Zwischen den Tagen auf Neu-Uranus

Blumen aus Bukarest (IV)

Donnerstag, 05. Januar 2017

Mit Sicherheit eine der am besten bewachten Gegenden Bukarests, in der wir uns befanden. Bei einem ausgiebigen Spaziergang erlebten wir die Hauptstadt zwischen den Feiertagen von einer kaum gekannten Seite. Kaum vorstellbar, was für ein Getümmel sich hier noch vor einer Woche abgespielt hatte. Das Alltagsbild erschien einem urplötzlich wie ausgewechselt, es gab wenig Verkehr auf den Straßen, die sonst üblicherweise täglich an Verstopfung litten. Wir betraten den in den neunziger Jahren neu angelegten Izvor-Park von der Seite des Dâmboviţa-Kanals aus. Die ganze Parkanlage wirkte in Bezug auf den gigantischen Gebäudekomplex, der sich in unmittelbarer Nähe befand, wie ein dünnes Blatt Papier, über das ein kühler Wind fegte. Es war recht lebendig im Inneren des Parks, ein junges Paar mit Kinderwagen kam uns entgegen, vereinzelt schoben sich Skater und keuchende Jogger an uns vorbei, ein Obdachloser zog sein Sammelsurium auf einem fantasievollen Bollerwagen hinter sich her, von einer Parkbank aus beäugte ein älteres Paar die Szenerie. „Postmoderne trifft auf Nicolae Grigorescu??“

Nach einigen Minuten kamen wir an einer eingezäunten Wiese vorbei, auf der sich viele Hunde unterschiedlichster Rassen austobten, genau beobachtet durch die Augen ihrer stolzen Besitzer. Die Sonne geizte mit Wärme. Als wir auf der anderen Seite des Parks ankamen, sprach meine Begleiterin plötzlich einen jungen Mann an, an dessen Seite ein frisch frisierter grau-schwarzer Schnauzer die Leine stramm gezogen hielt. „Hallo Radu“, entgegnete sie ihm. Wir begrüßten uns gegenseitig. Er war überrascht, uns hier anzutreffen und fragte etwas irritiert, wieso wir denn nicht in Deutschland wären, dann fügte er hinzu, dass doch schließlich alle Expats über die Feiertage aus Bukarest flüchten würden, was verständlich wäre, schließlich würden viele Bukarester das Gleiche machen. „Ein guter Moment, die Stadt mal von einer anderen Seite kennenzulernen!“, antwortete meine Begleiterin. Radu wohnte scheinbar in der Nähe, er war Student an der Bukarester Universität. Der Schnauzer zog immer aufgeregter an der Leine, wir verabschiedeten uns und verließen den Park.

Einige Hundert Meter weiter bogen wir nach rechts ab und gingen entlang einer Grundstücksmauer, eine Anhöhe hinauf, an der üppige Stuckprofile eine sich permanent wiederholende Ornamentik aus verschiedenen geometrischen Grundformen einrahmten, die an vielen Stellen bereits merklich bröckelten. Oben angekommen, blieben wir vor einer Toreinfahrt stehen, wo uns ein Wachposten entgegentrat. Seine Uniform schien an ihm zu kleben, wie die Schale an dem Inneren eine Eies. Er brachte keinen Ton heraus und antwortete auf unsere Frage nach dem Museum für Gegenwartskunst (MNAC) lediglich mit einer Handbewegung, die in die Richtung des riesigen Gebäudes zeigte, das sich auf dem Gelände befand. Langsamen Schrittes gingen wir über Verbundpflastersteine aus Beton eine breite Auffahrt entlang. Man musste aufpassen, wohin man trat. Hie und da hatte sich das Pflaster zersetzt, Schottermulden kamen zum Vorschein.

