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Mittwoch, 25. 2. 2009
 

Wöchentlicher Besuch am Alten Berg
Deutsche Freiwillige in Rumänien und in aller Welt / Von Marius Wolf

Frau Delch ist ist die letzte Siebenbürger Sächsin am Alten Berg/Viile Sibiului. Am Alten Berg kennt sie jeder als Tanti Susi. Das kleine Dorf liegt einen Kilometer hinter dem Ortsausgangsschild von Hermannstadt/Sibiu rechts der Landstraße Richtung Mediasch. Frau Delch feiert bald ihren 91. Geburtstag. Dazu hat sie ihre lieben Freundinnen eingeladen. Die werden wohl mit dem Taxi zu ihr fahren müssen. Ich fahre mit dem Bus zu ihr. Der fährt bis zur letzten Haltestelle der Buslinie 7, von wo ich bis zu ihrem Haus laufen muss. Auf dem Weg komme ich an einer „Alimentara“ vorbei. Die Verkäuferin kennt mich schon und ruft mir zu: „Stai bãiatu’, am o pâine pentru Tanti Susi” (Bleib stehen, Junge, ich habe ein Brot für Tanti Susi). Das Brot kaufe ich, Frau Delch gibt mir später das Geld.

Frau Delch ist eine der zehn Personen, die ich einmal pro Woche besuche. Die meisten sind durch ihr fortgeschrittenes Alter auf Hilfe angewiesen. Andere sind noch recht jung, haben aber Krankheiten wie Multiple Sklerose (MS) und sind daher betreuungsbedürftig. Zu „meinen“ Betreuten gehören drei Siebenbürger Sachsen und sieben Rumänen. Ich bin ein Freiwilliger aus Deutschland, der über EIRENE (Internationaler Christlicher Friedensdienst) nach Hermannstadt kam und seit Juni 2008 für eine rumänische ökumenische Organisation (ACORD) mit orthodoxem Hintergrund in Hermannstadt tätig ist.

Der Freiwilligendienst wird unter deutschen Jugendlichen, die gerade die Schule beendet haben, immer populärer. Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ), Anderer Dienst im Ausland (ADiA) oder ein Friedensdienst - das Interesse an solchen Diensten wächst und für hundert Bewerber gibt es bei vielen Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) weniger als 30 Plätze. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland hat auf diese enorme Nachfrage reagiert und 2008 das Programm „weltwärts“ ins Leben gerufen. Mit „weltwärts“ haben Jugendliche aus Deutschland bereits in über 60 außereuropäischen Ländern der Erde einen Freiwilligendienst verrichtet. Auch die Europäische Union ist nicht untätig geblieben. Seit einigen Jahren reisen Jugendliche aus ganz Europa in andere europäische Länder, Nordafrika, Russland und den Kaukasus, um einen Europäischen Freiwilligendienst (EFD) zu leisten. Die glücklichen Bewerber, die angenommen worden sind, erwartet eine horizonterweiternde Zeit in einem anderen Land und einer anderen Kultur.

In Rumänien befinden sich überraschend viele Freiwillige. Es sollen mehr sein als in Polen oder in den baltischen Staaten zum Beispiel. Neben europäischen Organisationen beschäftigt alleine die US- amerikanische Organisation „peace corps“ (gegründet von John F. Kennedy) momentan über 140 Freiwillige in Rumänien. Ob in Bukarest, Kronstadt/Brasov, Klausenburg/Cluj-Napoca, Temeswar/Timisoara, Arad, Großwardein/Oradea, Bacãu, Hermannstadt/Sibiu oder in vielen kleinen Dörfern – überall findet sich ein Freiwilliger.

Eine „Hochburg“ der Freiwilligen ist Hermannstadt. Zählt man die umliegenden Dörfer Großau/Cristian und Reußdörfchen/Rusciori dazu, befinden sich regelmäßig bis zu 12 Freiwillige hier, die meist für mehr als ein Jahr ihren Dienst verrichten. Altenbetreuung, Behindertenbetreuung, 24 Stunden–Betreuung für Obdachlose im „Guten Haus“ in Neppendorf/Turnisor und Nachmittagsbetreuung von Schulkindern. In all diesen Bereichen sind Freiwillige tätig und bilden oft eine tragende Säule in den Projekten. Die staatlichen Hilfen für betreuungsbedürftige Menschen oder extra Förderprogramme für Behinderte und Kinder können leider nicht ausreichende Versorgung bieten. Diese Lücke wird durch Organisationen mit vorrangig christlichem Hintergrund kompensiert. Die Kirchen, sowohl die orthodoxen Gemeinden als auch die Helfer im Rahmen der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. in Hermannstadt und des Bezirkes, die Caritas und das Diakonische Werk sind für viele Menschen eine Anlaufstelle.

