Stadtpaläste der Belle Époque

Architekturprojekte von I. D. Berindei im Bukarester Nationalen Kunstmuseum

Freitag, 18. Mai 2012

Skizze von I. D. Berindei: Das Museum Toma Stelian auf der Kiseleff-Chaussee war später das Gebäude des Schriftstellerverbands und ist heute Hauptsitz der PSD.

I. (Johnny) D. Berindei (1871-1928), Sohn von Dumitru I. Berindei (1832-1884) und Vater von I. Jean D. Berindei (1897-1981), entstammte einer rumänischen Architektenfamilie, die über mehrere Generationen hinweg großen Einfluss auf die Stadtarchitektur in Rumänien ausübte. I. D. Berindei war von 1899 bis 1901 Chefarchitekt des rumänischen Innenministeriums, das damals von Prinz Gheorghe Grigore Cantacuzino geleitet wurde, in derselben Zeit Vizepräsident der rumänischen Architektenvereinigung und Professor an der Nationalschule für Architektur in Bukarest, sowie, als diese 1904 ihre Unabhängigkeit von der Staatlichen Schule der Schönen Künste erlangte, einer ihrer Gründungsmitglieder.

I. D. Berindei hatte, bevor er in Rumänien zu wirken begann, in Paris studiert, u. a. bei Charles Girault, dem Architekten des Petit Palais, eines zur Weltausstellung 1900 in Paris errichteten Ausstellungspavillons, der heute das Museum der Schönen Künste der Stadt Paris beherbergt, und bei Honoré Daumet, einem der fünf Architekten, die nach dem Tod von Paul Abadie den Bau der Basilika Sacré-Cœur im Pariser Stadtteil Montmartre architektonisch betreuten.

In Paris und Versailles wurde I. D. Berindei mit der klassizistischen Architektur vertraut, insbesondere mit der Architektur königlicher Schlösser und aristokratischer Stadtpaläste, von denen er sich dann für seine Bauten in Bukarest, Craiova und in anderen Städten Rumäniens inspirieren ließ.
Von I. D. Berindei sind im Nationalen Kunstmuseum Rumäniens in Bukarest über 700 Werke aufbewahrt. 35 davon sind derzeit (und noch bis Ende September dieses Jahres) in einem Raum im zweiten Obergeschoss des Kunstmuseums der Öffentlichkeit zugänglich, weitere 16 der dort gezeigten Werke sind zwar nicht von I. D. Berindei signiert, stammen aber aus seinem Architekturbüro.

Organisiert wurde die Ausstellung von der Abteilung für Zeichnungen und Stiche des Nationalmuseums, betreut wird sie von der Kuratorin Elena Olariu. Ein gut gemachter Ausstellungskatalog mit mehreren Abbildungen informiert über Leben und Werk von I. D. Berindei sowie über die derzeit im Kunstmuseum gezeigten Werke.

Bei den Exponaten handelt es sich um (zum Teil kolorierte) Bleistiftzeichnungen, Tuschearbeiten, Aquarelle und Gouachen, in die, da es sich durchweg um Architekturprojekte handelt, mitunter auch Zentimeter- und Meterangaben eingetragen sind.

Für I. D. Berindei war die Zeichnung die Basis aller Bildenden Künste, gewissermaßen eine universale Sprache, aus der der Künstler seine Ideen in die verschiedenen Einzelsprachen Malerei, Grafik, Bildhauerei und Architektur zu übertragen hatte.

Ausgestellt sind im Kunstmuseum Grundrisse, Pläne, Längsschnitte, Voll- und Teilansichten, Projektskizzen und Entwürfe. Gezeichnete Gebäudekomplexe, Fassaden, kombiniert mit Straßen- und Landschaftsansichten, Garagen, Höfe, Eingänge, Treppen, Wandnischen und Interieurs sind in der Ausstellung ebenso zu bewundern wie zeichnerische Wiedergaben zahlreicher architektonischer Details: Türen, Geländer, Balustraden, Balkone, heraldische Motive, Statuetten, Laternen, Lünetten, Pilaster, Wandtäfelungen, dekorative Vergitterungen sind bis ins Detail skizziert und zeichnerisch hervorragend ausgeführt.

Besonders interessant sind auch lebensweltliche Elemente aus der Zeit der Belle Époque, die mitunter in verschiedene Zeichnungen einfließen: hier ein Auto, da eine Kutsche, hier ein Herr mit Zylinder, da eine Dame mit kunstvoll geschwungenem Hut, hier eine Trambahn, da eine Gruppe von Reitern, sogar ein ganzes Bankett wird dem Betrachter per Längsschnitt vor Augen geführt.

Viele Gebäude, die I. D. Berindei konzipiert und errichtet hat, stehen heute ganz oder teilweise nicht mehr: Sie wurden im Zweiten Weltkrieg bombardiert, demoliert, durch Erdbeben zerstört oder während der kommunistischen Epoche abgerissen. Heute stehen in Bukarest noch beispielsweise folgende Gebäude von I. D. Berindei: die Villa des Admirals Vasile Urseanu (beherbergt heute das astronomische Observatorium); die Villa von Alexandru G. Florescu (vormals Sitz des Goethe-Instituts); der Palast der Journalistengewerkschaft (heute Spielstätte des Teatrul Mic); die Residenz Bazil G. Assan (Haus der Wissenschaftler am Lahovary-Platz). Das markanteste und berühmteste Beispiel ist freilich der Cantacuzino-Palast an der Calea Victoriei in Bukarest, der heute das Nationalmuseum „George Enescu“ beherbergt. Hier lässt sich sehr schön der Eklektizismus I. D. Berindeis studieren, der Elemente des Klassizismus mit denen des Rokoko und des Jugendstils elegant zu verbinden und miteinander zu verschmelzen weiß.

Vom Bukarester Cantacuzino-Palast finden sich in der Ausstellung sowohl eine Fassadenansicht mit Straßenausschnitt als auch eine fragmentarische Skizze mit einem Pilaster und einer Arkade. Bemerkenswert sind ferner Fassadenzeichnungen der Residenzen Fin]escu (1916) und Ioanid (1913) wie auch eine Ansicht der Residenz Constantin Poenaru (1904) aus Craiova. Besonders reizvoll sind Projektskizzen des Museums Ioan und Dr. Nicolae Kalinderu (1906-08), die allein rund ein Viertel der Exponate ausmachen, sowie Blätter mit Ansichten des Museums Toma Stelian (1905-14), darunter ein schönes Balkongitter mit den ineinander verwobenen Initialen TS.

Der Längsschnitt durch eine Gemälde- und Skulpturengalerie des Museums Kalinderu (1906-07) zeigt nicht nur dessen Bau als solchen in seiner architektonischen Qualität, sondern gibt auch eine Vielzahl von in seinem Besitz befindlichen Kunstwerken minutiös wieder, als schaffe der Architekt mit seinem Bau nicht nur generell Raum für die Kunst, sondern auch speziell für ganz bestimmte Kunstwerke. Schön schließlich der Moment, wenn man mit dem im Museum geschärften Blick wieder in die Bukarester Wirklichkeit hinaustritt und die Architektur der hiesigen Stadtpaläste mit neuen Augen zu genießen vermag!

Kommentare zu diesem Artikel

Michael, 19.05 2012, 13:56
Toller Artikel!

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