Grüßgott Genossen, Kameraden Fuckoff!

Wie und warum ich zur Aktionsgruppe kam

Sonntag, 13. Mai 2012

Schriftsteller und Journalist William Totok eröffnete im Foyer der West-Universität Temeswar eine Ausstellung über die Aktionsgruppe Banat.

Meine Damen und Herren,

Ich komme aus dem Grüßgottland. Das Grüßgottland liegt, vom Norden aus betrachtet, stets im Süden. Ja, ich habe in meiner Kindheit Grüßgott gesagt.

Das ist lange her.

Heute lebe ich selbst im sprichwörtlichen Norden, dort, wo man sich gerne erzählt, dass man sich im Süden Grüßgott sagt und dabei bloß Gutentag meint.

Grüßgott Genossen!

In meiner Kindheit sagte man Grüßgott und meinte Gutentag, und man sagte Gutentag und meinte: Gott erbarme dich unser.

So katholisch waren wir.

Wir?

Meine Kindheit fiel in den Stalinismus und das Ende meiner Kindheit in den Poststalinismus, damals gerne als „Tauwetter“ und „Prager Frühling“ bezeichnet.

Der „Prager Frühling“, das Festival für klassische Musik hinter dem Eisernen Vorhang!

Ja, auch ich war hinter dem Eisernen Vorhang, und dass ich mich dort befand, und zwar nicht ganz freiwillig, erfuhr ich zunächst einmal von meinem politisierenden Großvater. Er machte auch jemand dafür verantwortlich. Goebbels oder Churchill. Ich weiß es nicht mehr.

Die Bestätigung für die Aussage meines Großvaters betreffend den Eisernen Vorhang erhielt ich bald danach aus dem Radio. Aus dem ORF. Grüß Gott.

Das Festival gab es bis zuletzt, und so konnte ein Freund in Bukarest Jahr für Jahr in der offiziellen Zeitung für die deutsche Minderheit „Neuer Weg“ Schlagzeilen wie die folgenden schreiben: Auch in diesem Jahr wieder Prager Frühling. Oder: Prager Frühling populärer denn je. Niemand konnte ihn daran hindern. Es war sein subversives Statement. Sein Grüßgott.

Nein, meine Landsleute sind nicht bigott. Sie sind katholisch im landläufigen Sinn. Sie gehen kaum in die Kirche, lassen aber die Kinder taufen und legen gelegentlich die Beichte ab. An Familienereignissen und selbstverständlich vor dem Tod. Es gehört zu den genialen Eigenschaften des Katholizismus, dass er nicht nur die Beichte abnimmt, sondern auch die Entscheidung über deren Zweckmäßigkeit souverän den Menschen überlässt. Er gibt ihnen die Möglichkeit, sich mit dem Glauben zu arrangieren. So hatten sich die Banater Schwaben mit ihrem Glauben arrangiert und die Kirche konnte im Dorf bleiben. Ihre Aufgabe war es, den Lebenszyklus zu begleiten.

Die Dorfbewohner schätzten ihre Priester wenig, aber sie respektierten Gott und seinen Stellvertreter in Rom. Die Priester galten ihnen als verkauft und verkommen, als Lüstlinge und Magyaronen.

Magyaronen?

Das waren die zu den herrschenden Ungarn übergelaufenen schwäbischen Intellektuellen. Ihnen wurde Verrat vorgeworfen.

Ansonsten orientierte sich der schwäbische Bauer im Banat am Volkskalender und dessen Bauernregeln, und in der übriggebliebenen Zeit wartete man auf den Ruf des Reichs. Darauf wartete man sogar noch als Spätaussiedler in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die RU-Nummer, Rumänien-Nummer. die jeder Antragsteller von den bundesdeutschen  Behörden erhielt, wurde allgemein Ruf-Nummer genannt.

Heute betrachten sie ihre Ausreise als Ablehnung des Kommunismus, und sich selbst als die wahren Antikommunisten.

Nein, es war nicht schwer, links zu sein.

Das Banat ist eine im äußersten Westen Rumäniens gelegene Region, es ist aber auch eine habsburgische Provinz. Als Region im heutigen Rumänien ist es die am deutlichsten europäisch geprägte. Es ist eine unverkennbar habsburgische Provinz mit Ischler und Dobosch, aber ohne Gustav Mahler.

Dafür aber mit Bartok, wie der Zwischenrufer meint.

