Die Ratschläge einer älteren Freundin

Ricarda Maria Terschak zum Gedenken

Montag, 24. Dezember 2012

Ricarda Terschak
Foto: Michael Astner

Am 18. Dezember wäre sie 83 Jahre alt geworden. Als ich am 5. Oktober des Jahres, fünf Tage nach ihrem Hinscheiden, in der Zeitung las, dass Mimo (Tante), wie sie ihre nächsten Freunde und Bekannten nennen durften, nicht mehr unter uns weilt, fiel ich aus allen Wolken: Das kann nicht sein, ihre seligen Eltern, die ich kannte, haben doch beide die 90 überschritten, und Mimotante hatte ja noch so viel vor, übersetzte sie doch seit einiger Zeit Edith Steins Werk ins Rumänische!

Kennengelernt habe ich Ricarda Terschak (wie sie bis 1989 ihre Bücher zeichnete) 1984, nachdem ich ihr Buch „Verzeihung, brauchen Sie dies Brett?“ (1979, Preis des Rumänischen Schriftstellerverbands) gelesen hatte. Ich schrieb ihr einen Brief: „Verzeihung, brauchen Sie Briefe?“ Frau Terschak lud mich etwa einen Monat später zu sich nach Hause ein, in die Str. Patrioţilor Nr.20, und ich sollte sie, die meine ersten literarischen Schritte kritisch begleitet hat, daraufhin noch viele Male besuchen, zuletzt – und leider zum letzten Mal – im April dieses Jahres. Ricarda Maria Terschak wurde auch für mich „die Mimotante“ und war mir gewissermaßen die geistige Mutter, der ich meine innere Festigung verdanke, jene Festigkeit, der es etwa bedurfte, um die Anwerbungsversuche der Securitate abzuweisen.

Nach meinem ersten Besuch (am 9. März 1984) hielt ich in meinem Tagebuch mehr als zwei Seiten Ratschläge fest, die mir Mimotante erteilt hatte.
Ja – ich war also zu Besuch bei Frau Ricarda Terschak. Ich habe vorneweg viel geahnt – ohne aber konkrete Vorstellungen haben zu können. Nun tut sich mir Tag um Tag ein Neues auf! Der Einfluss dieses Abends auf mich ist unvorstellbar. Freilich hatte ich Gelegenheit, mich erstmals geschmeichelt zu fühlen und, was wichtiger ist, bestätigt! Erstmals sagte mir jemand:
„Ich habe deine Briefe gelesen und ich habe mir Rechenschaft gegeben, dass Du auf die Germanistik gehörst. Literatur ist dein Weg. Und vielleicht gar Philosophie“.
Also stehe ich nicht mehr alleine da in meinen Vorstellungen von dem zu befolgenden Weg.
„Soll ich dir helfen? Ich werde dir helfen.“
Kann man sich vorstellen, was diese Frage, diese angebotene Hilfe an Zuversicht säen konnte?

„Du darfst auf keinen Fall länger, als in deinem Fall zu verantworten ist, auf dem jetzigen Arbeitsplatz verweilen. Wie sollst du dich da inspirieren? Wer solche Probleme wälzt in seinem Kopf wie du, aber keinen Menschen hat, um darüber zu diskutieren, der endet mit Selbstmord. Da musst du raus (ich arbeitete, nachdem ich das Forstwirtschaftsstudium in Kronstadt geschmissen hatte, als „Unqualifizierter“ im Hermannstädter Warenlager für die Landwirtschaft). Du brauchst das Papier, das dir die Hochschule bietet, um etwas darzustellen in dieser Gesellschaft. Du bist vielleicht auf sozialem Gebiet hinter deinen Altersgenossen, ja, aber was das Denken betrifft, bist du ihnen voraus. Was mir aber nicht gefällt – was willst du ändern? Was geht dich die Politik an? Nicht versteh mich falsch! Ich möchte bloß sagen, dass du dich verschwenden würdest, wenn du schreibend etwas zu ändern versuchtest. Im Allgemeinen und hier insbesondere halte dich bloß raus. Diese Gesellschaft verdient dein Opfer nicht. Dies Volk hat immer nur, wie du sagst, in extremis zur Waffe gegriffen, als es nur noch darum ging, welchen Tod man zu wählen hatte.

