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Konstruktionen
von Weiblichkeit
„Die fiktive Frau“ - ein neuer Band der wissenschaftlichen
Reihe „Jassyer Beiträge zur Germanistik“ /
Von Dr. Markus Fischer
Die Alexandru Ioan Cuza-Universität
zu Jassy/Iasi belegt in zahlreichen rumänischen und internationalen
Universitätsrankings den Spitzenplatz unter allen Hochschulen
Rumäniens. Eine ihrer bedeutenden Publikationen ist die
wissenschaftliche Reihe „Jassyer Beiträge zur Germanistik“,
die im Auftrag des Germanistiklehrstuhls der rumänischen
Spitzenuniversität von dem Jassyer Literaturwissenschaftler
Andrei Corbea-Hoisie herausgegeben wird. Soeben ist der 13.
Band der im Jahre 1983 begründeten Reihe erschienen, wobei
sich der Herausgeber bescheiden und vornehm im Hintergrund hält
und den zwei Jassyer Herausgeberinnen dieses Einzelbandes, der
rumänischen Germanistin Ana-Maria Pãlimariu und
der österreichischen Germanistin Elisabeth Berger, das
Terrain der Vorderseite des Buches zur alleinigen Nennung ihrer
Namen überlässt. Allerdings müsste auf dem Buchrücken
und auf dem vorderen Buchdeckel vermerkt werden, dass es sich
bei den beiden jüngeren Wissenschaftlerinnen um die Herausgeberinnen
des Bandes und nicht um dessen Autorinnen handelt, wobei die
beiden durchaus auch mit Einzelbeiträgen in diesem Band
vertreten sind: Ana-Maria P²limariu mit einem Aufsatz über
Ruth Klüger und Martin Walser, Elisabeth Berger mit einem
Beitrag über Elfriede Jelinek und Herta Müller.
Wohltuend keineswegs nur bei diesem Band der „Jassyer
Beiträge zur Germanistik“ ist, dass es sich dabei
nicht um ein wissenschaftliches Sammelsurium oder um germanistische
Gemischtwaren handelt, sondern um einen thematisch konturierten
und auf eine spezifische Fragestellung bezogenen Sammelband
mit gleichsam monografischem Charakter. Gemeinsamer Fokus des
Bandes ist die wissenschaftliche Untersuchung der „Konstruktionen
von Weiblichkeit in der deutschsprachigen Literatur“,
so der Untertitel der Publikation mit dem Obertitel „Die
fiktive Frau“.
Hervorgegangen ist der Band aus einer Jassyer Tagung des Jahres
2008 über „Performative Konstruktionen von Weiblichkeit
in der ’rumäniendeutschen’ Literatur nach 1945“,
die gemeinsam von den Universitäten Jassy und Konstanz
veranstaltet wurde. Im wissenschaftlich wertvollen Ertrag dieser
Tagung sowie des vorliegenden Bandes artikuliert sich nicht
zuletzt die Bedeutsamkeit germanistischer Institutspartnerschaften,
wie sie sich in der langjährigen Zusammenarbeit zwischen
der Germanistik in Konstanz und der Germanistik in Jassy beispielhaft
realisiert.
In einer solchen verlässlichen und fachwissenschaftlich
konzentrierten Kooperation und in den sich daraus ergebenden
germanistischen und menschlichen Bindungen liegt sicher auch
das zukunftsweisende Element für die kontinuierliche Weiterentwicklung
der Germanistik in Rumänien begründet, das durch bloße
Einzelveranstaltungen, wie monumental diese auch sein mögen,
nicht zu ersetzen ist. Schließlich spiegelt sich die Kooperation
zwischen Jassy und Konstanz auch darin, dass der Band „Die
fiktive Frau“ vom Jassyer Universitätsverlag „Alexandru
Ioan Cuza“ und vom Konstanzer Hartung-Gorre Verlag gemeinsam
verlegt wurde.
Der mehr als fünfhundert Seiten umfassende Band „Die
fiktive Frau“ ist in sechs Abteilungen gegliedert. Er
wird eröffnet durch theoretische Einblicke in die sogenannten
„gender studies“ und in die feministische Literaturwissenschaft,
wobei dem Werk der amerikanischen Komparatistin und Philosophin
Judith Butler besondere Aufmerksamkeit zuteil wird.
