Auf der Donau ins „wilde“ Banat (12)

Die frühe Ansiedlungszeit der Banater Schwaben im Spiegel der Literatur/ Romane von Karl Wilhelm von Martini, Adam Müller-Guttenbrunn und Gerda von Kries

Donnerstag, 10. Januar 2019

Zu Jakob Pleß, der in „Temeschwar“ schon große Pläne schmiedet, allerlei beim Bau der dortigen „Fortifikationen“ gelernt hat, reist die „brave“, selbstbewusste und notfalls energische Therese auf  der Donau mit einem eigens für sie gebauten „Brautschiff“. Beide Gestalten, Jakob und Therese, tauchen in mehreren Episoden des Romans auf, wie auch andere aus dem bunten Personal des Autors herausragende Charaktere, so der aufrechte und unerschrockene „Pälzer“ Philipp Trauttmann oder der Michel Luckhaup aus Pfalz-Zweibrücken. Sie erleben die Höhen und Tiefen des „Schwabenzugs“ zur frühen Ansiedlung im Banat und der „Schwäbischen Türkei“. Sie und wenige andere Romangestalten verbinden die unterschiedlichen Erzähl-Ebenen, geben der vielfältigen Erzählung den inneren Halt, werden zu Sprechern des Erzählers. Auch Trauttmann wird noch mitten im Auswanderungsverlauf auf das „Warum?“ seiner Entscheidung angesprochen:

 

Und warum er, ein Erzbauer, die Heimat verlassen habe? Hm? Warum verlassen sie so viele? Das Reich schützt die Pfalz nicht gegen die Einfälle der Franzosen, man wisse nie recht, wem man zugehöre und für wen man schaffe. Die Vögte und Amtmänner seien Ludersch, sie schinden jeden, der etwas habe, bis aufs Blut. Das Wild der Grafen fresse die Saaten, die die durchmarschierenden Soldaten nicht niedergetreten haben, und wehren dürfe man sich nicht. Jetzt aber fange der Kurfürst mit dem Katholischmachen auch noch an. Ei jo, freilich!  Rief der Trauttmann. Moi Eldre ware gud evangel´sch un ich soll m´r selwer uf´s Maul schlage un vor de eigne Kinner zu Schimp un Schann were? (AMG)

 

Damit klingt das nahezu unüberwindliche Ansiedlungshindernis für Evangelische in der frühen Siedlungszeit an, das Trauttmann mit seiner Familie dazu zwingen sollte, sich in der Schwäbischen Türkei auf dem Grundbesitz  eines ungarischen Barons niederzulassen, von dem er seine ganze Freiheit als Bauer auf eigenem Grund mal wieder loskaufen musste. Doch er verzagte nicht, wie es der „Idee“ des geradezu überkonfessionellen Erzählers entsprach. 

Zum engeren Kreis der aus der Masse herausgehobenen Gestalten zählt auch der Hilfslehrer Wörndle, der Elsässer, der eigene Gründe für seinen Wander-Entschluss ins Treffen führt. Unwillkürlich kommt uns, den 300 Jahre nach der Ansiedlung nun aus dem Banat nach Deutschland „rückgesiedelten“ Nachkommen manches davon so bekannt vor, auch wenn es sich auf einer ganz anderen Zeitebene der Geschichte ereignet hat:

 

 (AMG) Es war der Hilfslehrer Wörndle aus Blaubeueren, der Elsässer. Auch ihn hatte die Wanderlust gepackt. Die schönen Briefe, die Frau Theres aus Temeschwar heimschreiben ließ, hatten es ihm angetan. Eine neue deutsche Welt entsteht dort?

… Er fand Landsleute aus dem Elsass auf dem Schiff die bitter klagten über ihre Herren ... Alles will fort … Geschieht den vielen Tyrannen und Leuteschindern schon recht, sagte sich Wörndle, dass ihre braven Arbeitstiere die Flucht ergreifen. Die werden sich eine neue, freie Heimat gründen in fernen Ländern und nicht französisch werden. Zehn Prozent ihrer Habe mussten sie als Abfahrtsgeld zurücklassen, loskaufen mussten sie sich von ihrer Untertanenpflicht. Aber sie zahlten ohne Zaudern, was man von ihnen forderte. Jetzt litten freilich viele der Armen, die sich von der Heimat loskauften, an bitterem Heimweh …

Wussten die Fürsten und Herren, was sie da verloren? Welches Menschenkapital sie abgaben an einen anderen Staat? Nein, sie konnten das nicht erfasst haben. Und sie spürten nichts von dem Weh in diesen Herzen. (AMG)

 

Den Hauptstrang der Romanhandlung bildet zunächst, übereinstimmend mit dem Romantitel, die Schilderung der weiten, abenteuerlichen „Wanderung“ ins Banat - per Schiff, Pferdewagen und letzten Endes zu Fuß – , verbunden mit den Gefahren auf der Donau – Strudel bei Grein – und den amtlichen Unwägbarkeiten bzw. bürokratischen Hindernissen.

Wie eine üppig illustrierte Reportage ziehen am inneren Auge des Lesers die Donauschiffe, die Ulmer Schachteln, vorbei, auf denen eifriges Treiben zu sehen ist. Dann rücken die an den Ufern der Donau aufgereihten  Halte- und Sammelorte der Auswanderer ins Bild, so auch Regensburg. Und die Massenszenen beschreibt unser Erzähler mit besonderer Vorliebe. Und gerade in

Regensburg treffen Auswanderer-Gruppen aus mehreren deutschen Landen zur Weiterfahrt nach Wien zusammen. Daraus ergeben sich neue Einsichten in den beschwerlichen Weg dieser Menschen:

 

Es ging die Mär, dass viele Auswanderer ihre Habe bis hierher schleppten und zuletzt doch daran verzweifelten, sie mitnehmen zu können bis nach Hungarn. Das lockte gar manche kluge Handelsleute an...

Auch am Ufer des Stroms wurde es lebendig, die müßigen Auswanderer kamen von allen Seiten herbei, und von den Ulmer Schiffen, die hier übernachtet hatten, stieg Rauch auf; in ihren Küchen wurde schon das Frühstück bereitet für die Ruderknechte.

Die Leute aus Baden und Württemberg, die gestern Abend mit diesen Schiffen gekommen waren, hatten  es gut, die gewannen einen Vorsprung. Sie hatten ihre Pässe wohl schon in Günzburg in Schwaben bekommen, wo ein Kommissär des Kaisers saß und allen zu Diensten stand, die sich ausweisen konnten, dass sie von ihrer heimatlichen Behörde entlassen worden waren. Hier in Regensburg ging das langsamer,da lief zu viel Volk aus ganz Süd- und Westdeutschland zusammen, da trafen sich die Leute aus Hessen und Franken, aus Nassau und Westfalen, aus der Rheinpfalz und aus Luxemburg, aus dem Elsass und aus Lothringen. Auch wer seinen Pass schon in Frankfurt behoben hatte, musste ihn hier vorweisen und bestätigen lassen, ehe er die Donaufahrt nach Wien antrat. Und an Schiffen war Mangel, es hieß Geduld haben. (AMG)

Fortsetzung folgt

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