Die Zeidner Orgel, ein Kulturbarometer der Gemeinschaft (I)

Vortrag zur Zeidner Tagung in Bad Kissingen am 1. April 2017

Samstag, 01. Juli 2017

Im 15. Jahrhundert begann die Errichtung der Kirchenburg von Zeiden mit mehreren Türmen. Der östliche Turm wurde zum Glockenturm 1892 umgebaut und erhielt sein heutiges Aussehen.

In dem 2015 eröffneten Museum im alten Rathaus erhält man einen Einblick in die Geschichte von Zeiden und deren Bewohner.
Fotos: Dieter Drotleff

1. Respekt und Dank

Wenn man eine gute Orgel kennen lernt, so ist es wie mit einer köstlichen Suppe: beim ersten Löffel wird klar, das schmeckt ganz prima. So ist es wenn eine Orgel prima klingt: die Herzen der Zuhörer gehen beim ersten Ton auf und der tüchtige Organist verteilt Momente der Erfüllung.
Was ist aber eine prima Suppe ohne Hunger oder Essgemeinschaft ? Was wäre der Orgelklang ohne den Meister und vor allem ohne das Staunen und das Bewundern der  Zuhörer?  Eine Orgel fordert und erfordert wichtige Einstellungen,  die aus dem Bildungsbackofen des Lebens heraus reifen und sich entfalten.
Dazu sind viele Voraussetzungen notwendig, welche ineinander greifen, wie Frieden, Bildung, Kultur, Geschlossenheit, Zusammenhalt, sowie der Wunsch nach Erbauung durch kultivierte Musik. Dafür wird das so komplexe Instrument eingerichtet, genannt die Königin der Instrumente als Echo der Gemeinschaft.

Dieser Vortrag ist mit  spannenden Details ausgerüstet. Dafür haben folgende Personen mit wertvollen Anregungen inspiriert und mitgestaltet:
a. Zeidner Archiv in Kronstadt: Gernot Nussbächer,  Thomas Sindilariu, Kevin Vladilá.
b.  Expertenkreis: Steffen Schlandt, Peter Kleinert, Hermann Binder
c. Zeidner Nachbarschaft: Rainer Lehni, Udo Buhn, Helmut Mieskes
d. Zeidner Kirchengemeinde: Pfr. Andreas Hartig
e. Korrektur: Karmina Vladilá
Respekt und Dank sei hier zutiefst ausgesprochen.

2.  Gemeinschaftsfördernde Strukturen

Orgeln sind wie ein Acker, den man kultiviert und bebaut. Sie stellen ein Kulturbarometer der Gemeinschaft dar. Da müssen in erster Linie auch ganz spezielle  Experten beauftragt werden, das sind die Orgelbauer. Ein ganzer Kreis weiterer Kräfte darf sich einbringen, wenn es um eine Orgel geht. Dazu gehören Orgelsachverständiger, Orgelbemaler, Tischlermeister, Elektriker, Auftraggeber und erfahrene Organisten. Eine Orgel soll ja nicht nur gebaut werden: Erhalt und Pflege und den Klang erleben sind mehr als nur Neben-Effekte, dazu gehören Extraeinladungen  für Implizieren, Einbringen und Mitgestalten. Erst so  bewegen sich emsig tüchtige Wesen als  Hirnbenützer und Herzbesitzer: sie bündeln Kräfte, sie entfalten Einsicht, Geschlossenheit, Vertrauen, Geduld, Faszination, Genuss und Tatendrang und erzielen gewünschte positive Resultate. Und so entstehen gemeinschaftsfördernde Strukturen.

Nicht umsonst steht über der Zeidner Kanzel mitten unter der Decke des Kirchenschiffes mit grossen verzierten Buchstaben geschrieben: „Mit Gott wollen wir Taten tun.“ Das sind Taten, die Sinn machen, die mit Lebensinhalt zu tun haben, mit Erfüllung und mit Wertschätzung. Deshalb, in einer Gemeinschaft, wo sich ein guter Orgelsegen verbreitet, da passiert was, da wird was gestaltet, da entstehen Potenziale, Fantasie für Jetzt und Zukunft. So entsteht seelischer Wohlstand, ein Luxuselement inmitten einer Gemeinschaft, die nach Lebendigkeit strebt.  Deshalb: eine gut genutzte Orgel macht Sinn für eine Gemeinschaft die sich Erfüllung erschafft und erlebt.  Das Pfarramt Zeiden ist diesbezüglich, zu einem soliden Ansprechspartner heran gewachsen.

