Eine gute Alternative zu Kronstadt

Kultur wird in Sankt Georgen groß geschrieben

Freitag, 14. Dezember 2018

Das Festival „PulZArt“ wendet sich an viele Publikumskategorien.

Große, gelbe Plakate schmücken die Gebäude in der Altstadt von Sankt Georgen. Die Straßen duften nach Kaffee und frischen Croissants, Leute sitzen draußen und tragen gelben Sonnenbrillen- ein Souvenir vom Theaterfestival Reflex, das hier alle drei Jahre stattfindet. Wichtige Kulturinstitutionen wie das Deutsche Theater Berlin waren hier schon zu Gast. Auch in diesem Jahr stehen interessante Titel auf den Plakaten- es sind Produktionen aus Deutschland, Ungarn, Slowenien, Polen oder Rumänien.
Das internationale Theaterfestival „Reflex“ wird  vom „Tamási Áron“-Theater mit Unterstützung der lokalen Behörden organisiert. Die erste Auflage des Festivals fand im März 2009 aus Anlass des 60. Jubiläums des Theaters statt, aus dem Wunsch, dem Publikum die neuesten Tendenzen des europäischen Theaters bekanntzumachen.
„Es war die Neugierde, herauszufinden, was sich jenseits unseres eigenen kulturellen Raumes befindet“, meinten damals die Organisatoren.
So sah ein Vormittag Mitte Mai in Sankt Georgen aus. Dann folgte ein Sommer voller Festivals, und auch im Winter gibt es zahlreiche Kulturevents von guter Qualität. Viele sind, was die Qualität betrifft, Lichtjahre entfernt von den etwas altmodischen Veranstaltungen in Kronstadt, wo die öffentliche Kulturszene manchmal ausschaut, als ob sie irgendwo in den 80er Jahren stecken geblieben ist. Für viele Kulturliebhaber aus Kronstadt ist Sankt Georgen längst kein Geheimtipp mehr. Hier ist fast immer etwas los.


Ein gutes Theaterangebot


Jede halbe Stunde fahren weiße Kleinbusse vom Kronstädter Bahnhof bis nach Sankt Georgen im Kreis Covasna. Die Fahrt dauert knapp 40 Minuten. Mit dem Zug oder Auto geht es sogar schneller- in einer halben Stunde ist man in der Hauptstadt des Landeskreises Covasna. Die 56.000 Einwohnerstadt, nur 30 Kilometer von Kronstadt entfernt, hat viel mehr zu bieten als eine nette Altstadt und ein paar Restaurants, wo man guten Gulasch essen kann. Ein Ausflug nach Sankt Georgen kann immer mit einem Kulturevent verbunden sein.
Zwei junge Frauen steigen in den Bus. Sie fragen den Fahrer, wann der letzte Bus aus Sankt Georgen abfährt. „Neun ist ein bisschen knapp, aber es gibt noch zwei Züge“, meint eine von ihnen. Die beiden werden am Abend eine Aufführung im rumänischen Theater Andrei Mureșanu besuchen. Beim einzigen rumänischsprachigen Theater im Szeklerland gab es in den letzten Jahren relevante Produktionen, die immer wieder auf wichtige Festivals eingeladen wurden - was beim Kronstädter Theater nicht der Fall ist.
„In Kronstadt gibt es keine guten Theateraufführungen mehr, deshalb fahren wir immer nach Sankt Georgen, wenn es ein neues Stück gibt“, erklärt eine der jungen Frauen.


Aktuelle und mutige Themen


„Über Menschen und Kartoffeln“ (Text und Regie: Radu Afrim) ist eine der neuesten Produktionen des Theaters und handelt von einem wahren Vorfall.

