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Wöchentlicher
Besuch am Alten Berg
Deutsche Freiwillige in Rumänien und in aller Welt /
Von Marius Wolf
Frau Delch ist ist die letzte Siebenbürger
Sächsin am Alten Berg/Viile Sibiului. Am Alten Berg kennt
sie jeder als Tanti Susi. Das kleine Dorf liegt einen Kilometer
hinter dem Ortsausgangsschild von Hermannstadt/Sibiu rechts
der Landstraße Richtung Mediasch. Frau Delch feiert
bald ihren 91. Geburtstag. Dazu hat sie ihre lieben Freundinnen
eingeladen. Die werden wohl mit dem Taxi zu ihr fahren müssen.
Ich fahre mit dem Bus zu ihr. Der fährt bis zur letzten
Haltestelle der Buslinie 7, von wo ich bis zu ihrem Haus laufen
muss. Auf dem Weg komme ich an einer „Alimentara“
vorbei. Die Verkäuferin kennt mich schon und ruft mir
zu: „Stai bãiatu’, am o pâine pentru
Tanti Susi” (Bleib stehen, Junge, ich habe ein Brot
für Tanti Susi). Das Brot kaufe ich, Frau Delch gibt
mir später das Geld.
Frau Delch ist eine der zehn Personen, die ich einmal pro
Woche besuche. Die meisten sind durch ihr fortgeschrittenes
Alter auf Hilfe angewiesen. Andere sind noch recht jung, haben
aber Krankheiten wie Multiple Sklerose (MS) und sind daher
betreuungsbedürftig. Zu „meinen“ Betreuten
gehören drei Siebenbürger Sachsen und sieben Rumänen.
Ich bin ein Freiwilliger aus Deutschland, der über EIRENE
(Internationaler Christlicher Friedensdienst) nach Hermannstadt
kam und seit Juni 2008 für eine rumänische ökumenische
Organisation (ACORD) mit orthodoxem Hintergrund in Hermannstadt
tätig ist.
Der Freiwilligendienst wird unter deutschen Jugendlichen,
die gerade die Schule beendet haben, immer populärer.
Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Freiwilliges Ökologisches
Jahr (FÖJ), Anderer Dienst im Ausland (ADiA) oder ein
Friedensdienst - das Interesse an solchen Diensten wächst
und für hundert Bewerber gibt es bei vielen Nicht-Regierungsorganisationen
(NRO) weniger als 30 Plätze. Die Regierung der Bundesrepublik
Deutschland hat auf diese enorme Nachfrage reagiert und 2008
das Programm „weltwärts“ ins Leben gerufen.
Mit „weltwärts“ haben Jugendliche aus Deutschland
bereits in über 60 außereuropäischen Ländern
der Erde einen Freiwilligendienst verrichtet. Auch die Europäische
Union ist nicht untätig geblieben. Seit einigen Jahren
reisen Jugendliche aus ganz Europa in andere europäische
Länder, Nordafrika, Russland und den Kaukasus, um einen
Europäischen Freiwilligendienst (EFD) zu leisten. Die
glücklichen Bewerber, die angenommen worden sind, erwartet
eine horizonterweiternde Zeit in einem anderen Land und einer
anderen Kultur.
In Rumänien befinden sich überraschend viele Freiwillige.
Es sollen mehr sein als in Polen oder in den baltischen Staaten
zum Beispiel. Neben europäischen Organisationen beschäftigt
alleine die US- amerikanische Organisation „peace corps“
(gegründet von John F. Kennedy) momentan über 140
Freiwillige in Rumänien. Ob in Bukarest, Kronstadt/Brasov,
Klausenburg/Cluj-Napoca, Temeswar/Timisoara, Arad, Großwardein/Oradea,
Bacãu, Hermannstadt/Sibiu oder in vielen kleinen Dörfern
– überall findet sich ein Freiwilliger.
Eine „Hochburg“ der Freiwilligen ist Hermannstadt.
Zählt man die umliegenden Dörfer Großau/Cristian
und Reußdörfchen/Rusciori dazu, befinden sich regelmäßig
bis zu 12 Freiwillige hier, die meist für mehr als ein
Jahr ihren Dienst verrichten. Altenbetreuung, Behindertenbetreuung,
24 Stunden–Betreuung für Obdachlose im „Guten
Haus“ in Neppendorf/Turnisor und Nachmittagsbetreuung
von Schulkindern. In all diesen Bereichen sind Freiwillige
tätig und bilden oft eine tragende Säule in den
Projekten. Die staatlichen Hilfen für betreuungsbedürftige
Menschen oder extra Förderprogramme für Behinderte
und Kinder können leider nicht ausreichende Versorgung
bieten. Diese Lücke wird durch Organisationen mit vorrangig
christlichem Hintergrund kompensiert. Die Kirchen, sowohl
die orthodoxen Gemeinden als auch die Helfer im Rahmen der
Evangelischen Kirchengemeinde A.B. in Hermannstadt und des
Bezirkes, die Caritas und das Diakonische Werk sind für
viele Menschen eine Anlaufstelle.
