Stefan, der Vielseitige

Nationalsymbol ohne Heldenkult: Ausstellung über Stefan den Großen im Nationalen Geschichtsmuseum

Sonntag, 13. Mai 2018

Stefan, der Kirchenstifter
Fotos: George Dumitriu

Panagiarion von Stefan dem Großen

Die Ausstellung zeigt eine große Sammlung Ofenkacheln mit moldauischen Symbolen.

Jedes Kind kennt seinen Namen, untrennbar ist er mit der Moldau verbunden. Im Kommunismus als Nationalsymbol exzessiv  missbraucht, von der Rumänischen Orthodoxen Kirche heilig gesprochen, begann der Kult um den Woiwoden  bereits im 19. Jahrhundert. Statuen, Gedenkmünzen, historische Filme und die Literatur verankerten den historischen Helden fortan fest in der rumänischen Volksseele. Selbst auf dem grasbewachsenen Hügel gegenüber des Klosters Putna prangt im Sommer ein Schriftzug, überdimensional, ins hohe Gras gemäht: STEFAN. 

Stefan der Große (1433-1504) ist omnipräsent. An Bekanntheit und Beliebtheit könnten ihm höchstens die Daker – einst gleichermaßen „Opfer“ von Ceaușescus nationalistischer Identitätsfindung - den Rang ablaufen. „Wozu also noch eine Ausstellung?“, fragt der Historiker Bogdan Bucur, Lektor an der Universität Bukarest, rhetorisch bei der Eröffnung von „Stefan der Große. Von der Vergangenheit bis in die Ewigkeit“ am 26. April im Nationalen Geschichtsmuseum (MNIR). „Auch wenn manche die Präsenz von Stefan dem Großen als nationalistisches Element empfinden, wurde der rumänische Staat nicht wie Aphrodite aus dem Schaum geboren“, motiviert Museumsdirektor Ernest Oberländer-Târnoveanu. „Er basiert auf jahrhundertelanger Staatstradition, in der die Moldau und Ștefan der Große eine besondere Rolle spielten.“ Als Herrscher, Feldherr, Diplomat, Bauherr, Intellektueller und Mann mit Visionen im Europa des 15. Jahrhunderts hat er deutliche Spuren hinterlassen. „Die Ausstellung soll ein realistisches Bild der kulturellen und technologischen Strahlkraft der damaligen Moldau vermitteln - und ein pragmatisches von [tefan dem Großen“, fährt Oberländer fort. Es basiert auf zahlreichen erhaltenen Dokumenten, auch aus Ungarn und Russland. Kein Heldenkult also, dafür möglichst viele Zeitzeugen: Objekte aus dem Umfeld des Woiwoden. Waffen, Schmuck, Münzen, Bücher, Stoffe, Ofenkacheln. Präsidialberater Sergiu Nistor unterstreicht: „Es gibt Persönlichkeiten mit der Kapazität, vom Leben in die Ewigkeit überzugehen. Dies ist bei Stefan dem Großen der Fall. Im Jahrhundert der Nationen wird er als Symbolfigur Rumäniens immer präsenter.“ „Seine Wiedereinführung in das öffentliche Bewusstsein war nötig und inspiriert“, betont Bucur und verweist auf seine Rolle als verbindendes Element zwischen Rumänien und der Republik Moldau: „Wir haben ein gemeinsames Kulturerbe. Auch für die Rumänen jenseits des Pruth ist Stefan der Große bis heute eine Inspirationsquelle geblieben.“

Begegnung mit dem Fürsten

Über 300 Exponate aus archäologischen Grabungen in Suceava, Jassy/Iași, Bacău, Vaslui, Hârlău, Botoșani, Târgu Trotuș erzählen aus dem Leben des Woiwoden. Auch wie er aussah, wissen wir genau: Sein Porträt, unverkennbar, mit vollen Wangen, Kinngrübchen und Schnauzbart, wurde in den Votivbildern der Kirchen von Voroneț, Radăuți, Pătrăuți, Dobrovăț und im Tetraevangelium von Humor verewigt.

