„Art Encounters“ 2019: „Keine Kompromisse angehen, was die Qualität betrifft“.

Interview mit den Kuratorinnen Maria Lind und Anca Rujoiu

Mittwoch, 30. Januar 2019

Maria Lind ist Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, Theoretikerin und Professorin. Sie war u.a. die Direktorin der „Tensta konsthall“ in Stockholm, Direktorin des Graduiertenprogramms des „Center for Curatorial Studies“ am Bard College in den USA, künstlerische Leiterin von IASPIS in Stockholm, Kuratorin des Moderna Museet in Stockholm, Direktorin des Münchener Kunstvereins, Ko-Kuratorin der Manifesta 2.

Anca Rujoiu ist Kuratorin und Herausgeberin und lebt in Singapur und Rumänien. Sie hat zum Gründerteam des Zentrums für Gegenwartskunst in Singapur an der Technischen Universität Nanyang angehört und war Ko-Kuratorin von „Collective Fictions“, das zum Programm „Nouvelles Vagues“ gehörte, das 2013 den jungen Kuratoren im Palais de Tokyo (Paris) gewidmet war. Fotos: Zoltán Pázmány

Die Biennale „Art Encounters“ hat sich zu einer Veranstaltung entwickelt, die für Temeswar und Rumänien wohl zu den bedeutendsten im Bereich der Gegenwartskunst gehört. Über 30.000 Besucher wurden vor zwei Jahren allein in Temeswar gezählt, dazu kamen die Zahlen aus Arad, wo ebenfalls ausgestellt wurde. Und schon vor vier Jahren haben Besucher, die aus dem Westen kamen, gemeint: „Das lässt sich durchaus auch im Westen sehen. Das war sehr gut gemacht!“

Jetzt wächst die Biennale über das Ausstellungsevent im Herbst hinaus und schlägt bereits im Januar erste Veranstaltungen vor: Treffen zwischen Künstlern, zwischen Künstlern und Studenten sowie zwischen Künstlern und der Stadt, in der sie ausstellen werden, finden ab nun monatlich statt. Alles geht auf den krönenden Ausstellungsmonat hinaus, denn am 20. September wird es wieder soweit sein, dann wird die Biennale ihre Tore für die Besucher öffnen. Bis zum 26. Oktober sollen die Besucher sich an den Exponaten erfreuen. Mit den beiden Kuratorinnen Maria Lind Anca Rujoiu sprach die Redakteurin Ștefana Ciortea-Neamțiu.


In diesem Jahr wird sich die Biennale auf verschiedene Facetten der Stadt fokussieren. Welches waren die Facetten, die Sie herausgefunden haben, als Sie nach Temeswar gekommen sind?

Anca Rujoiu: Temeswar ist mir ziemlich gut bekannt, ich habe jedoch zehn Jahre lang gefehlt, also gibt mir die Biennale die Möglichkeit, die Stadt wiederzuentdecken. Was ich entdeckt habe und mir auch sehr wichtig ist, ist, dass es eine Plattform von vielen selbstständigen Initiativen gibt, viele Start-Up-Organisationen, Künstler in Räumen und andere Initiativen, die das Problem in die Hand genommen haben, sie haben die Initiative ergriffen und ich spüre, dass sie viele Lücken im System füllen, sie organisieren sich selbst, sind sehr erfinderisch und das ist für mich eine sehr erfreuliche Entdeckung gewesen.

Maria Lind: Ich bin zum ersten Mal nach Temeswar gekommen, als ich als Kuratorin eingeladen wurde. Ich kannte die Stadt durch die Bilder im TV, vom Dezember 1989. Es hat mir Freude bereitet, eine kosmopolitische Stadt vorzufinden, sowohl geschichtlich gesehen als auch in der Gegenwart. Es war schön zu entdecken, wenn man durch die Innenstadt spazieren geht, vor allem in der Altstadt, dass man selbstverständlich Rumänisch, Ungarisch, Serbisch, etwas weniger Deutsch, aber auch Französisch, Arabisch, Englisch hören kann. Was das Gemisch der Menschen betrifft, die man in der Stadt während eines Spaziergangs antrifft, ist es eine faszinierende Stadt. Ich bin ebenfalls fasziniert von der Geschichte der Stadt, des Banats, wie sich die Grenzen ständig verändert haben, wie sich Kulturen getroffen haben, was mir zum Beispiel aufgefallen war, war zum Beispiel der Teil der osmanischen Geschichte der Stadt. Visuell ist in der Stadt von der Zeit richtig schwierig etwas von der damaligen Zeit zu entdecken, die ein wichtiger Abschnitt und so interessant gewesen ist.

Werden Sie vorschlagen, dass solche Geschichtsabschnitte im Rahmen der Biennale wiederentdeckt werden? Und auf welche Art und Weise?

Maria Lind: Ja, auf jeden Fall. Wir arbeiten unmittelbar mit den Künstlern zusammen und nehmen den Namen der Stiftung und der Biennale wortwörtlich. Im Ermöglichen, Fertigen Möglich machen der Treffen zwischen Kunstobjekten und Menschen, Gruppen aus Temeswar, Rumänien und auch international, denn wir hoffen auch auf einige Besucher aus dem Ausland. Dafür wollen wir mit Künstlern arbeiten, die neue Werke fertigen und vorstellen werden, aber auch mit solchen, die bereits entstandene Werke präsentieren werden. Einer der Künstler, die eingeladen worden sind, etwas Neues zu kreieren, ist Ahmet Ögüt, aus Istanbul, der aber zurzeit zwischen Amsterdam und Berlin pendelt. Wir haben ihn gefragt, ob er Interesse hat, die osmanische Geschichte der Stadt zu untersuchen, zu erkunden.