Bartok? Hat der etwa in Großsanktnikolaus dirigiert oder bei den Nakos Hausmusik gemacht?

Auch die Großsanktnikolauser haben ihre Ischler selbst gegessen.

Mit dem Habsburgischen verbindet sich ein übersteigertes Selbstbewusstsein, das die Bewohner über die ethnischen Grenzen hinaus phalanxgerecht handeln lässt, und das oft als Dünkel wirkt, und gleichzeitig den Genius loci fördert. Der Volksspruch, das Banat ist der Kopf, wird bis heute gerne zitiert, obzwar kaum ein rumänischer Denker von größerer Bedeutung aus der Region hervorgegangen ist. Andererseits lobt man sich zurecht für den Temeswarer Aufstand vom Dezember 1989, der den Sturz des Diktatorenpaars einleitete.

Und trotzdem: Was war der Westen im Temeswar der siebziger Jahre? Was, außer Markenjeans und jugoslawischem Fernsehen, Lepa Brena, der Vorturnerin des Turbo Folk,

 die Pille auf dem Schwarzmarkt, und für alles andere Vegeta, der Belgrader Suppenwürfel?

Die habsburgischen Provinzen waren vorbildliche Verwaltungsräume. In diesen ging es ums Kathaster, nicht um das Lebensgefühl. Man hatte sein Auskommen, seine Tischsitten und seine Rezeptur, aber Kreativität war nicht gefragt. Wer mehr wollte als nur Fliegen lernen, musste das Banat beizeiten verlassen. Das ist bis heute so geblieben.

Die Sprachen wurden gesprochen, mehr nicht. Man lebte nicht friedlich zusammen, wie der dem heutigen Klischee angepasste Mythos nahe legt, man ging sich vielmehr erfolgreich aus dem Weg. Die vielbeschworene gegenseitige Akzeptanz gehörte zur Geschäftsgrundlage. Man traf sich auf den Märkten der Städte, um vielsprachig zu feilschen.

In den Dörfern hingegen lebte man ethnisch getrennt. Jede Gruppe, auch die kleinste, zelebrierte ihren Lebensstil. Die Freiheit war eine Frage der Zugehörigkeit. Jede Gruppe hatte ihre bevorzugte Tätigkeit, ihr patentiertes Wissen. Diese Regelung wird die Industrialisierung erschweren.

Jeder hatte sein eigenes Banat.

Man wanderte sogar ethnisch getrennt aus.

So gingen die Deutschen nach Wien und Berlin, die Juden nach Budapest und Wien, und nach Berlin und Tel Aviv, die Rumänen nach Bukarest und Paris, die Ungarn nach Budapest und die Serben nach Belgrad und Paris.

Alles Rückfahr-Tickets. Alles Retourkutschen?

Im Habsburgischen konnten selbst die Juden bloß Zionisten sein, wenn sie nicht große deutsche oder ungarische Schriftsteller werden wollten.

Das Banat hatte seine Bedeutung nicht in den kulturellen Leistungen seiner Volksgruppen vor Ort. sondern in dem Zugang zu deren Herkunftskultur. Diese Gesamt-Konstellation ist die notwendige Voraussetzung für die späteren Phänomene Aktionsgruppe und Phönix. Man saß am Mischpult der siebziger Jahre, und die Aneignung folgte den Regeln der Moderne und jenen der Postmoderne. Man konnte gleichzeitig die „Glocken der Heimat“ von Adam Müller-Guttenbrunn und den „Geometrischen Heimatroman“ von G F Jonke lesen.

Das Dilemma ließ sich eventuell auch durch den Griff nach Oswald Wieners Verbesserung von Mitteleuropa umgehen.

Über die Banater Schwaben gab es den Zugang zur großen deutschen Literatur, die sie nicht gelesen hatten, und zu den Tiefen der deutschen Sprache, von denen sie kaum etwas ahnen konnten.

Durch den Kontakt zu den Rumänen, lernte man viel über Rom und den Mediterran. Durch die Serben über das Slawentum, den Balkan und den Titoismus, den Reformmarxismus.        

Durch die Ungarn eine andere Sicht auf Mitteleuropa, als die deutsche es war. Durch die Juden den Blick für den Kosmopolitismus, aber auch die Komintern und das Hotel Lux.

Auch die Banater Schwaben hätten Manches lernen können.

Es waren die sechziger Jahre, die siebziger.

