Erinnern, würdigen, reflektieren

Büste von Stadtpfarrer Dr. Konrad Möckel und Gedenkplatte zum Schwarze-Kirche-Prozess im Kapitelzimmer des Stadtpfarrhauses von Kronstadt

Donnerstag, 05. Juli 2018

Am Vorabend der Gedenkveranstaltung zeichnete Staatspräsident Klaus Johannis fünfzig ehemalige rumänische politische Häftlinge aus, unter ihnen auch Kurtfelix Schlattner.
Foto: Thomas Șindilariu

Büste von Stadtpfarrer Möckel und Gedenkplatte an die im Schwarze-Kirche-Prozess Verurteilten stehen nun im Kapitelzimmer des Stadtpfarrhauses.
Foto: der Verfasser

Sechzig Jahre nach dem Gruppenprozess, der als „Schwarze Kirche-Prozess“ in die Geschichte eingegangen ist und der die deutsche Gemeinde in Kronstadt, damals noch Stalinstadt/Orașul Stalin benannt, erschütterte, wurde der Opfer dieses Willkürakts der kommunistischen Repression erneut gedacht. Die Gedenkveranstaltung galt in gleichen Maßen Stadtpfarrer Dr. Konrad Möckel als auch den im selben Prozess mitverurteilten neunzehn Angeklagten: Hans Bordon, Karl Dendorfer, Horst Depner, Guido Fitz, Gerhard Gross, Peter Hönig, Oskar Kutzko, Günther Melchior, Theodor Moldovan-Sponer, Gerd Pilder, Emil Popescu-Krafft, Friedrich Roth, Herbert Roth, Maria Luise Roth, Kurt-Felix Schlattner, Rainer Szegedi, Heinz Taute, Werner Theil, Günther Volkmer.  

Sie fand am Mittwoch, 27. Juni, im Kapitelzimmer im Stadtpfarrhaus statt. Stadtpfarrer Christian Plajer äußerte seine Freude, unter den Anwesenden auch drei der damaligen Opfer: Karl Dendorfer, Gerhard Gross und Kurtfelix Schlattner sowie Mitglieder der Familie Möckel (die Enkel Maria Möckel und Konrad Möckel sowie die Schwiegertochter von Dr. Konrad Möckel, Dorothea Koch-Möckel) begrüßen zu dürfen.
Der Choral „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“, gemeinsam gesungen mit Begleitung des „Unisono“-Quartetts, das für den musikalischen Teil dieser Gedenkveranstaltung sorgte, leitete die geistliche Handlung ein für die Enthüllung der Skulptur und der Platte. Anschließend wurden die Namen der im Prozess Verurteilten (von lebenslang bis sechs Jahre Haft) vorgelesen. Die Möckel-Büste (ein Werk von Richard Boege, datiert um 1938, in Bronze nachgegossen von Giulian Dumitriu) und die Gedenkplatte stehen ab nun im Kapitelzimmer und ergänzen die Porträtgalerie einiger Kronstädter evangelischer Stadtpfarrer.

Das Kapitelzimmer als Standort ist symbolträchtig - liegt es doch direkt gegenüber der Schwarzen Kirche, jene Kirche in der Dr. Konrad Möckel 25 Jahre lang (1933-1958) als Stadtpfarrer gedient hat und die ihm so viel bedeutet hat. Über die Persönlichkeit von Dr. Möckel, seine theologische und geistliche Entwicklung, über die Nachwirkungen seiner Tätigkeit in der Honterusgemeinde mit besonderem Vermerk des „Dienstes an jungen Leuten“, der selbst in der schweren Haftzeit nicht abgebrochen wurde, sprach Altbischof D. Christoph Klein in seinem Vortrag „Dr. Konrad Möckel als Pfarrer und Theologe in schweren Zeiten“.  Im zweiten Vortrag des Abends („60 Jahre seit dem Schwarze-Kirche-Prozess. Effekt und Folgen“) zog Thomas Șindilariu auch eine Parallele zu den Besorgnis bereitenden aktuellen Zuständen betreffend politischem Druck unterstellte Justiz. Șindilariu vergaß nicht, darauf hinzuweisen, dass außer den eigentlichen Opfern des Prozesses es auch viele unsichtbare Opfer gab: Familienmitglieder, Freunde. Andere Kronstädter Jugendliche wurden für weitere Prozesse gegen vermeintliche Verschwörungspläne „aufgespart“, die Honterusgemeinde sei nach 1958 für Jahrzehnte mit Informanten auf allen Ebenen infiltriert gewesen.

