Ein Fest der Diversität

Das Internationale Filmfestival „Transilvania“ (TIFF) an seinem 17. Geburtstag (II)

Donnerstag, 14. Juni 2018

Jeden Abend um 20.30 Uhr wurden im Stadtzentrum Filme unter freiem Himmel gezeigt
Foto: Marius Maris/TIFF

Lesen Sie hier Teil 1

Der 17. Geburtstag von TIFF war ein riesengroßes Fest der Diversität: Ingmar Bergman, Virtual Reality, politisch korrekte Filme, kulinarisches Kino, interaktive Projektionen, ein Wochenende im  Banffy-Schloss in Bonțida, „Touch me not“-der umstrittene Siegerfilm der Berlinale in der Regie von Adina Pintilie, Fanny Ardant, ein Dokumentarfilm über die „freien Daker“, alte rumänische Filme, viel Regen am letzten Wochenende, Filmkritik-Seminare für Kinder, von Musik begleitete Stummfilme, Horror-Kurzfilme, russische Filme aus den 80er Jahren unter freiem Himmel, Partys und leckerer Spinat mit Spiegeleiern im Restaurant neben dem Victoria-Kino- das Festival wird von Jahr zu Jahr immer bunter und vielfältiger. 

Alte Fans haben Nostalgie nach den Anfangsjahren, als das Festival insgesamt aus 50 Personen bestand - Organisatoren und Zuschauer. Die 17. Auflage des Internationalen Filmfestivals „Transilvania“ war für mich die 13. konsekutive. Seit 2006 ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich den Junianfang in der Dunkelheit der Klausenburger Kinosäle verbringe. Und jedes Jahr gewinnt das Festival neue Fans und bricht neue Rekorde. Beim größten rumänischen Event, das dem Kino und der Filmindustrie  gewidmet haben, laut Angaben der Organisatoren, über 135.000 Zuschauer teilgenommen. Auf der größten Kinoleinwand Rumäniens und in den 13 anderen Kinosälen wurden 227 Filme aus der ganzen Welt gezeigt (davon 178 Spielfilme und 49 Kurzfilme). Um diese zu sehen, haben die Zuschauer fast 95.000 Karten gekauft - das sind 5,7 % mehr als im Vorjahr.


Weihnachtsgeschichten, Väterchen Frost und Arbeitsmigranten


Jedes Jahr wartet man gespannt auf die Wettbewerbsfilme, doch viel wichtiger sind die neuesten rumänischen Kurzfilme. Und das aus einem einfachen Grund: der einzige Ort, wo man sie alle sehen kann, ist TIFF. Kurzfilme kommen nur sehr selten in die Kinos. Doch in vielen von ihnen kann man junge Regisseure entdecken, die versprechen, später wichtige Filmemacher zu werden. Rumänische Kurzfilme waren in jedem Jahr die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Festivals. Und zwar, weil man immer unter den mehr als 20 Filmen ein kleines Juwel entdeckt. In diesem Jahr hieß das Juwel „Das Weihnachtsgeschenk“ (rumänisch: Cadoul de Crăciun), in der Regie von Bogdan Mureșanu, der zu guter Recht mit dem Kurzfilmpreis des Festivals ausgezeichnet wurde. Die Handlung spielt kurz nach dem 17. Dezember 1989, als es in Temeswar zu den ersten Protestaktionen gegen das kommunistische Regime kam. In Erwartung des Weihnachtsfestes schreibt ein achtjähriger Junge einen Brief an den Weihnachtsmann (damals Väterchen Frost genannt). Darin erwähnt er, was für Geschenke er sich wünscht: für sich eine elektrische Eisenbahn, für seine Mutter eine neue Handtasche und für seinen Vater...dass Ceaușescu stirbt. Dann wirft er den Brief in einen Briefkasten, ohne zu wissen dass dieser seinen Vater ins Gefängnis bringen könnte.

Ebenfalls in der Weihnachtszeit, diesmal genau an Heilig-abend, spielt auch die Handlung des  Films „Silent night“ (Stille Nacht) in der Regie von Piotr Domalewski, der in der Sektion „Supernova“ (mit preisgekrönten Filmen) gezeigt wurde.

Adam ist ein junger Pole, der wie viele seiner Landsleute im Ausland arbeitet. Zu Weihnachten kehrt er zurück zu seiner Familie und bringt ihnen die Nachricht, dass seine Freundin schwanger ist. Er hat große Zukunftspläne: in den Niederlanden will er zusammen mit seiner Freundin eine Firma gründen und ein neues Leben anfangen. Doch um die nötigen Mittel dafür zu erhalten,  muss er das Haus seines Großvaters verkaufen. Doch bald droht dieser Traum vom besseren Leben zu zerbrechen.  Der Film  behandelt Themen, die in Rumänien nur zu gut bekannt sind, es geht dabei vor allem um die Entfremdung, die Arbeitsmigranten fühlen, wenn sie wieder zu Hause sind.