Bitte, nennen Sie uns weitere Namen von Künstlern, die eingeladen werden!

Anca Rujoiu: Wir werden mit mehreren rumänischen Künstlern arbeiten, einer von ihnen ist Ciprian Mure{an aus Klausenburg, er wird ebenfalls ein neues Werk präsentieren, er interessiert sich für mehrere Denkmäler, die an verschiedenen öffentlichen Räumen in der Stadt stehen. Wir haben ebenfalls Mona Vătămanu und Florin Tudor eingeladen, die seit mehreren Jahren arbeiten und Interesse für die postindustrielle Landschaft haben, das ist auch relevant für Temeswar. Wir arbeiten auch mit Künstlern einer jüngeren Generation zusammen, die im Ausland studiert haben, so dass es für sie eine Chance darstellt, auch hier präsent zu sein. Eine von ihnen ist Mădălina Zaharia, die in London studiert hat und dort lebt. Sie interessiert sich für das Thema, was einen Künstler heute ausmacht, wie man sich als Künstler dar- und vorstellt. Und dieses Thema anschneiden, indem sie mehrere Workshops für die Studenten und Künstler hier vorschlagen wird.

Können sie in einigen Wörtern oder in einem Motto das Thema der diesjährigen Biennale beschreiben? Was ist der Fokus?

Maria Lind: Der Fokus ist Treffen mit der Kunst. Wir sprechen von Windböen, die durch das ganze Jahr der Biennale blasen werden. Sie sind nicht stark thematisch, sondern in einer geringen Weise, wir sind interessiert an Grenzen und Übersetzungen, an materielle Kultur und Handwerk, wie altes Handwerk für die Gegenwart einen neuen Zweck bekommen kann, werden können für unsere Zeit, für die Zukunft, wir sind auch interessiert an persönliche Kollektionen, an Leute, die an Dinge aus der materiellen Welt interessiert sind. Wir haben diesbezüglich mehrere sehr, sehr interessante Kollektionen in Temeswar und in der Umgebung gefunden, eine davon ist eine sehr schöne Textilkollektion in Băița. Es ist eine internationale, absolut phantastische Kollektion.

Anca Rujoiu: Was die Winde betrifft, die Maria schon erwähnt hat, versuchen wir in der Stadt permanente Diskussion mit der Gemeinschaft zu haben, mit den Studenten der Kunstfakultät, in den monatlichen Treffs und Präsentationen, die von geladenen Künstlern geleitet werden. Zum Beispiel fand letzter Woche eine Präsentation seitens eines Künstlers aus Manila in „Spațiul 2 pe 2“ statt. Im Februar haben wir die spanische Künstlerin Dora Garcia eingeladen, die an der Schnittstelle zwischen Kunst und Literatur arbeitet, sie wird in der Buchhandlung „La două bufnițe“ eine Präsentation halten. Diese Art von Matching, von Dialog wird bis im Oktober anhalten.

Maria Lind: Somit können wir sagen, dass die Biennale jetzt im Januar angefangen hat und bis im am Jahresende anhalten wird, obzwar die Ausstellung als solche im September eröffnet wird. Wir sind sehr interessiert an der Zusammenarbeit mit großen, bekannten Institutionen, wie das Nationaltheater oder das Kunstmuseum, aber auch mit kleineren, mit dem Filmfestival „CeauCinema“, mit der Buchhandlung „La două bufnițe“. Die Methodologie ist sehr wichtig, es ist fast so, als würde die Methodologie zum Konzept werden, in der Stadt präsent zu sein, und auf interessante Weise künstlerische Tätigkeiten mit Standorten und Vermächtnissen der Stadt zu verbinden.

Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, auch internationale Namen dabeizuhaben. Was werden Sie tun, um die europäische Dimension von Art Encounters zu erweitern, da es doch die letzte Biennale vor dem Kulturhauptstadtjahr 2021 ist?

Maria Lind: Das Beste, um Neugier und Interesse seitens der Profis in Rumänien und weltweit zu garantieren, ist, nur mit den besten Künstlern zusammenzuarbeiten und keine Kompromisse anzugehen, was die Qualität betrifft.

Anca Rujoiu: Ich glaube, man muss zeigen, dass auch rumänische Künstler globale Themen ansprechen können, Erfahrungen oder Sachen, die über die nationalen Grenzen hinausgehen und dass sie eine wichtige Rolle auf der internationalen Kunstszene spielen. Indem man sie mit internationalen Künstlern verbindet, kann man vor allem diese Fähigkeit hervorheben.

Maria Lind: Für mich ist es auch wichtig, dass ein Austausch zwischen Kunststudenten und Profis entsteht, die für die Biennale hierher kommen. Die Studenten können Praktika machen, als Assistenten der Künstler arbeiten, die auf der internationalen Szene agieren und in manchen Fällen auch sehr bekannt sind.

Anca Rujoiu: Dies wird einen großen Einfluss auf ihre Berufslaufbahn haben.

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