Herzstück der Ausstellung, die letztes Jahr zum 560 Jubiläum der Thronbesteigung Stefans im Bukowina-Museum in Suceava konzipiert und anschließend auch in Jassy gezeigt wurde, ist die liturgische Flagge Stefans des Großen. Bei dem aufwändigen Stickwerk aus Gold- und Silberfäden auf blutrotem Seidensamt handelt sich um das bedeutendste und wertvollste Stück, das aus seiner Zeit erhalten ist! Der Inschrift zufolge wurde sie im 43. Jahr seiner Herrschaft (1500) in einem moldauischen Kloster von ihm in Auftrag gegeben. Sie zeigt den heiligen Georg, zu dem der Woiwode eine besondere Beziehung hatte, darüber zwei Engel, die ihm Schwert und Schild reichen. Zu Füßen des Heiligen windet sich ein dreiköpfiger Drache, der seine Glaubensfeinde symbolisiert: der größere Kopf steht für den Islam, die beiden kleineren für die Katholiken und die Heiden. Nach der Herrschaft Stefans gelangte die Flagge in den Besitz des Klosters Zografu am Berg Athos, wo sie 1898 von den Mönchen in Metzgermanier „restauriert“ und dabei beinahe zerstört worden war. 1917 offiziell an den rumänischen Staat restituiert, kehrte sie 1920 zurück ins Land. Die fachgerechte Restaurierung nahm sieben Jahre in Anspruch. 2011 wurde die Flagge in der Republik Moldau ausgestellt, mit einer Rekordstatistik von 20.000 Besuchern, 2012 war sie Gegenstand einer Mini-Ausstellung im MNIR.

Weitere zentrale Exponate sind der steinerne Thron Stefans, die Replik seines Sarkophags aus Putna und der Stein mit der Stifterinschrift der Kirche in Milișăuți, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Wer war Stefan der Große?

Stefan, der Stifter
„Stefan hat trotz allen Blutvergießens das Seelenheil nie vergessen“, hält der Chronist Grigore Ureche fest. „Während seiner Herrschaft von 47 Jahren, zwei Monaten und drei Wochen hat er 44 Klöster gegründet.“ Ion Neculce ergänzt: „Von den Alten hört man, so viele Schlachten er geschlagen, so viele Klöster hat er gestiftet.“ 31 Paneele informieren über die wichtigsten Bauwerke, darunter die Thronfestung Suceava, das Kloster Putna, wo heute ein Museum an Stefan den Großen erinnert, oder die im Weltkulturerbe der UNESCO geschützten, bemalten Moldauklöster von Arbore, Voroneț, Suceava und Pătrăuți. In der größten Festung Alba wohnten 20-25.000 Bürger im Vergleich zu den 3-400.000 Einwohnern der damaligen Moldau, illustriert Oberländer. Eine überdimensionale Karte zeigt die Lage der Klöster und Festungen.

Stefan, der Feldherr

Den moldauischen Thron bestieg der junge Fürst in einer turbulenten Zeit: der Hohen Pforte zu Tributzahlungen verpflichtet, im Clinch mit den Ungarn und vom Machthunger Polens bedroht. 1467 marschierte Matthias Corvin mit 40.000 Mann in der Moldau ein, Stefan schlug die Ungarn bei Baia vernichtend. Auf seine mehrfachen Einfälle in der Walachei reagierte Mehmet II. 1475 mit einem Angriff auf die Moldau. Stefan schlug das 120.000 Mann starke Heer des Sultans mit nur 40.000 Soldaten bei Vaslui. Im Folgejahr griffen die Osmanen mit 150.000 Mann an. Stefan, dessen Armee gerade im Osten kämpfte, um die Tataren abzuwehren, hatte selbst nur 20.000 Soldaten zur Hand, entschloss sich trotzdem zum Angriff, verlor zwar die Schlacht, doch weil die Osmanen Nachschubprobleme hatten, blieb dies für ihn ohne Folgen. 1503 schloss er mit Sultan Bayezid II. einen Vertrag zur Unabhängigkeit der Moldau ab – der allerdings einen Tribut von 4000 Golddukaten kostete.

