Ein Tunnelbau um 700 v. Chr.

Samstag, 04. November 2017

In der ADZ vom 02.08.2017 erschien folgende Nachricht:
„Der Abschluss der Grabungen an der 5. Trasse der Bukarester U- Bahn, wobei man durchschnittlich 20 Meter pro Tag vorwärts kam, führte dazu, auch die Kostenberechnungen der Tunnelbauten an der vorgesehenen Autobahn Comarnic - Kronstadt, bzw. Hermannstadt- Piteşti vorzulegen. Das Transportministerium geht von der Länge des geplanten Autobahnabschnittes von Comarnic bis Kronstadt aus. Diese beträgt 60 Kilometer, von denen 53,2 Kilometer eigentliche Autobahn darstellen, der Rest von 7 Kilometer sind die Anschlüsse an die Ortschaften, die von dieser umgangen werden: Buşteni, Predeal und Rosenau. Laut der Mitteilung an die Verwaltung des Autobahnnetzes soll die Strecke der Autobahn zwischen Kronstadt und Comarnic 19 Viadukte auf einer Gesamtlänge von 2,964 Kilometer, 15 Brücken von insgesamt 0,135 Kilometer und Tunnels in Gesamtlänge von 20 Kilometem umfassen. Davon je 9,77 Kilotmeter in beide Fahrtrichtungen, 2,9 Kilometer bei Sinaia, 3,11 Kilometer bei Buşteni und 3,7 Kilometer bei Predeal. Davon ausgehend, dass man auch bei den Tunnelbauten an der Autobahn 20 Meter pro Tag leistet, könnten diese innerhalb von drei Jahren abgeschlossen werden. Die Kosten pro Kilometer würden somit 20 Millionen Euro betragen, für die gesamte Tunnel- Strecke von 20 KiIometer 397 Millionen Euro.“

Das erinnert mich daran, dass immer wieder Tunnelprojekte für Kronstadt angedacht waren: Einmal sollte die Zinne untertunnelt werden, dann eine Straße „hinter der Graft“ teilweise als Tunnel gebaut werden, dann eine Verbindung in die Obere Vorstadt, alles Gedanken, die nicht einmal in die Projektphase gelangten.

Eine alte Inschrift zeugt über den ersten Tunnelbau

Dann stieß ich in einer alten Zeitschrift „Prometheus, illustrierte Wochenschrift über die Fortschritte in Gewerbe, Industrie und Wissenschaft“ Jahrgang XVII, Nr. 841, S. 142, auf einen interessanten Bericht mit folgendem Wortlaut:

„Noch ist der Jubel über die glückliche Vollendung des Simplon- Tunnels nicht ganz verhallt, und schon steht ein neuer Ben Akiba auf, der uns zeigt, wie wenig wir eigentlich Ursache haben, auf dieses neueste Wunderwerk der Technik stolz zu sein, da das, was am Simplon trotz all unserer modernen Hilfsmittel, trotz Elektrizität, Pressluft, Presswasser und Dynamit nur unter ganz erheblichen Schwierigkeiten der Vollendung entgegengeführt werden konnte, schon vor 2600 Jahren mit den allerprimitivsten Hilfsmitteln ausgeführt worden ist.

Dr. Berthelot von der Universität Bâle weist darauf hin, dass schon um 700 v. Chr. ein Tunnel durch einen Berg hindurch gegraben wurde, der Tunnel von Siloa bei Jerusalem. Im Alten Testament wird erzählt, dass der König Hiskia, der etwa 727- 699 v. Chr. in Jerusalem regierte, die Wasserversorgung der Stadt, vornehmlich wohl für den Fall einer Belagerung, dadurch sicherte, dass er eine große Zisterne erbauen ließ und dieser das Wasser einer östlich von Jerusalem gelegenen Quelle zuführte, indem er ‘den Felsen mit Geräten aus Erz durchbohrte.’ Diese Angaben der Schrift haben erst verhältnismäßig spät und auch dann nur infolge eines Zufalles ihre Bestätigung gefunden, so dass das Faktum der Erbauung des Tunnels von Siloa nun einwandfrei feststeht.

Im Jahre 1880 fanden Kinder, die in Resten jener Wasserleitung badeten, eine jetzt im Museum zu Konstantinopel befindliche Inschrift in althebräischen Zeichen, die sehr gut erhalten ist und, an nur wenigen, kurzen Stellen sinngemäss ergänzt, etwa folgendes besagt: ‘Der Durchbruch ist vollendet. Als die Arbeiter noch durch eine Wand von 3 Ellen Dicke von einander getrennt waren, hörten die einen die Stimmen der anderen durch einen Spalt im Felsen, und am Tage der Vollendung trafen die Arbeiter an der Stelle zusammen, wo die Höhe des Felsens über den Köpfen der Arbeiter 100 Ellen betrug. Dann strömte das Wasser auf eine Länge von 1200 Ellen in die Zisterne.’

