Panikausbrüche im Brennpunkt

Daniel Bucher, Valentin Späth und Daniel Plier bringen männliche Krisen auf die Theaterbühne

Montag, 17. Dezember 2018

Resignation, Erschütterung und Niederlage: Der Spiegel hält jedem der drei erfolgshungrigen Männer eine unterschiedliche Antwort vor.
Fotos: der Verfasser

Leo (Daniel Bucher) möchte das Leben wieder genießen können und weiß nicht so recht, wie er das anstellen soll.

Max (Daniel Plier) würde gerne mehr tun können als nur vom Rand aus zuschauen.

Fassungslosigkeit nach Männerart geht auch ohne Chaos. Es bedarf weder zahlreicher noch ausgesuchter Requisiten, um ein authentisches Bild delikater Hintertürchen im Alltag dreier gescheiterter Vertreter des starken Geschlechts zu zeichnen. In der schwarzen Komödie „Panik – Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs“ des Finnen Mika Myllyaho (Jahrgang 1966) erscheint zudem frappierend, dass keine Frau die Bühne betritt, um die Hauptdarsteller auf ihr Selbstversagen aufmerksam zu machen. Daniel Bucher spielt den nach 13 Jahren Ehe in der Sinnkrise umherirrenden Ingenieur und Kaufmann Leo, der völlig unerwartet, angetrunken und mitten in der Spätnacht bei seinem gleichaltrigen Kumpanen Max anklopft. Die Rolle des ungewollten Gastgebers im anfänglichen Kostüm eines introvertierten Fans fernöstlicher Philosophie interpretiert Daniel Plier, den egozentrischen und immerzu stressgeplagt durch das Headset telefonierenden Talk-Show-Moderator Joni gibt Valentin Späth. Martina Marti und Eeva Bergroth sind die Autorinnen der deutschsprachigen Übersetzung des Repertoire-Stückes „Panik“, das seit Dezember 2013 von der Deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters Hermannstadt/Sibiu (TNRS) in regelmäßigen Zeitabständen aufgeführt wird. Wolfgang Kandler (Österreich) war als Schauspieler an der fünf Jahre zurückliegenden Premiere beteiligt gewesen, bevor seine Aufgabe dauerhaft in den Zuständigkeitsbereich des Wahl-Hermannstädters Valentin Späth fiel.

Valentin Späth schloss seine Ausbildung 2014 an der Freiburger Schauspielschule (Baden-Württemberg) ab. Dem hageren und hochgewachsenen, aber dennoch sehr kräftigen und wendigen Sprechkünstler passt die Rolle des Joni in Mika Myllyahos „Panik“ wie eine zweite Haut. In seinem Alltag greift Valentin Späth unterdessen wohl eher selten oder gar nicht mehr zur Tuba, die er als Jugendlicher im Orchester spielen gelernt hat. Trotzdem verdankt er seinen immens virtuosen Redefluss bestimmt auch der Erfahrung mit dem kurzatmigen Blechblasinstrument, an dem auch Geübte hin und wieder Hyperventilation und Schwindelgefühle erleben. Das Sprechen des Valentin Späth ist jedoch dermaßen sattelfest, dass man als Zuschauer unversehens und schleunigst nach Wiederorientierung Ausschau halten muss: „Um die Liebe wachsen vielleicht Mauern, und dann ist die Liebe ein Gefängnis“. Mit Hirngespinsten und Possen aufmüpfiger Sorte kreuzt Joni die Bühnenwege der Suchenden Max und Leo. Auf der letzten Strecke der Inszenierung treibt er den seit Monaten im selbstgewählten Exil der Innenwände seiner Wohnung lebenden Max in den angstvollsten aller panikartigen Zustände. Daniel Plier in der Rolle des gemobbten Opfers klaustrophobischer Versuche und gleichsam als Regisseur der Inszenierung „Panik“ zu erleben, lohnt einen Besuch des TNRS. Den bescheidenen Zuschauerzahlen zuliebe steht auf der Bühne ein provisorisches Publikumspodest, das nur ein paar zig Personen Platz bietet, jedoch allen Gästen tiefgründigste Einblicke in die Eigenheiten der männlichen Seele verspricht. Frauen mag hier für die Dauer eines Abends alles beiläufige Schmunzeln vergehen, und Männer erfahren mitunter, was das Zusammenleben mit dem schönen Geschlecht tatsächlich ausmacht.

Daniel Bucher leistet einen nicht weniger herzhaften Anteil an der 2005 entstandenen schwarzen Komödie von Mike Myllyaho. Die frischen Bügelfalten auf weißem Hemd und grauer Anzugshose und die lose um den offenen Kragen hängende Krawatte unterstützen maßgeblich die unwiderstehliche Begabung des sympathischen Vollblutakteurs aus den Reihen der Deutschen Abteilung am TNRS, der auch den beleibten Drogisten Ferdinand Havlicek in Ödön von Horváths Komödie „Hin und her“ (Regie: Alexander Riemenschneider) meisterhaft interpretiert.

Der Kimono in dunklen Tönen steht Daniel Plier recht gut, genauso auch der schwarze Anzug und das weiße Hemd mit Stehkragen und Doppelmanschette. Alle drei Mannsbilder der „Panik“ inszenieren nach allen Regeln der Kunst, wie sich ein täuschendes Bild ihrer selbst als echt verkaufen ließe. Daniel Plier spielt den knorrigen Möchtegern-Psychologen Max, der von Leos flehentlichen Hilfsbitten überrannt wird und letztendlich einwilligt, seinen unter die Räder geratenen Freund zu therapieren. Was für ein ulkiges und gleichfalls aufwühlendes Szenario dabei entstehen kann, wenn sich auch noch der verbissen nach einem Alter Ego forschende Fernsehmoderator Joni in die Bildmitte drängt, wird auf dem Spielplan des Hermannstädter Radu-Stanca-Theaters gezeigt. Die nächste Vorstellung der schwarzen Komödie „Panik – Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Mika Myllyaho geht am 31. Januar 2019 über die Bühne der Deutschen Abteilung am TNRS.

 

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