| |
Auf
der Suche nach dem jüdischen Sathmar
Simon Geissbühlers Neuerscheinung „Spuren, die vergehen“
/ Von Markus Heide
„Die Spuren waren zurückgeblieben. Aber
die Zeit würde sie allmählich verwischen, und es wird
nichts zurückbleiben“, mit diesem Zitat des deutsch-jüdischen
Schriftstellers Edgar Hilsenrath wird das Buch eingeleitet.
Der Autor Simon Geissbühler, Erster Mitarbeiter der Schweizer
Botschaft in Bukarest, hat sich in drei Reisen nach Sathmar
und Umgebung aufgemacht, um dort nach den vergehenden Spuren
des jüdischen Lebens zu suchen, das im Holocaust fast vollständig
ausgelöscht wurde.
Und er wurde fündig: Zum Beispiel in Sathmar, wo eine Synagoge
mittlerweile von Wohnblocks eingezwängt wird, in Atea an
der Grenze zu Ungarn und der Ukraine, wo auf einem Friedhof
nur noch ein einziger intakter Grabstein hinter Stacheldraht
steht, oder in Coltirea, wo er zufällig ein Gräberfeld
entdeckt, das bisher in keinerlei Büchern und Listen angegeben
war.
Auf diese oftmals ungewisse Spurensuche lässt man sich
beim Lesen gerne ein. Zwar ist der 1973 geborene Geissbühler
unter anderem studierter Historiker und hat sich schon mehrmals
mit den Juden in Osteuropa beschäftigt, sein Buch aber
erhebt keine gehobenen wissenschaftlichen Ansprüche und
stellt auch keine umfassende Abhandlung über die Juden
in Sathmar dar.
Vielmehr ist es ein persönlicher, bebilderter Reisebericht
über die Suche nach den jüdischen Spuren, dem damaligen
Leben, das er immer wieder vor dem inneren Auge vorbeilaufen
lässt, und die Suche nach der Antwort auf die Frage: Was
bedeutet Heimat? „Es ist etwas anderes, zu Hause heimatlos
zu sein als in der Fremde, wo wir in der Heimatlosigkeit ein
Zuhause finden können“, mit diesem Zitat von Imre
Kertész beschreibt er wohl am besten das Dilemma der
Sathmarer Juden, sowohl das der zahlreich nach New York City
ausgewanderten, als auch das der wenigen zu Hause gebliebenen
Juden.
Der Autor hinterlässt aber nicht nur Fragen, er schildert
auch präzise die von gesellschaftlicher Akzeptanz geprägte
Geschichte der Juden in Rumänien bis zur Deportation, beschreibt
eindrücklich Land und Leute, kritisiert die fehlende Vergangenheitsbewältigung
hierzulande und beklagt die Nichtbeachtung und Vernachlässigung
der jüdischen Friedhöfe und Synagogen. Mit seinem
Buch erinnert er zumindest an diese bald vergangenen Spuren:
„Ich habe den Zerfall gestoppt – natürlich
nicht den realen Zerfall, denn ich reise mit dem Notizbuch und
nicht mit dem Spaten, der Axt und der Säge, sondern den
Zerfall der Erinnerung an die jüdische Präsenz, an
das Leben, an die Vielfalt. Und natürlich ist der Zerfall
nur gestoppt für einen Augenblick – bis dieses Buch
keine Leser mehr hat, bis es zerfällt, sich auflöst
in Fetzen, Partikel. Bis dann aber – immerhin –
gibt es wieder eine Erinnerungsspur. Jeder, der diese Zeilen
liest, trägt die Erinnerung weiter.“ Simon
Geissbühler: „Spuren, die vergehen. Auf der Suche
nach dem jüdischen Sathmar/Satu Mare“, 104 Seiten,
mit Fotos, Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 2010, ISBN
978-3-942271-00-4, 17,90 Euro
Liebeserklärung
an das eigene Werkzeug
Günter Grass schließt seine autobiografische Trilogie
ab / Von Bernhard Spring
Mit seinem neuen Roman setzt Günter Grass den Gebrüdern
Grimm ein literarisches Denkmal. Zugleich verneigt sich der
Nobelpreisträger mit „Grimms Wörter. Eine
Liebeserklärung“ vor der deutschen Sprache und
schließt seine autobiografische Trilogie ab.
