Zwischen Motoröl und Druckerschwärze: Der „Kurier Wilenski“ aus Vilnius

MIDAS-Redakteure zu Besuch im multiethnischen Litauen

Dienstag, 17. Oktober 2017

In der Redaktion des „Kurier Wilenski“: Redakteure von Zeitungen nationaler Minderheiten machen in Vilnius Bekanntschaft mit dem Redaktionsalltag ihrer polnischen Kollegen.
Foto: Marian Paluszkiewicz

Der strenge Geruch von Motoröl liegt in der Luft, metallenes Gehämmer schallt durch die Halle und der Herbstregen trommelt auf das Blechdach der riesigen Autowerkstatt. Hier am Stadtrand von Vilnius, zwischen kleinen Einfamilienhäusern, Betrieben und brachliegenden Gärten, soll allen Ernstes eine Zeitungsredaktion sein? Verwundert, etwas zögernd, betritt eine Gruppe von Redakteuren und Studenten die Halle durch den Hintereingang und bringt sich vor dem kalten Herbstwetter in Sicherheit. Im Rahmen eines Studienbesuches wollen Mitarbeiter von Tageszeitungen europäischer nationaler Minderheiten mehr über den Medienalltag nationaler Minderheiten in Litauen erfahren. Organisiert wurde der Besuch als Studienreise des Redaktionsnetzwerks MIDAS, ein Zusammenschluss verschiedener Redaktionen aus ganz Europa, die in ihrem Heimatland Tageszeitungen in der Sprache einer nationalen Minderheit erstellen.

Anfang Oktober standen nun die wechselvolle Geschichte und die Redaktionsarbeit des „Kurier Wilenski“, des „Vilniuser Kuriers“, im Mittelpunkt. Dieser informiert die polnische Minderheit in Litauen, etwa sechs Prozent der Bevölkerung, in ihrer Muttersprache vorrangig über Aktuelles in der Region und im Nachbarland Polen. Aber was verschlägt die gesamte Redaktion einer Tageszeitung, mitsamt Angestellten, Computern, Schreibtischen und einer ganzen Druckerei, ausgerechnet in eine Autowerkstatt?

„Im Jahr 2000 mussten wir quasi über Nacht das zentrale Pressehaus mit Sack und Pack verlassen“, erklärt Rajmund Klonowski, Mitinhaber des Werkstattbetreibers „Klion“ und Redakteur des „Kurier Wilenski“, den verdutzten Teilnehmern. Die Redaktion wurde über das Wochenende in den Verwaltungsräumen von „Klion“ untergebracht – das Provisorium entwickelte sich über die Jahre zur neuen Heimstatt der Mitarbeiter. Aber warum engagiert sich ausgerechnet ein Werkstattbetrieb für eine Zeitung? Die polnischen Inhaber von „Klion“ erwirtschafteten bereits vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion als eines der ersten Privatunternehmen in Litauen ein beträchtliches Vermögen mit Ein- und Ausfuhren – später folgte der Aufbau einer großen Werkstatt.

Nach der Privatisierung des „Kurier Wilenski“ 1995 beteiligte sich die Firma finanziell, um das Budget der Zeitung zu decken und das Erscheinen zu sichern – mittlerweile gehört die Zeitung zur Firma, arbeitet jedoch eigenständig. „Wir machen damit keinen Gewinn“, versichert Klonowski. Das Budget – für 2017 rechne man mit Ausgaben von 240.000 Euro – werde aus verschiedenen Töpfen finanziert. Der polnische Senat stelle durch seine Stiftung zur Förderung der Polen im Ausland, die auch den MIDAS-Studienbesuch unterstützte, einen bedeutenden Teil sicher. Einnahmen durch Anzeigen und Abonnements decken nur dreißig Prozent des Budgets ab – den Rest übernimmt das Unternehmen als Eigentümer der Zeitung. Bereits seit 1953 erscheint die Tageszeitung ununterbrochen – in der Redaktion ist man darauf sichtlich stolz. Bis 1990 informierte sie ihre Leser als „Czerwony Sztandar“ (Das Rote Banner), seitdem schließlich als „Kurier Wilenski“. Mit ihren knapp 3000 Exemplaren erreicht sie rund 30.000 Leser – viele Familienmitglieder und Schulklassen teilen sich eine Zeitung. Bis um 17 Uhr können noch letzte Veränderungen vorgenommen werden, dann ist es zu spät: Die Zeitung geht in Druck.

