... einen Nachruf auf die Rumäniendeutsche Literatur gibt es nicht, denn sie schreiben noch heute ...

Samstag, 12. Mai 2012

Moderator Eduard Schneider (IKGS), Anton Sterbling, Johann Lippet und William Totok (von links).
Foto: Elke Sabiel

Die Rumäniendeutsche Literatur lebt! So das Fazit der Internationalen Tagung „40 Jahre Aktionsgruppe Banat“ , die vom 26. bis  28. April in der West-Universität Temeswar stattfand. Die Initiative zu dieser Tagung hatte Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth, Direktor des IKGS an der Ludwig-Maximilian Universität, München. Denn vor genau 40 Jahren, 1972, wurde in Temeswar von Studenten und Literaturbegeisterten die „Aktionsgruppe Banat“ gegründet.

Bis auf Richard Wagner, Mitbegründer und Kopf der AG Banat, der aus gesundheitlichen Gründen der Tagung fernbleiben musste, waren sie erschienen, die seinerzeitigen jungen Studenten und Mitstreiter: Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok, Ernest Wichner sowie zeitweilig Werner Kremm. Ferner der Literaturwissenschaftler, -kritiker und Wegbegleiter der AG, Gerhardt Csejka, der maßgeblichen Anteil an der Veröffentlichung zahlreicher Texte hatte, sowie die Mitglieder des seinerzeitigen AMG-Literaturkreises: Helmuth Frauendorfer, Horst Samson und Balthasar Waitz.

Wie kam es zu der Namensgebung ‚Aktionsgruppe’ , die nach 40 Jahren als ‚Gruppe’ ja nicht mehr existiert? So dass Gerhardt Csejka in seinem Beitrag nach der Inspirationsquelle fragte: Vielleicht die 1911 von Franz Pfemfert (1879-1954) gegründete avantgardistische, undogmatische linke Politikzeitschrift ‚Die Aktion’? Oder war es Horst Weber, der nach einem Gespräch mit den jungen Literaten das Wort ‚Aktionsprogramm’ in seinem Beitrag nannte? Bereits die Namensgebung war für die Mitglieder eine wichtige Aktion! Allerdings, wie es zu dem Zusatz ‚Banat’ kam, konnte nicht mehr festgestellt werden.

Den jungen, talentierten Autoren ging es darum weiter zu kommen, literarische Wirkung zu erzielen, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln –   woran es noch heute in Rumänien mangelt, denn Kritik war im Sozialismus ausgeschlossen!

Der Unterschied zwischen der AG     Banat und der sächsischen Dichterschule waren die  Bezüge, die bei der AG die Gegenwart betrafen, also enger, und bei der Dichterschule weiter gefasst waren.

Paul Celans Dichtung war für die jungen Autoren ein wichtiges, aber auch schockierendes Erlebnis, denn natürlich kannten sie die ‚Todesfuge’! Ernest Wichner nannte in seinem Beitrag „Vom roten Bart der Anarchie  - zur Lyrik Rolf Bosserts“, Bossert, der ja auch Gründungsmitglied der AG war, „das größte poetische Genie unserer Generation“ der sich an Celan orientiert habe. Bossert wurde ein Opfer der ‚Securitate’, die ihn 1981 brutal zusammenschlug und 1984 bei der Beantragung seiner Ausreise, Manuskripte beschlagnahmte.Vor seiner Ausreise 1985, spricht er in seinem Gedicht „Reise“ Celan direkt an. Rolf Bossert beging im Februar 1986 Selbstmord im Aussiedlerheim bei Frankfurt; „. . .ich schrieb mir das Leben her, ich schrieb mir das Leben weg . .“

Ja, die Zensur wachte über die Texte der Autoren! Anfang 1974 suchte die Securitate einen Grund dem Treiben der  AG Banat  ein Ende zu setzen, denn sie galt als subversiv und staatsfeindlich. IM „Gruia“ (Franz Th. Schleich) bekam den Auftrag, einen Bericht über die AG zu erstellen, dem dann ein Maßnahmenplan folgte, der Telefonüberwachung, Briefkontrolle und Hausdurchsuchungen vorsah. Im Endeffekt führte dieser Maßnahmenplan zur Auflösung der AG Banat.

Nach dem Zerfall der Aktionsgruppe fanden sich die jungen Autoren in dem von Nikolaus Berwanger  gegründeten „Adam Müller-Guttenbrunn Literaturkreis“  wieder, dem neben Herta Müller auch Helmuth Frauendorfer, Horst Samson und Balthasar Waitz angehörten.

