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Freitag, 5. 3. 2010
  Konstruktionen von Weiblichkeit
„Die fiktive Frau“ - ein neuer Band der wissenschaftlichen Reihe „Jassyer Beiträge zur Germanistik“ / Von Dr. Markus Fischer


Die Alexandru Ioan Cuza-Universität zu Jassy/Iasi belegt in zahlreichen rumänischen und internationalen Universitätsrankings den Spitzenplatz unter allen Hochschulen Rumäniens. Eine ihrer bedeutenden Publikationen ist die wissenschaftliche Reihe „Jassyer Beiträge zur Germanistik“, die im Auftrag des Germanistiklehrstuhls der rumänischen Spitzenuniversität von dem Jassyer Literaturwissenschaftler Andrei Corbea-Hoisie herausgegeben wird. Soeben ist der 13. Band der im Jahre 1983 begründeten Reihe erschienen, wobei sich der Herausgeber bescheiden und vornehm im Hintergrund hält und den zwei Jassyer Herausgeberinnen dieses Einzelbandes, der rumänischen Germanistin Ana-Maria Pãlimariu und der österreichischen Germanistin Elisabeth Berger, das Terrain der Vorderseite des Buches zur alleinigen Nennung ihrer Namen überlässt. Allerdings müsste auf dem Buchrücken und auf dem vorderen Buchdeckel vermerkt werden, dass es sich bei den beiden jüngeren Wissenschaftlerinnen um die Herausgeberinnen des Bandes und nicht um dessen Autorinnen handelt, wobei die beiden durchaus auch mit Einzelbeiträgen in diesem Band vertreten sind: Ana-Maria P²limariu mit einem Aufsatz über Ruth Klüger und Martin Walser, Elisabeth Berger mit einem Beitrag über Elfriede Jelinek und Herta Müller.

Wohltuend keineswegs nur bei diesem Band der „Jassyer Beiträge zur Germanistik“ ist, dass es sich dabei nicht um ein wissenschaftliches Sammelsurium oder um germanistische Gemischtwaren handelt, sondern um einen thematisch konturierten und auf eine spezifische Fragestellung bezogenen Sammelband mit gleichsam monografischem Charakter. Gemeinsamer Fokus des Bandes ist die wissenschaftliche Untersuchung der „Konstruktionen von Weiblichkeit in der deutschsprachigen Literatur“, so der Untertitel der Publikation mit dem Obertitel „Die fiktive Frau“.

Hervorgegangen ist der Band aus einer Jassyer Tagung des Jahres 2008 über „Performative Konstruktionen von Weiblichkeit in der ’rumäniendeutschen’ Literatur nach 1945“, die gemeinsam von den Universitäten Jassy und Konstanz veranstaltet wurde. Im wissenschaftlich wertvollen Ertrag dieser Tagung sowie des vorliegenden Bandes artikuliert sich nicht zuletzt die Bedeutsamkeit germanistischer Institutspartnerschaften, wie sie sich in der langjährigen Zusammenarbeit zwischen der Germanistik in Konstanz und der Germanistik in Jassy beispielhaft realisiert.

In einer solchen verlässlichen und fachwissenschaftlich konzentrierten Kooperation und in den sich daraus ergebenden germanistischen und menschlichen Bindungen liegt sicher auch das zukunftsweisende Element für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Germanistik in Rumänien begründet, das durch bloße Einzelveranstaltungen, wie monumental diese auch sein mögen, nicht zu ersetzen ist. Schließlich spiegelt sich die Kooperation zwischen Jassy und Konstanz auch darin, dass der Band „Die fiktive Frau“ vom Jassyer Universitätsverlag „Alexandru Ioan Cuza“ und vom Konstanzer Hartung-Gorre Verlag gemeinsam verlegt wurde.
Der mehr als fünfhundert Seiten umfassende Band „Die fiktive Frau“ ist in sechs Abteilungen gegliedert. Er wird eröffnet durch theoretische Einblicke in die sogenannten „gender studies“ und in die feministische Literaturwissenschaft, wobei dem Werk der amerikanischen Komparatistin und Philosophin Judith Butler besondere Aufmerksamkeit zuteil wird.

