen Instituten degradiert und Studentenzahlen in der Theologie begrenzt, um die Kirchen personell auszudünnen. Die Staatsapparate sicherten sich das Vetorecht für alle Personalentscheidungen der Kirchen und verzögerte auch systematisch Bischofsernennungen.

So wurde über die Jahrzehnte eine strukturelle Abhängigkeit der Kirchen vom Staat geschaffen. Die Kirchen wurden auf ihre liturgisch-rituelle und seelsorgerliche Rolle beschränkt. In allen Ländern gab es einen besonders scharfen Kampf gegen Klöster und Orden sowie gegen die Katholische Kirche, die mit dem Papst in Rom ihr weltliches Oberhaupt außerhalb des kommunistischen Machtbereiches hatte und besonders resistent gegen die kommunistische Ideologie war. Dass die Kirchen darauf unterschiedlich reagierten, machen die Beiträge allesamt deutlich. Während die Katholische Kirche massive Opposition leistete und der polnische Kardinal Karol Wojtyla und spätere Papst Johannes Paul II. (1978-2005) wesentlich zum Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa beitrug, entwickelte die Evangelische Kirche in der DDR die Idee einer „Kirche im Sozialismus“ und maßregelte Regimekritiker noch intern, wie Hans-Joachim Tschiche kritisch darlegt. In der Bulgarischen Orthodoxen Kirche kam es zur Kirchenspaltung. 

Phasen brutaler Repression mit vielen Todesopfern unter Bischöfen und Priestern, Zensur und Unterwerfung wechselten sich mit Phasen der Duldung und relativer Freiheit ab. Die Regimes versuchten, die Kirchen systematisch zu spalten und innerhalb der Kirchen Einfluss auszuüben. Je länger die Diktatur andauerte, umso bereitwilliger kam es auch zur Kollaboration mancher Kirchenvertreter mit dem Regime. Die Länderbeiträge zeigen schließlich auf, wie bereitwillig oder zurückhaltend sich die Kirchen nach dem Fall des Kommunismus an die interne Vergangenheitsbewältigung machten und wie sie ihre Strukturen wieder aufbauten. Aus dem Rahmen fallen die Beiträge von Gerd Stricker und Herausgeber Totok. Stricker beschäftigt sich in seinem interessanten Beitrag mit dem evangelischen Pastor Eugen Bachmann, der in der Sowjetunion mit dem Regime und Kritikern im eigenen Lager kämpfen musste (S. 150-176). Totok wiederum entfaltet in einem maßlosen einseitigen Beitrag (S. 7-33) seine bekannten Klischees und desinformiert vor allem durch das, was er nicht schreibt. Hier stehen die Kirchen Rumäniens pauschal in der Kritik, ohne dass der Autor ein Wort zu der massiven Unterdrückung der Kirchen in Rumänien verlieren würde.

Immerhin bezichtigt Totok – anders als in früheren Darstellungen – hier auch die Katholische Kirche und die Evangelische Kirche der Anbiederung und Kollaboration, nicht nur die Orthodoxen. Schade, dass kein objektiver Länderbericht zu Rumänien aufgenommen wurde, der die komplexe Lage des Landes mit der nötigen Differenzierung darstellt. Das Glossar und die Kurzbiographien sind hilfreich, wenn auch nicht immer zuverlässig. Die Biographien hätten standardisiert werden müssen, das Glossar schwimmt gelegentlich in der Terminologie kirchlicher Begriffe. Die weiterführenden Literaturhinweise sind hilfreich.                      

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