Spannend mit wenigen Mitteln


Mit sehr wenigen Mitteln Spannung aufbauen - wenn das gelingt, handelt es sich um großes Kino.  Der dänische Thriller „The Guilty“ (der Schuldige), der Film, der in diesem Jahr mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, beweist, dass manchmal die Aussage „ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ manchmal nicht zutrifft. „In diesem Film ist das, was man nicht sieht, viel wichtiger als das, was man sieht“, meinte  Stefan Emanoil Ilcus, Botschafter Dänemarks in Bukarest, vor der letzten Projektion des Films. In „The Guilty“ schaffen die Worte Bilder im Kopf des Zuschauers, und jeder hat einen anderen Film vor den Augen, während auf dem Bildschirm nur ein telefonierender Mann zu sehen ist.
Der Polizist Asger Holm (Jakob Cedergren) erhält in der Notrufzentrale einen Anruf von einer entführten Frau. Als die Verbindung plötzlich abbricht, beginnt die Suche nach der Anruferin und ihrem Entführer. Durch seine außergewöhnliche Erzählweise gelingt es dem Film von Gustav Möller , die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. 89 Minuten vergehen wie im Flug. Und dabei spielt ein einziger Schauspieler im Film, der einen Raum nicht verlässt.

Ebenfalls in ein und demselben Raum (und zwar auf dem Balkon einer modernen Mittelklasse-Wohnung in Bukarest)  spielen auch alle Szenen aus „Das Geheimnis des Glücks“ (Secretul fericirii) in der Regie des rumänischen Schauspielers Vlad Zamfirescu. Man erkennt, dass der Film eine Adaptation des  Theaterstücks mit demselben Namen von Alexandru Popa ist. Es ist die Geschichte von zwei sehr gut befreundeten Paaren. Dabei erscheinen im Film nicht alle vier Personen, sondern nur drei von ihnen. Die vielen überraschenden Drehungen und Wendungen im Drehbuch, die ausgezeichnete schauspielerische Leistung der drei Protagonisten (gespielt von Vlad Zamfirescu, Theo Marton und Irina Velcescu) und die lebendigen Dialoge schaffen Spannung wie in einem Action-Film. Obwohl am Anfang viel gelacht wird, handelt es sich um einen düsteren Beziehungs-Thriller in dem Loyalität, Freundschaft und Liebe auf eine harte Probe gestellt werden, die am Ende niemand besteht.


LGBT-Themen im Mittelpunkt


Im Sommer 2017 sorgte ein Vorfall beim TIFF für großes Aufsehen. Eine Lehrerin aus Turda wurde damals von der Schulkommission sanktioniert, nachdem sie ihren Schülern den Film „Totale Finsternis“, der im Festival lief, empfohlen hat. Im Film geht es um die Beziehung zwischen den Dichtern Arthur Rimbaud und Paul Verlaine und Eltern haben sich beklagt, es sei ein Film mit homosexuellem Inhalt, bei dem Schüler nichts zu suchen haben. Als „Trostpreis“ hat der Festivalleiter und Regisseur Tudor Giurgiu auf der Abschlussgala im Vorjahr angekündigt, die Lehrerin sei Ehrengast von TIFF 2018.

In jedem Jahr setzt sich das Filmfestival für die Rechte der sexuellen Minderheiten ein und zeigt Filme, aus denen die Zuschauer lernen sollen, toleranter zu werden.
Ein interessanter Beitrag zu diesem Thema bot ein Wettbewerbsfilm aus Kosovo: „The marriage“ (Die Hochzeit) in der Regie von Blerta Zeqiri. Anita und Bekim stehen kurz vor ihrer Hochzeit, doch verschiedene Ereignisse hindern sie, das große Ereignis in Ruhe zu planen. Seit dem Krieg in Kosovo 1999 gelten die Eltern der jungen Frau noch immer als vermisst, und diese hofft insgeheim, dass sie nach fast 20 Jahren noch am Leben sind. Zudem erscheint auch noch Nol, der heimliche Ex-Geliebte des jungen Bräutigams, der nach vielen Jahren noch immer in diesen verliebt ist.

Auch im südamerikanischen „The Heiresses“ (Die Erbinnen) in der Regie von Marcelo Martinessi- dem Sieger der TIFF- Trophäe in diesem Jahr-wird das Thema Homosexualität aufgegriffen. Chela und Chiquita sind seit über 30 Jahren ein Paar. Die beiden Frauen im beginnenden Seniorinnenalter entstammen der Oberschicht von Paraguays Hauptstadt und mussten nie selbst arbeiten. Doch plötzlich stellen sie fest, dass ihre Finanzen nicht bis zum Lebensende reichen werden. Dabei wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt.

Ebenfalls sehenswert (vor allem deshalb, weil die Hauptdarstellerin Fanny Ardant beim Publikumsgespräch nach der Projektion mitmachte) war „Lola Pater“ ( Regie: Nadir Moknčche).  Als seine Mutter stirbt, entscheidet sich der 27jährige Zino dazu, seinen Vater wiederzufinden. Doch seit der letzten Begegnung sind 25 Jahre vergangen, in denen sich viel verändert hat. Zum Beispiel ist aus Zinos Vater Farid eine Frau mit dem Namen Lola  geworden. Die französische Schauspielerin meinte beim Publikumsgespräch, es sei mehr ein Film über die Beziehung zwischen Sohn und Vater als ein  Film über einen Mann, der beschließt, eine Frau zu werden.

Manche der Filme aus dem Festival werden auch in die rumänischen Kinos kommen. Und Kinofans sollten sich diese Daten merken: Im nächsten Jahr findet TIFF  zwischen dem 31. Mai und dem 9. Juni statt.

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