Es war eine Strecke von vielleicht dreihundert Metern bis zu dem Eingang des Gebäudes, dessen Ausmaß uns mit jedem zurückgelegten Schritt immer gewaltiger erschien. Die Gedanken wanderten umher, zurück zu einer aufgetürmten Geschichte, deren hinteres „Schlachtfeld“ mittler-weile von Unkraut und hohen, wild wuchernden Büschen und Bäumen überzogen war. Kaum ein gepflanzter Baum war auszumachen. Hinter parkenden Autos erstreckten sich große Brachflächen, wo sich vor noch nicht allzu langer Zeit elegante Stadthäuser und Villen des Uranus-Viertels befanden. Klosterkirchen wurden hier abgerissen oder verschoben, Operettentheater und Sportstätten mussten weichen. Werthaltige Altbausubstanz, die sich über zwei Jahrhunderte beispielhaft entwickelt hatte, die zur elementaren Identität des Bukarester Zentrums gehörte, wurde im Wahn einer janusköpfigen Elite in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf dem Reißbrett seziert und mit einer Handbewegung unwiederbringlich vernichtet. In unmittelbarer Nähe zu dem riesigen Gebäudekomplex rotierten nun schon seit einigen Jahren mehrere Baukräne über einem zu beachtlicher Größe herangezüchteten Klinkerrohbau. In naher Zukunft soll das Bauwerk, so „Gott“ es will, zur größten Kathedrale Südosteuropas gekürt werden.

Dann fanden wir uns vor dem Eingang zum Museum für Gegenwartskunst wieder, neben dem links und rechts zwei in die monumentale Sandsteinfassade eingelassene, voll verglaste Fahrstühle zum obersten Stockwerk hinaufführten. Doch wir zögerten mit dem Eintreten, gingen stattdessen einige Male auf und ab und verrenkten uns beim Hinaufschauen die Hälse. Die Fahrstühle setzten sich in Bewegung, einer Inszenierung gleichkommend, scheinbar nur dafür geschaffen, einer anderen Inszenierung und sonst nichts zu dienen. Es arbeitete, es nagte an einem, eine bizarre Gradwanderung, die mich zunehmend dazu animierte, mir einen Schnitt mitten durch das gesamte Gebäude vorzustellen. Eine Art transparente Schneise, die als öffentlicher Durchgang Teil eines Geschichtsmahnmales werden könnte. Die Anstrengungen einer nationalen sowie internationalen Positionierung gegen Größenwahn könnten nachhaltig dazu beitragen, durch einen inneren Verarbeitungsprozess zu gesunden. Ein Schritt, einer ins Universum katapultierten Identität gefühlt wieder ein Stück näherzukommen, ohne dabei den Bulevardul Unirii in die Flucht des fünften Elementes rücken zu wollen. Das Zögern wollte sich auch nach dem Betreten der automatischen Schiebetüren nicht abstellen lassen.

Im Vorraum befand sich auf der linken Seite eine Kasse, dahinter saß eine Frau um die dreißig mit einem auffallend großen Lockenkopf, die uns anlächelte. Im nächsten Augenblick deutete sie mit einer Hand auf den Bereich, der sich hinter uns befand, hin. Fragend drehten wir uns um. Einige Meter entfernt standen vier Männer in Uniform vor einer Detektorschleuse, die mir in ähnlicher Form von Flughäfen her geläufig war. Der anschließende Ablauf stand einem üblichen Body Check in nichts nach. Jacke, Tasche, Schlüssel, Gürtel, Handy etc. kamen in eine Plastikbox und auf ein Rollband. Ob ich denn auch die Schuhe ausziehen müsse, fragte ich einen der Beamten. Eine kurze, verneinende Kopfbewegung folgte als Antwort. Ein junges Paar hatte inzwischen den Vorraum betreten und beobachtete das Prozedere mit großen Augen. „Jetzt können wir ja gehen!“, rutschte es mir heraus. Im nächsten Moment standen wir wieder vor der Frau mit dem Lockenkopf, sie zeigte auf eine Tafel, wo Eintrittspreise draufstanden, die merkwürdigerweise in Euro ausgezeichnet waren. Meine Begleiterin und ich schauten uns leicht fragend an. Freudestrahlend merkte sie an, dass die Tafel Teil einer künstlerischen Arbeit sei. Unsere Blicke trafen sich und aus der Situation heraus fingen wir irgendwie alle an zu lachen. Unser Lachen zog sofort die Aufmerksamkeit des Sicherheitspersonals auf sich, für das es nicht viel zu lachen gab.

