Die Familie, die Gerechtigkeit und das Meer

Fatih Akins Spielfilm „Aus dem Nichts“ in den rumänischen Kinos

Freitag, 18. Mai 2018

Seit Kurzem ist der preisgekrönte Spielfilm des türkischstämmigen deutschen Regisseurs Fatih Akin mit dem vielsagenden Titel „Aus dem Nichts“, der im vergangenen Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes seine Uraufführung erlebte, in den rumänischen Kinos zu sehen. Der vielfach, zuletzt mit dem Golden Globe Award 2018, ausgezeichnete Spielfilm berührt, wie zahlreiche andere Filme Fatih Akins auch, eine politisch sensible und gesellschaftlich aktuelle Thematik. Es geht in diesem Film um ein in Hamburg verübtes rechtsterroristisches Attentat auf einen kurdischen Geschäftsmann. Der im Film gezeigte fiktive Anschlag ist dem tatsächlich geschehenen Kölner Nagelbomben-Attentat auf einen türkischen Frisiersalon aus dem Jahre 2014 bis ins Detail nachgebildet, das der neonazistischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) im Rahmen eines seit 2013 in München stattfindenden Mammutgerichtsprozesses zur Last gelegt wird.

Fatih Akin, der zusammen mit Hark Bohm das Drehbuch für „Aus dem Nichts“ schrieb, hat seinen Film in drei Teile gegliedert, wobei sich jeder Teil eines eigenen Filmgenres bedient. Der erste, „Die Familie“ überschriebene Teil lässt sich als ein Melodram begreifen, das in einem multikulturellen Migrantenmilieu in Hamburg angesiedelt ist, wie schon Fatih Akins Spielfilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ aus dem Jahre 1998 oder auch sein vierter Spielfilm „Gegen die Wand“, der auf der Berlinale 2004 den Goldenen Bären erhielt.

Die aus Husum stammende Germanistik- und Kunstgeschichtsstudentin Katja hat den wegen Drogenhandels einsitzenden Kurden Nuri Sekerci während seiner Haftzeit geheiratet und die beiden leben nun, nach der Entlassung Nuris aus dem Gefängnis, mit ihrem kleinen Sohn Rocco in einem Haus außerhalb Hamburgs. Nuri betreibt ein Übersetzungs- und Steuerbüro, mit dem er seine im Film recht idyllisch gezeichnete Familie ernährt. Ein Beispiel gut gelungener Integration also, ein im besten Sinne bürgerliches Happy End trotz anfänglich großer Probleme! Das Attentat, dem Nuri und Rocco zum Opfer fallen, zerstört dann mit einem Schlag das Glück der deutsch-kurdischen Kleinfamilie und lässt eine von Schmerz zermarterte und mit ihren Eltern wie mit ihren Schwiegereltern zerstrittene Mutter zurück.

Die Ermittlungen der Polizei, die abwechselnd das Drogenmilieu, die Mafia oder gewaltbereite Ausländergangs für den Anschlag verantwortlich macht, leiten dann über zum „Gerechtigkeit“ betitelten zweiten Teil des Films, der im doppelten Sinne als Kammerspiel zu betrachten ist: als Gerichtsdrama vor einer deutschen Strafkammer wie auch als psychologisches Drama zwischen den mutmaßlichen Tätern André und Edda Möller und der Hinterbliebenen Katja, die im Strafprozess als Nebenklägerin auftritt. In diesem Teil des Films schlägt auch die große Stunde der Theaterschauspieler, die in grandiosen Nebenrollen glänzen: Ulrich Tukur als Vater und Schwiegervater des verdächtigen Ehepaares Möller sowie Johannes Krisch als Strafverteidiger Haberbeck.

In diesem zweiten Teil findet die in den Grundfesten ihrer Existenz erschütterte Katja, die zuvor all das ihr Angetane in autoaggressiven Akten bis hin zu einem Selbstmordversuch ganz in sich hinein genommen hatte, zu einer Haltung der entschiedenen Selbstbehauptung und aktiven Selbstverteidigung zurück. So greift sie zum Beispiel die Attentäterin Edda Möller, die sie kurze Zeit vor der Zündung der Bombe am Tatort noch gesehen und sogar angesprochen hatte, im Gerichtssaal tätlich an. Ihre ganze Hoffnung wirft sie auf den erwarteten Schuldspruch, der ihr selbst Genugtuung verschaffen und ihren getöteten Familienmitgliedern Gerechtigkeit widerfahren lassen soll. Doch durch einen falschen Zeugen, den griechischen Hotelbesitzer Nikolas Makaris, und durch betrügerische Beweismittel, ein nachträglich gefälschtes Gästeverzeichnis aus dessen in Griechenland gelegenem Hotel, in dem sich die beiden Tatverdächtigen zur Tatzeit aufgehalten haben sollen, gelingt es der Verteidigung, Zweifel zu streuen und am Ende einen Freispruch zu erwirken, obwohl Katjas Anwalt nachweisen kann, dass der Kronzeuge Makaris selbst einer griechischen neonazistischen Organisation angehört und der Verdacht nahe liegt, dass er die Strafverfolgung seiner deutschen Gesinnungsgenossen durch ein falsches Alibi vereiteln will.