3. Zur Salonfähigkeit der Orgel

Im Allgemeinen sind Orgeln ein imposantes Erscheinungsbild. Innerhalb einer Kirche sollte der Blick schon an einer Orgel so richtig hängen bleiben. Die Optik einer Orgel darf schon ruhig Staunen und Bewunderung provozieren. Wer sich eine Orgel anschaut, sollte sich unbedingt wünschen, sie auch zu hören. Orgeln sind nicht nur ein Wunderwerk der Technik. Sie sind ein Wunderwerk für die Gemeinschaft und der Gesellschaft, die sich sowas leisten kann. Wird eine Orgel sinnvoll genutzt, dann lässt sich eine besonders stimmungsvolle Verbindung zwischen Gott und Menschen herstellen. Sei es im gemeinsamen Choralgesang, oder sei es im Zuhören eines virtuosen Solostückes. Die Orgel kann flüstern, strömen, umfluten, brausen, trillern, trösten, aufheitern  oder auch schweigen. Sie kann in einem Konzert eine Achterbahn der Gefühle entflammen lassen, da erblassen die spektakulären Reizeffekte eines Kinofilms. Mit zunehmendem Alter wird eine Orgel zum Kulturerbe. Sie erfordert  Verantwortung und Einsatz, damit sie für die Nachwelt erhalten bleibt.

4. Legendäres Wunderwerk

Die Orgeln als Wunderwerke sind legendär und oft genug mit Legenden verbunden. Das gillt auch für die Zeidner Prause-Orgel. Es ist dokumentiert über eine frühere kleine Orgel aus dem Jahre 1709. Sie stammte wohl aus dem Nachlass des Sachs von Harteneck aus Hermannstadt. Würde sie jetzt noch existieren, dann hätten wir heute in Zeiden eines der  ältesten spielbaren Orgeln aus Siebenbürgen. Das wäre sicherlich spektakulär gewesen. Fast 80 Jahre danach soll aber der Orgelbauer Johannes Prause beim Bau einer neuen Barockorgel Teile dieser alten Harteneck Orgel benutzt haben. Aller-dings wurde im Laufe der Zeit die neue Prause-Orgel stets  immer wieder neu umgebaut, erweitert, versetzt, repariert und restauriert.

Die sichtbaren Spuren einer  Harteneckorgel lösten sich längst auf  in der Dunkelheit der Geschichte. Die Verbindung der jetzigen Prause-Orgel zur früheren Harteneck-Orgel ist bloß eine romantisierte Legende geblieben. Jedoch, es ist es legendär genug, dass es über-haupt eine Prause-Orgel in Zeiden gibt. Sie hat ganz harte Zeiten überstanden und überlebt. Es gab Abrissinitiativen und Erneuerungspläne, dazu kamen die Wirren der zwei Weltkriege. Dann überlebte die Orgel auch ein unberechenbares totalitäres Regime. Doch am gefährlichsten ist der natürliche Zerfall der Bauelemente durch Holzwurm und Verschleiß. Das wurde Gott sei Dank in Zeiden stets rechtzeitig durch Reparaturen und Restaurierungen verhindert. Das verdanken wir jüngst auch der Zeidner Nachbarschaft für die Finanzierung zur Durchsetzung der jüngsten Orgelrestaurieung des Orgelbauers Hermann Binder. Bezeichnend ist somit die Geschlossenheit und die Solidarität der Zeidner Nachbarschaft zu den Wurzeln ihrer Heimat. Sowas inspiriert für Wunderwerke und Legenden.

5. Aus der Zeitgeschichte während der Entstehung der Orgel

Das Burzenland kann man mit Recht zu den markantesten und bedeutensten Orgellandschaften in Siebenbürgen zählen.  Die kulturelle Entwicklung dieser Region beförderte auch die Kunst des Orgelbaus. Bezüglich Entstehungszeit der Zeidner Orgel, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, sprechen wir in Siebenbürgen von einer entwicklungsfreudiger Zeit.  
Siebenbürgen befand sich im Habsburger Reich mitten in einem  Integrationsprozeß. Stabilitätspolitik war im Vormarsch. Die Eingliederung zur Habsbur-gischen Monarchie brachte für viele Jahrzehnte einen willkommenen andauernden Frieden. Es gab Wirtschaftswachstum, weil Landwirtschaft und Viehzucht gediehen.  Handel und Architektur erlebten einen neuen Höhepunkt. Die freien Bauern auf dem Lande waren Privilegierte, weit weg vom Joch des Feudalsystems. Die neue Bildungsdevise lautete: von der Aufklärung zum Liberalismus. 