Regelmäßig lange Schlangen stehen vor der Spendenapotheke
der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt. Dank Medikamentspenden
aus Deutschland können hier zweimal wöchentlich
Arzneimittel vergeben werden. Aus der ebenda eingerichteten
Kleiderkammer können viele bedürftige Menschen ausreichend
Kleidung erhalten. Das Bezirkskonsistorium gibt im ganzen
Kreis Hermannstadt/Sibiu Lebensmittel und Versorgungsmaterialien
für bettlägrige Senioren aus. Außerdem wird
von hier im Winter die für sehr viele unverzichtbare
Winterhilfe verteilt. Dieses monatliche Extrageld soll für
die sozial Schwächeren ein Ausgleich sein für die
enormen Heizkosten in der kalten Jahreszeit.
Das Diakonische Werk und die Caritas verteilen Pflegematerialien
und Lebensmittel und fahren das im Carl-Wolff-Altenheim gekochte
Essen-auf-Rädern aus. Für Freiwillige ist die Diakonie
immer wieder eine Anlaufstelle, wenn es darum geht, für
die Betreuten einen kleinen Ausflug zu organisieren. Sie hilft
durch die Bereitstellung ihres Kleinbusses und unterstützt
die Planung. Die orthodoxen Gemeinden bieten ebenfalls Essen-auf-Rädern
oder Kantinen, in denen Menschen mit einem geringen Einkommen
günstig oder gratis essen können. Neben dieser institutionalisierten
Hilfe freuen sich die Betreuten jedoch besonders über
den persönlichen Kontakt zu den Helfern und dem Gespräch
mit ihnen.
Gelegenheit zum Gespräch gibt es mit Frau Delch nicht
bloß in ihrem Zimmer, sondern in der warmen Jahreszeit
auch bei der Arbeit im Garten. Diese reicht von Unkraut jäten
über Früchte ernten, kleine Dinge für den Garten
bauen, manchmal auf ihrem nah gelegenen Acker etwas ernten
und natürlich sauber machen. Auf Sauberkeit im Hof und
im Haus legt Frau Delch besonders viel Wert. Selbst nach zwei
Stunden Gartenarbeit besteht sie darauf, selbst den Boden
in der Küche aufzuwischen.
In meinen „Arbeitsbereich“ gehören Botengänge.
Ich bringe Briefe von Frau Delch zur Post und hole Medikamente,
Lebensmittel und andere Sachen für sie aus der Stadt.
So gut es geht, bin ich ihr verlängerter Arm bei Dingen,
die man im Alter nicht mehr ohne Hilfe erledigen kann.
Im Winter gibt es nicht so viel zu tun und da ist dann mehr
Zeit zum Erzählen. D. h. Frau Delch erzählt und
ich höre begierig zu. Ich freue mich, aus dem 90 Jahre
Erfahrungsreichtum zu lernen und mir wird bewusst, wie klein
meine Welt und mein Horizont ist, im Vergleich zu jemandem,
der fast das gesamte letzte Jahrhundert erlebt hat. Wenn Frau
Delch von den schönen und schweren Dingen aus ihrem langen
Leben erzählt, strahlt sie eine unglaubliche Ruhe und
Gelassenheit aus. Auch die schweren Erlebnisse scheinen nach
so vielen Jahren unbedeutender zu sein.
Mit ihren 90 Jahren möchte aber auch Frau Delch noch
dazu lernen. Ihr neues Ziel: Ein bisschen Englisch. Um mit
der schwedischen Frau eines Verwandten in Stockholm am Telefon
sprechen zu können. Ruhe wird also am Alten Berg nicht
so schnell einkehren. Ebenso wenig bei der Altenbetreuung.

Auf
den höchsten Bergen der Welt
Vierzehnjährige Bergsteigerin Crina Popescu erobert Aconcagua
/ Von Christine Chiriac
Mit nur 14 Jahren hat Crina Popescu schon fünf Weltrekorde
erreicht. Die junge Alpinistin, die schon weltbekannt ist,
wohnt in Rosenau/Râsnov bei Kronstadt/Brasov und ist
dort Schülerin der deutschen Abteilung der Allgemeinschule
Nr. 2 in der 7. Klasse. Das Felsenklettern ist ihre größte
Freude, die sie wohl von ihrem Vater, Ovidiu Popescu, geerbt
hat. Er ist mit der Familie vor vielen Jahren aus Bukarest
nach Rosenau übersiedelt. Coco, wie die Familie sie nennt,
hat eine Schwester, die vorläufig mit fünf Jahren
noch zu jung für diesen Sport ist. Nicht mehr lange,
denn Coco war auch erst sechs Jahre alt, als sie zum ersten
Mal zusammen mit ihrem Vater auf einen Berg steigen durfte,
auf den Omu im Bucegi-Gebirge. „Es ist eine falsche
Vorstellung, dass der Berg gefährlich ist”, meint
Ovidiu Popescu. „Gefährlich ist das Bergsteigen
nur, wenn man sich beeilt und nicht vorsichtig ist. Wir nehmen
uns Zeit, bereiten uns gründlich vor, warten immer auf
gutes Wetter. Wir riskieren nie, wenn etwas nicht stimmt.