Die zweite Abteilung, die ihrerseits in vier Unterabschnitte gegliedert ist, befasst sich mit weiblichen Identitäten in verschiedenen Literaturkontexten: in der Literatur der Bukowina und der Bukowiner Diaspora, zum Beispiel bei Rose Ausländer; bei rumäniendeutschen Autorinnen und Autoren wie Anemone Latzina, Herta Müller oder Aglaja Veteranyi; bei rumänischen Autorinnen und Autoren deutscher Sprache wie Carmen Francesca Banciu oder Catalin Dorian Florescu, der bei der Schreibung seines Namens übrigens auf die rumänischen diakritischen Zeichen verzichtet; und nicht zuletzt auch bei deutschen und österreichischen Autorinnen und Autoren wie Ingeborg Bachmann, Christa Wolf oder Barbara Köhler.

Die dritte Abteilung mit dem Titel „Inter-Gender-Kulturalität“ untersucht Phänomene wie Sprachlatenz, also die bei Migranten- oder Minderheitenautoren zu beobachtende Interferenz zwischen Mutter- und Landessprache, oder beschäftigt sich mit interkulturellen und kulturspezifischen Aspekten weiblicher Identität.

Die vierte Abteilung des Bandes besteht in Gänze aus einem einzigen, lesenswerten, literaturwissenschaftlichen und zugleich autobiografischen Beitrag der Kronstädter Autorin und Germanistin Carmen Elisabeth Puchianu. In einem vorangehenden Abschnitt desselben Bandes findet sich übrigens auch ein Aufsatz zu Frauengestalten im Werk von Carmen Elisabeth Puchianu (vgl. Abt. II. 2).

Ein einzelner Aufsatz über Peter Huchel als politischen Dichter, der sich wohl nicht ins thematische Gesamtkonzept des Bandes fügte, wurde in die nächste, „Miscellanea“ betitelte fünfte Abteilung des Bandes platziert, die man deshalb auch mit der Bezeichnung „Miscellaneum“ oder „Miscellaneus“ hätte versehen können.

Den Abschluss des Bandes bildet die sechste und letzte Abteilung mit Rezensionen, die zumeist aus der Feder von Jassyer Germanisten stammen, und zwar zu literatur- und kulturwissenschaftlichen Neuerscheinungen, die zumindest teilweise einen Bezug zur Gesamtthematik des Bandes „Die fiktive Frau“ haben. Unter anderen sind hier Rezensionen zu Publikationen über die Lyrik Rose Ausländers, über das Werk Elias Canettis oder über die Literaturtheorie der Neomoderne zu nennen.

Aufgrund seiner inhaltlichen Fokussierung eignet sich der Band nicht nur zur konzentrierten Lektüre, sondern auch vorzüglich für den akademischen Unterricht, vor allem im Bereich des Master- oder Doktor-Studiums, in dem ja gerade eine wissenschaftliche Vertiefung und eine theoretische Fundierung der im Bachelor-Studium erworbenen Kenntnisse erreicht werden soll.



Theater, Tanz, Konzerte, Ausstellungen
Zahlreiche Highlights beim 17. Internationalen Theaterfestival in Hermannstadt angesagt Von Hannelore Baier


„Fragen” lautet das Thema der diesjährigen 17. Folge des Internationalen Theaterfestivals in Hermannstadt/Sibiu. Stattfinden wird sie zwischen dem 28. Mai und 6. Juni. Zum zehntägigen Veranstaltungsmarathon wurden wiederum Teilnehmer aus 70 Staaten der Welt geladen. Geplant sind rund 350 Events an 66 Austragungsorten, erwartet werden täglich bis zu 35.000 Zuschauer. Versprochen wird ihnen ein reichhaltiges Angebot an Theater-, Tanz- und Musikdarbietungen, Ausstellungen und Buchpräsentationen, Workshops und Debatten.

