Sammelband mit Beiträgen zu Hans Bergels literarischem Werk

Neuerscheinung „Horizonte“ bei Frank & Timme in Berlin

Freitag, 22. Februar 2019

„Horizonte. Über Hans Bergels literarisches Werk“. Herausgegeben von George Guțu. Berlin: Frank & Timme 2019. 276 Seiten. ISBN: 978-3-7329-0495-2. 49,80 Euro.

Im Berliner Verlag für wissenschaftliche Literatur Frank & Timme ist soeben ein von George Guțu herausgegebener Sammelband mit dem Titel „Horizonte“ erschienen, der sich in 22 Einzelbeiträgen mit dem literarischen Werk Hans Bergels befasst, welcher am 26. Juli vergangenen Jahres seinen 93. Geburtstag feiern konnte.

Der – leider einzige – wissenschaftliche Originalbeitrag dieses Sammelbandes stammt aus der Feder von Matthias Hakuba, der seinen Essay „Der Waldläufer oder das Zweite Gesicht oder ‚Die Fußnote in dieser Frage bin ich’“ dem höchst betagten Jubilar zu besagtem Ehrentag des Jahres 2018 gewidmet hat.

In diesem Beitrag, der den Untertitel „Essay über einen Solitär“ trägt, nimmt der Autor Bezug auf Hans Bergels politische Existenz und sein Verhältnis zum Mutterland, womit die Bundesrepublik Deutschland gemeint ist, in die Hans Bergel 1968 ausgereist bzw. eingewandert ist. Die erste Strophe von Hans Bergels Gedicht „Mutterland“ lautet: „Ach Mutter, / wie ist mir das Mutterland fremd. / Ich trag seine Schuh und trag sein Hemd, / ich sprech seine Sprache und hör seinen Laut, / und dennoch ist es mir unvertraut.“

Weitere Aspekte der Bergelschen Existenz, die Matthias Hakuba in seinem Essay beleuchtet, sind: das vielgesichtige Siebenbürgen und der homo transsilvanus; die autobiografische Dimension von Bergels schriftstellerischem Schaffen; seine intime Beziehung zu Natur, Kultur und Geschichte; einzelne ausgewählte literarische Werke; und nicht zuletzt die alles grundierende Bergelsche Biografie, zu der auch die Kerker- und Lagerjahre 1959 bis 1964, die bittersten seines Lebens, zählen.

Im Vorwort zum Sammelband „Horizonte“ gibt der Herausgeber einen Überblick über Hans Bergels umfassendes und reichhaltiges literarisches und publizistisches Werk: „Dieses zählt derzeit 50 Buchtitel, Übersetzungen und Aufsätze in rund 70 in- und ausländischen Periodika, Beiträge in mehreren Dutzend Anthologien, dazu Rundfunkreportagen, Hörbilder und Features.“ (S. 11) Die Persönlichkeit des mit diesem Sammelband Geehrten fasst der Herausgeber folgendermaßen zusammen: „Bergel nimmt hellwach an den Erscheinungen seiner Zeit teil, er beurteilt sie gut kantisch nach eigenem Dafürhalten, scheut sich vor dem offenen Wort ebenso wenig wie vor dem Vorstoß ins Ungewisse. Das bescherte ihm Bewunderer und Neider.“ (S. 11)

Der andere Beitrag dieses Sammelbandes, den man nicht auch andernorts hätte lesen oder hören können, stammt aus der Feder Manfred Winklers, des 1959 nach Israel emigrierten und 2014 in Jerusalem verstorbenen Bukowiner Juden, den eine nahezu sechzig Jahre währende Freundschaft mit dem Siebenbürger Sachsen Hans Bergel verband. Es handelt sich hierbei um den Abdruck eines Briefes von Winkler an Bergel aus dem Jahre 2013, der sich in Bergels Privatarchiv befindet und in dem Winkler dem „lieben Hans“ seine Erfahrungen bei der Lektüre des Bergel-Romans „Die Wiederkehr der Wölfe“ schildert.

Peter Motzan ist gleich mit zwei Beiträgen in diesem Sammelband vertreten. In seinem Beitrag aus dem Jahre 1995 bewundert Motzan die „Liebeserklärungen an Städte und Landschaften, an Künstler und Kunstwerke, an Bücher und Büchermacher, an Weggefährten und historische Persönlichkeiten“ (S. 17), wie sie in Bergels Essays zum Ausdruck kommen; und in seinem Beitrag aus dem Jahre 2005 untersucht Motzan den literarischen und literaturwissenschaftlichen Beitrag Hans Bergels zur Gattung der Novelle.

