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Mittwoch, 24. 9. 2008
  Lebendige Gemeinschaft
Festvortrag von Dr. Karl Scheerer beim 18. Sachsentreffen in Birthälm (II)


Die Realität akzeptieren


Es ließen sich sicher noch mehr Fragezeichen setzen, die um den Weiterbestand unseres Gemeinschaftslebens fürchten lassen. Als notorischer Optimist weigere ich mich jedoch, vor lauter Fragezeichen in Resignation zu verfallen und abzuwarten, bis die Propagandisten des finis saxoniae recht bekommen. Schwierigkeiten und Gefahren sind dazu da, damit sie aus dem Weg geräumt werden, das hat die Jahrhunderte lange sächsische Geschichte bewiesen. Dies kann man jedoch nur leisten, wenn man sich der Realität stellt und dann nach Lösungen sucht. Deshalb möchte ich nun zu den Ausrufezeichen übergehen.

Die Geschichte lehrt uns, dass es keinen Stillstand gibt. Das sächsische Gemeinschaftsleben, wie wir es gekannt oder es uns haben erzählen lassen, wird es nicht mehr geben. Alles vergeht, wenn sich die Lebensumstände ändern, aber es entsteht immer wieder etwas Neues und dieses Neue können wir beeinflussen, wenn wir die Realitäten akzeptieren und das Unsere zur Weiterentwicklung beitragen. Wir haben die Möglichkeit dazu, sofern wir nicht nur in die „verlorene“ Vergangenheit schauen und sie immer wieder heraufbeschwören, sondern uns bereit halten, die Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit ist immer verloren, die Zukunft können wir prägen. Wir müssen es nur wollen.

Die sensationellen Wahlerfolge sind ein beredtes Beispiel dafür, was man alles erreichen kann, wenn man etwas will und entschlossen und energisch sein Ziel verfolgt. Allerdings muss man sich im Klaren sein, was man überhaupt will und muss das Ziel genau definieren. Wir müssen also schnellstens einen Konsens herstellen, welche Form des sächsischen Gemeinschaftslebens wir unter den neuen Bedingungen anstreben, um die geeigneten Maßnahmen ergreifen zu können. Wollen wir das traditionelle sächsische Gemeinschaftsleben revitalisieren, von der nur noch Spuren vorhanden sind? Oder wollen wir unter Einbeziehung dieser Spuren und Nutzung aller, auch neuer Ressourcen etwas Neues, den eingetretenen Realitäten Angemessenes zu Wege bringen.

Meines Erachtens muss jetzt gehandelt werden, denn wir haben zu lange die Entwicklung auf uns zukommen lassen. Wir haben nicht mehr viel Zeit, denn wir werden gemeinsam immer älter und junge Mitglieder wachsen kaum heran. Wir haben aber immer noch eine Menge bisher ungenutzter Ressourcen, die es dringend zu mobilisieren gilt. Unsere evangelische Kirche, die dank unseres Herrn Bischof national und international ein außerordentlich hohes Ansehen genießt, ist zwar in hohem Maße eine Diasporakirche geworden, aber es gibt noch kräftige Kirchengemeinden.

Warum sollen wir die Bande zwischen Kirchengemeinden und den Foren nicht noch enger knüpfen, als es bisher geschieht? Wir haben doch viele gemeinsame Schnittstellen und Anliegen. Warum bauen wir die jetzt schon vorhandenen Personalunionen in den Gremien nicht noch stärker aus? Und warum vernetzen wir die Veranstaltungen nicht stärker, was im Übrigen gute sächsische Tradition ist?

Satzungsdiskussion

Eines der Meisterstücke unserer Vorfahren war das einzigartige und hochrenommierte Schulwesen. Die Schulen funktionieren Gott sei Dank nach wie vor, wenngleich an ihnen viel nachgebessert werden müsste, wenn ihr traditionell hohes Niveau nicht sinken soll, was, Gott sei´s geklagt, in Teilen leider schon geschehen ist. Sie, und nur sie allein sind unser Nachwuchsreservoir. Unsere Jugendforen könnten ohne sie gar nicht existieren. Wir verlieren jedoch diese vielen in deutscher Sprache erzogenen jungen Menschen nach dem Abitur, weil sie in der Regel anderen Ethnien angehören und sie in den Foren keine Vollmitglieder oder Amtsträger werden können. Wie können wir sie auch nach dem Schulabschluss an uns binden? Hier ist Phantasie gefragt.

