Leserecke

Im Schatten der Akazienbäume (V)

Donnerstag, 14. März 2019

Die Josefstädter Synagoge heute. Foto: Zoltán Pázmány

Ich finde, dass wir, die Kinder dieser Stadt, ein wertvolles Geschenk dadurch erhalten haben, und zwar die selbstverständliche Toleranz.

In allen anderen Gebieten, die ich später durchstreifte, mussten sich die Menschen intensiv mit dieser Problematik auseinandersetzen. Man muss die Toleranz, wie die Liebe, gleichermaßen nähern. Man braucht nicht allzu viel darüber zu sprechen, man muss sie erleben.

Erinnerungen reihen sich auf, wertvolle Perlen in der Kette der Zeit. Bilder rollen hinter heruntergefallene Lider. Die Familie bricht auf. Feierlich gekleidet nähern wir uns der Synagoge. Auf der linken Seite der Straße, vor der Brücke, klein und bescheiden, wartet sie auf uns, als ob sie wüsste, dass wir seltene Gäste sind. Die orthodoxe Synagoge der Josefstadt. Spannung breitet sich aus und ich bin voller Erwartung. Bald werde ich meiner Mutter folgend die Treppen steigen. Vorher werfe ich noch schnell einen neugierigen Blick in den Hauptraum der Synagoge. Mein Vater hat sich schon den Kopf bedeckt und begrüßt Freunde und Bekannte. Als kleines Kind durfte ich ihn noch begleiten, aber ich weiß, dass ich oben, in der für die Frauen abgeteilten Passage, meine Freunde treffen werde. Wir steigen die gewundenen Treppen hoch und betreten den engen Raum. Dunkle Holzbänke reihen sich hintereinander. Die reservierten Plätze sind mit einem Gebetbuch belegt. Gebet und fröhliches Geklatsche mischen sich miteinander. Ich drücke meine Nase gegen das Gitter. Unten, in der ersten Reihe, mit einem großen Tallis um die Schultern und einem schwarzen Hut sehe ich meinen Großvater. Vertieft in seiner Frömmigkeit bewegt er sich in den in ihm verwurzelten Rhythmen.

Denkt er an seine Jugend in der Leopoldstadt in Wien? Sieht er noch nach so langen Jahren das Elternhaus in der kahlen Wiener Straße? Das Ende des Ersten Weltkrieges und die Zeit der endgültigen Entscheidung, die seinem Leben einen neuen Kurs gab, liegen weit zurück. Temeswar, in der Gestalt meiner Großmutter, hat ihn damals für immer aus Wien entführt und später, während des zweiten Krieges, ihm, dem von Zuhause gerissenen Sohn, das Leben gerettet. Er sprach nie darüber. Nur meine Großmutter erwähnte gelegentlich die Wiener Cafés. Ich habe mich oft gefragt, was wohl in seiner Seele vorging, so nah und trotzdem endgültig von Wien getrennt. Könnte es sein, dass Temeswar, „das kleine Wien“, die Stadt an der Bega, in der, nach Meinung alter Temeswarer, sich Wiener Chic und Budapester Charme sich vereinten, ihn glücklich machten? Oder waren es meine Großmutter und die fünf Kinder, die ihm Erfüllung schenkten? Ich werde es wohl nie erfahren, da er uns schweigsam und klaglos verließ, um im jüdischen Friedhof in die Ewigkeit zu segeln. Obwohl ich Temeswar als tolerant gegen verschiedene Nationen und Religionen erlebt habe, bedauere ich noch heute, dass es mir nicht möglich war Hebräisch zu lernen. Als ich klein war, im Grundschulalter, war das Erlernen Jerusalems Sprache verboten. Ich sage es mir immer, dass es nicht Temeswars Schuld war, sondern das System sperrte sich gegen jede Öffnung. Es lebte in der Angst, seine Juden zu verlieren. Allerdings, viel später, wurde dies auch für den Staat ein gutes Geschäft.

(Fortsetzung folgt)

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