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Dienstag, 23. 9. 2008
  Lebendige Gemeinschaft
Festvortrag von Dr. Karl Scheerer beim 18. Sachsentreffen in Birthälm (I)


Das Thema


Das Thema „Lebendige Gemeinschaft“ hat mir bei der Vorbereitung erhebliche Probleme bereitet, da ich mir über meinen Auftrag nicht ganz im Klaren war. Worum handelt es sich, wenn heute von „Lebendiger Gemeinschaft“ die Rede sein soll? Wird von der These ausgegangen, dass es in Siebenbürgen trotz der gewaltigen Umwälzungen der letzten 19 Jahre immer noch eine lebendige sächsische Gemeinschaft gibt, die es nun in ihrer Erscheinungsform zu beschreiben gilt? Oder setzt man ein deutliches Fragezeichen dahinter in der Erkenntnis, dass die Lebendigkeit unserer Gemeinschaft viel zu wünschen übrig lässt? Oder setzt man ein mahnendes Ausrufezeichen dahinter mit der Absicht, zur Revitalisierung unserer Gemeinschaft, die einzuschlummern droht, aufzurufen? Welcher dieser drei Sichtweisen wollen wir den Vorzug geben? Wie wir nun sicher alle wissen, ist die menschliche Wahrnehmung subjektiv und nicht selten selektiv.

Auch die Kriterien und Merkmale, die wir mit einer lebendigen Gemeinschaft in Verbindung bringen und die Mindestanforderungen, die wir an sie stellen, sind subjektiv und nicht einheitlich definiert. Übt man sich in Genügsamkeit und beschränkt sich in seinen Erwartungen auf Weniges, dann ist die Lagebeschreibung einer lebendigen Gemeinschaft gerechtfertigt. Stellt man jedoch höhere Ansprüche, fällt das Urteil sehr viel kritischer aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Zustandsbeschreibung unserer Gemeinschaft sehr unterschiedlich ausfällt und alle drei oben genannten Varianten artikuliert werden.

Man hört sehr wohl Stimmen, die sehr gut funktionierende Forumsstruktur sei ein Beleg für eine lebendige Gemeinschaft. Die Gliederungen des Deutschen Forums sind in der Tat gut geführt und arbeiten auch effektiv, wie auch unserer Abgeordneter uns hervorragend vertritt. Eine funktionierende Organisation ist jedoch noch keineswegs ein Garant für ein dynamisches und facettenreiches Gemeinschaftsleben und genau dieses wird von nicht wenigen vermisst. Jeder definiert also seine Erwartungen an das Gemeinschaftsleben für sich und partizipiert daran oder auch nicht. Ich möchte nun im Folgenden einige Gedanken zu diesen Aspekten formulieren und eine persönliche Beurteilung abgeben.

Erfolge und Fragen

„Was seid Ihr Sachsen doch für prächtige Kerle! Respekt! Respekt! Was Ihr da in Hermannstadt erreicht habt, verdient Bewunderung. Wir dachten, es gibt Euch gar nicht mehr, und nun so was! Alle Hochachtung!“ Dieses sagte mir neulich ein österreichischer Studienfreund, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Und natürlich können und sollen wir alle uns freuen, dass Persönlichkeiten aus unseren Reihen so viel Anerkennung erfahren haben. Und dass da eine gehörige Portion Tüchtigkeit dahinter steckt, steht außer Frage. Lässt jedoch dieser großartige Erfolg den Schluss zu, dass unsere Gemeinschaft insgesamt intakt, dynamisch und wirkungsvoll ist? Ich habe erhebliche Zweifel und möchte daher ein paar Fragezeichen setzen.

Zu einer lebensfähigen ethnischen Gemeinschaft gehören klar erkennbare Konturen in Sitten, Gebräuchen, ethischen Normen und vor allem eine selbstbewusste Identität. Darüber hinaus zeichnet sich eine vitale Gemeinschaft dadurch aus, dass sie regional fest verwurzelt ist und aus allen Generationen besteht, also aus Jung und Alt, sowie insbesondere eine leistungsstarke mittlere Generation aufweist. Unserer sächsischen Gemeinschaft fehlen jedoch in hohem Maße gerade die Leistungsträger und der Nachwuchs.

