DIE BZ-REPORTAGE

„Die Zimmerdecke glänzte, weil alles steif gefroren war“ - Katharina Skulteti (92) erzählt von der schweren Zeit in der ehemaligen Sowjetunion

Mittwoch, 15. März 2017

Katharina Skulteti spricht alle vier Sprachen des Banats und ist eine treue Hörerin der Minderheitensendungen bei Radio Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

Es ist schon dunkel draußen, doch in dem Zimmer zur Straße brennt helles Licht. In dem kleinen Haus mit etwas abgetragener Fassade wartet heute Abend eine ganz besondere Gastgeberin auf uns: die 92-jährige Katharina Skulteti, die einzige ehemalige Russlanddeportierte, die noch in Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare, unweit der rumänisch-ungarischen Grenze, lebt. Sie hat ein blaues Kleid mit geometrischem Muster, einen blauen Pullover und eine dunkelbraune Weste, die sie warm hält, an. Auf dem Kopf trägt sie ein schwarzes Tuch.

In ihrem Schlafzimmer hängen Bilder an der Wand – von ihrem verstorbenen Mann, ihren Kindern und den Enkelkindern. Über dem Radiogerät hängt ein Kreuz aus Holz, mehrere Heiligenbilder lassen erahnen, dass die Bewohnerin eine treue Christin ist. „Jeden Sonntag in die Kirche gehen – das war einmal“, lässt Katharina Skulteti wissen. Sie bewegt sich langsam und schwer, doch geistig ist sie immer noch ganz fit.

„Das ist das Elternhaus meiner Mutter“, sagt sie. „Ich bin am 29. Juni 1924 in diesem Haus geboren“, fügt sie hinzu. Katharina Skulteti ist das älteste von vier Geschwistern. Ihr Mann ist verstorben, in Großsanktnikolaus lebt sie mit ihrem Sohn und dessen Familie. Sie hat noch eine Tochter in Deutschland und einen Sohn in Australien. Mit ihren Enkelkindern redet sie jede Woche über Skype.

„Es war an einem Sonntag in der Früh. Wir schrieben den 14. Januar 1945. Um 6 Uhr hat jemand an unser Fenster geklopft. Da es Winter war, schliefen wir alle im selben Zimmer. Es kamen ein Zivilist, ein rumänischer Polizist, ein rumänischer Soldat und ein russischer Soldat“, erinnert sie sich an den Tag, der das Leben der damals 20-Jährigen für immer verändern würde. Nachdem sie die Ausweise der Familie Kennerknecht überprüft hatten, nahmen sie Katharina mit. In alle Häuser, wo Deutsche wohnten, gingen die vier Männer und nahmen viele Schulkolleginnen und –kollegen von Katharina Skulteti mit. „Die Frau Schulde, die hatte vier kleine Kinder und musste diese Kinder allein lassen. Wie schwer war das…“, sagt sie mit zitternder Stimme, und Tränen füllen ihre hellblauen Augen.

In der Klosterschule neben der römisch-katholischen Stadtpfarrkirche, kamen alle Deutschen, die nach Russland gebracht werden sollten, zusammen, von da ging´s weiter in die rumänische Schule in der Calea lui Traian, der Taschanader Gasse. „Ein paar Tage vorher,  als mein Vater zu Mittag nach Hause kam, um zu essen, kam der Schönberger zu uns. Das war ein Jude, aber ein großer Kommunist. Der fragte meinen Vater: ´Hältst du zu mir?´ Daraufhin sagte mein Vater: Ich halte zu keinem - nicht zu den Deutschen, nicht zu den Ungarn und nicht zu den Juden“, erinnert sie sich. „Der Schönberger“ nahm eine ihrer Kolleginnen aus der Reihe – diese Frau durfte zu Hause bleiben. Deren Vater hatte wohl dem Schönberger die gewünschte Antwort gegeben...

Fast eine Woche lang verbrachten sie in der Schule, von da fuhren sie mit einem Lkw nach Perjamosch, zum Bahnhof. Deutsche aus allen Ortschaften des Banats stiegen in den Zug, der Richtung Kronstadt fuhr. „Wir wussten, dass wir nach Russland fahren“, sagt Katharina Skulteti. Anfang Januar 1945 hatten die Sowjets die rumänische Regierung aufgefordert, die arbeitsfähigen Rumäniendeutschen - Schwaben und Sachsen - zur Zwangsarbeit auszuliefern. Insgesamt etwa 70.000 Männer, von 17 bis 45, und Frauen, von 18 bis 30 Jahren, aus ganz Rumänien wurden in die ehemalige Sowjetunion verschleppt. Sie sollten zum Wiederaufbau des Nachkriegs-Russlands helfen. Nur noch knapp die Hälfte dieser Menschen kehrte zurück.