Wie kann man sich die Kriegsführung zur Zeit Stefans vorstellen? Die Basis des Fußheeres bildeten Bauern und Städter. Es gab eine leichte Kavallerie mit schnellen Pferden und eine Artillerie mit Kanonen. Die gesamte Armee mit 40-60.000 Soldaten umfasste alle kampftauglichen Männer des Landes: Berufssoldaten, Söldner, Händler und Bauern unter der Flagge der Bojaren. Charakteristisch für Stefan war eine „aktive Verteidigung“: Er wartete nicht, bis der Feind angriff, sondern trat ihm entgegen, lockte ihn durch Taktik in die gewünschte Richtung, zermürbte ihn durch nächtliche Blitzangriffe und Aushungern. Über Spione wurde die Absicht des Gegners erkundet, dann leerte man die Dörfer auf der geplanten Route, verwüstete Felder, vergiftete Brunnen. Sein militärischer Erfolg ist auch dem Wiederaufbau der Verteidigungsanlagen an den Grenzen zu verdanken.
Stefans Heer verfügte über sämtliche Waffen, die im zeitgenössischen Europa bekannt waren: Säbel, Schwerter, Messer, Äxte oder Keulen, man schoss mit Armbrüsten, Hakenbüchsen und Kanonen, als Schutz dienten Schilde, Brustpanzer und Kettenhemden. Bei Grabungen in der Festung von Roman wurden beeindruckende Mengen an Waffen gefunden, von denen ein Teil in der Ausstellung zu sehen ist.

Stefan, der Ökonom

Stefan der Große pflegte selbst internationale Wirtschaftsbeziehungen und war von allen Woiwoden der aktivste im Handel. „Dies beweisen zahlreiche Dokumente“, betont Oberländer und räumt mit dem Mythos auf, die Rumänen hätten sich nicht auf Kommerz verstanden. „Das war sogar das Geheimnis der Stärke der Moldau!“ Er zitiert einen notariellen Akt von 1473, in dem der Fürst einem Radu von Ancona 2500 Büffel für 3000 Dukaten verkauft. Oder Fisch in Lemberg, wobei er vom Erlös Salpeter für die Herstellung von Schießpulver erwarb. Münzen aus anderen Ländern und Schmuck – ausgestellt sind die Schätze von Schinetea (Vaslui) und Țifești (Vrancea) – belegen einen regen Warentausch, der Wohlstand und Ressourcen für die Abwehr der Osmanen sicherte.

Stefan, der Kulturförderer

Eine riesige Vitrine beherbergt kostbare Bücher: dicke Wälzer religiösen Inhalts – Tetraevangelien, hölzerne Umschläge, gebunden in Samt, Leder oder mit Gold beschlagen, kunstvoll ziseliert, graviert, gestanzt oder mit Edelsteinen besetzt. Geschrieben wurde auf Pergament – der speziell behandelten Haut von jungen oder gar ungeborenen Lämmern, Zicklein, Kälbern - oder auf einer Art Papier aus Textilresten, der Haupttext in schwarzer Tinte mit roten und grünen Hervorhebungen. Unterschrift und Titel des Woiwoden sind vergoldet, eindrucksvoll das fürstliche Siegel aus rotem Wachs, das nur der Kanzleichef anbringen durfte. Anfangsbuchstaben besonderer Absätze wurden als filigran verzierte Miniaturen realisiert. Stilvorbilder für eine Reihe berühmter Kalligrafen aus der Zeit Stefans des Großen lieferten die Klöster Putna und Neamț.

In derselben Vitrine ein Tuch aus dem Museum in Suceava, das die bedeutendste Sammlung an mittelalterlichen Gold- und Silberstickereien Europas beherbergt, wie der Museumsdirektor erklärt: „In der Moldau ist der Boden kühl und sauer, sodass die Gewebe besser als überall anderswo erhalten geblieben sind.“

Beeindruckend auch die Sammlung an tönernen Gefäßen und filigran verzierten Kacheln. Monumentale Kachelöfen mit funktionellen und dekorativen, teils glasierten Kacheln waren an den Fürstenhöfen groß in Mode. Beliebte Motive: der Stierkopf mit zwei Engeln darüber, der heilige Georg als Drachentöter, die Lilie als Mariensymbol, florale Ornamente oder sogenannte Tapetenkacheln, deren geometrische Muster sich über mehrere Elemente erstrecken.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Juni in Bukarest zu sehen. Anschließend wandert sienach Bistritz/Bistrița und ab 1. Dezember nach Karlsburg/Alba Iulia.

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