Ein Zyniker sagte mir neulich: „Ihr seid eine amputierte und verstümmelte Gemeinschaft. Euch sind die beweglichen Glieder abgeschnitten worden“. Ein hartes Wort! Leider trifft es aber die Wahrheit. Unsere Mitglieder, die im übrigen in der Regel ihre überwiegende Verwandtschaft in Deutschland haben und häufig pendeln, haben in der Tat ein sehr hohes Durchschnittsalter und es wird noch steigen. Ist es angesichts dieses Umstands verwunderlich, dass für die Gestaltung des Gemeinschaftslebens, wie immer man es zu gestalten versucht, hier vor Ort kaum Amtsträger, Mitarbeiter oder aktive Helfer zu gewinnen sind?

Die Arbeit wird in aller Regel von wenigen Personen geleistet, die wegen Überlastung häufig überfordert sind. Hinzu kommt, dass sich die Gemeinschaft zunehmend auf die Städte beschränkt. In sehr vielen Landgemeinden ist das sächsische Element beinahe oder völlig erloschen. Das ist ein sehr herber Verlust, denn gerade dort hat, wie wir alle wissen und erlebt haben, in der Vergangenheit ein sehr aktives Gemeinschaftsleben stattgefunden.

Das Plakat, das uns zu diesem heutigen Sachsentreffen einlädt, spiegelt, mit Verlaub, ein euphemistisches Bild wider, denn die heutige Realität spricht leider eine ganz andere Sprache. Wo erleben wir noch einen geschlossenen Gottesdienstbesuch oder Feierlichkeiten in altsächsischer Tracht und altsächsischer Gesellungsform? Über diese Tatsache können auch die mit erstaunlich hoher Teilnehmerzahl aus Deutschland und aller Welt stattfindenden Heimattreffen in vereinzelten Ortschaften nicht hinwegtäuschen. So eindrucksvoll und bewegend sie auch sein mögen, so sind sie doch, und das sage ich provokativ, Nostalgietreffen unserer ausgewanderten Landsleute und legen für ein paar Tage einen schönen Schleier über den grauen Alltag, was wir allerdings gerne mit genießen.

Nach ihrer Abreise ist jedoch alles wieder beim Alten. Ich selbst als eine Art Rückwanderer hatte gehofft, dass nach all den erfreulichen Veränderungen in Europa und in unserem Land eine große Anzahl unserer ausgewanderten Landsleute auf Zeit oder auf Dauer zurückkehren und ihre Kompetenzen aktiv unserer Gemeinschaft zur Verfügung stellen, und zwar nicht nur indem sie gute Ratschläge erteilen, sondern indem sie sich bereit erklären, auch Funktionen zu übernehmen und Verantwortung zu tragen.

Wir haben den großen Vorteil, mit beiden Milieus vertraut zu sein und entsprechend unserem Wirken größtmögliche Stoßkraft zu verleihen. Leider ist eine solche Rückwanderung in erstaunlich geringem Maße geschehen. Noch erstaunlicher ist, dass viele unserer ausgewanderten Landsleute, die den Sommer in ihren wieder instandgesetzten Häusern in ihren Heimatortschaften verbringen oder für längere Zeit zu Besuch kommen, ein Eigenleben führen, auf Distanz gehen und sich kaum aktiv am örtlichen Gemeinschaftsleben beteiligen. Ein Schäßburger Freund sagte mir neulich: „Die fremdeln alle, es sind keine Sachsen mehr, sie sind zu Deutschen geworden.“ Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Gelegentliche Kommentare über die Unzulänglichkeiten unserer Arbeit und gar Fragen wie z.B. „Meinst Du nicht, dass ja doch alles vergebliche Liebesmühe ist, denn es geht ja eh bald alles zu Ende. Warum tut Ihr euch das noch an?“, sind jedoch mehr als ärgerlich.

Weiteres Fragezeichen

Ein weiteres Phänomen erfordert ein Fragezeichen, das sich allerdings nicht auf unsere sächsische Gemeinschaft beschränkt, sondern eine gesamteuropäische Erscheinung ist und in den letzten Jahren überraschend schnell evident geworden ist. Die gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche, der unübersehbare Paradigmenwechsel, die Folgeerscheinungen der Globalisierung und wohl auch der rasante Siegeszug der modernen Kommunikationssysteme haben geselliges Verhalten völlig verändert. Große Teile der jüngeren und mittleren Generation kommunizieren per E-Mail und SMS miteinander, unterhalten sich in Chat-Rooms. Es entwickeln sich völlig neue Formen der Gesellung.

