Zwischen eiskaltem Intellekt und der Hitze des Affekts

Andrei Pleşu präsentierte in Bukarest sein neues Buch

Samstag, 17. November 2012

Wichtig sei, sich auf die wesentlichen Fragen zu konzentrieren, meint Andrei Pleşu: „Die wichtigen Fragen nenne ich ‘russische’ Fragen, da sie das Wesen der vielen schlaflosen Nächte Dostojewkis repräsentieren.”
Foto: Aida Ivan

„Wir führen unser Leben abseits des ursprünglichen Sinns. Wir haben den Kontakt zu den wesentlichen Fragestellungen, zur Innerlichkeit der intimen Fragen verloren”, schreibt Andrei Pleşu in der Präsentation seines neuesten Buches. Ende vergangener Woche wurde „Parabolele lui Iisus. Adevărul ca poveste” („Die Gleichnisse Jesu. Die Wahrheit als Geschichte”) in der überfüllten, vor Kurzem eröffneten Bukarester Humanitas-Buchhandlung im Gebäude des ehemaligen Cişmigiu-Hotels vorgestellt. Andrei Pleşu ist einer der meist geschätzten rumänischen Intellektuellen in Rumänien. Bei der Buchvorstellung waren unter anderen der Essayist Horia-Roman Patapievici und der Literaturkritiker Dan C. Mihăilescu anwesend.

Er habe sich vorgenommen, den Leser aus einer miesen Gegenwart herauszuholen, in der dieser wie ein ständig Berauschter lebt, behauptete Pleşu. Aktualität heißt mehr als bissige Wortwechsel und Wahlkämpfe, meinte der renommierte Schriftsteller, der auf eine andere Wirklichkeit aufmerksam machte. „Es gibt die Aktualität der zeitlosen Fragen. Fragen wie: Was für einen Sinn hat das Leben? Was bedeutet Leiden? Was ist das Böse? Was ist Liebe? Das sind Fragen, die auch morgen noch aktuell sind, die schon vor tausend Jahren aktuell waren und noch weitere tausend Jahre lang aktuell sein werden.”

Um solch wichtige Fragen zu klären, findet Andrei Pleşu eine Geschichte besser als ein Argument. „Man kann keine geometrische Antwort vorschlagen, sondern braucht eine Analogie, eine Metapher, einen verklärenden Umweg”, erklärte er.

Ursprünglich sollte das Buch in einer Zeitspanne von sieben bis acht Monaten geschrieben werden, doch es hat fünf Jahre gedauert. Gabriel Liiceanu, Leiter des Humanitas-Verlages, sagte auf der Buchpräsentation: „All das, was da steht, alles, was die Parabeln erzählen, alles, was ein Schriftsteller wie Andrei Pleşu schreibt, sind die Antworten, die dieser lebenslang auf solche Fragen gesucht hat. Nur ein gebildeter Mensch kann sich selbst mit solchen Fragen konfrontieren.“

In seiner Rede warnte der Autor mit heiterem Gemüt: „Sie sollten nicht glauben, dass Sie genau wissen werden, was das Böse, das Leiden, die Liebe ist, nachdem Sie dieses Buch gelesen haben. Sie werden es nicht wissen. Mein Wunsch war es, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, mich selber zum Nachdenken zu bringen.“ Das Buch enthält eine Botschaft für seine Kollegen aus den weltlichen, intellektuellen Kreisen, die modern, postmodern, nüchtern, intelligent, politisch-korrekt sind und deren launenhafte Spontaneität dazu führt, dass sie unaufmerksam auf den biblischen Text blicken. Die biblischen Texte sollten mit mehr Aufmerksamkeit bedacht werden, da es sich hier um eine Sammlung handelt, die das europäische Bewusstsein im Laufe einer langen Tradition geprägt hat: „In diesen Texten kann man viel mehr finden, als das, was sich diese Leute in ihrer Hast vorstellen können.”

Des Weiteren illustrierte der Schriftsteller seine Absicht anhand eines Beispiels: Was die Beziehung zum Glauben anbelangt, so gibt es ein bekanntes Binom – der emotionale, durch Affekte gekennzeichnete Mensch und der kalte, rationale, analytische Intellektuelle. Der Gelehrte verliert seinen Glauben, indem er sich zu sehr auf Einzelheiten konzentriert.

Der leidenschaftliche, irrationale Mensch erlebt bloß, ohne Fragen zu stellen. Die Kirche neigt dazu, die Forschung und die Wissenschaft abzulehnen, da der Glaube gefährdet werden könnte. „Sicherlich kann die Forschung, das Studium, das intellektuelle Übermaß eine Gefahr sein. Ein eiskalter Intellekt ist eine Gefahr. Aber auch die Leidenschaft, die Euphorie. Ich urteile nicht, aber ein wenig Forschung kann nicht schaden. Intelligenz kann Fehler machen, aber auch der Affekt”, betonte Andrei Pleşu.

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