Er habe eher zu viel geschrieben als zu wenig, meinte Günter
Grass schmunzelnd, als er im vergangenen Jahr während
des Wahlkampfes in Ostdeutschland unterwegs war. Damals las
er aus seinen kurz zuvor veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen
aus dem Jahr der Wiedervereinigung – „Unterwegs
von Deutschland nach Deutschland“ zeigt einen nachdenklichen
Grass, der nicht so recht in die damals heitere Zukunftsmusik
einstimmen wollte. Doch diese Notizen sind trotz der typisch
Grass’schen Grobkörnigkeit der Sprache kaum von
literarischem Belang. Sein Reisebericht durch die sich auflösende
DDR ist zuallererst ein politisches Buch.
Und vielleicht ist Grass auch in erster Linie ein politischer
Autor. „Demokratie ist kein fester Besitz, sie muss
immer wieder neu verteidigt, neu definiert werden“,
fordert er unermüdlich, auch von sich selbst. Und so
kann es kaum überraschen, dass seine jüngste Veröffentlichung
ebenfalls ein politisches Buch ist. Grass zeichnet mit „Grimms
Wörter“ eines der ehrgeizigsten Projekte der deutschen
Sprachwissenschaft nach: Die Zusammenstellung eines Wörterbuchs
durch die Gebrüder Grimm, das über alle Zeiten hinweg
Gültigkeit haben würde.
Als Auftakt für seine Romanhandlung wählte Grass
den Protest der Grimms gegen die Aufhebung der hannoveranischen
Verfassung im Jahr 1837, der zu ihrer Entlassung von der Universität
Göttingen führt – die Märchensammler
Jacob und Wilhelm Grimm werden somit als Sprachwissenschaftler
und Demokraten der ersten Stunde zugleich dargestellt. Grass,
der die Grimms als geistiger Weggefährte so hautnah begleitet,
dass er auch schon einmal neben ihnen auf einer Parkbank Platz
nehmen kann, beschreibt die Entstehung des Wörterbuchs
als geistesgeschichtlichen Dreh- und Angelpunkt, wobei er
immer wieder den Zusammenhang zu seinem eigenen Leben und
Schaffen sucht.
Zunächst machen sich Jacob und Wilhelm Grimm enthusiastisch
an die Arbeit. Sie glauben, in wenigen Jahren ihr Werk abgeschlossen
zu haben. Doch bald entdecken sie den wahren Umfang ihres
Schaffens und kommen wesentlich langsamer voran als angenommen.
Als Jacob Grimm 1863 vier Jahre nach seinem Bruder stirbt,
ist er gerade einmal bei dem Wort „Frucht“ angelangt.
Erst 1960 liegen alle 32 Bände des „Deutschen Wörterbuchs“
abgeschlossen vor.
Waren die Grimms von der entdeckten Vielfältigkeit der
deutschen Sprache beeindruckt, so ist es Grass nicht weniger.
Labsal beispielsweise sei so ein fast vergessenes Wort, dessen
Klang allein schon Tröstung verschaffe. Mit einer solch
intensiven Betrachtung der deutschen Sprache verneigt sich
Grass als Schriftsteller vor seinem Handwerkszeug und vollendet
seine autobiografische Trilogie, die seit der Publikation
von „Beim Häuten der Zwiebel“ im Jahr 2006
große öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Im schonungslosen
und völlig offenen Umgang mit sich selbst hatte Grass
unter anderem auch seine Vergangenheit bei der Waffen-SS erstmals
zur Diskussion gestellt.
Zwei Jahr darauf folgte mit „Die Box“ ein Resümee
seines späteren Lebensweges, wobei er dem Leser auch
Einblicke in sein Privatleben gewährte, sich weiter häutet.
In „Grimms Wörter“ richtet Grass nun den
Fokus auf seine Arbeit: Der Umgang mit der Sprache steht ebenso
im Vordergrund der Handlung wie auch das politische Engagement
der Gebrüder Grimm. Dabei versucht Grass, ihr Handeln
zeitlos erscheinen zu lassen, um aus ihm überzeitliche
Ansprüche abzuleiten, und schafft damit eine tatsächliche
Liebeserklärung an die politische Literatur.
Und da schimmert sie wieder durch: Grass‘ Vorstellung
von einer Politik der Besonnenheit, der „kleinen Schritte“,
des „Fortschritts im Schneckentempo“. In einem
gemächlichen Sprachtempo gelingt Grass ein flüssig
lesbarer Abriss seines literarischen und politischen Gesamtwerks
– und vielleicht sogar ein gelungenes Vermächtnis.