Eingeladen wurden trotz Krise und Sparhaushalt auch heuer namhafte Ensembles aus dem In- und Ausland. Dazu gehört das „Odin Teatret“ aus Dänemark, dessen Ensemble in der Regie seines Gründers Eugenio Barba, einem Schüler von Jerzy Grotowski, eine Reihe von drei Vorstellungen bieten wird. Zu den Highlights gehört sodann sicherlich die Theaterrecherche von Peter Brook unter dem Titel „Warum, warum“, am Schauspielhaus Zürich in Kooperation mit dem „Teatro Garibaldi di Palermo“ und der „Bart Production“ (in deutscher Sprache) mit Miriam Goldschmidt vom Burgtheater in Wien als Darstellerin inszeniert. Vom Deutschen Theater Berlin kommt Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“, dargestellt von Samuel Finzi in der Regie von Hanna Rudolph. Über „Spielzeit’ Europa“ (Berlin) wird „Das Pulverfass“ in der Regie von Dimiter Gotscheff in Hermannstadt zur Aufführung gebracht.

Erneut im Programm steht das Ensemble des „Basement Theatre“ aus Tbilissi in Georgien, dessen Darsteller mittels Marionetten Goethes „Faust“ bieten werden. Aus Japan kommt die „Yamanote Jijosha“-Kompagnie für experimentelles Theater mit „Ödipus“ von Sophokles. Begeistern wird die „Quanzhou Marionette Troupe“ aus China, deren Spieler die Marionetten an bis zu 36 Fäden führen. Von den Theaterfreunden erwartet wird Ingmar Bergmans „Schreie und Flüstern“, eine Filmgeschichte, die Andrei Serban am Ungarischen Staatstheater in Klausenburg/Cluj auf die Bühne gebracht hat.

Im Programm stehen auch heuer wieder Tanztheater-Aufführungen. Eingeladen wurden die Ensembles „Les Ballets Jazz de Montréal“ aus Kanada, „Charleroi Danses“ aus Belgien und „Motionhouse“ aus Großbritannien. Aus Israel, dessen Truppen bei den vorherigen Ausgaben reichen Applaus ernteten, werden das „Suzanne Dellal Centre for Dance and Theatre“ und die „Kibbutz Contemporary Dance Company“ gastieren.

Nicht fehlen wird das Straßentheater mit Zirkuselementen, Riesenpuppen und Feuerspiel, wobei erstmals neben Truppen aus Frankreich und Spanien das rumänische Akrobatenteam „Xtreme“ sein Können zeigen wird. Im Rahmen des Festivals soll es erneut Konzerte am Großen Ring/Piata Mare geben, und zwar sowohl rumänischer Rockgruppen wie Holograf, Directia 5 oder Cargo, aber auch von Musikergruppen aus dem Ausland, die aus der Volksmusik inspirierte Kompositionen bieten werden. Erstmals umfasst das Festival heuer sodann eine Sektion, in der herausragende Inszenierungen des Radu-Stanca-Theaters aufgeführt werden. Dazu gehören die Mega-Produktionen von Silviu Purcãrete „Metamorphosen“ und „Faust“, Andriy Zholdaks „Leben mit einem Idioten“ oder „Breaking the Waves“ nach Lars von Trier in der Regie von Radu Alexandru Nica.

Zum Rahmenprogramm gehört eine Ausstellung des in Hermannstadt geborenen und weltweit ausstellenden Künstlers Dan Perjovschi. Eingeladen zu Vorträgen, Workshops und/oder Buchvorstellungen wurden Eugenio Barba, George Banu, Andrei Codrescu, Pippo Delbono, Mircea Dinescu und andere. Zehn Tage lang wird Hermannstadt wieder einmal Kulturhauptstadt sein.



