Menschen in China

Das faszinierende Leben im Reich der Mitte (II)

Donnerstag, 31. Mai 2018

Einkaufsstraße in Hong Kong

Touristen fotografieren die sogenannte Lichtersymphonie, eine zehnminütige Laser-Show, die jeden Abend um 20 Uhr beginnt.

Am Bahnhof von Shanghai
Fotos: die Verfasserin

(Fortsetzung, Teil I hier)

Die Eltern mit Regenschirmen

Sie haben blaue, rosa, grün karierte Regenschirme vor sich aufgespannt, an denen sie mit Tesafilm Zettel befestigt haben. Auf manchen Schirmen kleben Fotos, auf anderen heftet zusätzlich ein Zertifikat, an den meisten stecken DIN A4-Blätter mit Informationen wie diese: männlich, geboren im August 1986, Größe: 173 cm, Mitglied der Kommunistischen Partei, hat Jura studiert, arbeitet in einer Anwaltskanzlei, besitzt zwei Wohnungen auf der Nanjing-Straße. Jedes Wochenende zwischen 12 und 15 Uhr versammeln sich ältere Leute im People’s Park im Zentrum von Shanghai. Es sind Eltern, die Werbung für ihre Kinder machen- das Event nennt sich Heiratsmarkt und ist eine Art Partnerschaftsbörse unter freiem Himmel. Dass Eltern die Ehen der Kinder arrangieren, hat eine lange Tradition in China. Die meisten Fotos auf den Regenschirmen sind von Männern zwischen 30 und 40 Jahren. Doch auch besorgte Eltern von Frauen sitzen hoffnungsvoll hinter den Schirmen. Denn obwohl in China Männerüberschuss herrscht (aufgrund der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik entschieden sich viele Eltern, Mädchen abzutreiben, was als Folge hat, dass zur Zeit im ländlichen China 180 männliche Singles auf 100 unverheiratete Frauen kommen) haben auch viele junge Frauen Probleme, “den Richtigen” zu finden. Unverheiratete Frauen über 27 werden “übriggebliebene Frauen” (shčngnü) genannt und gelten als hoffnungslose Fälle.

Über Umarmungen und glitzernde Outfits

Es ist eher eine Rarität, dass Chinesen jemanden zu sich nach Hause einladen. Das eigene Wohnzimmer ist wie ein heiliger Tempel, den nur wenige betreten dürfen.

Mit seinen Freunden und Bekannten trifft man sich gerne auswärts. Und auch mit der Familie geht man oft ins Restaurant- nach den Informationen aus meinem Reiseführer wenigstens zwei, drei Mal pro Woche. Während in Europa jeder ein Gericht für sich selbst bestellt, geht es in China anders zu. Einer bestellt für alle, die vielen Speisen kommen in kleinen Schüsseln und man kostet aus allen. Die Regel lautet: nicht alles essen, immer etwas zurücklassen. Sonst wird interpretiert, dass man nicht satt geworden ist.

Eine andere Regel lautet: man steckt niemals seine Stäbchen in eine Schale mit Reis, da dies nur bei den Opfergaben für die Ahnen üblich ist und deshalb Unglück bringt. Falls man von einem Chinesen zum Essen eingeladen wird, muss man erstmal höflich ablehnen. Erst wenn die Einladung drei Mal ausgesprochen wird, gilt sie auch. Dann muss man aber auch zusagen.

Falls man ein Geschenk mitbringt, sollte man weiße und gelbe Blumen und Uhren in jeglicher Form vermeiden (diese können das Ende des Lebens bedeuten). Ein Geschenk sollte man mit beiden Händen geben und entgegennehmen. Dasselbe gilt auch für Pässe, Visitenkarten, Eintittskarten u.a. Und falls man einen chinesischen Bekannten nach langer Zeit wieder trifft: nur nicht umarmen!

In China scheut man zu engen Körperkontakt. Nach zwei Wochen in Shanghai und Hong Kong haben wir nur zwei Personen gesehen, die sich in der Öffentlichkeit umarmt haben. Höchstwahrscheinlich hatten sie sich nach 50 Jahren wiedergesehen. Eine andere „Regel“, die in China gilt: grundsätzlich wird man hier angerempelt, wenn man im Weg steht. Niemand wartet bei der U-Bahn darauf, dass zuerst die Fahrgäste aussteigen. Man drängt sich einfach hinein, man lässt niemandem den Vortritt. Als Tourist muss man sich daran anpassen.