Während des gesamten zweiten Teils heftet sich die Kamera (Rainer Klausmann) immer wieder auf das Gesicht und die Gestalt Katjas, die von der deutsch-amerikanischen Schauspielerin Diane Kruger grandios verkörpert wird. Diane Kruger, dem internationalen Filmpublikum bekannt etwa aus Wolfgang Petersens „Troja“ (2004) oder aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009), hat für ihre (erste deutschsprachige) Rolle der Katja Sekerci bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2017 verdientermaßen den Darstellerpreis als beste Schauspielerin erhalten. Mitreißend, wie ihre Blicke und Gesten, ihr Gesicht und ihr Körper das gesamte Geschehen im Gerichtssaal begleiten und kommentieren: jedes Argument der Verteidigung, jedes Gegenargument ihres eigenen Anwalts, jeden Blickwechsel der Angeklagten, jede Entscheidung des Strafrichters.

Nach dem unerwarteten Freispruch des Ehepaars Möller bricht für Katja eine Welt zusammen und der dritte, „Das Meer“ betitelte Teil des Films gerät nun im Hinblick auf das Genre in ein neues Fahrwasser: das Familienmelodram des ersten und das Justizdrama des zweiten Teils münden am Ende in einen veritablen Rachethriller. Katja bricht mit dem Auto nach Griechenland auf, wo sie sich in der Nähe des Hotels des falschen Zeugen Makaris einmietet und auf eigene Faust Recherchen anstellt. Unter großer Gefahr für Leib und Leben folgt sie heimlich dem meineidigen Hotelier, der sie schließlich zum Ehepaar Möller führt, das auf der Flucht vor der deutschen Skandalpresse an einem nahe gelegenen Strand in seinem Campingbus am Meer Urlaub macht. Katja baut nun nach denselben Plänen, die auch die Attentäter verwendet hatten, ebenfalls eine Nagelbombe und versteckt diese in einem Rucksack unter dem Campingbus der beiden Freigesprochenen. Im letzten Moment bricht sie diesen Akt versuchter Selbstjustiz jedoch ab und kehrt in ihre Pension zurück, wo sie einen Anruf ihres Anwalts empfängt, der gegen den Freispruch der Möllers Berufung einlegen möchte. Zu den bisherigen individuellen Reaktionsmöglichkeiten Katjas, nämlich Selbstmord oder Selbstjustiz, kommt also nun als dritte die der gerichtlichen Revision hinzu. Abends über das bewegte griechische Meer hinwegblickend trifft Katja schließlich eine Entscheidung, die sie am nächsten Morgen konsequent und berechnend in die Tat umsetzt.

So wenig die einzelnen Teile diese Filmes im Hinblick auf ihr Genre miteinander zusammenhängen, so sehr werden diese durch die exzellente schauspielerische Leistung der Protagonistin gekonnt zusammengehalten. Man sieht Diane Kruger sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmen, sieht sie abwesend vor sich hinträumen, vor dem Übermaß der in ihr tobenden Gefühle gleich-sam zerspringen, eiskalt Rachepläne schmieden, melancholisch der Vergangenheit nachhängen, den mutmaßlichen Mördern ihres Mannes und ihres Sohnes ins Gesicht blicken, und all dies immer als derselbe fühlende und leidende Mensch. Fatih Akins Film hat dabei weder eine moralische noch eine politische Antwort parat: Er zeigt die Gefahr persönlicher und ideologischer Verblendungen und das Zerbrechen des Individuums an den Fehlentscheidungen anderer, die auch jene des Staates sein können. Am bewegendsten ist vielleicht die Szene unmittelbar vor dem Ende des Films, als die junge deutsche Schauspielerin Hanna Hilsdorf in der Rolle Edda Möllers, kurz bevor sie ihrem Mann André (Ulrich Brandhoff) ins am Strand geparkte Wohnmobil folgt, noch einmal aufseufzt und in die Kamera schaut: mit einem Blick, der aus dem Nichts kommt und alles sagt.

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