Im September 2012 fand in der Nähe von Sankt Georgen eine Tragödie statt. Acht Menschen verloren ihr Leben, nachdem ein Personenzug, der  von Neumarkt nach Kronstadt verkehrte,  in der Nähe der Ortschaft Chilieni einen Traktoranhänger bei voller Fahrt erfasste. Der Fahrer des Traktors wollte einen Bahnübergang bei Rotlicht passieren. Im Anhänger befanden sich etwa 20 Roma. Sie kehrten vom Kartoffelernten zurück. Für einen Tag Arbeit bekamen sie 25 Lei und eine warme Mahlzeit. Für viele von ihnen war es das einzige Einkommen. Viele Kinder sind damals ohne einen Elternteil geblieben, viele Familien ohne den Einzigen, der Geld ins Haus brachte. Obwohl es sich um den schwersten Zugunfall der letzten Jahre handelt, gab es in den Medien nur wenig Berichte darüber. Das Bürgermeisteramt hat den Betroffenen geholfen, doch dann vergingen die Jahre und sie wurden vergessen. Was geschieht heute mit den Hinterbliebenen? Diese Frage hat sich das Theaterteam gestellt. Sie sind der Geschichte nachgegangen und haben die Angehörigen der Opfer besucht und interviewt. Aus deren Aussagen, die wie bei einem Dokumentarfilm als Videoprojektion gezeigt werden,  entstand eine ergreifende Inszenierung. Wie ging das Leben für die Hinterbliebenen in den letzten sechs Jahren weiter? Wo leben sie jetzt? Wie erinnern sie sich an die Tragödie? „Über Menschen und Kartoffeln“ ist eine Geschichte über Verlust und Überleben. Neben den Schauspielern treten auch ein paar Roma-Kinder aus Sankt Georgen auf.
Am ergreifendsten ist die Geschichte von Tünde und ihren drei Kindern. Ihr Sohn war neun Jahre alt, als das Zugunglück passierte und der Tod des Vaters hat ihn stark betroffen.  Jahrelang hat er sich zurückgezogen, war oft beim Psychologen. In der Aufnahme kann man sehen, dass die Mutter stolz auf ihn ist. „Er wird sicher später einmal studieren. Er ist gescheit“, meint sie. Der Junge lacht in die Kamera und erzählt von seinen Plänen. Danach erfahren die Zuschauer, dass er in diesem Sommer, kurz nach dem Interview, von einem Auto überfahren wurde und auf der Stelle tot war.
Die neueste Produktion des rumänischen Theaters, zum Anlass des 100. Jubiläum Rumäniens, hatte am Abend des 1. Dezember Premiere. „Nicht gerade 1918“ heißt das Stück des Dramatikers Szekely Csaba, das speziell für das Theater „Andrei Mureșanu“ geschrieben wurde und vom Regisseur Cristian Ban mit allen Schauspielern des Theaters inszeniert wurde. Am Abend des 1. Dezember, eine halbe Stunde vor der Premiere, protestierte eine nationalistische Gruppe, die mit drei Reisebussen aus Kronstadt angereist war, gegen das Stück. Menschen aller Altersgruppen, mit Flaggen und in rumänischen Trachten gekleidet, drangen ins Foyer des Theaters ein, sangen die rumänische Nationalhymne und riefen „Schämt euch!“ und das, obwohl sie das Stück gar nicht gesehen haben konnten, weil am 1. Dezember die Uraufführung war. Der Grund für ihren Ärger: auf dem Theaterplakat war eine kleine ungarische Flagge zu sehen.
Die Komödie „Nicht gerade 1918“ zeigt eine kleine Dorfgemeinschaft in Siebenbürgen, wo der korrupte Bürgermeister europäische Fonds erhält, um im Kultursaal des Dorfes eine Aufführung zum Anlass der Jahrhundertfeier zu organisieren. Sein Plan ist es aber, mit dem Geld zu fliehen. Die Aufführung zeigt Rumänien, so wie es ist. Die Zuschauer bekommen die ungeschminkte Wahrheit zu sehen. Ein Zuschauer meinte zu Ende der Aufführung, dass das Stück genau über diejenigen ist, die vor dem Eingang protestiert haben.


Für Menschen mit Krawatte und Menschen in Turnschuhen


Slam Poetry, Spoken Word, Rap, Jazz, Ethno-Literatur und Musik, Filme, Zirkus und  Workshops – das Festival für zeitgenössische Kunst „PulzArt“, das jedes Jahr im Monat September stattfindet, ist ein Muss für jeden Kulturliebhaber. „Wir wenden uns sowohl an das Publikum in Anzug und Kravatte, als auch an das in Turnschuhen und zeigen  ein paar interessante Initiativen im Bereich der zeitgenössischen Kunst“, meinen die Organisatoren.
Viele gute Initiativen sind entstanden, als Sankt Georgen vor drei Jahren ins Rennen um den Titel „Kulturhauptstadt Rumäniens“ ging. Obwohl die Stadt den Wettbewerb nicht gewonnen hat, war das Vorbereiten der Kandidatur eine gute Gelegenheit für Dialog zwischen den Kulturschaffenden im Gebiet. „Dieser  Wettbewerb war eine große Herausforderung, im Rennen waren 13 andere Städte Rumäniens, viel größere Städte. Die Vorbereitung der Kandidatur brachte eine Vielfalt von interessanten Initiativen zum Vorschein und hat bewiesen, dass die Kultureinrichtungen in dieser Gegend gut zusammenarbeiten können und dass diese Zusammenarbeit zu einer positiven Entwicklung führen kann“, haben die Organisatoren damals erklärt. Nun nennt sich Sankt Georgen mit gutem Recht „Kulturhauptstadt des Szeklerlandes“.
Zu den vielen Theater-, Tanz- und Musikfestivals, die hier organisiert werden, kommen noch eine Grafik-Biennale und eine Fotografie-Biennale hinzu. Auch die Galerie für zeitgenössische Kunst „Magma“, wo Werke junger Künstler vorgestellt werden, ist einzigartig in Siebenbürgen und unbedingt einen Besuch wert.

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