Maßgeschneidertes für die Marktwirtschaft

Genossenschaft mit harter Realität konfrontiert

Radu Cristea ist seit 30 Jahren bei „Îmbracamintea“ beschäftigt. Sein Optimismus ist ungetrübt: „Wir passen uns immer an“.

Trachten, Fracks und Juristenroben gehören zu den Aufträgen im Modehaus (Foto: Außenansicht). Doch oft müssen die Schneider auch mit schlecht bezahlten Reparaturen an Gebrauchtkleidung Vorlieb nehmen.

Seit 2002 ist Nicolae Fluxa Chef der Schneider in der Temeswarer Genossenschaft „Îmbracamintea“. Das Wichtigste wohl: Der Betrieb ist heute schuldenfrei.
Fotos: Zoltán Pázmány

 

Die versilberten Messingknöpfe sind schon angenäht und die elektrische Nähmaschine läuft noch einmal über die Weste aus schwarzem Stoff. „Dies ist für die Tanzgruppe des deutschen Forums“, sagt Radu Cristea, Vorarbeiter bei der Handwerkergenossenschaft für Maßschneiderei „Îmbracamintea“ in Temeswar. Er ist einer von 52 Angestellten des Temeswarer Unternehmens - vor 25 Jahren, zur Wende, waren es etwa 850. Die Trachtenanzüge und Fracks für die Mitglieder des Ensembles der Temeswarer Staatsphilharmonie sind einige der wenigen Serienaufträge, die die Firma heute noch zur Fertigung von Maßanzügen erhält. „Unser größter Konkurrent sind die Second-Hand-Läden“, weiß Nicolae Fluxa, Präsident des Unternehmens. Gleichzeitig jedoch ist er überzeugt, dass auch in Zukunft maßgeschneiderte Kleidung gefragt sein wird. Es ist eigentlich ein Teufelskreis: Zum einen wünschen sich die Handwerker bei „Îmbracamintea“ mehr Aufträge, zum anderen sind sie glücklich, wenn die Älteren unter ihnen nicht in Frührente gehen, weil kaum noch jemand Schneider werden will. „Seit Jahren gibt es an der UCECOM- Berufsschule keinen Kandidaten, um diesen Beruf zu erlernen“, so Nicolae Fluxa.

 

Schneiderberuf ist unattraktiv

 

„Schreiben Sie, dass wir alles unserem Präsidenten verdanken“, sagt einer der Schneider in der Werkstatt im Modehaus Modex am Opernplatz in Temeswar. Was sich zunächst nach überflüssigem Pathos anhört, ist dann deutlich erkennbar ein Beweis dafür, dass der Mann hinter seiner Nähmaschine bei der Genossenschaft Zeiten miterlebt hat, in denen er um seinen Arbeitsplatz bangen musste. Zwar ist er mit seinem Job auch heute längst kein Großverdiener, doch sein Arbeitsplatz scheint in den letzten Jahren sicherer geworden zu sein als im ersten Jahrzehnt nach der Wende. In der Werkstatt mit den neuen, tief hängenden Leuchtstoffröhren im ersten Stockwerk ist es wohlig warm, an diesem sonst so kalten und regnerischen Dezembertag. Manch einer ist bereits im Dienst ergraut, die meisten von ihren waren schon im Kommunismus bei der Genossenschaft. Viele der neuen und bestimmt nicht billigen Nähmaschinen stehen ungenutzt. „Mit neuem Gesetz der Berufsschulen und dualer Ausbildung kommt vielleicht doch noch Nachwuchs“ (N. Fluxa). Dann wären natürlich auch mehr Aufträge notwendig.

Einen Schuldenberg hatte der Vorsitzende – der bei der Genossenschaft „Präsident“ genannt wird - im Jahr 2002 übernommen. Vor allem der Fernwärmelieferant Colterm wartete auf Nachzahlungen in beträchtlicher Höhe. Auch neue Maschinen und Bügelvorrichtungen mussten her, denn die Kunden wollen heute leichtere Anzüge und daher waren neue Materialien, Macharten und Ausstattung notwendig.