In Râmnicu S²rat machte der Zug halt. „Viele Leute waren schon unterwegs krank geworden“, sagt die Frau. Katharina Skulteti blieb zusammen mit weiteren neun Menschen fünf Tage lang in Râmnicu S²rat, wo sie in der Wäscherei tätig war – sie musste die Hemden und Hosen der russischen Soldaten waschen. „In dieser Zeit kamen viele Züge mit Deutschen, die nach Russland sollten, an - von Orschowa, Karansebesch, Reschitza und aus vielen Ortschaften aus Siebenbürgen“, sagt sie. Mit einem Transport aus Arad fuhr schließlich auch sie weiter nach Russland.

In Dnjepro Dscherdschinsk hielt der Zug an, dort stiegen einige aus. Doch Katharina Skulteti fuhr weiter bis Pitihatka, wo sie auswaggonniert wurde und 16 Kilometer zu Fuß bis zum Arbeitslager gehen musste. „Es war Ende Januar. In dem Lager stand ein neues, leeres Gebäude. Wir bekamen Strohsäcke zum Schlafen und Krautsuppe zum Essen“, erinnert sie sich. „Die Zimmerdecke glänzte, weil alles eingefroren war“, sagt sie. „Im Ofen konnten wir kein Feuer machen, weil der Ofen keinen Zug hatte“. Wie kalt es draußen war, wollen wir von Katharina Skulteti wissen. „Schrecklich kalt“, antwortet sie kurz. „Die Männer mussten ein tiefes Loch graben. Doch als sie mit dem Spaten in die Erde reinhauen wollten, sprangen die Funken, denn alles war zu Stein gefroren. An dem Tag bekamen wir nichts zu essen“, erzählt sie. „Ich hatte von zu Hause Schinken, eine halbe Tafel Speck und zwei Würste mitgebracht“, sagt sie. Das wenige Essen von zu Hause half ihnen, zumindest eine Zeit lang zu überleben. „Das Wasser konnten wir auch nicht trinken, denn es kam von den Eisenberggruben und war rosa. Wir musste es zuerst kochen“, fügt sie hinzu.

Mitte März wurden insgesamt 50 Frauen in ein anderes Lager überführt – darunter auch Katharina Skulteti. In diesem Arbeitslager waren größtenteils Polen tätig. Die Frauen mussten in der Küche aushelfen, die Wäsche waschen und sauber machen. Am 1. September löste sich das Lager auf und die Polen fuhren nach Hause. Doch alle anderen blieben weiterhin in Russland.

Mit vielen Einzelheiten erzählt Katharina Skulteti von dem, was vor 72 Jahren geschah. Menschen und Schicksale kommen ihr ins Gedächtnis, als ob es gestern gewesen wäre. „In einem Kolchos arbeitete ich vom 1. September bis am 1. Dezember 1945. Wir schnitten Kraut, säuerten es ein“, erinnert sich die Frau. „Da ist mir zum ersten Mal schlecht geworden und ich bin zusammengebrochen“, fügt sie hinzu. Anschließend führten sie alle Rumäniendeutschen aus diesem Lager nach Rudnik Lenin, wo viele Temeswarer arbeiteten. „Zu zweit schleppten wir eine ´Nosilka´ - eine Trage mit 50 Steinen. Wir schleppten auch je zwei Eimer mit Mörtel“, erzählt die Greisin. Und es fällt einem schwer, sich vorzustellen, wie die 1,50 Meter hohe Frau allein die ganze Last tragen konnte. In Rudnik Lenin war Katharina Skulteti in der Maurerabteilung tätig.

Doch die harte Arbeit hinterließ Spuren. Plötzlich ging es Katharina Skulteti sehr schlecht: Arme, Beine und ihr Gesicht waren komplett geschwollen. „Rheuma war das“, sagt sie. „Ich durfte von dem Zeitpunkt an keine harte Arbeit mehr verrichten. Man ließ mich in den Zimmern sauber machen, die Betten richten und Ähnliches“, sagt sie. Das ganze Jahr 1946 über ging sie dieser Arbeit nach. „Wir bekamen täglich Krautsuppe und Sauerkraut“, erinnert sich Katharina Skulteti. Jozsi, der Lagerkommandant, war ein Temeswarer. Eines Tages sagte er zu ihr: „Pack deine Sachen, du fährst weg“. Wohin, wollte sie wissen. „In ein anderes Lager“, sagte Jozsi. Doch das stimmte nicht. „Wir fahren ´domoy´, nach Hause“, erfuhr sie bald darauf von einem russischen Soldaten. Sie fuhren mit dem Lkw nach Kriwoj Rog, wo sie in den Zug stiegen. Die Heimreise sollte aber unheimlich lang werden.

