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Vom
Leben auf der Straße ins Nationaltheater Bukarest
Monique Gruber organisiert in Bukarest das Projekt „Der
Feuervogel“ / Jugendliche als Ballettstars / Von Thomas
Wagner
Mit Hilfe vom Bodensee können Straßen-
und Heimkinder in Rumänien auf eine bessere Zukunft hoffen:
Die in Überlingen lebende Monique Gruber, Frau eines ehemaligen
deutschen Botschafters, brachte das Projekt „Der Feuervogel“
auf den Weg. Dabei führen über 100 Kinder und Jugendliche,
die teilweise von der Straße oder aus Kinderheimen stammen,
das gleichnamige Werk von Igor Strawinsky als Tanztheater auf.
Die erste Aufführung ist am kommenden Samstag im Nationaltheater
Bukarest.
Mucksmäuschenstille. Nur der alte Holzboden knarrt. 100
Augenpaare blicken gebannt nach vorne. Ein Mann, Mitte 40, spricht
mit ruhiger Stimme, auf Englisch, zu den Kindern: „Let’s
start to the next szene…“ Als er mit seinen Armen
einen Halbkreis nachahmt, tun es ihm die Mädchen und Jungen
gleich. Minuten später: Musik schnarrt aus den Lautsprechern
einer Uralt-Stereoanlage. Alle bewegen synchron ihre Arme im
Halbkreis, drehen sich um die eigene Achse. Ein Lächeln
geht über das Gesicht der Kinder: Die Szene klappt….
Die alte Turnhalle mitten in Bukarest ist dieser Tage Zentrum
eines außergewöhnlichen Projektes: Über 100
Kinder und Jugendliche zwischen elf und 25 Jahren proben eine
Choreografie zu Igor Strawinskys „Der Feuervogel.“
Noch ungewöhnlicher ist der Hintergrund: Viele der Jugendliche
stammen aus rumänischen Kinderheimen. Ihre Eltern haben
sie seit Jahren nicht gesehen. Wieder andere schliefen bis vor
Kurzem noch auf den Bukarester Straßen oder in der Kanalisation,
bettelten Passanten an. Manche sind taubstumm oder körperbehindert.
Und einige kommen aus ganz normalen Familien, besuchen das Gymnasium.
Diejenigen, die sozial unten stehen, sollen durch das Projekt
„Der Feuervogel“ nach oben kommen, eine Chance für
ein neues Leben erhalten – ein ehrgeiziges Ziel. Doch
Monique Gruber aus Überlingen ist sich sicher, dass sie
es erreichen kann. Drei Jahre lang, von 2003 bis 2006, hat sie
in Bukarest gelebt, als Frau des früheren deutschen Botschafters
in Rumänien, Wilfried Gruber. „Schon damals habe
ich mich sozial engagiert – vor allem für Kinder,
die ins soziale Abseits geraten sind.“
Davon gibt es auch heute noch viel zu viele: „Das Problem
der Straßenkinder ist noch nicht gelöst“, macht
Monique Gruber klar. Und jeder kann sich selbst davon überzeugen:
Wer durch rumänische Großstädte wie Bukarest,
Konstanza/Constan]a oder Temeswar/Timi{oara streift, der entdeckt
immer wieder Mädchen und Jungen, die in zerlumpten Kleidern
an drogenähnlichen Klebstoff- oder Lacktüten schnüffeln,
um Geld betteln oder einfach nur um ein paar Zigaretten. Zwar
sind es längst nicht mehr so viele wie noch vor zehn Jahren:
Hier hat der EU-Neuling Rumänien einige Fortschritte vorzuweisen,
ebenso wie bei der Verbesserung der Situation in den Kinderheimen.
„Aber jetzt ist Krise,“ weiß Monique Gruber,
„und da fallen staatliche Sozialprojekte als erstes den
Sparzwängen zum Opfer.“
Dem möchte sie entgegenwirken: Dass es mit einer sechswöchigen
Probenphase und den anschließenden Aufführungen nicht
alleine getan ist, weiß die Wahl-Überlingerin nur
zu gut. Aber: „Uns ist es wichtig, dass sich durch das
Projekt in den Köpfen etwas bewegt.“ Will heißen:
Auch Behinderte, Straßenkinder, Taubstumme, Heimbewohner
– sie alle sind wichtige und nützliche Mitglieder
der Gesellschaft. Und sie alle dürfen nicht mehr am Rande
stehen. In Rumänien ist das bis heute noch nicht selbstverständlich.
