Heinrich Stiehler zu Ehren

Festschrift zum 70. Geburtstag des Literaturwissenschaftlers und Übersetzers

Sonntag, 25. November 2018

„Litterae – magistra vitae. Heinrich Stiehler zum 70. Geburtstag“. Hg. von Carola Heinrich und Thede Kahl. Berlin: Frank&Timme 2018. 503 Seiten. ( = Forum: Rumänien, Bd. 38). ISBN 978-3-7329-0464-8. 68 Euro.

In der Reihe „Forum: Rumänien“ des Berliner Verlages für wissenschaftliche Literatur Frank&Timme ist vor Kurzem die von Carola Heinrich und Thede Kahl herausgegebene Festschrift zum 70. Geburtstag von Heinrich Stiehler erschienen, die den gelehrten Titel trägt:
„Litterae – magistra vitae“ (Literatur – Lehrmeisterin des Lebens).

Wenn man den 500 Seiten starken Sammelband aufschlägt und das Inhaltsverzeichnis mit den Titeln der insgesamt 32 Beiträge der Festschrift studiert hat, fällt der Blick des Lesers unmittelbar danach auf eine Landkarte Europas, auf der die hauptsächlichen Lebensorte des Romanisten, Rumänisten, Komparatisten und Übersetzers Heinrich Stiehler verzeichnet sind. Neben Paris und Lyon, Frankfurt und Leipzig, Klagenfurt und Wien finden sich dort auch die rumänischen Städte Jassy/Iași und Bukarest, in denen Heinrich Stiehler als akademischer Lehrer und Forscher gewirkt hat.

Nach der umfangreichen Tabula gratulatoria und einem Foto des Jubilars mit der obligatorischen Zigarette in der Hand gibt die Festschrift einen Überblick über das akademische Leben und das wissenschaftliche Werk Heinrich Stiehlers (Bücher, Aufsätze, Rezensionen, Übersetzungen und Interviews), wobei hier seine Bücher über Paul Celan, Oskar Walter Cisek und die rumäniendeutsche Literatur, seine Forschungen über literarische Mehrsprachigkeit sowie die Edition der 14-bändigen Werkausgabe auf Deutsch des französischsprachigen Schriftstellers rumänischer Herkunft Panait Istrati eigens hervorgehoben seien.

Auf diesen ersten Teil, in dem auch die beiden Herausgeber der Festschrift die Intention ihrer Hommage an Heinrich Stiehler darlegen, folgt der „Annäherungen und Erinnerungen“ überschriebene zweite Teil, in dem Freunde und Weggefährten aus den drei wichtigsten Sprach- und Kulturräumen des Jubilars in persönlich gehaltenen Beiträgen zu Worte kommen: Hans-Rudolf Schiesser aus Berlin, Christian Delrue aus Lyon und Mircea Martin aus Bukarest.

Der darauf folgende dritte Teil „Rumänische Sprache und Kultur“ vereint fünf Beiträge zu Rumänien und zum Rumänischen: Eva-Maria Remberger und Klaus Bochmann beschäftigen sich in ihren Aufsätzen mit der rumänischen Sprachwissenschaft (auch in historischer Hinsicht), Wolfgang Dahmen mit Perspektiven der Rumänisch-Studien im deutschsprachigen Raum heute, M˛d˛lina Diaconu mit der Mehrsprachigkeit als Chance der ‚kleineren’ Kulturen und Mariana Hausleitner mit den Folgen der Rumänisierungspolitik in der Bukowina für die jüdische Bevölkerung nach 1918.
Der umfangreichste vierte Teil der Festgabe befasst sich mit dem vielleicht wichtigsten Forschungsschwerpunkt Heinrich Stiehlers: der rumänischen Literatur und dem rumänischen Kulturraum. Zwei Aufsätze von Aurelia Merlan und Anke Pfeifer widmen sich der Donau in der rumänischen Volksdichtung sowie in der rumänischen Gegenwartsliteratur (Mircea Cărtărescu) bzw. im zeitgenössischen rumänischen Film (Sabin Dorohoi, Anca Miruna Lăzărescu). Anton Sterbling beleuchtet Wendepunkte der rumäniendeutschen Literatur während der sogenannten Tauwetterperiode in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zwei weitere Aufsätze beschäftigen sich mit Rumänen, die nach der Emigration aus ihrem Herkunftsland große Berühmtheit erlangten: Ilina Gregori wendet sich in ihrem Beitrag Emil Cioran zu, während Laura Cheie den Einfluss Tudor Arghezis auf Paul Celan untersucht. Die rumänisch-französischen Autoren Benjamin Fondane und Gherasim Luca sind Gegenstand der Beiträge von Christina Vogel und Florin Oprescu, während der bereits erwähnte Panait Istrati im Zentrum zweier Aufsätze von Zamfir Bălan und Serguei Feodossiev steht. Der Beitrag der Mitherausgeberin Carola Heinrich über postsowjetische Erinnerungskulturen in Rumänien und in der Republik Moldau rundet den vierten Teil der Festschrift für Heinrich Stiehler ab.