Berwanger (1935-1989) war ein Macher, der das kulturelle Leben nachhaltig gefördert hat. Der AMG-Literaturkreis gewann in kürzester Zeit an Bedeutung, bot den jungen „Schreiberlingen“ eine Plattform, und nachdem Berwanger 1969 die Leitung der „NBZ“ übernommen hatte, wurden ihre Texte kontinuierlich auch dort abgedruckt.

Die Mitglieder des AMG-LK zahlten Beiträge, bildeten ihre eigene Jury, die jährlich Preise an Nachwuchsautoren vergab.

Aber auch dieser Literaturkreis war der Securitate ein Dorn im Auge!
In seinem Beitrag „Das Verhältnis Nikolaus Berwanger zur AG Banat aus der Sicht der Securitate“ ging Stefan Sienerth auf die Position Berwangers im seinerzeitigen Machtgefüge ein. Berwanger war Mitglied im Kreiskomitee der RKP und im Rat der Werktätigen deutscher Nationalität; er nannte Dinge beim Namen und wies auf Missstände hin, war aber auch bereit, mit den Machtträgern Kompromisse zu schließen.

Unter Beobachtung der Securitate stand er seit den 60er Jahren, wurde allerdings nicht übermäßig observiert, da er das Vertrauen der RKP genoss. Dennoch ist seine Secu- Akte über tausend Seiten stark! Über die jungen Autoren hielt er seine schützende Hand und öffnete die „NBZ“ für kritische Themen. Im AMG-LK wurde u. a. über sogenannte Tabuthemen diskutiert, wie die Russland-  und Bărăgan-Deportation. Durch die IM’,  Sorin, Barbu, Voicu, war dies der Securitate  durchaus bekannt...

Nachdem sein Sohn von einer Auslandsreise nicht zurückkehrte, verblasste seine Einflussnahme. Da ihm seine Position jedoch Privilegien gestattete, nahm er 1984 eine Auslandsreise zum Anlass, und kehrte Rumänien den Rücken.

Das IKGS erhielt Anfang 2000 den gesamten Berwanger–Nachlass, einschließlich seiner Securitate-Akte. Sienerth plant eine umfangreiche Arbeit über Nikolaus Berwanger.

Im AMG-LK kriselte es ab 1983, nachdem der Parteidichter Franz Bulhardt als Mitglied aufgenommen werden sollte. Richard Wagner, stellvertretender Vorsitzender des Literaturkreises, stimmte gegen diese Aufnahme und trat von seinem Amt zurück. Und nachdem Berwanger 1984 im Westen geblieben war, zerschlug sich auch dieser Literaturkreis. . .

Aus der Vielzahl der Tagungsbeiträge waren zwei, die besonders beeindruckten: Horst Samson „Der Einfall der Dichter, blühende Literaturlandschaften – die Saat der AG-Banat ist aufgegangen; ein Blick zurück nach vorn zum 40. Geburtstag“, und das sachkundige wissenschaftliche Referat von Dr. Sabina Kienlechner „Die AG-Banat im Visier der Securitate“.

Nachdem der CNSAS Einsicht in die Securitate Akten gewährte, und die ehemaligen Mitglieder der AG- Banat und des AMG-LK ihre Akten einsehen konnten, nachdem 2009 der Literaturnobelpreis an Herta Müller verliehen wurde, stand die rumäniendeutsche Literatur kurzzeitig wieder im Fokus des bundesrepublikanischen Interesses.

Die Öffentlichkeit im Westen, aber auch in Rumänien, reagierte unterschiedlich auf die Einsicht der Betroffenen in ihre jeweiligen Akten. Was wissen denn die Journalisten  im Westen über diese Zeit der 70er, 80er Jahre, den Drohungen und das Methodenarsenal der Securitate ? Und wenn die Medien dann einen enttarnten IM zitieren „ . .er habe grundsätzlich nur Privates berichtet...“  das ist erschreckend! Und ist es nicht ein Solidaritätsbruch wenn Werner Söllner, IM „Walter“, Manuskripte an die Secu  weitergab? Söllner offenbarte sich 2009 auf der Münchner Tagung des IKGS, wobei die Reaktion der Tagungsleitung mehr als besonnen war. Eine Entrüstung blieb aus.

Es ist unbestritten, dass die Akten auf den Tisch müssen, um Unklarheiten zu beseitigen,  Fakten zu kennen, denn ein Verschweigen bleibt unverzeihlich.
Helfen dabei kann die Literatur, damit die Gesellschaft, hier wie dort, ein objektives Urteil fällen kann.

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