So kann nichts passieren.
Es ist merkwürdig, dass gerade in dieser Gegend, wo es
Gebirge gibt, die Leute den Alpinismus als gefährlich
betrachten. Es gibt tatsächlich wenige Bergsteiger….
das ist schade.”
Da eine Expedition etwa ein bis zwei Monate dauert, hat Coco
in der Schule immer viel zu lernen, wenn sie daheim in Rosenau
ist. „Ich muss viel nachholen, es kann ermüdend
sein. Aber die Lehrer erlauben mir, längere Zeit zu fehlen,
denn sie wissen, dass ich mir dann später Mühe gebe,
alles Versäumte zu lernen”, sagt Coco. „Ich
bin immer sehr gerne in die Schule gegangen, meine Lieblingsfächer
sind Mathe und Chemie”.
Die junge Alpinistin hat noch nicht überlegt, wo sie
das Lyzeum besuchen will. Auch für einen Entscheidung
über ein künftiges Hochschulstudium ist es noch
zu früh. Höchstwahrscheinlich soll es Sport sein.
Coco ist Mitglied eines Bergsteigervereins in Österreich
und sie möchte dort in Zukunft eine Fachlehranstalt besuchen.
Zu den Berggipfeln, die Coco erobert hat, zählen der
Ararat (in der Türkei, 5165 m), der Kazbek (im Kaukasus,
5047 m), der Damavand (im Alborz Gebirge in Iran, 5671 m),
der Ojos del Salado (in Chile, mit 6893 m der höchste
aktive Vulkan der Welt) und, vor einem Monat, der Aconcagua
(in Argentinien, mit 6963 der höchste Berg außerhalb
Asiens). Alle sind Altersweltrekorde, im Falle der letzten
zwei ist Coco auch die erste Frau aus Rumänien, die es
schaffte. Fast all diese Rekorde wurden in einer Zeitspanne
von acht Monaten erreicht.
Das verlangt aber tägliches Training: Joggen, Radfahren,
Wandern auf den Bergen in der Umgebung, was Coco meistens
gemeinsam mit ihrem Vater unternimmt. Die Hobbys der jungen
Alpinistin machen auch fit: Snowboard, Skifahren, Rollschuhe.
„Man muss jedoch nicht nur körperlich vorbereitet
sein. Tatsächlich ist die Anpassung an die Höhenlage
schwer, aber Coco hatte nie Probleme damit. Man kann sagen,
sie besitzt ein angeborenes Talent und eine außergewöhnlich
gute Kondition”, erklärt Ovidiu Popescu. „In
gleichem Maße geht es auch um den Mut und den Willen.
Wenn man in Panik gerät, dann kann man es nicht mehr
schaffen.”
Die bis jetzt unternommenen Expeditionen wurden fast ausschließlich
mit privatem Geld bezahlt. „Die Behörden haben
uns nicht viel geholfen”, sagt Ovidiu Popescu, „und
wir mussten das Geld von verschiedenen Sponsoren beschaffen.
Das ist nicht einfach. Einmal, als wir nicht genug Geld für
die Expedition einsammeln konnten, haben wir unser Auto verkauft.”
Das nächste Ziel ist der Berggipfel Cho Oyu im Himalaja
Gebirge, 8201 m hoch. Wenn Coco es schafft, wird sie die erste
Rumänin sein und die jüngste Person auf der Welt,
die auf den Cho Oyu und einen Achttausender gestiegen ist.
Cho Oyu ist der sechsthöchste Berg der Welt. „Unser
Ziel ist aber nicht der Rekord. Sondern unsere Lieblingsbeschäftigung,
das Bergklettern”, sagt Ovidiu Popescu. Für die
Himalaja-Expedition warten die zwei Rosenauer noch auf Sponsoren.
Die Abfahrt ist für den 4. April festgelegt, aber Geld
ist noch nicht genug vorhanden, obwohl die Ausgaben für
eine solche Expedition viel geringer sind als die Ausgaben
für andere Sportarten, z. B. die hohen Gehälter
der Fußballprofis.
Ovidiu Popescu hat zusammen mit zwei anderen Felsenkletterern
einen Bergsteigerklub gegründet (www.clubul montanaltitudine.ro),
und versucht, für den Alpinismus zu werben. „Für
ein Land wie Rumänien, das so wunderschöne Gebirge
besitzt, gibt es sehr wenige Bergsteiger und Vereine. In Kronstadt
gibt es den Siebenbürgischen Karpatenverein, sonst wenige
Initiativen. Wir haben versucht, in den Lehrplan der Rosenauer
Schulen ein Wahlfach einzuführen über Verhaltensregeln
bei Bergwanderungen. Aber es ist schwierig, Lehrkräfte
zu finden und die Mentalität der Eltern und der Jugendlichen
zu ändern”, meint Ovidiu Popescu.
Coco könnte aber ein Vorbild für andere Jugendliche
sein. Sollte es ihr gelingen, auf den Cho Oyu zu steigen,
bleibt als nächstes Ziel der Everest, ein Rekord der
Rekorde. Wir wünschen viel Erfolg und Glück im Himalaja.
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