Vom Rand zur literarischen Mitte

„Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“. Sätze und Texte für Richard Wagner

Montag, 02. Juli 2018

Horst Samson und Anton Sterbling (Hrsg): „Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“. Sätze und Texte für Richard Wagner. Pop Verlag Ludwigsburg 2018; 317 Seiten; 23 Euro

Mit dem Satz: „In einer am Rande des Sprachraums gelegenen Region bist Du, lieber Richard, als Leader der Aktionsgruppe gestartet und inzwischen in der Mitte des literarischen Geschehens fest verankert“, gratulierte Albert Bohn im vergangenen Jahr dem Schriftsteller und streitbaren Publizisten Richard Wagner zu dessen 65. Geburtstag. Die Glückwünsche Dutzender Freunde und Bekannter, die zunächst in der vom Münchener Institut für Kultur und Geschichte Südosteu-ropas herausgegebenen Zeitschrift „Spiegelungen“ erschienen, finden sich nun in dem vom Pop Verlag Ludwigsburg veröffentlichten Buch „Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“ wieder. Der mit Grafiken und Malereien von Walter Andreas Kirchner reich illustrierte Band, ein Künstler, der wie Wagner aus dem rumänischen Banat stammt, enthält darüber hinaus Texte von Wagner selbst und weiteren Autoren sowie kunsthistorische, literaturwissenschaftliche und essayistische Beiträge.

Die Anmerkung Bohns, der zu den Mitgliedern der 1972 gegründeten und nur wenige Jahre später vom Geheimdienst Securitate zerschlagenen literarischen Gruppierung Aktionsgruppe Banat zählt, und die für viele Wegbegleiter und Leser Wagners evident ist, verdeutlicht der Literaturkritiker und Übersetzer Gerhardt Csejka: Rund 40 Titel zähle dessen Werk bisher. Bereits vor seiner Ausreise 1987 mit seiner damaligen Frau Herta Müller veröffentlichte er mehrere Gedichtbände und Kurzprosa. Seither aber erschienen in verschiedenen deutschen Verlagen, darunter Rotbuch, Luchterhand, Klett-Cotta, Aufbau oder Hoffmann und Campe in rascher Abfolge zahlreiche Romane, von denen insbesondere „Habseligkeiten“ von der Kritik wie von den Lesern sehr gut aufgenommen wurde, Sachbücher zum zeitgeschichtlichen Geschehen, Bücher mit ebenso glänzenden wie pointierten Analysen über die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft sowie Lyriksammlungen. Beeindruckend viele Bücher hat Wagner in den vergangenen Jahren der Parkinson-Krankheit abgerungen, darunter den gemeinsam mit Thea Dorn geschriebenen Bestseller „Die deutsche Seele“, den essayistischen Streifzug durch die Donaumonarchie „Habsburg“, bei dem es neben ihren politischen und geistigen Auswirkungen, neben Joseph Roth oder Franz Kafka, auch um Temeswar und die Doboschtorte geht, und nicht zuletzt „Herr Parkinson“, ein luzides und bewegendes Buch, in dem Wagner über seine Erkrankung erzählt.

Eine Ehrung dieses außergewöhnlich produktiven Autors, der in den vergangenen Jahrzehnten zudem oft mit Stellungnahmen und Gesprächen in der geschriebenen deutschen Presse sowie im Rundfunk vertreten war, bot sich somit an. Die Herausgeber des Wagner gewidmeten Buchs, Horst Samson und Anton Sterbling, weisen in ihrer Einführung darauf hin, dass „Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“ eine Fortsetzung zweier im vergangenen Jahr von beziehungsweise in Zusammenarbeit mit Wagner entstandenen Büchern sowie der oben genannten Gratulationen ist. Sie fügen hinzu, dass die Zeit für die einzelnen Beiträge knapp bemessen gewesen sei, da der Band zur jüngsten Buchmesse in Leipzig vorliegen sollte, bei der Rumänien Schwerpunktland war. Erwartungen, dass zusammen mit Wagner auch sein bisheriges, vielfältiges Werk gewürdigt wird, kann das Buch somit nicht erfüllen. Doch die literarischen Texte vermitteln zusammen mit den unterschiedlichen Ansätzen und Herangehensweisen der anderen Beiträge facettenreiche Einblicke in die Anfänge der Aktionsgruppe Banat, einer literarischen Gruppierung wie es sie bis dahin weder im Banat noch in Siebenbürgen oder in der Bukowina gegeben hatte, und in eine Literatur, die ihren Platz im binnendeutschen Geschehen schon lange behauptet.

