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Lebendige
Gemeinschaft
Festvortrag von Dr. Karl Scheerer beim 18. Sachsentreffen in
Birthälm (II)
Die Realität akzeptieren
Es ließen sich sicher noch mehr Fragezeichen setzen, die
um den Weiterbestand unseres Gemeinschaftslebens fürchten
lassen. Als notorischer Optimist weigere ich mich jedoch, vor
lauter Fragezeichen in Resignation zu verfallen und abzuwarten,
bis die Propagandisten des finis saxoniae recht bekommen. Schwierigkeiten
und Gefahren sind dazu da, damit sie aus dem Weg geräumt
werden, das hat die Jahrhunderte lange sächsische Geschichte
bewiesen. Dies kann man jedoch nur leisten, wenn man sich der
Realität stellt und dann nach Lösungen sucht. Deshalb
möchte ich nun zu den Ausrufezeichen übergehen.
Die Geschichte lehrt uns, dass es keinen Stillstand gibt. Das
sächsische Gemeinschaftsleben, wie wir es gekannt oder
es uns haben erzählen lassen, wird es nicht mehr geben.
Alles vergeht, wenn sich die Lebensumstände ändern,
aber es entsteht immer wieder etwas Neues und dieses Neue können
wir beeinflussen, wenn wir die Realitäten akzeptieren und
das Unsere zur Weiterentwicklung beitragen. Wir haben die Möglichkeit
dazu, sofern wir nicht nur in die „verlorene“ Vergangenheit
schauen und sie immer wieder heraufbeschwören, sondern
uns bereit halten, die Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit
ist immer verloren, die Zukunft können wir prägen.
Wir müssen es nur wollen.
Die sensationellen Wahlerfolge sind ein beredtes Beispiel dafür,
was man alles erreichen kann, wenn man etwas will und entschlossen
und energisch sein Ziel verfolgt. Allerdings muss man sich im
Klaren sein, was man überhaupt will und muss das Ziel genau
definieren. Wir müssen also schnellstens einen Konsens
herstellen, welche Form des sächsischen Gemeinschaftslebens
wir unter den neuen Bedingungen anstreben, um die geeigneten
Maßnahmen ergreifen zu können. Wollen wir das traditionelle
sächsische Gemeinschaftsleben revitalisieren, von der nur
noch Spuren vorhanden sind? Oder wollen wir unter Einbeziehung
dieser Spuren und Nutzung aller, auch neuer Ressourcen etwas
Neues, den eingetretenen Realitäten Angemessenes zu Wege
bringen.
Meines Erachtens muss jetzt gehandelt werden, denn wir haben
zu lange die Entwicklung auf uns zukommen lassen. Wir haben
nicht mehr viel Zeit, denn wir werden gemeinsam immer älter
und junge Mitglieder wachsen kaum heran. Wir haben aber immer
noch eine Menge bisher ungenutzter Ressourcen, die es dringend
zu mobilisieren gilt. Unsere evangelische Kirche, die dank unseres
Herrn Bischof national und international ein außerordentlich
hohes Ansehen genießt, ist zwar in hohem Maße eine
Diasporakirche geworden, aber es gibt noch kräftige Kirchengemeinden.
Warum sollen wir die Bande zwischen Kirchengemeinden und den
Foren nicht noch enger knüpfen, als es bisher geschieht?
Wir haben doch viele gemeinsame Schnittstellen und Anliegen.
Warum bauen wir die jetzt schon vorhandenen Personalunionen
in den Gremien nicht noch stärker aus? Und warum vernetzen
wir die Veranstaltungen nicht stärker, was im Übrigen
gute sächsische Tradition ist?
Satzungsdiskussion
Eines der Meisterstücke unserer Vorfahren war das einzigartige
und hochrenommierte Schulwesen. Die Schulen funktionieren
Gott sei Dank nach wie vor, wenngleich an ihnen viel nachgebessert
werden müsste, wenn ihr traditionell hohes Niveau nicht
sinken soll, was, Gott sei´s geklagt, in Teilen leider
schon geschehen ist. Sie, und nur sie allein sind unser Nachwuchsreservoir.
Unsere Jugendforen könnten ohne sie gar nicht existieren.