Regelmäßig lange Schlangen stehen vor der Spendenapotheke der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt. Dank Medikamentspenden aus Deutschland können hier zweimal wöchentlich Arzneimittel vergeben werden. Aus der ebenda eingerichteten Kleiderkammer können viele bedürftige Menschen ausreichend Kleidung erhalten. Das Bezirkskonsistorium gibt im ganzen Kreis Hermannstadt/Sibiu Lebensmittel und Versorgungsmaterialien für bettlägrige Senioren aus. Außerdem wird von hier im Winter die für sehr viele unverzichtbare Winterhilfe verteilt. Dieses monatliche Extrageld soll für die sozial Schwächeren ein Ausgleich sein für die enormen Heizkosten in der kalten Jahreszeit.

Das Diakonische Werk und die Caritas verteilen Pflegematerialien und Lebensmittel und fahren das im Carl-Wolff-Altenheim gekochte Essen-auf-Rädern aus. Für Freiwillige ist die Diakonie immer wieder eine Anlaufstelle, wenn es darum geht, für die Betreuten einen kleinen Ausflug zu organisieren. Sie hilft durch die Bereitstellung ihres Kleinbusses und unterstützt die Planung. Die orthodoxen Gemeinden bieten ebenfalls Essen-auf-Rädern oder Kantinen, in denen Menschen mit einem geringen Einkommen günstig oder gratis essen können. Neben dieser institutionalisierten Hilfe freuen sich die Betreuten jedoch besonders über den persönlichen Kontakt zu den Helfern und dem Gespräch mit ihnen.

Gelegenheit zum Gespräch gibt es mit Frau Delch nicht bloß in ihrem Zimmer, sondern in der warmen Jahreszeit auch bei der Arbeit im Garten. Diese reicht von Unkraut jäten über Früchte ernten, kleine Dinge für den Garten bauen, manchmal auf ihrem nah gelegenen Acker etwas ernten und natürlich sauber machen. Auf Sauberkeit im Hof und im Haus legt Frau Delch besonders viel Wert. Selbst nach zwei Stunden Gartenarbeit besteht sie darauf, selbst den Boden in der Küche aufzuwischen.

In meinen „Arbeitsbereich“ gehören Botengänge. Ich bringe Briefe von Frau Delch zur Post und hole Medikamente, Lebensmittel und andere Sachen für sie aus der Stadt. So gut es geht, bin ich ihr verlängerter Arm bei Dingen, die man im Alter nicht mehr ohne Hilfe erledigen kann.
Im Winter gibt es nicht so viel zu tun und da ist dann mehr Zeit zum Erzählen. D. h. Frau Delch erzählt und ich höre begierig zu. Ich freue mich, aus dem 90 Jahre Erfahrungsreichtum zu lernen und mir wird bewusst, wie klein meine Welt und mein Horizont ist, im Vergleich zu jemandem, der fast das gesamte letzte Jahrhundert erlebt hat. Wenn Frau Delch von den schönen und schweren Dingen aus ihrem langen Leben erzählt, strahlt sie eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Auch die schweren Erlebnisse scheinen nach so vielen Jahren unbedeutender zu sein.

Mit ihren 90 Jahren möchte aber auch Frau Delch noch dazu lernen. Ihr neues Ziel: Ein bisschen Englisch. Um mit der schwedischen Frau eines Verwandten in Stockholm am Telefon sprechen zu können. Ruhe wird also am Alten Berg nicht so schnell einkehren. Ebenso wenig bei der Altenbetreuung.



Auf den höchsten Bergen der Welt
Vierzehnjährige Bergsteigerin Crina Popescu erobert Aconcagua / Von Christine Chiriac


Mit nur 14 Jahren hat Crina Popescu schon fünf Weltrekorde erreicht. Die junge Alpinistin, die schon weltbekannt ist, wohnt in Rosenau/Râsnov bei Kronstadt/Brasov und ist dort Schülerin der deutschen Abteilung der Allgemeinschule Nr. 2 in der 7. Klasse. Das Felsenklettern ist ihre größte Freude, die sie wohl von ihrem Vater, Ovidiu Popescu, geerbt hat. Er ist mit der Familie vor vielen Jahren aus Bukarest nach Rosenau übersiedelt. Coco, wie die Familie sie nennt, hat eine Schwester, die vorläufig mit fünf Jahren noch zu jung für diesen Sport ist. Nicht mehr lange, denn Coco war auch erst sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal zusammen mit ihrem Vater auf einen Berg steigen durfte, auf den Omu im Bucegi-Gebirge. „Es ist eine falsche Vorstellung, dass der Berg gefährlich ist”, meint Ovidiu Popescu. „Gefährlich ist das Bergsteigen nur, wenn man sich beeilt und nicht vorsichtig ist. Wir nehmen uns Zeit, bereiten uns gründlich vor, warten immer auf gutes Wetter. Wir riskieren nie, wenn etwas nicht stimmt. So kann nichts passieren.
Es ist merkwürdig, dass gerade in dieser Gegend, wo es Gebirge gibt, die Leute den Alpinismus als gefährlich betrachten. Es gibt tatsächlich wenige Bergsteiger…. das ist schade.”

