Vom "Goldenen Löwen" zum "Roten Ochsen"

Zu Ioan Hațegan "Hotels, Restaurants, Kaffeestuben aus Temeswar im XVIII. Jahrhundert", Banatul -Verlag, Temeswar, 2018

Donnerstag, 14. März 2019

Die Nobelherberge "Trompeter" früher in der Lonovics-Gasse, heute Augustin Pacha-Straße (alte Ansichtskarte)

Der sanierte "Trompeter" 2019, Ecke Eugen von Savoyen - Pacha-Straße Foto: Zoltán Pazmány

Nur ein spärliches Echo über das soziale Leben der Bevölkerung "und die Unterhaltungen" auf dem Gebiet des heutigen Temeswars und des Banats bringen, wie der Autor, der bekannte Temeswarer Historiker Ioan Ha]egan, vorausschickt, die  alten Chroniken des Mittelalters bis in unsere Zeit. U. a. soll der türkische Reisende Evlyia Celebi in seinen Reiseskizzen über das damals türkische Banat anführen, dass es etliche Teestuben und Kafanas in der Zeit der 164jährigenTürkenherrschaft in der Festung Temeswar gab, dass hier aber auch die von den "Ungläubigen" (Christen) beliebten Getränke, "Med" und Weine, gern gebraut und getrunken wurden. Viel mehr Information gibt es über das XVIII. Jahrhundert bzw. ab dem Jahr 1718, als die Existenz der Bierfabrik aber auch die von 11 privaten Gaststätten erwähnt wird. Und diese tragen die blumigen Namen der Kaiserzeit: "Zum Goldenen Schlüssel", "Zur Goldenen Krone", "Trompeter", "Zum Goldenen Hirsch", "Zum Goldenen Löwen" oder "Zum Goldenen Rössl". Viel Gold also, doch die meisten Gaststätten waren Kneipen. Der Autor erinnert auch an die Wirtshäuser aus den alten Stadtteilen Große Palanka (wie "Wilder Mann", "Roter Ochs"," Goldene Weintraube") oder Kleine Palanka ("Schwarzer Adler") - diese beiden Stadtviertel der Festung Temeswar verschwanden bekanntlich schon 1740.

Ein solcher Streifzug durch das geschichtliche Gaststättenwesen der Begastadt sagt bestimmt viel mehr über Ort, Geschichte, Traditionen, Bräuche und Menschen, als es wissenschaftliche Studien vermögen. Und es sind nicht die Nobellokale sondern die Kaffeestuben, Bars, Wirtshäuser, Kneipen, die den Lokalkolorit und den Stil einer geschichtlichen Epoche, hier den von fast drei Jahrhunderten, ausmachen.  Das Buch von Ioan Ha]egan ist mit seinen 49 Seiten, untermalt von Fotos, Karten und Zeitdokumenten, mit seinen kurzen Anführungen, die oft nur Andeutungen abgeben, eher als eine Skizze einer geschichtlichen Studie anzusehen. Die aufgerollte Lokalgeschichte lässt dazu unweigerlich einen guten Schuss Nostalgie aufkommen: Die anfänglich angeführten Gaststätten aus der schönen Gründerzeit mit den bunten Namen sind fast restlos verschwunden. Um ehrlich zu sein: Vieles, fast alles, was an die Kaiserzeit in Temeswar und im Banat erinnerte, wurde nach 1945 vom kommunistischen Regime brutal und wahllos abgeschafft. Eine solche Geschichtsstudie kann demnach auch als Beitrag im Rahmen der Bemühungen, heute die wahre oder zumindest zurechtgerückte Stadtgeschichte der letzten 300 Jahre zu schreiben, bewertet werden.

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