Wir verlieren jedoch diese vielen in deutscher Sprache erzogenen
jungen Menschen nach dem Abitur, weil sie in der Regel anderen
Ethnien angehören und sie in den Foren keine Vollmitglieder
oder Amtsträger werden können. Wie können wir
sie auch nach dem Schulabschluss an uns binden? Hier ist Phantasie
gefragt.
Alle Foren haben in ihren Reihen auch eine große Zahl
sogenannter Sympathisanten, Angehörige anderer Ethnien,
die uns sehr wohlgesonnen sind und sich der deutschen Kultur
verpflichtet fühlen, die aber auch keine Vollmitglieder
werden können und daher einen gewisse Distanz wahren.
Selbst nichtdeutsche Ehepartner, deren Zahl noch steigen wird,
können allenfalls Sympathisanten werden. Dies gilt ebenso
für die vielen deutschsprachigen Staatsbürger anderer
Länder, die sich aus den verschiedensten Gründen
hier niedergelassen haben. Auch sie sympathisieren zwar mit
uns, empfinden sich aber in der Regel als Außenstehende
und können ebenfalls nicht Mitglieder in unseren Foren
werden. Wir müssen dringend darüber nachdenken,
wie wir hier Abhilfe schaffen können. Es ist höchste
Zeit, dass wir uns für alle diese Personengruppen stärker
öffnen, denn wir können nur gewinnen.
Wir müssen meines Erachtens ehestens eine Satzungsdiskussion
eröffnen, so heikel sie auch sein mag. Wir sind dankbar,
dass uns der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland
und die Landsmannschaften in Österreich und in Übersee
mit ihren Möglichkeiten unterstützen, wir müssen
aber auch Wege finden, wie wir unsere ausgewanderten Landsleute,
und zwar so viele wie möglich, wieder stärker in
unsere tägliche Arbeit hier vor Ort integrieren können.
Zudem erfahren wir europaweit, natürlich insbesondere
in Deutschland, Österreich und der Schweiz große
Solidarität und nicht zuletzt eine beachtliche materielle
Unterstützung. Auch dafür sind wir natürlich
dankbar.
Erfüllen wir aber die dort gehegten Erwartungen, dass
wir unermüdlich unsere deutsche Gemeinschaft, weit weg
vom deutschen Sprachraum, mit allen unseren Kräften gefestigt
in die Zukunft führen? Ich fürchte, wir haben sehr
lange zugewartet und zu wenig vorausschauend gehandelt. Wenn
wir jetzt nicht handeln, wo noch genügend Substanz vorhanden
ist, werden wir eines Tages als deutsche Gemeinschaft in der
Geschichte versunken sein und unser beachtliches kulturelle
Erbe mit uns. Ich bin sicher, dass will niemand von uns.
Lassen Sie uns die Ärmel wieder hochkrempeln und an die
Arbeit gehen. Das sind wir unserer Geschichte und uns selbst
schuldig. Das sächsische Volk hat viele schwere Zeiten
durchlebt und sie letztendlich immer gemeistert. Auch jetzt
haben wir große Chancen, wenn wir es wollen. In der
Kleinen Sachsengeschichte von Friedrich Teutsch habe ich eine
interessante Passage gefunden, die heute so sicher nicht mehr
geschrieben würde und zu der sehr viel kritisches gesagt
werden könnte, die aber doch sehr nachdenklich stimmt:
„Auch ein anderes erscheint dem Rückschauenden
heute von Bedeutung: jene Jahre (1780 bis 1830) hatten das
Bewusstsein der politischen Zusammengehörigkeit der sächsischen
Nation und ebenso den Gedanken der kirchlichen Einheit fast
verloren gehen lassen und das nationale Bewusstsein war gleichfalls
eingeschlafen. Vom alten Recht aber war kaum noch die Rede.
Dagegen bleibt den stillen Jahren eins: in ihnen wuchsen die
Männer heran, die dem Volk die neue Zeit und damit die
Zukunft brachten. In Schäßburg wurde 1810 J.A.
