Liebe in schwierigen Zeiten

Oder wie man das Glück im Unglück findet

Freitag, 24. August 2018

Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen“. Aufbau Verlag. 2017, Übersetzung aus dem Russischen von Helmut Ettinger / Guzel Iahina: „Zuleiha deschide ochii“. Humanitas Fiction. 2017, Übersetzung aus dem Russischen von Luana Schidu.

Die Erfolgsautorin Gusel Jachina veröffentlichte im Mai dieses Jahres ihren zweiten Roman „Deti moi“. Er beschreibt die wechselvolle Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1916 bis 1938.
Foto: Wikimedia Commons

Was wissen Sie von der Republik Tatarstan? Nicht viel? Na dann, damit Sie künftig eine Antwort parat haben: Das heutige Tatarstan ist eine autonome Republik westlich des Uralgebirges im europäischen Teil der Russischen Föderation und grenzt u. a. an Udmurtien, Baschkortostan, Tschuwaschien und Mari El. Hauptstadt von Tatarstan ist die Stadt Kasan, die achtgrößte Stadt Russlands, die ca. 1,5 Millionen Einwohner hat. Tatarstan wird hauptsächlich von Tataren (ca. 53 Prozent der Gesamtbevölkerung), Russen (ca. 39 Prozent), Tschuwaschen (3 Prozent) und Udmurten (0,6 Prozent) bewohnt. In Rumänien weiß man, wenn nicht viel über Tatarstan, dann zumindest etwas über die Tataren, ein muslimisches Turkvolk, welches eine Sprache spricht, die zur Sprachfamilie der Türksprachen gehört. Die Volksgruppe der Tataren ist einst mit der Invasion der Mongolen in Russland im 13. Jahrhundert A.D. eingedrungen, und ist auch nach dem Ende der Mongolenherrschaft in Russland geblieben, hauptsächlich auf dem Gebiet der heutigen Republik Tatarstan und auf der Krim, wo die Krimtataren ansässig geworden sind. Aber genug von der Geschichte, beschäftigen wir uns mit dem neuen Star der russischsprachigen Literatur: Gestatten, Gusel Jachina, Tatarin, tatarische Muttersprachlerin, 1977 in Kasan geboren, russischsprachige Schriftstellerin und Filmemacherin.

Jachina ist mit ihrem Debütroman „Suleika öffnet die Augen“ (zuerst im Jahre 2015 in russischer Sprache erschienen, 2017 ins Deutsche übersetzt) eine regelrechte Sensation gelungen, und das nicht nur in der russischsprachigen Literatur. Das Buch ist in der Russischen Föderation gut rezipiert worden, wo literarische Größen wie Evgenij Vodolazkin („Laurus“, 2012), Ljudmila Ulitzkaja („Die Jakobsleiter“, 2017) oder Michail Schischkin („Die Eroberung von Ismail“, 2017) den neuen aus Tatarstan strahlenden Stern begeistert gelobt haben. Und das zu Recht: Das Buch wurde in 31 Sprachen übersetzt und ist vor Kurzem – neben dem Preis Großes Buch , auf Russisch „bolshaya kniga“ (2015), dem Russischen Booker Preis (2015), dem Yasnaya Polyana Literaturpreis (2015) und dem französischen Médicis Preis (2017) – auch mit dem niederländischen Literaturpreis (Europese Literatuurprijs) für das Jahr 2018 belohnt worden.

Und nun zur Handlung des Romans: Die Hauptheldin, Suleika, die auf die Großmutter der Autorin zurückgeht, lebt im Tatarien der 30er Jahre gemeinsam mit ihrem viel älteren Ehemann und ihrer angsteinflößenden Schwiegermutter zusammen auf einem typisch tatarischen Bauernhof. Der gelungene und wuchtige Romananfang versetzt den Leser unmittelbar in Suleikas Welt. Sie wird von ihrem Ehemann, Murtasa, nicht geliebt und lediglich als Arbeitskraft auf dem Bauernhof betrachtet. Ihre Schwiegermutter drangsaliert sie ununterbrochen, sie nennt sie „shebegjan tawyk, nasses Huhn, ein nutzloses Ding – so hat die Uprycha sie genannt, als sie ihr zum ersten Mal unter die Augen trat”. Die Schwiegermutter verzeiht Suleika nicht, dass sie ihren Sohn von ihrer Seite genommen hat, und die Konsequenzen sind für unsere Heldin erheblich. Ihr Mann wird im Zuge der Entkulakisierung unter Stalin von einem sowjetischen GPU-ler erschossen, der Bauernhof wird enteignet und zum Staatseigentum erklärt, Suleika wird folglich nach Sibirien verschleppt. Man erwartet die Beschreibung desolater Zustände, jedoch ist Gusel Jachina nicht Herta Müller, und dieser Roman ist, obwohl er das gleiche Thema behandelt, eben keine Entsprechung zur „Atemschaukel“. Zusammen mit anderen Verbannten ist die schwangere Suleika gezwungen, sich fernab jeder Zivilisation irgendwo in der sibirischen Taiga ein neues Leben aufzubauen.

Für Suleika, die körperliche Schwerstarbeit und bittere Entbehrung bereits mehr als gewöhnt ist, beginnt in Sibirien ein neues Leben. Und mit dem neuen Leben und ihrer Deportation beginnt auch eine Lebenswende, bei der sie, wie vorher auch, nicht viel zu sagen hat, aber, anders als auf dem Bauernhof daheim, nun auch eigene Entscheidungen treffen kann. Anders gesagt: Für die Romanheldin beginnt ein Leben, das ihr in der sibirischen Gefangenschaft eine von ihr nie erhoffte Freiheit verspricht. Überhaupt scheinen die Romanfiguren alles mit sehr viel (russischem?) Gleichmut hinzunehmen: Eine Schüssel kochendes Wasser mit nichts als einer Priese Salz wird als Solyanka beschrieben, eine in Russland sehr beliebte, dickflüssige, säuerlich-scharfe Suppe; der Maler Ilja Petrowitsch Ikonnikow, der selbst im Arbeitslager am Angarafluss die Wände der Hütte verschönert, Isabella und Konstantin Arnoldowitsch, die sich auf Französisch unterhalten, der großartige, tragikomische, deutschstämmige Arzt Wolf Karlowitsch, der bei Weitem die am besten gelungene Nebenfigur des Romans darstellt, der Ganove Gorelow, und, nicht zuletzt, Genosse Iwan Ignatow, Offizier der Roten Armee und der Mörder von Suleikas Ehemann, Murtasa.

Jachina schreibt flüssig, der Handlungsverlauf ist linear, jedoch unerwartet spannend. Sie lässt auf diese Art und Weise die kreierten Bilder in den Köpfen der Leser lange nach der Buchlektüre noch lebendig sein. Ihr gelingt es wunderbar, durch ihre unprätentiöse Erzählweise in der Ich-Form, das Menschliche, das Grauenhafte, das Tragische, aber auch das Komische im Arbeitslager so zu beschreiben, dass die von den Figuren erlebte Gewalt und Tragik lesbar und verständlich werden, ohne ihnen die Härte zu nehmen. Gusel Jachina hat mit diesem Buch das geschafft, was man in der rumänischen Gegenwartsliteratur auf internationaler Ebene noch nicht geschafft hat: Einen wohlverdienten, literarisch hochqualitativen, internationalen Durchbruch.

Kommentare zu diesem Artikel

Claudius Lettmayer, 25.08 2018, 19:02
ich finde die Beschreibung so interessat, dass ich das Buch kaufen werde

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