Hoffnung auf ein neues Leben
Vor allem aber: Diejenigen, die mitmachen, lernen in den Probentagen
vieles, was später für Schule und Beruf wichtig ist:
„Wir erfahren, wie man konzentriert arbeitet. Wie man
pünktlich morgens zur Stelle sein muss – und wie
es manchmal schwer ist, etliche Stunden konzentriert durchzuhalten.“
Elena, 17, streicht sich mit einer Handbewegung ihre langen
schwarzen Haare aus dem Gesicht. Wenn sie zu den anderen in
die Mitte der Turnhalle schaut, geht ein Lächeln über
ihr Gesicht: „Neue Freunde“, sagt sie, habe sie
hier kennengelernt, neue persönliche Kontakte geknüpft.
Und nach dem Projekt wolle sie zur Schule gehen, danach studieren.
Ein neues Leben warte auf sie. Das ist ein kleines Wunder: Denn
noch vor sechs Wochen brachte Elena ihre Tage in einem Kinderheim
in Ploie{ti zu – ohne allzu große Zukunftsperspektiven.
So wie Elena geht es vielen der Kinder. Sechs Stunden Tanzen
am Tag, harte Probenarbeit – für manche war das anfangs
noch ein Grund, sich zu beklagen. Nun, kurz vor der Aufführung,
sind solche Einwände längst der Aufregung gewichen,
die mit dem ersten Auftritt vor Publikum verbunden ist.
„Ich verlange viel von ihnen“, ist sich der
Münchner Choreograf Josef Eder im Klaren, „aber ich
glaube, das ist auch notwendig. Und die Gruppe macht gute Arbeit!“
Josef Eder zeichnet zusammen mit Royston Maldoom für die
künstlerische Projektleitung verantwortlich. Doch eigentlich
ist ihm die Gruppe längst ans Herz gewachsen. In seinem
Campingbus wohnt er direkt neben dem Internat, in dem die Gruppe
untergebracht ist. Davon, dass die Jugendlichen gerade mit dem
Tanzprojekt eine bessere Zukunft finden, ist er überzeugt:
„Ich glaube, je schwerer ein Leben sich gestaltet, desto
mehr Energie ist in einem Körper gespeichert, die nicht
weiß, wohin.“ Der Tanz als Ausdrucksform sei daher
gerade für solche Kinder eine ideale Methode, sich auszudrücken,
die „gespeicherte Energie“ sinnvoll zu nutzen.
Wichtig erscheint dem Choreografen noch ein Weiteres: Über
ihre jeweilige Herkunft sprechen die Kinder in der Gruppe kaum.
Besucher und Betreuer werden angehalten, sie nicht danach zu
fragen, wo sie herkommen, wie sie gelebt haben. „Die Anonymität
ist wichtig,“ erklärt Eder. Denn: In der Gruppe zähle
nur die Leistung, nicht die Herkunft. „Sie müssen
sich nicht ständig erklären, rechtfertigen.“
Unangenehme Details über das ‚frühere Leben‘
bleiben außen vor. Was zählt, ist das Erlebnis in
der Gruppe, der Erfolg im Tanzprojekt, das Hoffen auf eine bessere
Zukunft.
Ab und an erhält die Gruppe auch Besuch. Stefanie Moog
aus der Gemeinde Deggenhausertal (Bodenseekreis) ist mit dem
Rucksack quer durch Rumänien unterwegs. Durch Zufall erfährt
sie von dem Projekt. Stunden später ist sie in der alten
Turnhalle, schaut bei den Proben zu. „Das war jetzt einfach
faszinierend: Der Ausdruck in den Gesichtern, in den Augen –
jeder gibt alles. So etwas sollte es einfach viel häufiger
geben.“ Es soll nicht das einzige Projekt
bleiben
Gibt es auch. Das Projekt „Der Feuervogel“ ist nur
der Anfang. „Eine Reihe von Folgeprojekten in ganz Rumänien
werden sich anschließen,“ versichert Monique Gruber.
An ihre beiden Hände klammern sich zwei kleine Mädchen
aus der Gruppe. Die Überlingerin ist nicht nur Organisatorin,
sondern auch „Ersatzmutter“ für viele der Kinder.
Kommenden Samstag ist es schließlich soweit: Im Nationaltheater
Bukarest führen sie ihre Version des „Feuervogels“
auf, zweimal hinterei-nander. Danach geht’s mit einer
weiteren Aufführungen nach Hermannstadt/Sibiu. Und vielleicht
erfüllt sich danach ja für die eine oder andere Teilnehmerin,
für den einen oder anderen Teilnehmer, ein Herzenswunsch:
„Ich würde so gerne Schauspielerin“, sagt Adela
aus Hermannstadt. Gerade mal 15 Jahre alt, blickt sie in einer
Probenpause im Freien vor der alten Turnhalle auf die Straßen
und Bauten der rumänischen Hauptstadt: „Vielleicht
komme ich ja nochmals hierher – an die Schauspielschule
hier, in Bukarest…“
Die Vorstellung am Samstag im Nationaltheater Bukarest beginnt
um 20 Uhr. |
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