Zu den kulturhistorischen Faktoren kamen die damals aktuellen: Der rumänische Nationalkommunismus und die Popkultur. Zwei  Themen, bei denen die Freiheit im Mittelpunkt stand, und jeweils etwas ganz anderes meinte. Die Freiheit ist ein Lebensgefühl. Es wurde in den Sechzigern, vor allem durch die Rockmusik, um den Planeten getragen. So kam das Englische ins Banat.

Bleiben wir bei der Freiheit.

„Der Kanarienvogel gelb wie ein Dotter/ Das Gefieder weich das Auge matt/  Sang hinter dem Silber der Drähte / Sein Vers verlor sich im Wind“. So heißt es in einem frühen Song der Temeswarer Rockgruppe Phönix.

Im  September1965, gleich am  Anfang des Schuljahrs, kam es in dem Banater Dorf Perjamosch, in dem ich damals lebte, zu einer Sensation, die zu weiteren wundersamen Ereignissen führen  sollte.   

Es begann damit, dass wir  aufgefordert wurden, in der großen Pause in den  Klassenräumen zu bleiben, was wir  nur ungern taten. Im Gegenzug steigerten wir den ohnehin schon unerträglichen Schullärm noch weiter.

Dann standen auch bereits die Lehrer vor uns und  teilten uns kommentarlos mit, die russische Sprache sei nun nicht mehr die einzige, die das Proletariat außer der jeweiligen Muttersprache zu kennen habe. Als dem Russischen gleichwertig galten von nun an Englisch, Französisch und Deutsch. Und da ja die Liebe zu einer Sprache bei deren Erlernen und Gebrauch den Ausschlag geben sollte, wurden wir Kinder aufgefordert, selbst zu entscheiden, welche Sprache wir lernen wollten.

Als Banater Schwabe hatte ich Deutsch als Muttersprache, und Russisch spielte bei uns zu Hause, wie im ganzen Dorf, keine Rolle, außer wenn mein Vater heftig fluchen wollte, wofür ihm sein Deutsch unzulänglich erschien.  Er hatte für derlei Fälle  die passenden russischen Wendungen aus der Deportation nach dem  Krieg mitgebracht.

Ich war dreizehn, und Englisch war das Größte. Ich hatte keinen Gott neben dem Englischen, und das wiederum hatte mit dem Radio zu tun, das ich nachts  hörte, nachts, wenn die Mittelwelle ruhiger war, und die Musik nicht mehr von den Tagesparolen unterbrochen wurde.

Ich wählte an jenem Tag, als die Lehrer uns dazu aufforderten, Englisch, das offiziell immer noch die Sprache von Uncle Sam war,  von der Geschäftemacherei und vom Pleitegeier. Es war aber auch die  Sprache der Lieder, die ich nachts im Radio hörte.

Ich besaß ein Kofferradio mit Batterien. Es war das erste rumänische Kofferradio, und steckte in einer stinkenden Plastikhülle. So etwas wäre im Westen undenkbar, sagte meine Mutter. Dort hatte das Plastik einen angenehmen Geruch zu verbreiten, sonst würde kein Mensch ein solches Radio kaufen. Denn im Westen konnte man aussuchen und auswählen, während bei uns jeder  nehmen musste, was er kriegen konnte. Aussuchen und auswählen. Das Englische war genau  das Richtige für mich.

Wir bekamen bald eine junge Englischlehrerin aus der Stadt Temeswar. Es war die Zeit, in der meine Schrift sich zuerst nach vorne neigte. Und daraufhin immer kleiner wurde, bis man sie kaum noch lesen konnte. Meine Schrift war in den Augen der Lehrer keine Schrift mehr. Sie sprachen mit meinen Eltern ein ernstes Wort, woraufhin meine Schrift auch für diese keine Schrift mehr war. Nur für mich war es noch eine Schrift, es war meine Handschrift.

Über die Veränderung meiner Schrift hatte nur die junge Englischlehrerin, die aus Temeswar zu uns gekommen war, nichts gesagt. Eines Tages aber traf ich sie vor der Schule, und während ich beobachtete, wie sie mit ihren langen Sechziger-Jahre-Beinen über eine Pfütze sprang, sagte sie plötzlich zu mir: Meine Kollegen meinen, du hättest früher so schön geschrieben.. Ich blieb stehen, und sie lief weiter, und ich beschloss nur noch mit dem Radio Englisch zu sprechen, mit  den Beatles.