Da eine Expedition etwa ein bis zwei Monate dauert, hat Coco in der Schule immer viel zu lernen, wenn sie daheim in Rosenau ist. „Ich muss viel nachholen, es kann ermüdend sein. Aber die Lehrer erlauben mir, längere Zeit zu fehlen, denn sie wissen, dass ich mir dann später Mühe gebe, alles Versäumte zu lernen”, sagt Coco. „Ich bin immer sehr gerne in die Schule gegangen, meine Lieblingsfächer sind Mathe und Chemie”.

Die junge Alpinistin hat noch nicht überlegt, wo sie das Lyzeum besuchen will. Auch für einen Entscheidung über ein künftiges Hochschulstudium ist es noch zu früh. Höchstwahrscheinlich soll es Sport sein. Coco ist Mitglied eines Bergsteigervereins in Österreich und sie möchte dort in Zukunft eine Fachlehranstalt besuchen.

Zu den Berggipfeln, die Coco erobert hat, zählen der Ararat (in der Türkei, 5165 m), der Kazbek (im Kaukasus, 5047 m), der Damavand (im Alborz Gebirge in Iran, 5671 m), der Ojos del Salado (in Chile, mit 6893 m der höchste aktive Vulkan der Welt) und, vor einem Monat, der Aconcagua (in Argentinien, mit 6963 der höchste Berg außerhalb Asiens). Alle sind Altersweltrekorde, im Falle der letzten zwei ist Coco auch die erste Frau aus Rumänien, die es schaffte. Fast all diese Rekorde wurden in einer Zeitspanne von acht Monaten erreicht.

Das verlangt aber tägliches Training: Joggen, Radfahren, Wandern auf den Bergen in der Umgebung, was Coco meistens gemeinsam mit ihrem Vater unternimmt. Die Hobbys der jungen Alpinistin machen auch fit: Snowboard, Skifahren, Rollschuhe. „Man muss jedoch nicht nur körperlich vorbereitet sein. Tatsächlich ist die Anpassung an die Höhenlage schwer, aber Coco hatte nie Probleme damit. Man kann sagen, sie besitzt ein angeborenes Talent und eine außergewöhnlich gute Kondition”, erklärt Ovidiu Popescu. „In gleichem Maße geht es auch um den Mut und den Willen. Wenn man in Panik gerät, dann kann man es nicht mehr schaffen.”
Die bis jetzt unternommenen Expeditionen wurden fast ausschließlich mit privatem Geld bezahlt. „Die Behörden haben uns nicht viel geholfen”, sagt Ovidiu Popescu, „und wir mussten das Geld von verschiedenen Sponsoren beschaffen. Das ist nicht einfach. Einmal, als wir nicht genug Geld für die Expedition einsammeln konnten, haben wir unser Auto verkauft.”

Das nächste Ziel ist der Berggipfel Cho Oyu im Himalaja Gebirge, 8201 m hoch. Wenn Coco es schafft, wird sie die erste Rumänin sein und die jüngste Person auf der Welt, die auf den Cho Oyu und einen Achttausender gestiegen ist. Cho Oyu ist der sechsthöchste Berg der Welt. „Unser Ziel ist aber nicht der Rekord. Sondern unsere Lieblingsbeschäftigung, das Bergklettern”, sagt Ovidiu Popescu. Für die Himalaja-Expedition warten die zwei Rosenauer noch auf Sponsoren. Die Abfahrt ist für den 4. April festgelegt, aber Geld ist noch nicht genug vorhanden, obwohl die Ausgaben für eine solche Expedition viel geringer sind als die Ausgaben für andere Sportarten, z. B. die hohen Gehälter der Fußballprofis.

Ovidiu Popescu hat zusammen mit zwei anderen Felsenkletterern einen Bergsteigerklub gegründet (www.clubul montanaltitudine.ro), und versucht, für den Alpinismus zu werben. „Für ein Land wie Rumänien, das so wunderschöne Gebirge besitzt, gibt es sehr wenige Bergsteiger und Vereine. In Kronstadt gibt es den Siebenbürgischen Karpatenverein, sonst wenige Initiativen. Wir haben versucht, in den Lehrplan der Rosenauer Schulen ein Wahlfach einzuführen über Verhaltensregeln bei Bergwanderungen. Aber es ist schwierig, Lehrkräfte zu finden und die Mentalität der Eltern und der Jugendlichen zu ändern”, meint Ovidiu Popescu.
Coco könnte aber ein Vorbild für andere Jugendliche sein. Sollte es ihr gelingen, auf den Cho Oyu zu steigen, bleibt als nächstes Ziel der Everest, ein Rekord der Rekorde. Wir wünschen viel Erfolg und Glück im Himalaja.