Die französische Literatur und Kultur steht im Mittelpunkt des fünften Teils der Festgabe. Neben der Studie von Georg Kremnitz zu den rumänisch-okzitanischen Kulturbeziehungen im 19. Jahrhundert ist hier der Beitrag von Marina Mureșanu zu erwähnen, der sich mit der Vorbildfunktion Frankreichs für die rumänische Kultur ebenfalls im 19. Jahrhundert auseinandersetzt. Fritz Peter Kirsch untersucht diese Vorreiterrolle Frankreichs für Rumänien im Kontrast zu imagologischen Antipoden wie Polen oder Russland anhand von Jules Michelets „Légends démocratiques du Nord“.

„Deutsche Sprache und Kultur“ ist das Thema des sechsten Teils der Festschrift für Heinrich Stiehler, wobei das Deutsche hier sowohl im Geburtsland des Jubilars Deutschland wie auch in seiner Wahlheimat Österreich aufgesucht wird. Ioana Cr˛ciun beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit Fritz Langs Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thea von Harbou „Frau im Mond“ unter dem Aspekt der phantastischen Gestaltung, Eleonora Ringler-Pascu bespricht ihre eigene Übertragung des Theaterstückes „Immanuel Kant“ von Thomas Bernhard ins Rumänische und Larisa Schippel befasst sich mit den Bücherverbrennungen in Deutschland und Österreich unter dem Blickwinkel verbrannter Übersetzungen und ihrer Urheber.

Der siebte Teil der Festschrift für Heinrich Stiehler steht unter dem Motto „Kulturkontakt und Mehrsprachigkeit“ und erweitert den europäischen Horizont des Sammelbandes, indem er auf weitere Kulturräume im globalen Rahmen ausgreift. Karsten Garscha beleuchtet Phänomene wie Kulturmischung, kulturelle Heterogenität und Transkulturalität in der Erzählliteratur Hispanoamerikas, Doris Posch spürt anhand des Dokumentarfilms „Mille Soleils“ von Mati Diop dem afrikanischen Filmerbe nach, Peter Cichon untersucht Formen der Kultur- und Sprachbegegnung in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko und Alexandru Cizek befasst sich unter dem Motto „Odysseus, Migrant unserer Zeit“ in soziologischer wie kulturgeschichtlicher Hinsicht mit Migrationsbewegungen in Südosteuropa und weltweit. Der Aufsatz des Mitherausgebers der Festschrift Thede Kahl über das osmanische Schattentheater „Karagöz“ und seine Gräzisierung unter dem Namen „Karagiozis“ rundet diesen Teil der Festgabe zum Thema „Kulturkontakt und Mehrsprachigkeit“ ab.

Der achte und letzte Teil der Festgabe für Heinrich Stiehler ist „Literarische Grüße“ überschrieben und versammelt literarische Hommagen dreier zeitgenössischer Autoren. Ioana Nechiti steuert zwei Gedichte bei, die mit der Mehrsprachigkeit ästhetisch spielen; Liviu Papadima lädt mit seinen essayistischen Reflexionen über fiktionale Räume zu einer Reise in die Welt der Literatur ein; und Constantin Abăluță beschließt die Festschrift für Heinrich Stiehler mit einem Fragment aus einem unveröffentlichten Roman.

Der Sammelband, der ohne die Initiative und das Engagement von Sanda Stiehler-Chiose, der Ehefrau des Jubilars, niemals zustande gekommen wäre, wird zudem bereichert durch eine Fülle von Fotografien, nicht zuletzt durch die schöne Umschlagabbildung mit Stuckornamenten am Kloster der Heiligen Drei Hierarchen in Jassy.

 

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