Zwischen Hoffnungen und leeren Versprechen

Symbolbau Temeswars soll Sportzentrum werden

Samstag, 07. Januar 2017

Der einzige noch stehende, turmartige Gebäudeteil des Temeswarer alten Schlachthauses
Foto: Zoltan Pázmány

Es ist nichts Neues nach der Wende und es macht wahrlich auch keine Ausnahme in der Begastadt: Wie sich die Bewohner und ebenso die Stadtväter über das unverdiente postkommunistische Los der wertvollen Altbauten grämen und ärgern müssen, führt das traurige Schicksal des einstmals prunkvollen alten Schlachthauses vor. Mit 14.000 Altbauten ist Temeswar die rumänische Großstadt mit dem größten architektonischen Stadterbe.

Der derzeitige Eigentümer des denkmalgeschützten Bauensembles, Ţiriac Holding und die HG Goldale Real Estate GmbH, hält die Stadt und die Kommunalverwaltung seit einem Jahrzehnt mit allerhand futuristischen Bauplänen und Versprechungen in Atem. Ein erster Großplan, auf dem großzügigen Schlacht-hofarreal auf 50.000 Quadratmetern ein modernes Einkaufszentrum zu errichten, scheiterte schon 2001 mit dem Rückzug des Investors aufgrund der strikten Denkmalschutzauflagen. 2006 wurde das wertvolle Gelände in der Elisabethstadt, nahe am Stadtzentrum gelegen, von der Goldie Company Limited, einem Unternehmen der Ţiriac-Gruppe, und dem spanischen Immobilienentwickler Riofisa Internacional, jeweils zu 50 Prozent, erstanden.

Diese zeitweiligen Eigentümer köderten die Stadtverwaltung desgleichen mit einer Investition von 80 Millionen Euro: Auf 65.000 Quadratmetern versprach man, ein Einkaufszentrum mit 250 Läden, zwölf Kinos, Gaststätten, Tiefgarage und 2000 Parkplätzen zu errichten. Auch ein elfstöckiger Bau mit etwa 600 Appartements sollte bis 2010 hinzukommen. Das Projekt wurde während der Finanzkrise 2009 auf Eis gelegt und so blieb es bis zum heutigen Tag. Das gesamte Gelände bietet heute das desolate Bild einer berühmten Stadtruine, der einzige noch stehende Gebäudeteil (von insgesamt elf Gebäuden bei der Einweihung 1905) befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls, obwohl der Eigentümer per Gesetz zur Instandhaltung verpflichtet ist. Auf starke Proteste aus der Zivilbevölkerung hin verdonnerte die Stadtverwaltung den säumigen Besitzer schon 2013 zu einer Geldstrafe von 8000 Lei, es folgten seither weitere periodische Geldstrafen für die offensichtliche Vernachlässigung der Instandhaltungsarbeiten.

Als vorerst letzten Großplan präsentierten nun die derzeitigen Eigentümer dem Temeswarer Stadtrat wieder-um ein kühnes Vorhaben. Man möchte in nächster Zukunft hier keine Mall, sondern ein modernes Sportzentrum mit allerhand Sportplätzen u. a. für Tennis, Handball, Basket-, Volley- und Fußball errichten. Und der Stadtrat genehmigte eine Verlängerung des Bebauungsplans für das Gelände des alten Schlachthauses, Eroilor-Straße Nr. 24, bis Ende des Jahres 2019. Die Stadtverwaltung gibt es wohl allzu ungern zu, doch ihr scheinen in dieser Angelegenheit Hände und Füße gebunden zu sein. Ihre Eingriffe können sich leider nur auf minimal gehaltene Geldstrafen wegen der Vernachlässigung dieses wertvollen Altbaus beschränken.

Der alte Schlachthof wurde 1904-1905 nach Plänen des Stadtarchitekten László Székély mit Baukosten von 800.000 Kronen erbaut. Er galt damals als einer der größten und modernsten Schlachthäuser Österreich-Ungarns. 1937 kam eine Fleischkonservenfabrik dazu, später auch eine Eisfabrik und eine Molkerei. Der Schlachthof erhielt schon 1918 Anschluss an den Güterverkehr der Straßenbahn. Der Betrieb wurde 1992 endgültig geschlossen.

Das alte Schlachthaus ist demnach auch als ein beredtes Beispiel für Kurzsicht und Misswirtschaft der Temeswarer Stadtverwaltungen nach der Wende hervorzustreichen. Die Stadtverwaltung verkaufte nach der Wende wahllos und oft zu Spottpreisen einen Großteil seines wertvollen Eigentums – Tausende Wohnungen, Häuser, Grundstücke, Industriebauten mit meist riesigem Gelände und darunter auch wertvolle Symbolbauten der Stadt. Dieses entfremdete Erbe erweist sich heute als höchst wertvoll auf dem Immobilienmarkt, die cleveren Immobilienentwickler bezahlten in den letzten Jahren viele Millionen Euro, vor allem für die Grundstücke im Weichbild der Stadt. In Stadtbesitz befinden sich derzeit leider nur mehr wenige der zahlreichen wertvollen Altbauten: So u. a. die Theresienbastei (1732), das Wasserkraftwerk an der Bega (1910), die beiden Wassertürme in der Josefstadt und Fabrikstadt (1912-1914), die alte Feuerwehrkaserne in der Josefstadt (1900) oder die Zigarettenfabrik, erster Industriebau der Stadt, 1846 errichtet. Alle Bauten stehen unter Denkmalschutz.

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 07.01 2017, 09:35
Temeswar bräuchte einen "Jürgen Schneider", der die alte Bausubstanz rettet und dabei die Banken übers Ohr haut. Frankfurt/Main und Leipzig haben von Schneider sehr profitiert. Die sanierten Bauten sind fertig und stehen noch, ohne das gesamte Stadtbild zu verändern.

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