Auch Renate Windisch-Middendorf ist mit zwei Aufsätzen in „Horizonte“ vertreten. Ihr Beitrag aus dem Jahre 2011 befasst sich mit Aspekten authentischen Erzählens in Bergels späten Romanen; und in ihrer 2015 gehaltenen Laudatio zum 90. Geburtstag Hans Bergels preist sie den Jubilar, „der heiter-souveräne Altersweisheit mit unverminderter dichterischer Schaffenskraft verbindet.“ (S. 33)

Weitere Hommagen an den betagten Schriftsteller stammen von Ana Blandiana (ins Deutsche übertragen von „F. Sch.“) und Dieter Roth, beide 2011 veröffentlicht und beide voller persönlicher Erinnerungen. Das 1992 von Stefan Sienerth mit Hans Bergel geführte und 1997 publizierte Gespräch, dem der Interviewer den Titel „…dass ich in der Welt zu Hause bin“ gab, zählt ebenfalls zu den Beiträgen des Sammelbandes „Horizonte“. Zu erwähnen ist hier nicht zuletzt der von Walter Schuller ins Deutsche übersetzte Vortrag von Alexandru Dincă, den dieser bei der Präsentation der rumänischen Übersetzung von Bergels Roman „Der Tanz in Ketten“ (1977) im Jahre 1994 in Kronstadt/Brașov hielt.

Der Aufsatz von Elisabeth Martschini aus dem Jahre 2009 befasst sich mit der Polyphonie der Erzählkunst am Beispiel des Romans „Die Wiederkehr der Wölfe“, und Günter Volkmers Beitrag aus demselben Jahr untersucht das Motiv der Freiheit in Bergels Novelle „Fürst und Lautenschläger“. Olivia Spiridon beschäftigt sich in ihrem Aufsatz aus dem Jahre 2011 mit Narration und Identität in Bergels bislang unvollendeter Romantrilogie, von der „Wenn die Adler kommen“ (1996) und „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006) bereits vorliegen. Und Mariana Lăzărescu befasst sich in ihrem ebenfalls 2011 erstmals erschienenen umfänglichen und an Zitaten reichen Beitrag mit Hans Bergels Italien- und Griechenlandbild.

Hans Bergels „Feuerkreis“-Erzählungen aus dem Jahre 1972 sind Gegenstand des im selben Jahr in der „Siebenbürgischen Zeitung“ erschienenen und in „Horizonte“ nun wieder abgedruckten Beitrags von Andreas Birkner. Die mit einer Arbeit über Hans Bergel promovierte Raluca Rădulescu untersucht in ihrem 2007 erstmals veröffentlichten Beitrag Elemente des magisch-phantastischen Realismus in Hans Bergels Prosa.

Weitere Beiträge von Wolf von Aichelburg über Bergels Essayband „Zuwendung und Beunruhigung“ (der Titel dieses Essaybandes aus dem Jahre 1994 ist in „Horizonte“ allerdings falsch wiedergegeben!) aus dessen Erscheinungsjahr, von Lothar Ruudegast über Musik in Hans-Bergel-Texten aus dem Jahre 2009, von Walter Schuller über Hans Bergels Rezeption von Werken israelischer Autoren, die auf Deutsch schreiben, aus demselben Jahr runden, neben einer Präsentation von Walter Myß zu Hans Bergels Buch „Der Tod des Hirten oder Die frühen Lehrmeister“ (1985) aus dessen Erscheinungsjahr und neben einem Aufsatz des Herausgebers von „Horizonte“ aus dem Jahre 2011 zum Thema „Nationalität – Binationalität – Übernationalität. Gehört Hans Bergels Werk zur deutschen, rumänischen oder europäischen Literatur?“, das Gesamtbild der Persönlichkeit Hans Bergels und seines literarischen Oeuvres harmonisch ab.

Den Umschlag dieses Sammelbandes, über den sich der nun im 94. Jahr seiner Lebensreise befindliche Hans Bergel gewiss gefreut haben wird, ziert die von Konrad Klein aufgenommene Fotografie einer Bronzebüste, welche Hans Wolfram Theil im Jahre 1988 vom Charakterkopf des aus Rosenau/Râșnov in Siebenbürgen gebürtigen und im Laufe seines langen Lebens vielfach geehrten und weithin bewunderten Schriftstellers angefertigt hat.

 

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