Alle Foren haben in ihren Reihen auch eine große Zahl sogenannter Sympathisanten, Angehörige anderer Ethnien, die uns sehr wohlgesonnen sind und sich der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, die aber auch keine Vollmitglieder werden können und daher einen gewisse Distanz wahren. Selbst nichtdeutsche Ehepartner, deren Zahl noch steigen wird, können allenfalls Sympathisanten werden. Dies gilt ebenso für die vielen deutschsprachigen Staatsbürger anderer Länder, die sich aus den verschiedensten Gründen hier niedergelassen haben. Auch sie sympathisieren zwar mit uns, empfinden sich aber in der Regel als Außenstehende und können ebenfalls nicht Mitglieder in unseren Foren werden. Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir hier Abhilfe schaffen können. Es ist höchste Zeit, dass wir uns für alle diese Personengruppen stärker öffnen, denn wir können nur gewinnen.

Wir müssen meines Erachtens ehestens eine Satzungsdiskussion eröffnen, so heikel sie auch sein mag. Wir sind dankbar, dass uns der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und die Landsmannschaften in Österreich und in Übersee mit ihren Möglichkeiten unterstützen, wir müssen aber auch Wege finden, wie wir unsere ausgewanderten Landsleute, und zwar so viele wie möglich, wieder stärker in unsere tägliche Arbeit hier vor Ort integrieren können. Zudem erfahren wir europaweit, natürlich insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz große Solidarität und nicht zuletzt eine beachtliche materielle Unterstützung. Auch dafür sind wir natürlich dankbar.

Erfüllen wir aber die dort gehegten Erwartungen, dass wir unermüdlich unsere deutsche Gemeinschaft, weit weg vom deutschen Sprachraum, mit allen unseren Kräften gefestigt in die Zukunft führen? Ich fürchte, wir haben sehr lange zugewartet und zu wenig vorausschauend gehandelt. Wenn wir jetzt nicht handeln, wo noch genügend Substanz vorhanden ist, werden wir eines Tages als deutsche Gemeinschaft in der Geschichte versunken sein und unser beachtliches kulturelle Erbe mit uns. Ich bin sicher, dass will niemand von uns.

Lassen Sie uns die Ärmel wieder hochkrempeln und an die Arbeit gehen. Das sind wir unserer Geschichte und uns selbst schuldig. Das sächsische Volk hat viele schwere Zeiten durchlebt und sie letztendlich immer gemeistert. Auch jetzt haben wir große Chancen, wenn wir es wollen. In der Kleinen Sachsengeschichte von Friedrich Teutsch habe ich eine interessante Passage gefunden, die heute so sicher nicht mehr geschrieben würde und zu der sehr viel kritisches gesagt werden könnte, die aber doch sehr nachdenklich stimmt:

„Auch ein anderes erscheint dem Rückschauenden heute von Bedeutung: jene Jahre (1780 bis 1830) hatten das Bewusstsein der politischen Zusammengehörigkeit der sächsischen Nation und ebenso den Gedanken der kirchlichen Einheit fast verloren gehen lassen und das nationale Bewusstsein war gleichfalls eingeschlafen. Vom alten Recht aber war kaum noch die Rede. Dagegen bleibt den stillen Jahren eins: in ihnen wuchsen die Männer heran, die dem Volk die neue Zeit und damit die Zukunft brachten. In Schäßburg wurde 1810 J.A. Zimmermann geboren, im selben Jahr in Agnetheln Kon. Schmidt, 1814 C. Goos und 1817 G.D.Teutsch in Schäßburg, 1823 Jak Rannicher in Hermannstadt, 1820 Jos. Gull, 1828 Fr. Müller in Schäßburg. Aller Leben ist angefüllt mit dem Kampf für das Recht und mit der Arbeit, dem sächsischen Volk neuen Lebensinhalt zu geben.... Es begann eine umfassende Innenarbeit zur Erziehung des Volkes, die so tief war, dass ein Teil auch des heutigen sächsischen Lebens auf dem Grunde ruht, den sie damals legten.... Die gebundenen Kräfte des Volkes sollten freigemacht werden, für jede willige Kraft sollte die rechte Stelle zur Mitarbeit gefunden werden. (...) den führenden Männern war klar, dass die dauernde Stärkung der geistig-sittlichen Kräfte das erste und das höchste Ziel und zugleich die Grundlage des Volkes sei. Und für dieses traten die Besten ein. Es hat keine hoffnungsreichere, keine zuversichtlichere Zeit gegeben als diese, wo es wie im Frühling allenthalben grünte und sprosste und neues Leben entstand: (...) Auferwacht – ist mein Volk aus langer Nacht, das war die Morgenstimmung des aufsteigenden Tages (...). Dass Vereinigung stark macht, hatte draußen die größere Welt gezeigt; sie griffen auch hier zur Vereinigung. Es ist die Zeit der Vereinsgründungen gewesen, viele der sächsischen Volksvereinigungen gehen in diese Jahre zurück. (...) In den Geschicken der Völker mischt gar seltsam Schuld und Schicksal, Menschenwitz vermag gar selten auseinander zu halten. Aber wenn die Geschichte gerecht urteilen wird, dann kann sie von dem lebenden Geschlecht nur sagen, das es das ererbte Volksgut unter den schwierigsten Verhältnissen nicht nur bewahrt, sondern vielfach gemehrt hat, dass es für jene Güter nicht nur Opfer gebracht, sondern die Nachkommen zur Pflicht erzogen hat, das gleich zu tun. Der Inhalt der sächsischen Geschichte ist zu allen Zeiten gewesen: Allen Gewalten – zum Trotz erhalten, und so wie es bisher war, soll es auch in Zukunft sein.“ Soweit Friedrich Teutsch in der Sprache des damaligen Zeitgeistes.

Ein Neuanfang

Wenn man sich entschließt, seine Phantasie und Tatkraft für einen Neuanfang, und der ist dringend geboten, und eine Weiterentwicklung Siebenbürgens einzusetzen, dann ist man gut beraten, die Realitäten vorurteilsfrei zu akzeptieren. Nur so erkennt man die Chancen und kann seine Energie sinnvoll einsetzen. Eine Revitalisierung der traditionellen sächsischen Gemeinschaft ist nicht mehr möglich. Ich bin sogar der Meinung, sie ist in vielen Facetten auch gar nicht mehr wünschenswert. Sie war in einem bestimmten gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Milieu entstanden, in dem sie ihren angemessenen Platz hatte.

Sie hat funktioniert und hervorragende Leistungen hervorgebracht. Heute leben wir in einem komplett anderen Milieu und jeder Versuch, sie zu restaurieren wäre anachronistisch. Was wir aber leisten können, ist, auf den Fundamenten der ehemaligen sächsischen Gemeinschaft und unter Bewahrung noch zeitgemäßer Elemente eine der heutigen Zeit angemessene deutsche Gemeinschaft zu organisieren und mit Leben zu erfüllen. Ich plädiere dringend für die möglichst sofortige Eröffnung einer Debatte, in der wir eine Diagnose unserer gegenwärtigen Gemeinschaft vornehmen und auf der Grundlage des Befundes die konkreten Kriterien einer Neuformierung unserer Gemeinschaft formulieren. Wir werden sicher die Kraft aufbringen müssen, uns von Vertrautem zu trennen und neue Zielvorstellungen zu akzeptieren.

Eine deutsche Kultur- und Sprachgemeinschaft hat durchaus beste Chancen, wenn wir alle Ressourcen nutzen. Dazu ist jedoch Tatkraft und Hartnäckigkeit von Nöten. Fast alles ist möglich, wenn man entschlossen sein Ziel verfolgt. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, damit wir uns noch recht häufig hier in Birthälm treffen können!

Teil I