Die zweite Abteilung, die ihrerseits in vier Unterabschnitte
gegliedert ist, befasst sich mit weiblichen Identitäten
in verschiedenen Literaturkontexten: in der Literatur der Bukowina
und der Bukowiner Diaspora, zum Beispiel bei Rose Ausländer;
bei rumäniendeutschen Autorinnen und Autoren wie Anemone
Latzina, Herta Müller oder Aglaja Veteranyi; bei rumänischen
Autorinnen und Autoren deutscher Sprache wie Carmen Francesca
Banciu oder Catalin Dorian Florescu, der bei der Schreibung
seines Namens übrigens auf die rumänischen diakritischen
Zeichen verzichtet; und nicht zuletzt auch bei deutschen und
österreichischen Autorinnen und Autoren wie Ingeborg Bachmann,
Christa Wolf oder Barbara Köhler.
Die dritte Abteilung mit dem Titel „Inter-Gender-Kulturalität“
untersucht Phänomene wie Sprachlatenz, also die bei Migranten-
oder Minderheitenautoren zu beobachtende Interferenz zwischen
Mutter- und Landessprache, oder beschäftigt sich mit interkulturellen
und kulturspezifischen Aspekten weiblicher Identität.
Die vierte Abteilung des Bandes besteht in Gänze aus einem
einzigen, lesenswerten, literaturwissenschaftlichen und zugleich
autobiografischen Beitrag der Kronstädter Autorin und Germanistin
Carmen Elisabeth Puchianu. In einem vorangehenden Abschnitt
desselben Bandes findet sich übrigens auch ein Aufsatz
zu Frauengestalten im Werk von Carmen Elisabeth Puchianu (vgl.
Abt. II. 2).
Ein einzelner Aufsatz über Peter Huchel als politischen
Dichter, der sich wohl nicht ins thematische Gesamtkonzept des
Bandes fügte, wurde in die nächste, „Miscellanea“
betitelte fünfte Abteilung des Bandes platziert, die man
deshalb auch mit der Bezeichnung „Miscellaneum“
oder „Miscellaneus“ hätte versehen können.
Den Abschluss des Bandes bildet die sechste und letzte Abteilung
mit Rezensionen, die zumeist aus der Feder von Jassyer Germanisten
stammen, und zwar zu literatur- und kulturwissenschaftlichen
Neuerscheinungen, die zumindest teilweise einen Bezug zur Gesamtthematik
des Bandes „Die fiktive Frau“ haben. Unter anderen
sind hier Rezensionen zu Publikationen über die Lyrik Rose
Ausländers, über das Werk Elias Canettis oder über
die Literaturtheorie der Neomoderne zu nennen.
Aufgrund seiner inhaltlichen Fokussierung eignet sich der Band
nicht nur zur konzentrierten Lektüre, sondern auch vorzüglich
für den akademischen Unterricht, vor allem im Bereich des
Master- oder Doktor-Studiums, in dem ja gerade eine wissenschaftliche
Vertiefung und eine theoretische Fundierung der im Bachelor-Studium
erworbenen Kenntnisse erreicht werden soll. 
Theater,
Tanz, Konzerte, Ausstellungen
Zahlreiche Highlights beim 17. Internationalen Theaterfestival
in Hermannstadt angesagt Von Hannelore Baier
„Fragen” lautet das Thema der diesjährigen
17. Folge des Internationalen Theaterfestivals in Hermannstadt/Sibiu.
Stattfinden wird sie zwischen dem 28. Mai und 6. Juni. Zum zehntägigen
Veranstaltungsmarathon wurden wiederum Teilnehmer aus 70 Staaten
der Welt geladen. Geplant sind rund 350 Events an 66 Austragungsorten,
erwartet werden täglich bis zu 35.000 Zuschauer. Versprochen
wird ihnen ein reichhaltiges Angebot an Theater-, Tanz- und
Musikdarbietungen, Ausstellungen und Buchpräsentationen,
Workshops und Debatten.
