Über Ängste und Dunkelheit

Ausstellung „Die Nacht in dir“ im Deutschen Kulturzentrum

Dienstag, 19. Februar 2019

Die Ausstellung „Die Nacht in dir“ kann bis Anfang März besucht werden. Fotos: die Verfasserin

Blau ist die Farbe der Traurigkeit. Ein Mann sitzt mit einer Katze im Arm auf dem Sofa, vor dem Fernseher. Ein anderer sitzt am Schreibtisch, von einem dicken Lichtstrahl beleuchtet. Andere Menschen warten auf den Bus, überqueren die Straße auf  einem Zebrastreifen, fahren mit dem Fahrrad durch die Nacht. In einem Kinosaal läuft gerade der Film „Faust“ in der Regie von F.W. Murnau. Das vielleicht düsterste Bild zeigt eine Menschengruppe, die auf eine überdimensionale Ratte starrt. Alle Menschen auf den Zeichnungen sehen allein aus. Auf allen Bildern erscheint ein Lichtstrahl. Alle Bilder sind in ein blaues Licht getaucht. Blau ist die Farbe der Traurigkeit. Eine etwas andere Ausstellung wurde am Donnerstag, dem 7. Februar, im Deutschen Kulturzentrum Kronstadt eröffnet. „Die Nacht in dir“ (rum. Noaptea din tine) zeigt ein kleines deutsches Wörterbuch, in dem die wenigen deutschen Worte, die die Autorin der Ausstellung kennt, durch Zeichnungen ersetzt werden. Die Ausstellung ist Teil eines Projektes, das das Deutsche Kulturzentrum Kronstadt seit ein paar Monaten erfolgreich durchführt und dessen Ziel es ist, dem Publikum die Werke junger Kronstädter Künstler vorzustellen. Im Rahmen dieses Projektes wurden schon ein paar Fotografieausstellungen im Kultursaal des Zentrums gezeigt.

Die banalen Ängste des Stadtmenschen

Die Autorin der Ausstellung meint, dass sie dabei vom Wort „Angst“ ausgegangen ist. So hat sie eine Serie von Illustrationen geschaffen, in denen das Thema der Angst beschrieben wird. „Es geht um die täglichen, fast banalen Ängste des modernen Stadtmenschen. Banal, weil es heute fast zur Mode geworden ist, an Depressionen zu leiden. Früher hätte man so etwas nie zugegeben, aus Angst, stigmatisiert zu werden. Heute wandelt sich das gesellschaftliche Bild - jeder gibt zu, unter Depressionen und Angststörungen zu leiden. Ich habe versucht, diese Gefühle in Zeichnungen umzusetzen. Dabei geht es um schematische, minimalistische Darstellungen von verschiedenen emotionalen Zuständen. Angst, das bedeutet für mich Alpträume, Schlaflosigkeit, weiße Nächte und Erschöpfung. Alle Menschen auf den Bildern erscheinen in normalen, fast selbstverständlichen Alltagssituationen. Sie lesen, sie sitzen am Schreibtisch, sie schauen fern, duschen, sind in einem Kinosaal oder in der eigenen Küche“, meint Alina Andrei. Keines der Bilder will die Künstlerin erklären. „Jeder Zuschauer kann sich eine eigene Geschichte vorstellen“, meint sie.

In Kronstadt/Brașov geboren, ist die Fotografin Alina Andrei vor ein paar Jahren nach Klausenburg gezogen. Sie stellte ihre Werke in Galerien oder unkonventionellen Kunsträumen in Bukarest, Klausenburg/Cluj-Napoca, Neumarkt/Târgu Mureș, Kronstadt, Temeswar/Timișoara, Nürnberg und Venedig aus. Zusammen mit dem Kronstädter Künstler George Roșu verwaltet sie RAFT, einen Ausstellungsraum im Multikulturellen Zentrum der Transilvania-Universität.

Menschen wie du und ich

Es sind oft Geschichten, die die Fotografin selbst erlebt hat - viele von ihnen kennt sie aus der Zeit, als sie noch in Kronstadt lebte und täglich mehrmals  mit dem Bus Nr. 17 fuhr. Um ihre Geschichten zu illustrieren, hat die Künstlerin Papiermenschen erfunden. Sie wurden von ihr durch Zeichnungen ins Leben gerufen und anschließend fotografiert. Ähnlich wie in Comics erscheinen in Wortblasen auch die Gedanken der Papiermenschen auf den Fotos.

Die Geschichten veröffentlicht Alina Andrei auf ihrem Blog oder in sogenannten Fanzines - das sind kleine, selbstgemachte Büchlein an der Schnittstelle zwischen Comic, Illustration und Grafik, von denen es nur wenige Exemplare gibt. Über zehn Fanzines hat sie schon herausgegeben – für Sammler von Kuriositäten sind sie ein absolutes Muss. Die Fanzines haben Titel wie „Autobus Nummer 17“, „Wie man einen Weichselbaum pflanzt“, „Unbekannte, die sich auf der Straße küssen, während du es nicht tust“, „Wie du im Büro tanzen kannst, ohne beobachtet zu werden“, „Als ich Schlitten fuhr“. Eines ist sicher: Der Tag wird garantiert schön, wenn man beim Morgenkaffee in einem der Büchlein liest. Mit ihren Papiermenschen hat Alina eine ganze Welt geschaffen, die unserer eigenen nicht unähnlich ist. Inzwischen begegnet man in Alinas Werken einer gesamten Personengalerie. Es sind „Menschen wie du und ich“. Sie ähneln vielleicht dem Nachbarn aus der 3. Etage, oder der Verkäuferin im Supermarkt. Oder vielleicht der eigenen Mutter, oder dem Arbeitskollegen, oder dem Freund. Manchmal findet man zwischen den Papiermenschen sogar sich selbst.  Die Ausstellung „Die Nacht in dir“ kann bis Anfang März im Deutschen Kulturzentrum (Langgasse Nr. 31) besucht werden.

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