Danach begann meine Schrift sich ohne jede Erklärung wiederaufzurichten und größer zu werden, lesbarer, wie die Lehrer lobend sagten. Und auch die Beatles schienen nichts dagegen zu haben.

Mit den Beatles versuchte es auch die junge Englischlehrerin. Sie versuchte es nicht mit den Beatles selbst, sondern mit einer Schallplatte, die nicht einmal von den Beatles stammte, sondern eine Coverversion einer Temeswarer Band zu Lady Madonna enthielt.

Nichts ist schlimmer als das Komplizentum zwischen jungen Lehrern und Schülern. Indem sie ihre Nähe zu den Schülern betonen, erwecken die jungen Lehrer den Eindruck, sie würden sich um die Belange der Schüler kümmern, und Staat und Eltern gegenüber die Sache der Jugend vertreten.

Das ist eine Täuschung, und .sie, die jungen Lehrer sind bloß die Coverversion des sattsam Bekannten. Ich hörte einfach nicht zu, wenn die Englischlehrerin ihre Coverversion abspielte, ich forderte vielmehr von ihr, sie solle von der sogenannten Maxi-Single, mit insgesamt vier Titeln, einen von der A-Seite spielen. Es war das Lied vom „Kanarienvogel“, das spätere Phönix-Kultsong.

Das ist nicht Englisch, hörte ich die Englischlehrerin sagen.

Nein, sagte ich, aber hören Sie zu:

„Armer Kanarienvogel dir schien wohl / Sie hätten den Horizont weit aufgemacht / Es war nichts weiter als ein Traum / Verwundet fielst du zu Boden.“

Mittlerweile war es 1968 geworden, und es war schon August. Die Dörfer brannten im Feuer der Sonne. Das nannte man Licht.

Die Aktionsgruppe hat es nie gegeben, höre ich mich plötzlich sagen. Es gab die

Waffen-SS, und die Kommunistische Partei, und es gab die Russen.

Man arrangierte sich.

Not macht erfinderisch, pflegten meine Landsleute zu sagen, und das war  in ihren Augen fast schon Gesellschaftskritik.

In den neunziger Jahren, als alles längst vorbei und fast schon Geschichte war, und man sich dagegen zu wehren hatte, nur noch Zeitzeuge zu sein, hielt ich mich regelmäßig in der Kleinstadt Großsanktnikolaus auf, in der ich die meiste Zeit in den sechziger Jahren verbracht hatte. Der Grund war ein Familiengrund. Meine Mutter war nach dem Tod ihres Mannes, meines Vaters, in die Kleinstadt umgezogen, weil dort Verwandte von uns lebten.

Meine Mutter hatte eine kleine Wohnung in der Stadtmitte.

Zwei Häuser weiter befand sich die Orthodoxe Kirche und dahinter kommt das Schulgebäude, in dem ich das Lyzeum absolviert habe.

Beim Abschreiten der alten Wege, beim In-Augenschein-Nehmen der Orte von früher hatte ich den Eindruck all diese Orte seien winzig, und es war mir kaum mehr vorstellbar, wie man sich an einem solchen Ort jahrein, jahraus aufhalten konnte, wobei er nur mit etwas Fantasie als Ort erkennbar war.

Dieser Ort, Großsanktnikolaus, war zu klein, um über das Kartographische hinauszugehen, blieb aber trotzdem als hasbsburgische Kleinstadt erkennbar. Noch in den sechziger Jahren gab es Gebäude, die an die gute alte Zeit erinnerten. Die Frage ist nicht, ob es diese gute alte Zeit tatsächlich gegeben hat, sondern warum man sie immer noch erzählen wollte. Erst die Beantwortung dieser Frage lässt die Geschichte der Aktionsgruppe als wahre Geschichte erscheinen.

Großsanktnikolaus war einer der Orte, aus denen man fortzugehen hatte. Dass es nicht einer dieser Orte geblieben ist, lag nicht  an Großsanktnikolaus. Dieses gilt seit 1989 als ein einzigartiges Erfolgsmodell in der Kommunalpolitik Rumäniens. Die Wirtschaft boomt von Anfang an. Arbeitskräfte werden aus den umliegenden Ortschaften mit betriebseigenen Bussen herangekarrt. Es herrscht beinahe Goldgräberstimmung.