Aus dieser Inschrift geht deutlich hervor, dass das Werk von beiden Seiten gleichzeitig in Angriff genommen wurde. Das wird auch durch genaue Untersuchungen der Tunnelwändebestätigt, an denen sich die Spuren der Werkzeuge, die in entgegengesetzter Richtung arbeiteten, noch erkennen lassen.

Welche Maschinen wurden verwendet?

Obwohl man nun annimmt, dass der Kompass im Orient schon vor sehr langer Zeit bekannt gewesen sei, scheint der Tunnel von Siloa doch zu zeigen, dass den Ingenieuren des Hiskia weder die Magnetnadel noch ein anderes Hilfsmittel zur Festlegung einer bestimmten Richtung bei Arbeiten unter Tage zu Gebote gestanden haben, denn der Tunnel ist nicht in einer geraden Linie durchgeführt, sondern die Richtung musste mehrmals gewechselt werden, so dass der Verlauf des Tunnels ein S darstellt. Spuren deuten auch darauf hin, dass man einzelne in falscher Richtung geführte Stollen wieder verlassen hatte. Die tatsächliche Länge des Tunnels beträgt daher etwa 531 m, was der in der oben angeführten Inschrift angegebenen Länge von 1200 Ellen ungefähr entspricht, obwohl die gerade Entfernung vom Anfangs- bis zum Endpunkte (Luftlinie) nur 332 m beträgt. Die Durchschlagsstelle liegt unge-fähr in der Mitte, 246 m von der Quelle und 285 m von der Zisterne entfernt. Die Breite des Tunnels schwankt zwischen 0,6 m und 0,92 m, die Höhe beträgt am südlichen Eingang 3 m, sie fällt aber an mehreren Stellen, wohl der Beschaffenheit des Felsens wegen, bis auf 0,6 m; das Nordtor ist 1,8 m hoch.

Sehr auffallend ist die Tatsache, dass das Niveau der Tunnelsohle fast vollkommen waagerecht liegt. Die Abweichung von der Horizontalen beträgt vom einem bis zum andern Ende nicht mehr als 30 cm. Diese exakte Arbeit, die man doch nicht gut dem reinen Zufall zuschreiben kann, erscheint nur möglich mit Hilfe eines, wenn auch recht primitiven Hilfsmittels zur Feststellung der Horizontalen. Wie mag dieses Nivellierinstrument oder diese Wasserwaage ausgesehen haben? Wie mag man festgestellt haben, wenn man sich in falscher Richtung bewegte? Wie war es möglich, mit Bronze- Werkzeugen solche Felsmassen zu zerbrechen? Hat man sich zum Bohren nur der Kraft der Menschenhände bedient? Hatte man primitive Maschinen: Stoßböcke, Hebel etc.? Wie lange mag der Bau gedauert haben?

Gewiss, in den Größenverhältnissen lässt sich der Tunnel von Siloa nicht mit dem Simplon- Tunnel vergleichen, aber selbst die Erbauer des letzteren, die durch ihre gewaltigen Leistungen und ihre zähe Ausdauer die Bewunderung der Welt erregt haben, werden zugeben, dass der Durchbruch bei Jerusalem die gigantischere Arbeit war. Mit von Menschenhand bewegter Bronze durch Felsen, an denen im Simplon die feinsten, von Maschinen geführten Stahlbohrer zersplitterten und abstumpften! Hervorragend tüchtige Leute waren sie, die Herren Kollegen um 700 v. Chr., die Ingenieure des Königs Hiskia, denen an Stelle von Elektrizität und Dynamit nur die Sklavenpeitsche zur Verfügung stand!.“

Quellen in der Bibel

Soweit der Bericht im Prometheus. Hier sei noch bemerkt, dass die oben immer wieder erwähnte Verwendung von Werkzeugen aus Bronze eine Annahme des Verfassers ist, die aber heute nicht Stand hält, denn es ist zwischen-zeitlich erwiesen, dass es zu der Zeit des Tunnelbaues schon hochwertige Eisenwerkzeuge gab. Mit Werkzeugen aus Bronze hätten diese Arbeit nicht durchgeführt werden können.

Die wenigen schriftlichen Quellen zu dem Tunnel finden sich in der Bibel:

In 2 Chr 32, Vers 2- 4 lesen wir: „Und als Hiskia sah, dass Sanherib kam und willens war, gegen Jerusalem zu kämpfen, beriet er sich mit seinen Obersten und Kriegshelden, ob man die Wasserquellen verdecken sollte, die draußen vor der Stadt waren; und sie stimmten ihm zu. Und es versammelte sich viel Volk, und sie verdeckten alle Quellen und den Bach, der durch die Erde geleitet wird, und sprachen: Dass die Könige von Assur nur kein Wasser finden, wenn sie kommen!“ Und Vers 30: „Das ist der Hiskia, der die obere Wasserquelle des Gihon verschloß und sie hinunterleitete westwärts zur Stadt Davids; denn es gelangen Hiskia alle seine Werke.“