Es gab eine zunehmende Chancengleichheit für Bildung in der breiten Bevölkerungsstruktur. Die Freimaurerei in Siebenbürgen entwickelte sich zur Förderung des Gemeinwohls. Vielversprechende Aufbruchstimmung war vorhanden. Das führte auch zu Bevölkerungsmigrationen. So berichtete die Wiener Hofkammer dem Kaiser mit Missbilligung, dass die siebenbürgischen Behörden zu viele Flüchtlinge  aus der Walachei und Moldau ins Land ließen. Doch ein ganz besonderer Aussiedler aus Schlesien erschien ebenso zu dieser Zeit in Siebenbürgen. Es handelte sich um den jungen tüchtigen Orgelbauer Johannes Prause. Er erhielt die Chance sich nützlich zu machen. Dabei landete er einen spektakulären Volltreffer für die Siebenbürgische Orgellandschaft.

6. Bedeutende Persönlichkeiten für Zeiden zur Zeit des Orgelbaus

Die Zeiten des Orgelbaus in Zeiden sind bemerkenswert. Etwa 20 Jahre davor hatte gerade die Pest in Zeiden gewütet und von etwa 2055 Seelen überlebten im Jahre 1766 gerade mal 432 Seelen. Die Dinge müssen sich trotzdem rasant bergauf entwickelt haben. Eine neue Knabenschule wurde in der Marktgasse gebaut. Neue Gassen wurden errichtet. Eine Ziegelei entsteht, eine neue Mühle wird errichtet.

Für diese Entwicklung wirkten in Zeiden ganz markante Persönlichkeiten  als treibende Kräfte. Aus Zeiden stammte Georg Preidt, welcher Rektor am Honterusgymnasium wurde, dann Stadtpfarrer von Kronstadt und später sogar Dechant des Burzenlandes. Kaiser Franz II verlieh ihm das goldene Ordensverdienstkreuz für seine Bemühungen zur Förderung von Kultur und Bildungswesen. Dann Pfarrer Georg Draudt (1729-1798), der Verfasser der Zeidner Turmknopfschrift, er stammte aus Kronstadt, war selber auch Schulrektor  vor Preidt im Gymnasium, wurde dann Pfarrer in Zeiden und auch Dechant im Burzenland. Wir haben es also hier mit zwei der kenntnisreichsten Persönlichkeiten des damaligen Burzenlandes zu tun. Sie werden sicherlich wichtige Grundsteine gelegt haben, für das neue Orgelprojekt in Zeiden.
Für die Finanzierung gab es damals keine Sponsoren und Wohltäter. Die damalige Zeidner Gemeinschaft war selber auf eigene Ressourcen angewiesen. Das Problem wurde elegant gelöst, durch den Verkauf von Wiesen und Gemeindeland.  Die Gesamtkosten des  Orgelbaus betrugen insge-samt über 2000 Rheinische Florine.

Für den Orgelbau wurde der Orgelbauer Johannes Prause berufen. Als er im Jahre 1778 nach Kronstadt kam, war er gerade mal 23 Jahre alt. Er erhielt den Auftrag, die Orgel in Kronstadt zu reparieren. Da ahnte wohl keiner, dass er ein Segen für die Siebenbürgische Orgellandschaft wird. Prause stammt aus dem Ort Schräbsdorf (heute Bobolice / Polen) in der Nähe von Breslau. Johannes Prause war überaus fleißig, er ließ fast jedes Jahr ein neues Instrument entstehen. Von über 20 Orgeln baute er 12 Instrumente allein im Burzenland. Durch die Orgeln von Prause erleben wir heute eine orgelbauliche Schönheit samt Klangwelt, die es vor 230 Jahren gab. Prause starb mit 45 Jahren und hinterließ einen Schatz an Instrumenten, mit hohem Qualitätsanspruch, den wir nicht nur schützen müssen, sondern vor allem erleben als Erbe und kulturelle Bereicherung.

Miteinbezogen wurde der damals bedeutende Maler Johann Oelhann aus Kronstadt. Nachdem er zuvor für die Bemalung des damaligen Altars und der Kanzel angeworben worden war, übernahm er auch die Kunstbemalung der Orgel.
Desgleichen spielte eine markante Rolle der damalige Organist der Schwarzen Kirche Petrus Schneider, welcher als Komponist und Gestalter der Kirchenmusikszene im Burzenland für neue Maßstäbe sorgte. Es ist bekannt, dass er selber zu den Neueinweihungen der Prause-Orgeln vorspielte. Das könnte auch in Zeiden durchaus der Fall gewesen sein.
Als die Orgel in Zeiden vollendet worden war, gab es im selben Jahr einen Besuch höchsten Ranges: Kaiser Joseph II. besuchte Zeiden im Juni 1783 und genehmigte den Bau der neuen orthodoxen Kirche. Alles in allem spiegeln sich aus der Zeit des Orgelbaus in Zeiden günstige dynamische Konstellationen, ein Kulturbarometer, der sich bis heute sehen und hören lässt, und der Legenden entstehen ließ.


Klaus Dieter Untch

Kommentare zu diesem Artikel

RonFlOday, 21.11 2017, 13:41
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