Die Erklärung: Ein cleverer Verwaltungsstammtisch hat sich nicht um die moralisierende Aufarbeitung des Kommunismus geschert, sondern pragmatisch gehandelt, alte Seilschaften genutzt und vor allem die Nähe zur ungarisch-serbischen Grenze. Großsanktnikolaus ist die letzte Stadt der Rumänen, hinter ihr beginnt eine Ecke, ein Territorium, in dem die Bukarester Staatsgewalt sich nicht mehr durchsetzen konnte. Ein Niemandsland, im Volksmund heiterer Winkel genannt.

Städte wie Großsanktnikolaus hielten den Rand des Habsburgischen gleichermaßen real und symbolisch fest. Auf der einen Seite konnte man mit „einmal umsteigen“ nach Budapest und Wien gelangen, auf der anderen ins tiefe Niemandsland. Wen interessierte es schon, auf welche Weise man in die Türkei kam?

Großsanktnikolaus  war in den verwirrenden neunziger Jahren ein Modellfall, über den man allerdings nur ungern sprach. Politisch hatte sich dort kaum etwas geändert. Der letzte   Bürgermeister der Diktatur war auch der erste der Revolution und bei den freien Wahlen triumphierten die Linksnationalisten.

Der Korso war jetzt eine Fußgängerzone mit schmiedeeisernen Bogenlampen und falschem Marmor unter den eiligen Füßen. Man ist auf den bescheidenen Wohlstand aus. Wie damals, wie immer schon.

Jede, auch die kleinste Stadt, die man zum Aufenthalt nimmt, hat ihre magischen Orte. Dazu gehörten für mich das Kino und die Buchhandlung.

Auch das Kino erschien mir jetzt winzig und ich habe es nicht betreten, weil ich mir meinen Eindruck von früher, meine Erinnerung, erhalten wollte. In diesem Kino habe ich all die Filme gesehen, die mir in meiner Jugend wichtig waren, italienische, französische. Dass die Filme nicht synchronisiert waren, sondern mit Untertiteln liefen, machte das Kino wirklich. Ich sah etwas, was du nicht siehst.

In der Buchhandlung lagen seit vielen Jahren die Bücher, die in Bukarest Sensationen darstellten, hier aber keinen interessierten, Roger Garaudys Essay über einen Realismus ohne Grenzen, auf der berühmten Kafka-Konfrenz von 1963, die den sogenannten Sozialistischen Realismus in Frage stellte, und Dino Buzzatis Roman „Die Tatarenwüste“, dessen Hauptheld der Offizier Giovanni Drogo, in seiner Grenzfestung ein Leben lang auf den Angriff der Tataren zu warten hat.

Im Kino war die große weite Welt und in der Buchhandlung die Weltliteratur. In die große weite Welt nahm man am Wochenende Einblick und die Weltliteratur blieb ein Ladenhüter. Statt dessen las man so manches gutes Buch.

Die Ablehnung der Provinz ist eine Provokation. Aber für wen?

Banater Straßennamen

das ist der gehweg

das ist der bleibda

das ist der bleibweg

das ist der daweg

das ist der gehbleib

das ist der wegda

(1973, aus „Klartext“)

Wer es schafft wegzugehen, ist damit noch lange kein Gegner der Provinz, vielmehr ist er ein Nutznießer ihrer Hilflosigkeit. Die Provinz braucht ihre Zuordnung und sie braucht das falsche Gewicht der Staatsangehörigkeit. Nur so ist es ihr möglich auf die Tataren zu warten.

Die Stadt hat ihren Gehsteig und die Provinz ihren Strand. Auch das emblematische Foto der Aktionsgruppe ist ein Strandfoto. Es zeigt das Maroschknie bei Perjamosch. Es war ein Strand für alle. Aber nach dem Weggang meiner Landsleute ist er verödet und verwaist. Die Fähre, die es ein Jahrhundert lang gab, ist irgendwann in den verdunkelten letzten Jahren der Diktatur, im Fluss liegen geblieben.

Wahrscheinlich liegt sie immer noch dort, eine verrostete Ophelia, von der aus mein Vater in seiner Jugend regelmäßig ins Wasser sprang, um unauffällig das Badehaus der Nonnen in Augenschein zu nehmen. Mein Vater liegt auf dem katholischen Friedhof, und die Nonnen auch. Ihre Körper ruhen in angemessener Entfernung voneinander.

Die Aktionsgruppe hat nicht den Kommunismus kritisiert, sondern die Welt ergänzt.          

Kameraden, von allen Seiten, fuck off!

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