Eine willkommene Wiederentdeckung in diesem Sinn ist „die letzte banater story“ von Gerhard Ortinau, der „offene brief eines auf den mond verschlagenen“, der erstmals vor mehr als vier Jahrzehnten in Rumänien erschien. Persönlichkeiten der Geschichte und Kunst, Prinz Eugen von Savoyen, der Maler Stefan Jäger, der Romancier Adam Müller-Guttenbrunn, einiges von dem, was für Ortinaus Landsleute identitätsstiftend war oder als solches zu gelten hatte, wird auf die Schippe genommen. Der ironische Ton und die Selbstironie, von der auch die Aktionsgruppe selbst nicht ausgenommen wird, sind durchgehend, der „brief“ wirkt bis heute frisch und scheint im Hinblick darauf, dass Ortinau wenig später die Ausreise beantragte und somit nicht mehr veröffentlichen konnte, wie eine Prophezeiung oder ein Vermächtnis. Darüber hi-naus war die deutliche Abgrenzung von den Reliquien der banat-schwäbischen Gemeinschaft für die gesamte Gruppe der damals sehr jungen Leute Programm. Dem Prosastück steht Anton Sterblings Fragment „Die serbische Katze, die nie nach Horka kam“ gegenüber. Jahrzehnte später schreibt er, der wie Ortinau Gründungsmitglied gewesen ist, die Satire quasi fort, nimmt noch einmal den Ton auf und hält ihn! Weil die Aktionsgruppe, so die Beschreibung, in der „Juchtenkäferrepublik“, in der seit Jahrhunderten eine grün-linke Regierung an der Macht ist, als gefährlich gilt, folgt die Deportation in eine Strafkolonie. Dort führt Herta Müller Gespräche mit Franz Kafka, Johann Lippet erweitert und vertieft seine Dorfchronik, Rolf Bossert übersetzt alles ins Banater Berglanddeutsch und William Totok arbeitet an Porträts ehemaliger Securitateoffiziere, während Goethe erhaben Schlittschuh läuft.

Neben einer Auswahl von Gedichten Richard Wagners enthält das Buch auch Lyrik von Ilse Hehn, Johann Lippet, Traian Pop, Horst Samson und Hellmut Seiler. Lippet gelang dabei etwas Besonderes: Aus Gedichtüberschriften und Gedichtzeilen, die aus einer Reihe von Veröffentlichungen Wagners stammen und von denen einige noch in Rumänien erschienen sind, montierte er einen Text, der als Ganzes poetisch funktioniert und in seiner Eigenständigkeit überzeugt. Die Hommage an den Freund könnte origineller nicht sein. Sehr lesenswert ist auch ein autobiografisch gefärbter Essay des Publizisten und Übersetzers Georg Aescht. Ohne eine Analyse der Gemeinschaft der Deutschen Siebenbürgens und ihrer Mentalitätsmuster liefern zu wollen, zeigt er auf, mit welchen Mitteln das kommunistische Regime die Menschen in die innere und schließlich auch in die faktische Emigration trieb. Aescht schreibt von der damals herrschenden Angst und dem Schweigen, das sich die Minderheit teilweise selbst verordnete. Dichter, wie es Wagner sei, hätten dem Raunen schließlich Worte gegeben.

Während sich der Literaturwissenschaftler Peter Motzan mit neuen Modellen zur Beschreibung der deutschsprachigen Minderheitenliteraturen auf dem Gebiet Rumäniens befasst, wertete Stefan Sienerth einen Briefwechsel zwischen Wagner und einer jungen Frau aus, den es in den Jahren 1969-1971 gab. Wagner ging zu jener Zeit noch ins Gymnasium, bevor er im Herbst 1971 das Studium in Temeswar aufnahm. Nicht etwa eine Liebesbeziehung machte den Inhalt dieser Briefe der beiden jungen Menschen aus, die einander nie gesehen haben, sondern Leseerlebnisse, literarische Vorlieben und der Austausch eigener literarischer Versuche. Wagner berichtet, er habe F. Dostojewski, G. Flaubert, J-P. Sartre, S. Beckett und Ingeborg Bachmann gelesen, seine Briefpartnerin aus Arad empfiehlt ihm G. Grass, W. Borchert und P. Handke. Wobei nicht nur die Belesenheit der beiden erstaunlich ist, sondern auch hinzugefügt werden muss, dass man damals ohne die Hilfe kundiger Freunde und Verwandter aus Westeuropa kaum an Bücher zeitgenössischer Autoren aus jenem Teil der Welt kam. Beide hatten bereits in rumäniendeutschen Publikationen veröffentlicht und zeigen sich am Literaturbetrieb und seinen Akteuren sehr interessiert. Der Briefwechsel ging auch nach der Ausreise der jungen Frau eine Zeitlang weiter. Sienerth zitiert aus dem vermutlich letzten Brief Wagners, in der dieser auf die Frage, was in Sachen Dichtung in Rumänien los sei, schreibt: „wie immer nicht viel und doch ein wenig mehr. Die verteidiger der tradition haben noch immer das zepter in der hand.“ Es sollte nicht mehr lange so bleiben, denn bereits 1973 erschien sein erster Gedichtband mit dem programmatischen Titel „Klartext“ und niemand, der von Literatur etwas verstand, hatte Zweifel daran, dass sich damit ein vielversprechender Autor ankündigte. Selbst wenn es damals vom Rand zur vermuteten literarischen Mitte noch ein weiter Weg sein sollte.

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