Auf der Donau ins „wilde“ Banat (20)

Die frühe Ansiedlungszeit der Banater Schwaben im Spiegel der Literatur/ Romane von Karl Wilhelm von Martini, Adam Müller-Guttenbrunn und Gerda von Kries

Donnerstag, 14. März 2019

So gelingt es Gerda von Kries geschichtliche Fakten überzeugend mit der Gegenwartsebene der Romanhandlung zu verknüpfen und den Eindruck des Authentischen zu vermitteln. Dies gilt nicht zuletzt für die Beschreibung der Eigenart der Siedler und ihrer Lebensweise, die auf den Traditionen aus der alten Heimat beruht, aber weitreichenden Veränderungen, schweren Belastungen und Konflikten in der neuen Umgebung ausgesetzt ist.

Mancher Romanabschnitt liest sich wie eine volks- oder heimatkundliche Darstellung des banatschwäbischen Dorf- und Bauernlebens, das in seinem Jahreslauf beschrieben wird, die Arbeitswelt und das Brauchtum: die heißen Sommer, unheimliche Gewitter, Weizen- und Maisernte, letztere mit dem nachbarschaftlichen „Kukuruz-Lieschen“, die Weinlese, die Kirchweih und Sau-Schlacht bis hin zur Spinnstube und dem unvermeidlichen Dorfwirtshaus im kalten Winter. Gerda von Kries – sie soll sich „mehrere Monate am Schauplatz der Handlung“ aufgehalten haben[1] - reiht ihre mit Akkuratesse und erstaunlichem Einfühlungsvermögen gestalteten Banat-Bilder aneinander. Jene in helleren Farben erinnern an den Heimatmaler Stefan Jäger. Doch die verdeckten Sorgen und Ängste der Siedler lässt sie dabei durchscheinen wie „fahle Blitze“ vor den Gewittern. Denn die Idylle trügt, das Unglück lauert hinter der Fassade. Die „Sumpfhexe“ dürfte, so gesehen, nicht bloß als Zeichen des rückständigen Aberglaubens, sondern als eine Metapher verborgener Gefährdungen der Siedler verstanden werden.

Sie taucht leitmotivisch auf. Dazu zwei Ausschnitte:

" Mit ihren dürren Armen schwang die Alte den Stecken, und als Verena zum dritten Mal nach ihren Kindern rief, traf sie ein hasserfüllter Blick. Jobbi, den sie auf dem Arm hielt, schrie auf. Die Brüder kamen gerannt, es war ihnen auf einmal unheimlich geworden...

Da stand noch immer inmitten der aufgewühlten Staubwolken die gekrümmte Gestalt, mit ihrem wirren Haar, der spitzen Nase und den roten Augen wahrhaft an das Bild einer Hexe gemahnend und in einer unverständlichen Sprache Worte murmelnd, die nach Verwünschungen klangen. (Gerda von Kries)

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Mitunter wurde die brütende Hitze unterbrochen durch starke Gewitter und Wolkenbrüche. Hagelschauer prasselten nieder und versetzten die Bauern in Schrecken, Nicht selten geschah es, wenn die schwarzen Wolken am Horizont sich zusammenballten und fahle Blitze unheimlich zuckten, dass da und dort in den Siedlungen, in Habersack und Holderblüh, in Weinstock und Hirtenlied die Sumpfhexe auftauchte. Vom Fieberwetter umgetrieben, die Kinder erschreckend, von den Erwachsenen verscheucht und mit einem Fluch auf den Lippen verschwindend, kam sie und ging sie wie ein Gewitter und ließ Ratlosigkeit und Bangnis zurück. Wenn sich bald darauf eins der Kleinen legte, ein Opfer des Gifthauchs der Sümpfe, so ergriff abergläubische Furcht das ganze Dorf." (Gerda von Kries)

Die Ereignisse und Stimmungen in der Gemeinde werden zunehmend aus dem Erlebnishorizont der Enderlins geschildert. Im Dorf rumort es gewaltig, denn die Versprechungen der kaiserlichen Werbe-Patente werden nicht erfüllt. Sogar Josef Enderlin – er „war nicht die Natur, sich selbstständig im Kampf zu behaupten“![2]- begehrt mit anderen Unzufriedenen auf. Weiteres Ungemach droht von ungarischen Grundherren. Sie senden Agenten aus, die für ihre Güter deutsche Bauern in den Siedlerdörfern anwerben sollen, so auch in Weinstock. Verena gerät in helle Empörung, als ihr größerer Junge plötzlich ungarische Wörter ausspricht und  ihr Mann Josef sich den Verlockungen des „Fremden“ nicht abgeneigt zeigt. Gewissermaßen ein Vorgriff auf den Widerstand gegen die spätere Magyarisierung :

"Josef, Mann, das ist der Wolf, von dem es mir geträumt hat, er umschleicht uns, der will uns zerreißen.- …

Wie stellst du dir das vor, dass unsere Buben eines Tages in einer fremden Sprache kauderwelschen, nicht mehr Vatter und Muedder sagen, nicht mehr bittschön und dankschön, nicht mehr Gottwilche und Bhütisgott ...“(Gerda von Kries)

Die Siedler wehren den Anfängen. Ihr Gemeinschaftsgefühl zeigt sich bereits gefestigt, nicht zuletzt durch das gemeinsame Erlebnis der Aufbauarbeit aber auch der herben Schicksalsschläge. Die später zugewanderte Familie der Enderlins wird nur schrittweise von den Erstsiedlern akzeptiert; voll und ganz erst, als sie ihren ersten Toten, den kleinen Jobbi begraben mussten.

Die Erzählung folgt den Lebenswegen der Auswanderer selten über den Ort Weinstock hinaus, so nach Temeswar der ins nahe gelegene Neu-Arad.  Dazu gibt die Geschichte der mutigen Barbara Anlass, die „aus Liebe“ zu ihrem Verlobten ins Banat ausgewandert ist, in Weinstock eine Bleibe fand, und die Suche nach ihrem geliebten Wendelin  nicht aufgegeben hat. Sie schlägt sich bis zum höchsten Verwaltungsbeamten, dem „Administrationsrat“ Hildebrand in Temeswar.

Fortsetzung folgt



 

 

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