Der Soziologe Ullrich Beck konstatiert eine rasante Enttraditionalisierung der Gesellschaft mit verheerenden Folgen für das gerade in Deutschland bisher stets hochgehaltene Vereinsleben. Es fehlt allenthalben an aktivem Nachwuchs. Wolfgang Huber, der Ratspräsident der Evangelischen Kirchen Deutschlands, sprach kürzlich hinsichtlich des kirchlichen Bereichs von einem signifikanten Traditionsabbruch, was natürlich das Gemeindeleben vor große Herausforderungen stellt. Vereinzelung der Menschen, diffuse Orientierungslosigkeit, Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, Wertevakuum, Unverlässlichkeit, Gefühl der Heimatlosigkeit sind Schlagworte, die immer häufiger in der soziologischen Literatur diskutiert werden.

Schon längst ist die Rede von der permissiven Gesellschaft. Sollten diese Erscheinungen, sofern sie zutreffen, angesichts der Globalisierung und der völlig offenen Grenzen ausgerechnet vor Siebenbürgen halt machen? Wohl kaum! Und welche Konsequenzen werden sie für unser ohnehin sehr geschwächtes sächsische Gemeinschaftsleben haben? Wir wissen es nicht. Noch nicht.

(Zwischentitel: ADZ)

Teil II



Fortbildung in deutscher Sprache
Grammatik im kommunikativen Deutschunterricht / Von Karina Gheorghe

Neue Methoden, um die Grammatik im Deutschunterricht zu vermitteln, wurden besprochen, als sich nahezu 30 Deutschlehrer aus Rumänien bei einer Lehrerfortbildung trafen. Veranstaltungsort war die als Pilgerstätte bekannte Ortschaft Schomlenberg/Sumuleu Ciuc in der Nähe von Szeklerburg/Miercurea Ciuc. Das Seminar wandte sich sowohl an junge als auch an erfahrenere Deutschlehrer aus ganz Rumänien. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Goethe-Institut Bukarest, das die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland fördert, die internationale kulturelle Zusammenarbeit pflegt und ein umfassendes Deutschlandbild durch Informationen über das kulturelle, gesellschaftliche und politische Leben vermittelt. Unter dem Schwerpunkt Grammatikvermittlung im kommunikativen Deutschunterricht richtete sich das Seminar „an junge Deutschlehrende, die am Anfang ihrer Berufspraxis stehen. Da sich im Laufe der Anmeldungsphase aber gezeigt hat, dass auch andere großes Interesse an der Fortbildung hatten, haben wir uns dafür entschieden, auch einige Lehrer einzuladen, die sehr erfahren sind“, sagte Dr. Maxine Jetschmann, die seit November 2004 die Sprachabteilung des Goethe-Instituts Bukarest leitet.

Unter der Anleitung der erfahrenen Deutschlehrerin im Erwachsenenunterricht Monica-Maria Aldea aus Temeswar/Timisoara setzten sich die Seminarteilnehmer mit der Vermittlung von Grammatik im kommunikativen, interkulturellen, aufgabenorientierten und lernzentrierten Deutschunterricht ausei-nander und debattierten im Kreis der Kolleginnen und Kollegen. Die Seminarassistenz übernahmen Giorgiana Mîndruleanu (Deutsches Kulturzentrum Temeswar) und Monika Gross (Sprachenschule ExamPlus Temeswar). Schwerpunkte des Lehrgangs waren unter anderem die Methoden des Grammatikunterrichts, die „Lerner-Grammatik”: Verstehens-, (Re)Konstruktions- und Produktionsgrammatik, Interlanguage und Strategien zum Verstehen, zur bewussten Sprachverwendung und zur Sprachproduktion, Grammatikprogression, Grammatik-Terminologie im DaF-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache) und Fehlerkorrektur.

„Wir organisieren diese Seminare mit der Absicht, den Lehrern die Möglichkeit zu bieten, sich fort- und weiterzubilden. Es geht uns darum, den Deutschunterricht in Rumänien und in der Republik Moldau zu fördern und den Lehrenden die Gelegenheit zu geben, in den Sprachschulen qualitativ guten und besseren Deutschunterricht zu erteilen”, fügte die stellvertretende Leiterin des Goethe-Instituts Dr. Jetschmann hinzu.

Im Gegensatz zur traditionellen Grammatik-Übersetzungs-Methode (GÜM), ist das Hauptanliegen des kommunikativen Unterrichts, die Informationen durch Interaktion und Kommunikation an die Kursteilnehmer zu bringen. Obwohl die GÜM-Methode in den Schulen immer noch sehr weit verbreitet ist, „denke ich, dass die Lehrer, die an der Fortbildung teilgenommen haben, nach dem Seminar so einiges an Ideen und Fertigkeiten, wie man Grammatik vermitteln kann, für ihren Berufsalltag mitnehmen werden”, schloss Dr. Maxine Jetschmann.