 „An einem Tag fragte ich einen Mann am Bahnhof, wo wir sind. ´Dacă mergeţi jumătate de zi, ajungeţi la Cernăuţi´, sagte dieser“, erinnert sich Katharina Skulteti. Sie freute sich insgeheim, denn sie wusste, dass Rumänien nicht mehr so weit weg war. Doch sie sollte sich irren. „Wir fuhren vom 5. November bis am 25. November 1946 mit dem Zug und kamen in Frankfurt/Oder an“, sagt sie. Ihre Freundin Hanna Wilhelm war auch dabei. In Frankfurt/Oder bekam sie den russischen Entlassungsschein. Von da kam sie nach Hoyerswerda bei Bautzen, in ein anderes großes Lager, wo sie Weihnachten 1946 verbrachte. „Wir gingen zu den Leuten und bettelten, wir verlangten zu essen“, sagt sie. In Deutschland herrschte auch Hungersnot. „Das ist die Wahrheit“, fügt sie trocken hinzu.

Im Januar 1947 fuhr sie zusammen mit Hanna, einer gewissen Frau Blasi aus Temeswar und einem Mann aus Elek in Ungarn nach Freiberg, um dort angesiedelt zu werden. Doch die vier wollten nicht in Deutschland bleiben, sondern nach Hause. „Wir stiegen früher aus. Wir nahmen mit nur soviel, wie wir in einer Hand tragen konnten“, sagt sie. Von Hof gingen sie zu Fuß bis zur Grenze, übernachteten im Wald, fanden Zuflucht bei Menschen. Die Wege der vier Reisenden trennten sich in Regensburg, Katharina Skulteti hatte ab Regensburg nur noch Hanna als Weggefährtin. Mit dem Zug fuhren sie durch Ostdeutschland und kamen im Messerschmitt-Lager in Bayern an. Von da ging die Reise weiter nach Brandenburg, dann wieder zurück nach Passau und über die Grenze nach Österreich. An vielen Orten durfte sie die Güte und Hilfsbereitschaft der Menschen kennenlernen – bei dem Bauern in Österreich, zum Beispiel, bei dem sie übernachten durften und bei dem sie das erste Kornbrot nach langer Zeit aß.

Über verstrickte Wege kam Katharina Skulteti nach Wien und von da nach Ungarn. In Hegyeshalom angekommen, der ersten Station in Ungarn, wurde sie wieder nach Wien geschickt. Es war Karsamstag 1947. Hier hatte sie Glück, die rumänische Delegation für Repatriierung anzutreffen. Dort begegnete sie einem Mann aus Sarafol/Saravale – dieser half ihr, alle Papiere zu bekommen, um nach Hause fahren zu können. Im Mai 1947 kam Katharina Skulteti bei ihrer Familie in Großsanktnikolaus an. „Am nächsten Tag war Christi Himmelfahrt. Das vergess´ ich nie“, sagt sie.

Auch wenn sie schon etliche Male von der dunkelsten Episode ihres Lebens berichtet hat: Eineinhalb Stunden lang erzählt Katharina Skulteti ununterbrochen, antwortet auf Fragen, erinnert sich detailliert an alles, was damals geschah. Menschen und Schicksale kommen ihr ins Gedächtnis, mit Einzelheiten kann sie schildern, was sie in Russland und auf der endlosen Heimreise erlebt hat. Keinen einzigen Schluck Wasser trinkt sie in dieser Zeit.

„Jetzt müssen wir noch warten, bis das Geld aus Deutschland kommt“, sagt Forumsvorsitzende Dietlinde Huhn. Vergangenes Jahr halfen ihr Dietlinde Huhn und Erna Toth vom Deutschen Forum aus Großsanktnikolaus bei der Erstellung der Dokumentation, um die Entschädigung von 2500 Euro vom deutschen Staat für ehemalige Zwangsarbeiter zu bekommen. Doch obwohl seitdem gut sieben Monate vergangen sind, kam bisher kein einziger Euro auf dem Konto von Katharina Skulteti an.  „Ach Gott, das erlebe ich nicht mehr“, sagt Katharina Skulteti und schüttelt traurig ihren Kopf. „Doch, doch“, versichert sie die Forumsvorsitzende.

Auch wenn sie beim ersten Anblick schwach zu sein scheint, so ist eins sicher: Katharina Skulteti gehört zu den Starken. Wie sonst hätte sie das unermessliche Leid der Russlanddeportation überleben können?

Kommentare zu diesem Artikel

Johann Köstner, 19.03 2017, 12:20
Mein Vater, geb.am 14.Oktober 1930 in Wolfsberg, wurde am 15.Januar 1945 nach Russland verschleppt. Somit war auf den Tag genau 14 Jahre und 3 Monate.Er kehrte dann 1947 auf Grund seiner Schwäche wieder nach Hause zurück.
Thea, 17.03 2017, 02:30
Meine Mutter ( Jahrgang 1918 ) hat das gleiche Schicksal erlebt .Sie lebt in Bayern und wird in diesem Jahr 99 Jahre alt.Sie war von 1945 bis 1949 in Krivoj Rog.

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