Was ich dir sagen, erklären möchte: Meditation ist der Schlüssel zur Kraft, zur Beherrschung des Lebens. Und: Es kommt nicht auf den Erfolg deiner Werke an, sondern auf das, was du im Augenblick des Schöpfens an kreativer Kraft gewinnst. Du wirst herausfinden, dass du dann diese Kraft nicht einfach weitergeben kannst – durch deine Werke. Aber wenn du auf dem guten Weg bist, auf dem Weg der Wahrheit, hin zur Essenz des Lebens, dann werden deine Werke schön langsam diese Wahrheit, diesen Tiefsinn widerspiegeln und sie werden aus sich selbst heraus bestehen – als wahre Kunst. Und die Menschheit wird sie als solche bewerten müssen.

Mischi, es hat mich sehr gefreut. Ruf mich noch an, melde dich und besuche mich. So, und nicht vergiss, ich plädiere weder fürs Weg noch fürs Hierbleiben. Es ist für einen Menschen von deinem Kern nicht ausschlaggebend, du brauchst nur die Hochschule. Hier in Hermannstadt (es sollte Jassy werden, weil die Hermannstädter Philologie im Sommer 1984 keine Studienplätze mehr bekam…), und überhaupt wirst du nur soviel lernen, wie viel du selbst dir zuzuführen vermagst. Es liegt an dir, nicht an den Professoren.

Du hast also keine nahe liegenden Möglichkeiten wegzugelangen. Also bedeutet das vier Jahre Studium. Ich bin der Meinung, dass ein schwereres Leben für unsereins notwendig ist, um uns die Tiefe des Lebens zu offenbaren. Die Wahrheit. Um uns dem Kern der Dinge näher zu bringen. Denk an die Deportation jener Hochzeitsgäste in den Bărăgan (wir hatten über ein Buch Ana Blandianas gesprochen, in dem diese auch die Deportation der Banater Schwaben in die Bărăgan-Ebene thematisiert hatte). Sie wurden einfach ausgesetzt: Arbeitet ihr, lebt ihr, arbeitet ihr nicht, verreckt ihr! Und diese Leute überlebten und sie waren dann nachher um vieles reicher als andere. Sie hatten Einblicke erhalten, die einem eben nur solche Grenzsituationen bieten. Einblicke in die Tiefe des Lebens.

Mischi, nochmals, du darfst dich nicht mehr dem Gefühl der Gelähmtheit hingeben. Wir, wir sind nicht schuld an den Zuständen, an denen wir mitleiden müssen. Aber dieses unser ‚Leiden’ soll uns zugutekommen, uns bestärken in unserer Überzeugung, dass wir einen Kern bilden, wir wenige unseresgleichen. Und dass eben dieses ‚Leiden’ Kräfte freizulegen vermag...
Es ist wahr, drüben würden sich dir mitunter Möglichkeiten der Entfaltung bieten – unvergleichbar mit den hiesigen. Aber essenziell ist der Ort deines Aufenthaltes in einem oder dem anderen Lande nicht für die Entwicklung zum schöpferischen Menschen: Wenn du dir erst einmal eine entsprechende psychologische Basis geschaffen hast, wenn du erst mal Unabhängigkeit über den Weg der Meditation erreichst, dermaßen, dass du imstande sein würdest, dich frei zu fühlen, trotz der sich aufzwingenden Zellengedanken, dermaßen, dass du in dir selbst ruhst und bestehst – genau wie ein wahres Kunstwerk.“

Über Ricarda Maria Terschaks Bücher wird die Literaturgeschichte ihr letztes Wort zu sagen haben – eines aber ist klar und deutlich: Mimotantes eigentliche Kunstwerke waren ihr eigenes Leben und dessen prägender Einfluss auf andere, so viele Menschen. Dies war ihre stete beispielhafte Mission im weitesten Sinne des Wortes, eine Mission im Namen des Schönen, des Guten und des Wahren (Glaubens), egal nun ob sie als Hilfslehrerin, als Angestellte im Brukenthal-Museum, als Ergotherapeutin im „Dreier“, als späte Sozialarbeitspädagogin oder als unermüdliche Nachhilfestundengeberin für Deutsch tätig war – ganz zu schweigen von ihrer schriftstellerischen und in letzter Zeit vor allem übersetzerischen Tätigkeit!
Adieu, Mimotante!

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