Von Mrs. Jet Set, einer Amerikanerin, die in Shanghai Modeführungen organisiert, erfahren wir, dass in keinem Land der Welt die Anzahl der Millionäre so rasch steigt wie in China. Zurzeit sind mehr als anderthalb Millionen Chinesen Millionäre. Davon sind viele schnell zu ihrem Reichtum gekommen. Das kann man ihrem Stil ansehen: glitzernd, bunt, alles wild miteinander kombiniert, als hätten sie mit verbundenen Augen in den Kleiderschrank gegriffen. Mrs. Jet Set führt uns durch die Luxusläden in der Nanjing-Straße. Einen Gucci-Laden habe ich noch nie von innen gesehen. Die Verkäufer sind nett und lächeln. Zwar habe ich nicht gewagt, etwas zu probieren, aber es wäre sicher möglich gewesen. Viele Chinesen kaufen hier ein. Sie lieben es, Markenkleidung zu tragen. Falls sie die Luxuskleidung billiger kaufen wollen als in China, fliegen sie nach Hong Kong. Hier gibt es manchmal riesengroße Schlangen vor den Edel-Läden.

Über das Glück

Das größte Glück ist der Reichtum. Und manchmal kann eine einfache Zahl wie die vier dich daran verhindern, reich, also glücklich zu sein. In China wird Aberglaube großgeschrieben. In den Aufzügen in chinesischen Hochhäusern fehlen die Stöcke 4, 13 und 14. Bei manchen kommen auch 14, 24 und 42 nicht vor. In Hong Kong gibt es Gebäude, in denen sogar alle Etagen von 40 bis 49 ausgelassen werden, da alle mit 4 beginnen. Man nennt es Tetraphobie – die abergläubische Angst vor der Zahl vier. Die 4 ist eine Unglückszahl, denn 4 „sě“ klingt fast wie „sí“ (anderer Ton) und das wiederum heißt Tod. Besonders in informellen Gesprächen hören sich beide Töne sehr ähnlich an. Manchmal werden die Zahlen 14 und 24 als noch unheilvoller angesehen als die 4: 14 bezeichnet den sicheren Tod, während 24 „leicht zu sterben“ bedeutet. Deshalb wird in China während Festtagen, oder wenn ein Mitglied der Familie erkrankt, darauf geachtet, das Auftreten dieser Zahl in jeglicher Form zu vermeiden.

Hingegen ist die Zahl 8 der absolute Glücksbringer. Weil sich Acht (Hochchinesisch: „ba“) so ähnlich wie das Wort „Reichtum“ („fa“) anhört, gilt die Ziffer als besonders glücksbringend. Es ist nicht ein Zufall, dass die olympischen Spiele in China im Jahr 2008 stattgefunden haben. Die Eröffnungsfeier war am 8.08.2008 um 8.08 Uhr, um allen Teilnehmern Glück zu bringen.

Der Aberglaube über die glückliche Zahl geht so weit, dass Telefonnummern für Handys verkauft werden: je mehr „Glücksziffern“ in einer Nummer enthalten sind, desto teurer ist sie. Manch ein neureicher Chinese investiert hier ein kleines Vermögen.

Aberglaube kann ins Extreme gehen: um sich und anderen Passagieren einen ruhigen Flug zu garantieren, hat vor einem Jahr eine chinesische Rentnerin mehrere Münzen in das Triebwerk eines Flugzeugs geworfen. Doch was bedeutet Glück? Während in der westlichen Welt der Individualismus gelebt wird, existiert in China bereits seit sehr langer Zeit ein Kollektivismus. Das konfuzianische Denken verstärkt das kollektive Denken, insbesondere bei der älteren Generation. Die Harmonie in einer Gesellschaft, dass alle Personen und Mitglieder einer Gruppe harmonieren sollen, fördert den Kollektivismus. Das Glück der Gesellschaft ist also wichtiger als das eigene Glück.

Am letzten Abend spazieren wir durch den Fuxing-Park in Shanghai. Aus Lautsprechern tönt Tango-Musik, Leute tanzen dazu. Ein paar Meter weiter findet eine Aerobic-Stunde unter freiem Himmel statt. Ältere Frauen schwingen ihre Hüften im Rhythmus der Musik. Überhaupt trifft man in Parks sehr viele ältere Leute: Sie spielen Schach oder Mahjong (eine Art Rummy), sie machen Tai-Chi Übungen, tanzen, plaudern miteinander… und scheinen glücklich zu sein.
Etwa 20 Stunden später, am Flughafen in Otopeni. Niemand drängelt beim Eingang in den Aufzug, der zum Parkplatz führt. Niemand geht rückwärts. Niemand macht Selfies von sich vor dem Blumenladen. Man hört weit und breit niemanden spucken. Draußen ist die Luft rein. Und niemand lächelt. Das Leben scheint einfacher zu sein – aber weniger aufregend.

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