Zimmermann geboren, im selben Jahr in Agnetheln Kon. Schmidt,
1814 C. Goos und 1817 G.D.Teutsch in Schäßburg,
1823 Jak Rannicher in Hermannstadt, 1820 Jos. Gull, 1828 Fr.
Müller in Schäßburg. Aller Leben ist angefüllt
mit dem Kampf für das Recht und mit der Arbeit, dem sächsischen
Volk neuen Lebensinhalt zu geben.... Es begann eine umfassende
Innenarbeit zur Erziehung des Volkes, die so tief war, dass
ein Teil auch des heutigen sächsischen Lebens auf dem
Grunde ruht, den sie damals legten.... Die gebundenen Kräfte
des Volkes sollten freigemacht werden, für jede willige
Kraft sollte die rechte Stelle zur Mitarbeit gefunden werden.
(...) den führenden Männern war klar, dass die dauernde
Stärkung der geistig-sittlichen Kräfte das erste
und das höchste Ziel und zugleich die Grundlage des Volkes
sei. Und für dieses traten die Besten ein. Es hat keine
hoffnungsreichere, keine zuversichtlichere Zeit gegeben als
diese, wo es wie im Frühling allenthalben grünte
und sprosste und neues Leben entstand: (...) Auferwacht –
ist mein Volk aus langer Nacht, das war die Morgenstimmung
des aufsteigenden Tages (...). Dass Vereinigung stark macht,
hatte draußen die größere Welt gezeigt; sie
griffen auch hier zur Vereinigung. Es ist die Zeit der Vereinsgründungen
gewesen, viele der sächsischen Volksvereinigungen gehen
in diese Jahre zurück. (...) In den Geschicken der Völker
mischt gar seltsam Schuld und Schicksal, Menschenwitz vermag
gar selten auseinander zu halten. Aber wenn die Geschichte
gerecht urteilen wird, dann kann sie von dem lebenden Geschlecht
nur sagen, das es das ererbte Volksgut unter den schwierigsten
Verhältnissen nicht nur bewahrt, sondern vielfach gemehrt
hat, dass es für jene Güter nicht nur Opfer gebracht,
sondern die Nachkommen zur Pflicht erzogen hat, das gleich
zu tun. Der Inhalt der sächsischen Geschichte ist zu
allen Zeiten gewesen: Allen Gewalten – zum Trotz erhalten,
und so wie es bisher war, soll es auch in Zukunft sein.“
Soweit Friedrich Teutsch in der Sprache des damaligen Zeitgeistes.
Ein Neuanfang
Wenn man sich entschließt, seine Phantasie und Tatkraft
für einen Neuanfang, und der ist dringend geboten, und
eine Weiterentwicklung Siebenbürgens einzusetzen, dann
ist man gut beraten, die Realitäten vorurteilsfrei zu
akzeptieren. Nur so erkennt man die Chancen und kann seine
Energie sinnvoll einsetzen. Eine Revitalisierung der traditionellen
sächsischen Gemeinschaft ist nicht mehr möglich.
Ich bin sogar der Meinung, sie ist in vielen Facetten auch
gar nicht mehr wünschenswert. Sie war in einem bestimmten
gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Milieu
entstanden, in dem sie ihren angemessenen Platz hatte.
Sie hat funktioniert und hervorragende Leistungen hervorgebracht.
Heute leben wir in einem komplett anderen Milieu und jeder
Versuch, sie zu restaurieren wäre anachronistisch. Was
wir aber leisten können, ist, auf den Fundamenten der
ehemaligen sächsischen Gemeinschaft und unter Bewahrung
noch zeitgemäßer Elemente eine der heutigen Zeit
angemessene deutsche Gemeinschaft zu organisieren und mit
Leben zu erfüllen. Ich plädiere dringend für
die möglichst sofortige Eröffnung einer Debatte,
in der wir eine Diagnose unserer gegenwärtigen Gemeinschaft
vornehmen und auf der Grundlage des Befundes die konkreten
Kriterien einer Neuformierung unserer Gemeinschaft formulieren.
Wir werden sicher die Kraft aufbringen müssen, uns von
Vertrautem zu trennen und neue Zielvorstellungen zu akzeptieren.
Eine deutsche Kultur- und Sprachgemeinschaft hat durchaus
beste Chancen, wenn wir alle Ressourcen nutzen. Dazu ist jedoch
Tatkraft und Hartnäckigkeit von Nöten. Fast alles
ist möglich, wenn man entschlossen sein Ziel verfolgt.
Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, damit wir uns noch recht
häufig hier in Birthälm treffen können!
Teil I
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