„Zwei Welten, die nie aufhören, voneinander zu träumen“
Matthias Buth veröffentlichte neuen Gedichtband: „Rumänien hinter den Lidern“
Von Alexandra Sora


Ein Pfarrer geht in vollem Ornat in seine verlassene Kirche. „Er streicht Wellen über die Bänke / Leergebetet seit Jahren/ Die Orgel tropft Stille / Im Chor spielen die Fenster.“ Und dann „breitet er die Arme / Und tröstet Gott.“ Der Pfarrer ist Eginald Schlattner, der 1990 seine Kirche in Rothberg zu Heilig Abend leer vorgefunden hat, nach dem Massenexodus der Siebenbürger Sachsen in Richtung Deutschland. Und dann verwandelte er diese Verlassenheit in Literatur. Aus Deutschland kommt der Dichter, der dieser Welt durch den Lyrikband „Rumänien hinter den Lidern“ ein Denkmal setzt. Matthias Buth hat viele Reisen durch Siebenbürgen und Rumänien unternommen, von denen er vor allem poetische Bilder von großer Sensibilität und Ausdruckskraft mitgebracht hat.

Das zentrale Motiv der Verlassenheit durchzieht auch das Gedicht „Schäßburg“, in dem „zurückgelassene Gebete“ über die Straßen rinnen und die Weinberge der Stadt aufgegeben worden sind „zur Luftpost Erinnerung.“ Und die berühmte „Treppe von Schäßburg“ bewacht im gleichnamigen Gedicht vor allem „den Ausflug der Toten“. Doch in dieser verzauberten Welt zwischen Ost und West liegt auch immer die Hoffnung auf einen Neuanfang. In „Biserica Sf. Treime Sibiel“ sehen die Hinterglasikonen „ins Blau / aus roten Märchen, die wieder beginnen“, und in der verlassenen Kirchenburg in Holzmengen taucht plötzlich eine Zigeunerin auf, die zusammen mit ihrer Enkelin wieder die Glocken läutet. Auch nach dem Exodus der sächsischen Bevölkerung „segnet“ dieses Läuten die Felder und die Frühlingsfeuer „öffnen dem Boden die Augen“. Auch Optimismus dringt in einigen Gedichten durch – zum Beispiel ist Temeswar für Buth eine „Freundin“, über deren Gesicht „Delphine springen“, während der Dom seine Türme in Richtung Wien „hisst“.

Das „Durchwirken verschiedener Ethnien und Kulturen auf der Grundierung des Römischen und das Idiom des Orthodoxen, das sich im Banat wiederum mit dem Katholischen begegnet und mit dem Evangelischen in Siebenbürgen“ hat Matthias Buth schon immer fasziniert, erklärte der 1951 in Wuppertal geborene Schriftsteller und Jurist in einem Interview für die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“, das auch im Gedichtband „Rumänien hinter den Lidern“ wiedergegeben ist. Der kulturelle Reichtum des Landes hat Buth so sehr beeindruckt, dass er meinte, man müsse von einer „EU-Westerweiterung“ sprechen, statt von der „Osterweiterung“, da auch der Osten dem Westen sehr viel zu bieten habe und beides zusammengehöre. Rumänien ist für ihn „ein Herzstück Europas“. Zu dieser Erkenntnis können auch die Gedichte von Matthias Buth beitragen, was Ana Blandiana auf sehr treffende Weise bemerkte: „Ein deutscher Dichter ohne siebenbürgische Wurzeln hat mit seinen Gedichten in diesem Band ein eindrucksvolles Bindeglied zwischen zwei Welten geschaffen, die nie aufhören, voneinander zu träumen.“

Als poetische Brücke zwischen den beiden Welten wurde der Gedichtband von Matthias Buth vom Rumänischen Kulturinstitut als zweisprachige Ausgabe herausgegeben. Den Übersetzern Anni-Lorei Mainka, Norina Procopan und George Gutu ist es gelungen, die Melancholie und den musikalischen Rhythmus von Buths Gedichten virtuos ins Rumänische zu übertragen. „Rumänien hinter den Lidern – România dincolo de pleoape“ ist der zweite bilinguale Gedichtband von Matthias Buth. Schon 1998 veröffentlichte er den zweisprachigen Band „Die Stille nach dem Axthieb“ (Linistea de dupã lovitura de secure).