Günter Grass: „Grimms Wörter. Eine
Liebeserklärung“, Steidl Verlag, Göttingen
2010, 368 S., 29,80 Euro
Jahrestagung
des AKSL über Securitate
Unter dem Titel „Die Securitate in Siebenbürgen“
findet zwischen dem 24. und 26. September die 45. Jahrestagung
des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde
e. V. Heidelberg in Jena statt. Veranstaltet wird die Konferenz
in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Osteuropäische
Geschichte am Historischen Institut der Universität Jena
und dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas
e. V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Die Tagung konzentriert sich auf den Raum Siebenbürgen
und schwerpunktmäßig auf die Literatur und die
Kirchen der Minderheiten, beziehungsweise deren Aufsicht sowie
Einflussnahme durch die Securitate. Führende Mitarbeiter
des rumänischen Nationalrates für die Aufarbeitung
der Securitate-Archive (CNSAS) sowie rumänische, deutsche
und ungarische Wissenschaftler werden aufgrund des seit einigen
Jahren zugänglichen Aktenmaterials referieren, in einem
Podiumsgespräch und den Diskussionsrunden nach den Referaten
sollen die Betroffenen ebenfalls zu Wort kommen.
Die Tagung wird am Freitag, dem 24. September, um 14 Uhr,
eröffnet. Joachim von Puttkammer (Jena) führt in
die Tagung ein, wonach Dragos Petrescu, der CNSAS-Präsident,
über die Unterlagen der Securitate im Spannungsfeld zwischen
literarischem Wert und Dissidenten-Literatur referiert und
Martin Jung (Jena) über den Umgang mit der Securitate
im heutigen Rumänien spricht. Über die Erfahrungen
mit der Aufarbeitung von Stasi-Akten in Deutschland berichtet
Katharina Lenski (Jena), wonach Marius Oprea (Bukarest) zum
Thema Securitate und die rumänische Gesellschaft spricht
und Liviu Burlacu (CNSAS) die Deportation der Rumäniendeutschen
in die Sowjetunion aus der Sicht der Securitate vorstellt.
Für 18 Uhr ist die Eröffnung der Ausstellung „Rumäniendeutsche
Schriftsteller im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“
vorgesehen, in die Cristina Anisescu (CNSAS) einführt.
Der erste Abend schließt mit einer Lesung des Schriftstellers
Richard Wagner.
Dem Thema deutsche Minderheit und Securitate widmen sich am
Samstagvormittag in der Moderation des AKSL-Vorsitzenden Ulrich
A. Wien Virgiliu Târãu und Silviu Moldovan (beide
CNSAS) sowie Hannelore Baier (Hermannstadt). Über die
Stasi in Siebenbürgen spricht Georg Herbstritt (Berlin).
Der Samstagnachmittag ist der Securitate und den Kirchen gewidmet.
Über den Fall Konrad Möckel referiert Corneliu Pintilescu
(Klausenburg/Cluj), zur Beziehung zu der orthodoxen Kirche
spricht Gerd Stricker (Küsnacht), Deszö Buzogány
(Klausenburg) geht auf die Securitate im Bezug zu den Kirchen
der ungarischen Minderheit ein und Uwe-Peter Heidingsfeld
(Hannover) zieht einen Vergleich zwischen der antikirchlichen
Repression in der DDR und in Rumänien. In der Moderation
des IKGS-Leiters Stefan Sienerth findet unter Beteiligung
von Matthias Pelger (Kronstadt/Augsburg), Dorin Oancea (Hermannstadt)
und Anton Sterbling (Görlitz) als Zeitzeugen eine Podiumsdiskussion
statt.
Am Sonntag, dem 26. September, steht die Literatur versus
Securitate im Mittelpunkt. Michael Markel (Nürnberg)
präsentiert Momente der Klausenburger Germanistik im
Spiegel seiner Akte, Stefan Sienerth referiert zur deutschen
Literatur im Spiegelbild der Securitate und Wolfgang Dahmen/Gundel
Grosse (Jena) zur rumänischen Literatur. Eine Abschlussdiskussion
ist für 10.15 Uhr geplant.
Täglich in deutscher Sprache.
In Rumänien und weltweit.
Seit über 60 Jahren.
|