Eingeladen wurden trotz Krise und Sparhaushalt auch heuer namhafte
Ensembles aus dem In- und Ausland. Dazu gehört das „Odin
Teatret“ aus Dänemark, dessen Ensemble in der Regie
seines Gründers Eugenio Barba, einem Schüler von Jerzy
Grotowski, eine Reihe von drei Vorstellungen bieten wird. Zu
den Highlights gehört sodann sicherlich die Theaterrecherche
von Peter Brook unter dem Titel „Warum, warum“,
am Schauspielhaus Zürich in Kooperation mit dem „Teatro
Garibaldi di Palermo“ und der „Bart Production“
(in deutscher Sprache) mit Miriam Goldschmidt vom Burgtheater
in Wien als Darstellerin inszeniert. Vom Deutschen Theater Berlin
kommt Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“, dargestellt
von Samuel Finzi in der Regie von Hanna Rudolph. Über „Spielzeit’
Europa“ (Berlin) wird „Das Pulverfass“ in
der Regie von Dimiter Gotscheff in Hermannstadt zur Aufführung
gebracht.
Erneut im Programm steht das Ensemble des „Basement Theatre“
aus Tbilissi in Georgien, dessen Darsteller mittels Marionetten
Goethes „Faust“ bieten werden. Aus Japan kommt die
„Yamanote Jijosha“-Kompagnie für experimentelles
Theater mit „Ödipus“ von Sophokles. Begeistern
wird die „Quanzhou Marionette Troupe“ aus China,
deren Spieler die Marionetten an bis zu 36 Fäden führen.
Von den Theaterfreunden erwartet wird Ingmar Bergmans „Schreie
und Flüstern“, eine Filmgeschichte, die Andrei Serban
am Ungarischen Staatstheater in Klausenburg/Cluj auf die Bühne
gebracht hat.
Im Programm stehen auch heuer wieder Tanztheater-Aufführungen.
Eingeladen wurden die Ensembles „Les Ballets Jazz de Montréal“
aus Kanada, „Charleroi Danses“ aus Belgien und „Motionhouse“
aus Großbritannien. Aus Israel, dessen Truppen bei den
vorherigen Ausgaben reichen Applaus ernteten, werden das „Suzanne
Dellal Centre for Dance and Theatre“ und die „Kibbutz
Contemporary Dance Company“ gastieren.
Nicht fehlen wird das Straßentheater mit Zirkuselementen,
Riesenpuppen und Feuerspiel, wobei erstmals neben Truppen aus
Frankreich und Spanien das rumänische Akrobatenteam „Xtreme“
sein Können zeigen wird. Im Rahmen des Festivals soll es
erneut Konzerte am Großen Ring/Piata Mare geben, und zwar
sowohl rumänischer Rockgruppen wie Holograf, Directia 5
oder Cargo, aber auch von Musikergruppen aus dem Ausland, die
aus der Volksmusik inspirierte Kompositionen bieten werden.
Erstmals umfasst das Festival heuer sodann eine Sektion, in
der herausragende Inszenierungen des Radu-Stanca-Theaters aufgeführt
werden. Dazu gehören die Mega-Produktionen von Silviu Purcãrete
„Metamorphosen“ und „Faust“, Andriy
Zholdaks „Leben mit einem Idioten“ oder „Breaking
the Waves“ nach Lars von Trier in der Regie von Radu Alexandru
Nica.
Zum Rahmenprogramm gehört eine Ausstellung des in Hermannstadt
geborenen und weltweit ausstellenden Künstlers Dan Perjovschi.
Eingeladen zu Vorträgen, Workshops und/oder Buchvorstellungen
wurden Eugenio Barba, George Banu, Andrei Codrescu, Pippo Delbono,
Mircea Dinescu und andere. Zehn Tage lang wird Hermannstadt
wieder einmal Kulturhauptstadt sein. 
„Zwei Welten, die nie aufhören,
voneinander zu träumen“
Matthias Buth veröffentlichte neuen Gedichtband: „Rumänien
hinter den Lidern“
Von Alexandra Sora
Ein Pfarrer geht in vollem Ornat in seine verlassene Kirche.