Ob die Sicherheitsperformance im Eingangsbereich auch schon zu einer Kunstaktion gehöre, fragte ich nach. Sie wäre es auf jeden Fall wert, antwortete die Frau. Sie sei nun schon seit gut drei Jahren hier im Museum beschäftigt: „Da erlebt man so einiges!“ Es war kaum etwas los um uns herum, wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns eine Weile, irgendwann fing sie an, von einer Begegnung zu erzählen, bei der ein älterer Herr sich in sie verguckt habe. Er habe jedes Mal eine Eintrittskarte fürs Museum gekauft und sie, mal mit schüchternen, mal mit sehnsüchtigen, meistens aber mit melancholischen Augen angeschaut, ohne wirklich ein Wort über seine Lippen zu bringen. Nach ein paar Tagen kam es zwischen ihm und dem Sicherheitspersonal irgendwie zu einem Streit, woraufhin sie ihn danach nicht mehr hineinließen. Eines Tages stand er im strömenden Regen vor der Tür und wartete auf sie. Sie kam ihm zuvor, ging auf ihn zu und beendete das Schweigen. Schließlich verabredete sie sich nach der Arbeit mit ihm in einem Café unweit des Podul Izvor. Er sei in diesem Viertel geboren und aufgewachsen, bemerkte er befangen. „Jetzt ist es hier wie auf einem anderen Planeten.“ Ein Herantasten, ein Annähern; die Unterhaltung, die kaum begonnen hatte, schien sich bereits schnell wieder erschöpft zu haben, bis er plötzlich in die Innentasche seines Jacketts griff, eine kleine Mappe herauszog und ihr Bilder von seiner Frau zeigte. Schauer liefen ihr augenblicklich beim Betrachten der Aufnahmen den Rücken hinunter. Die Frau auf den Fotos war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, sie besaß zudem auf einigen der älteren Aufnahmen auch noch eine ähnliche Frisur. Sie sei vor einigen Monaten verstorben, sagte er mit zitternd-trauriger Stimme. Einige Minuten vergingen, beide bekamen kein Wort mehr heraus, sie sahen einander mit feuchten Augen an. Abwechselnd liefen ihnen Tränen über die Wangen. Sie umarmten sich ein einziges Mal, er gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bedankte sich für das Treffen, bezahlte die Rechnung und ging.

Dann fügte sie hinzu, sie sei am nächsten Tag nicht zur Arbeit gegangen, es sei nicht möglich gewesen. Sie habe ihn nicht mehr wiedergesehen. Beinahe auf den Tag genau vor einem Jahr sei das gewesen. „Was wohl aus ihm geworden ist? Tja: Wann ist Kunst denn gegenwärtiger als im Augenblick?“, warf sie ein und lächelte. Wir erwachten aus der Erzählung, lächelten zurück, nach einigen Minuten gingen wir auf einen der beiden Fahrstühle zu. „Nein, wir befinden uns nicht in einer Traumszenerie!“, sagte ich zu meiner Begleiterin, als wir uns kurze Zeit später im vierten Stock des MNAC auf der großzügigen Terrasse an ein Heißgetränk klammerten. Es dämmerte bereits. „Alles Kunst?“, warf sie lachend in den Abendhimmel. „Vorsicht Kunst!“, warf ich hinterher. Die ersten Sterne funkelten, das neue Jahr war greifbar nah.

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