Wenige Meter weiter, in Sichtweite von KFZ-Hebebühnen und einer Armada unterschiedlichster Autowerkzeuge, setzen sich die Druckerwalzen in Bewegung, und schon nach wenigen Minuten ist er fertig, der „Kurier Wilenski“ von morgen. „Zum Glück haben wir unsere eigene Druckerei direkt im Haus – dadurch gewinnen wir zusätzliche Zeit für den Postversand“, erklärt Klonowski.

Aber wer liest eine polnischsprachige Zeitung in Litauen? Bei rund drei Millionen Einwohnern stellen die Polen mit rund 200.000 Personen die größte ethnische Minderheit in Litauen. Ein ethnisches Mosaik kündet bis heute von zahlreichen Grenzverschiebungen und Herrschaftswechseln. In Vilnius stellten die Polen in der Zwischenkriegszeit mit rund 65 Prozent die Bevölkerungsmehrheit, gefolgt von den Juden mit knapp 28 Prozent. Litauer repräsentierten nach dem Ersten Weltkrieg nur etwa ein Prozent der Hauptstädter. Diese Verhältnisse bewogen das nach 1918 wiedergegründete Polen, Vilnius aus dem neugegründeten Litauen auszugliedern und als „Wilno“ seinem Staatsgebiet einzuverleiben – von der Einigkeit der frühneuzeitlichen polnisch-litauischen Union war nichts mehr zu spüren. Die Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg und die Eingliederung Litauens in die Sowjetunion ab 1945 stellte die Bevölkerungsstruktur auf den Kopf: Nach Umsiedlungen stellen ethnische Litauer in Vilnius nun die Mehrheit, doch im südöstlichen Umland siedelt bis heute eine stabile polnische Minderheit. Der polnische Staat fördert muttersprachliche Schulen, doch Vertreter der polnischen Gemeinschaft fordern eine offiziell anerkannte Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum, etwa auf Straßenschildern.

Staatlicherseits betont man jedoch die Toleranz Litauens gegenüber seinen Minderheiten: „Die Bürger können sich in vier Sprachen an die Behörden wenden“, unterstreicht Vaiva Vežel-yte-Pokladova von der Regierungsabteilung für Nationale Minderheiten – die Antwort erfolge jedoch auf Litauisch. Sie räumt ein: Es besteht Nachholbedarf bei der Möglichkeit, offizielle Beschriftungen mehrsprachig vorzunehmen – polnische, russische oder weißrussische Hinweise seien derzeit nur auf Privatgrundstücken möglich. Noch bestünden jedoch rechtliche Lücken. „Wir haben kein Gesetz, das eine nationale Minderheit klar definiert“, so Veželyte-Pokladova. Es bestehe kein rechtlicher Unterschied zwischen autochthonen Minderheiten und Zuwanderern: Drei eingewanderte Somali könnten theoretisch eine eigene nationale Minderheit bilden. 2011 nannten somit offiziell 154 ethnische und nationale Minderheiten Litauen ihr Zuhause. Diese können Vertreter ihrer nationalen Verbände in das Parlament entsenden – hierfür müssen sie jedoch die für alle Parteien geltende Fünfprozenthürde überwinden. Die konservative „Wahlaktion der Polen Litauens“ schaffte es mit knapp 5,5 Prozent in den Seimas.

Wie sieht es jedoch im Alltagsleben, vor den Toren des Parlaments aus? Es gebe keine nennenswerten Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen – nach der Unabhängigkeit 1991 sei glücklicherweise ein friedlicher Neustart gelungen, so Vaiva Veželyte-Pokladova. Dies gelte es zu bewahren, weshalb die Abteilung kulturelle Aktivitäten der Minderheiten fördere. Ob dies bei einem Jahresbudget von 200.000 Euro gelingen wird? Doch insbesondere durch die Öffentlichkeitsarbeit wolle man eines erreichen: „Wir wollen ein gegenseitiges Verständnis der Mehrheit für die Minderheiten in Litauen erreichen!“

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