„Er streicht Wellen über die Bänke / Leergebetet
seit Jahren/ Die Orgel tropft Stille / Im Chor spielen die Fenster.“
Und dann „breitet er die Arme / Und tröstet Gott.“
Der Pfarrer ist Eginald Schlattner, der 1990 seine Kirche in
Rothberg zu Heilig Abend leer vorgefunden hat, nach dem Massenexodus
der Siebenbürger Sachsen in Richtung Deutschland. Und dann
verwandelte er diese Verlassenheit in Literatur. Aus Deutschland
kommt der Dichter, der dieser Welt durch den Lyrikband „Rumänien
hinter den Lidern“ ein Denkmal setzt. Matthias Buth hat
viele Reisen durch Siebenbürgen und Rumänien unternommen,
von denen er vor allem poetische Bilder von großer Sensibilität
und Ausdruckskraft mitgebracht hat.
Das zentrale Motiv der Verlassenheit durchzieht auch das Gedicht
„Schäßburg“, in dem „zurückgelassene
Gebete“ über die Straßen rinnen und die Weinberge
der Stadt aufgegeben worden sind „zur Luftpost Erinnerung.“
Und die berühmte „Treppe von Schäßburg“
bewacht im gleichnamigen Gedicht vor allem „den Ausflug
der Toten“. Doch in dieser verzauberten Welt zwischen
Ost und West liegt auch immer die Hoffnung auf einen Neuanfang.
In „Biserica Sf. Treime Sibiel“ sehen die Hinterglasikonen
„ins Blau / aus roten Märchen, die wieder beginnen“,
und in der verlassenen Kirchenburg in Holzmengen taucht plötzlich
eine Zigeunerin auf, die zusammen mit ihrer Enkelin wieder die
Glocken läutet. Auch nach dem Exodus der sächsischen
Bevölkerung „segnet“ dieses Läuten die
Felder und die Frühlingsfeuer „öffnen dem Boden
die Augen“. Auch Optimismus dringt in einigen Gedichten
durch – zum Beispiel ist Temeswar für Buth eine „Freundin“,
über deren Gesicht „Delphine springen“, während
der Dom seine Türme in Richtung Wien „hisst“.
Das „Durchwirken verschiedener Ethnien und Kulturen auf
der Grundierung des Römischen und das Idiom des Orthodoxen,
das sich im Banat wiederum mit dem Katholischen begegnet und
mit dem Evangelischen in Siebenbürgen“ hat Matthias
Buth schon immer fasziniert, erklärte der 1951 in Wuppertal
geborene Schriftsteller und Jurist in einem Interview für
die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“,
das auch im Gedichtband „Rumänien hinter den Lidern“
wiedergegeben ist. Der kulturelle Reichtum des Landes hat Buth
so sehr beeindruckt, dass er meinte, man müsse von einer
„EU-Westerweiterung“ sprechen, statt von der „Osterweiterung“,
da auch der Osten dem Westen sehr viel zu bieten habe und beides
zusammengehöre. Rumänien ist für ihn „ein
Herzstück Europas“. Zu dieser Erkenntnis können
auch die Gedichte von Matthias Buth beitragen, was Ana Blandiana
auf sehr treffende Weise bemerkte: „Ein deutscher Dichter
ohne siebenbürgische Wurzeln hat mit seinen Gedichten in
diesem Band ein eindrucksvolles Bindeglied zwischen zwei Welten
geschaffen, die nie aufhören, voneinander zu träumen.“
Als poetische Brücke zwischen den beiden Welten wurde der
Gedichtband von Matthias Buth vom Rumänischen Kulturinstitut
als zweisprachige Ausgabe herausgegeben. Den Übersetzern
Anni-Lorei Mainka, Norina Procopan und George Gutu ist es gelungen,
die Melancholie und den musikalischen Rhythmus von Buths Gedichten
virtuos ins Rumänische zu übertragen. „Rumänien
hinter den Lidern – România dincolo de pleoape“
ist der zweite bilinguale Gedichtband von Matthias Buth. Schon
1998 veröffentlichte er den zweisprachigen Band „Die
Stille nach dem Axthieb“ (Linistea de dupã lovitura
de secure). |
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