Danach wurde der Tunnel 701 v. Chr. im Auftrag des Königs Hiskija, der von 727– 698 v.Chr. regierte, erbaut. Der König von Juda musste angesichts des in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts stets weiter durch Syrien und Palästina nach Ägypten vordringenden assyrischen Heeres die Stadt Jerusalem militärisch schützen. Angesichts der vielen Flüchtlinge aus dem Nordreich Israel, dessen Hauptstadt Samaria 2 v. Chr. von Assur eingenommen worden war, ummauerte Hiskija die deutlich nach Westen und Süden gewachsene Stadt neu und sicherte mit dem nach ihm benannten Tunnel die Frischwasserzufuhr von außerhalb der damaligen Stadt. Der Angriff auf Jerusalem und deren Belagerung erfolgte im Jahr 701 v. Chr. unter dem König Sanherib, die Belagerung Jerusalems musste aber, aus uns nicht bekannten Gründen, erfolglos aufgegeben werden.

Eine riesige Herausforderung

Der kurvige Tunnel hat eine Gesamtlänge von 533 Meter. Er beginnt bei der Gihonquelle (auch Gichonquelle) in Jerusalem. Sie ist die einzige Ganzjahresquelle der Stadt. Es handelt sich um eine intermittierende Quelle, die unterirdisch in einer Grotte am Fuße des Osthangs der Davidsstadt im Kidrontal bei ca. 630 m NN entspringt. Der Tunnel nutzt zunächst in westlicher Richtung den alten jebusitischen Zulauf zum Vertikalschacht (häufig mit dem biblischen ‘Sinnor’ gleichgesetzt, durch den Joab im Auftrag Davids in die Stadt eindrang; hier sollen die kanaanäischen Jebusiter Wasser innerhalb des durch Mauern geschützten Bereiches ihrer Stadt geschöpft haben). Dann verläuft der Wassertunnel in großen Schleifen in Richtung SSW durch den Bergrücken der Davidsstadt: dort mündete er in den Shiloah-Teich. Dieser Ort befand sich im geschützten inneren Teil der Stadt. Der allgemein bekannte Teich stammt allerdings aus byzantinischer Zeit. Neuere Ausgrabungen legen derzeit ein älteres, etwas südlicher und tiefer gelegenes Becken des Teiches frei. Man nimmt an, dass es sich dabei nicht um einen offenen Teich, sondern um eine Zisterne, deren Dach eingestürzt ist, gehandelt habe.

In der Eisenzeit (1000 – 520 v. Chr.) wurden in Palästina mehrfach aufwendige Anlagen zur sicheren Frischwasserzufuhr in israelitischen und judäischen Städten errichtet, wie z. B. In Megiddo, Hazor, Tell es- Seba und an anderen Orten. Bis heute ist (trotz stets neu diskutierter Theorien) ungeklärt, warum nicht ein (annähernd) direkter Weg zwischen Gihonquelle und Siloah-Teich, sondern ein viel längerer, sich unmotiviert schlängelnder Weg gewählt wurde. Möglicherweise, weil er an ältere Bauwerke anknüpfte. Ein Großprojekt mit riesiger ingenieurtechnischer Herausforderung war der Bau jedoch allemal. Zwei Bautrupps gruben sich durch das Gestein, der eine an der Quelle, der andere an der Mündung beginnend. Die Trupps wurden vielleicht durch Klopfzeichen geleitet. Kurz vor dem Zusammentreffen (bei ca. 30 m Abstand) konnten die Trupps einander hören und arbeiteten sich, wenn auch mit einigen Richtungskorrekturen, auf-einander zu. Von dieser letzten Tunnelbauphase gibt es, wie bereits im vorgenannten Prometheus-Bericht dargestellt, eine teilweise erhaltene Inschrift, die nahe dem Südende des Tunnels auf einer geglätteten Fläche an der Wand angebracht worden war.

Die Siloah- Inschrift berichtet in althebräischer Schrift und Sprache von den Arbeiten kurz vor dem Tunneldurchbruch und ist in archäologischer Hinsicht interessant. Nachdem man noch in osmanischer Zeit versucht hatte, sie zu stehlen, und der Dieb gefasst werden konnte, brachte man sie nach Istanbul, wo sie auch heute im Antikenmuseum aufbewahrt wird:

„…das Durchbohren. Dies ist die Geschichte des Durchbohrens. Als noch Hacke(n) ... jeder zu seinem Gefährt hin, und als noch drei Ellen zu durchbohren waren, ...die Stimme eines Mannes, der dem anderen zurief, denn da war ein Spalt an der rechten Seite... Und am Tag des Durchbruchs begegneten sich die Arbeiter, Mann gegen Mann, Hacke gegen Hacke, und das Wasser floss von der Quelle zum Teich, 1200 Ellen weit und 100 Ellen war die Dicke des Gesteins über den Köpfen der Arbeiter.“

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