 

Werkstätten reihenweise geschlossen

 

Zwar schrumpfte die Nachfrage, doch gerade die physische Kundennähe ist eines der Erfolgsargumente für einen Handwerksbetrieb, der direkt mit dem Kunden arbeitet. Bestellungen aufnehmen, zwei Proben und die Fertigware aus der Werkstatt abholen – viermal muss der Kunde im Durchschnitt in der Schneiderei vorsprechen. Daher sind Ateliers in den verschiedenen Stadtvierteln notwendig, weiß der Firmenchef Nicolae Fluxa.

Eigentumsrückgabe und hohe Mietpreise an die Stadt haben dazu geführt, dass viele Werkstätten geschlossen werden mussten. „Die Stadtverwaltung hat uns Mieten verlangt, die an den freien Markt angepasst und von uns nicht bezahlbar waren“ (Nicolae Fluxa). Mitunter ist dies auch ein Vorteil für die Firma, die nach dem Gesetz für Genossenschaften von 2005 lebt und überlebt. „Îmbracamintea“ ist nur noch in betriebseigenen Räumlichkeiten tätig, was folglich keine Mietkosten vorsieht.

Nicoale Fluxa hat einst auf eine sich anbahnende Sportlerkarriere verzichtet, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und ebenfalls Schneider zu werden. Nach seiner Fachlehre zwischen 1972 – 1975 hat er fünf Jahre lang diesem Beruf ausgeübt, danach übernahm er Aufgaben in den Abteilungen für Normierung, Produktionsorganisation, in der Personalabteilung und war vor der Wende auch Vizepräsident der Genossenschaft.

Mit dem geschrumpften Personal und rückläufigen Aufträgen erwiesen sich viele der verbliebenen Schneiderwerkstätten immer noch als zu groß. So wurden Teile der Räumlichkeiten weiter vermietet. Im Stadtviertel an der Lippaer-Straße wurde zum Beispiel ein Teil der Räume an eine Metzgerei in Untermiete gegeben. Die zusätzlichen Einnahmen sollen jedoch nicht die Lohn- oder Nebenkosten decken, wie es gelegentlich anderweitig geschieht/ geschah, sondern „damit verbessern wir Arbeitsbedingungen und Technologie im Betrieb“, so Nicolae Fluxa. In Großschneidereien, in denen sich die Produktion in Rumänien durch Lohnveredlung nicht mehr auszahlte, kaufte der Betrieb zu erschwinglichen Preisen gute Nähmaschinen. Auch sonst ist das Unternehmen auf Sparkurs: Das nichtproduktive Personal ist besonders gestrafft. Sechs Mitarbeiter in Firmenleitung, Buchhaltung und eigener Wartung. Einen betriebseigenen Wagen hat das Unternehmen nicht: „Wir können einen solchen entbehren und Zusatzkosten fallen ebenfalls keine an“.

 

Modehaus: Kritik an Architektur

 

Heute teilt sich die Herren- und Damenschneiderei die Räumlichkeiten mit anderen Abteilungen der ehemaligen großen Branche der Temeswarer Handwerkergenossenschaften. In Zukunft will der Chef der Schneiderei seinen Empfangssalon umbauen, „kundenfreundlicher“ machen, aber auch verkleinern. „Wir benötigen nicht so viel Raum“, und er denkt dabei bestimmt erneut an die Wirtschaftlichkeit seines Unternehmens. Darüber hinaus zwingt die Stadtverwaltung die Mieter aus dem Modex-Gebäude zur Fassadenrenovierung. Zum Glück ist momentan der Vorschlag von Bürgermeister Nicolae Robu vom Tisch, dass die Fassade umgebaut werden muss, da Robu vor geraumer Zeit gesagt haben soll, die Architektur des ehemaligen Modehauses passe nicht ins Stadtbild. Bei seiner Fertigstellung, Anfang der 1970er Jahre, gefiel der Baustil des Modex den Temeswarern durchaus. Mag auch sein, dass derzeit Behörden und Bevölkerung beim Namen der Firma weniger aufhorchen als früher, auch wenn heute „die Kunden anspruchsvoller sind, denn je“, so Schneidermeister Cristea.