Seitens der Familie Möckel, sowie im Namen von Marie Luise Roth-Höppner die gesundheitsbedingt nicht in Kronstadt sein konnte, richtete Konrad Möckel ein Gruß und Dankwort aus für die Würdigung seines Großvaters sowie für die Umsetzung der Initiative von Dr. Konrad Möckels Sohn Andreas, die Skulptur des Kronstädter Stadtpfarrers anfertigen und enthüllen zu lassen.

Mit großem Interesse wurden die Wortmeldungen der direkt Betroffenen verfolgt. Dabei wurde das Bild des inhaftierten Pfarrers Möckel lebendiger: der geneigte Kopf der Büste sei so wie bei den Vorträgen im Gefängnis, sagte Gerhard Gross. „Er gab, was er an Weisheit in sich trug, an uns junge Häftlinge weiter.“ Ein ungarischer politischer Häftling, Imre Lay (80) erinnerte sich voller Ergriffenheit an Dr. Möckel mit dem er eine Zeit in derselben Zelle inhaftiert war. Etwas Deutsch habe er von ihm lernen können, aber vor allem die Würde und Ruhe schätzen können, die der Pfarrer ausstrahlte. Gegenseitiger Respekt zwischen den verschiedenen Generationen habe die Haftbedingungen erträglicher gemacht. Die Haftjahre seien trotz allem Leid für ihn auch eine segensreiche Zeit gewesen, sagte Gross, für den diese Vergangenheit nicht verdrängt sondern angenommen und verarbeitet werden müsse, was auch einen Anteil an eigenen Bemühungen voraussetze. Karl Dendorfer (wie auch Gross zu lebenslanger Haft verurteilt) ließ seinen 2010 in der „Siebenbürgischen Zeitung“ erschienenen Beitrag vorlesen in dem der Prozess als „ein Theater, in dem die Securitate die Regie führte“ bloßgestellt wird. Darin ist auch Enttäuschung und Schmerz zu erkennen, wenn es zu den Nachwirkungen des Prozesses wie folgt heißt: „Auch heute noch werden wir immer gefragt, was wir eigentlich getan haben. Unsere Antwort, dass wir nichts Strafwürdiges getan haben, stößt auf Skepsis. Somit tut sich hier ein weites Feld von Vermutungen, von Unterstellungen auf. Der Spannungsbogen reicht von Anerkennung bis zur Verurteilung von Seiten unserer Landsleute, hie und da auch böswillig: mit Adjektiven wie naiv, anmaßend, dumm, die größtenteils auf den von der Securitate lancierten Gerüchten beruhen.“

Dieses Empfinden konnte sich nur noch steigern, als man von dem Juristen und Kronstädter Stadtrat seitens des Deutschen Forums, Arnold Ungar, erfuhr, dass er ein Gerichtsverfahren einleiten musste, um für Karl Dendorfer die Anerkennung des Status eines ehemaligen politischen Häftlings zu erreichen. Und das nach 1999, als der Oberste Gerichtshof das ursprüngliche Prozessurteil kassiert hatte, also bestätigte, dass das Urteil selbst nach der damals geltenden kommunistischen Gesetzgebung falsch gewesen sei. Trotzdem blieb für manchen Bürokraten an dem siebenbürgisch-sächsischen ehemaligen Häftling Dendorfer die Etikette „Faschist, Verschwörer, Verräter“ haften!

Beeindruckt von den unglaublich haltlosen Anklagepunkten der kommunistischen Staatsanwälte von 1958 aber auch von dem Mut zur eigenen Meinung und der Haltung der jungen Häftlinge zeigte sich gegenüber der KR Dr. Christian Fuchs, Präsident der Internationalen Assoziation ehemaliger Gefangener und Opfer des Kommunismus (Inter-Asso). Dr. Fuchs beteiligte sich an der doppelten Gedenkveranstaltung im Kapitelzimmer nachdem am Vortag den Teilnehmern am XXIII. Inter-Asso Kongress, der in Kronstadt abgehalten wurde, anlässlich eines Besuches in der Schwarzen Kirche, die Möckel-Kleinskulptur und die Gedenkplatte von Stadtpfarrer Christian Plajer vorgestellt wurden.

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