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Mittwoch, 2. 9. 2009
  Vom Leben auf der Straße ins Nationaltheater Bukarest
Monique Gruber organisiert in Bukarest das Projekt „Der Feuervogel“ / Jugendliche als Ballettstars / Von Thomas Wagner


Mit Hilfe vom Bodensee können Straßen- und Heimkinder in Rumänien auf eine bessere Zukunft hoffen: Die in Überlingen lebende Monique Gruber, Frau eines ehemaligen deutschen Botschafters, brachte das Projekt „Der Feuervogel“ auf den Weg. Dabei führen über 100 Kinder und Jugendliche, die teilweise von der Straße oder aus Kinderheimen stammen, das gleichnamige Werk von Igor Strawinsky als Tanztheater auf. Die erste Aufführung ist am kommenden Samstag im Nationaltheater Bukarest.

Mucksmäuschenstille. Nur der alte Holzboden knarrt. 100 Augenpaare blicken gebannt nach vorne. Ein Mann, Mitte 40, spricht mit ruhiger Stimme, auf Englisch, zu den Kindern: „Let’s start to the next szene…“ Als er mit seinen Armen einen Halbkreis nachahmt, tun es ihm die Mädchen und Jungen gleich. Minuten später: Musik schnarrt aus den Lautsprechern einer Uralt-Stereoanlage. Alle bewegen synchron ihre Arme im Halbkreis, drehen sich um die eigene Achse. Ein Lächeln geht über das Gesicht der Kinder: Die Szene klappt….

Die alte Turnhalle mitten in Bukarest ist dieser Tage Zentrum eines außergewöhnlichen Projektes: Über 100 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 25 Jahren proben eine Choreografie zu Igor Strawinskys „Der Feuervogel.“ Noch ungewöhnlicher ist der Hintergrund: Viele der Jugendliche stammen aus rumänischen Kinderheimen. Ihre Eltern haben sie seit Jahren nicht gesehen. Wieder andere schliefen bis vor Kurzem noch auf den Bukarester Straßen oder in der Kanalisation, bettelten Passanten an. Manche sind taubstumm oder körperbehindert. Und einige kommen aus ganz normalen Familien, besuchen das Gymnasium.
Diejenigen, die sozial unten stehen, sollen durch das Projekt „Der Feuervogel“ nach oben kommen, eine Chance für ein neues Leben erhalten – ein ehrgeiziges Ziel. Doch Monique Gruber aus Überlingen ist sich sicher, dass sie es erreichen kann. Drei Jahre lang, von 2003 bis 2006, hat sie in Bukarest gelebt, als Frau des früheren deutschen Botschafters in Rumänien, Wilfried Gruber. „Schon damals habe ich mich sozial engagiert – vor allem für Kinder, die ins soziale Abseits geraten sind.“

Davon gibt es auch heute noch viel zu viele: „Das Problem der Straßenkinder ist noch nicht gelöst“, macht Monique Gruber klar. Und jeder kann sich selbst davon überzeugen: Wer durch rumänische Großstädte wie Bukarest, Konstanza/Constan]a oder Temeswar/Timi{oara streift, der entdeckt immer wieder Mädchen und Jungen, die in zerlumpten Kleidern an drogenähnlichen Klebstoff- oder Lacktüten schnüffeln, um Geld betteln oder einfach nur um ein paar Zigaretten. Zwar sind es längst nicht mehr so viele wie noch vor zehn Jahren: Hier hat der EU-Neuling Rumänien einige Fortschritte vorzuweisen, ebenso wie bei der Verbesserung der Situation in den Kinderheimen. „Aber jetzt ist Krise,“ weiß Monique Gruber, „und da fallen staatliche Sozialprojekte als erstes den Sparzwängen zum Opfer.“

Dem möchte sie entgegenwirken: Dass es mit einer sechswöchigen Probenphase und den anschließenden Aufführungen nicht alleine getan ist, weiß die Wahl-Überlingerin nur zu gut. Aber: „Uns ist es wichtig, dass sich durch das Projekt in den Köpfen etwas bewegt.“ Will heißen: Auch Behinderte, Straßenkinder, Taubstumme, Heimbewohner – sie alle sind wichtige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft. Und sie alle dürfen nicht mehr am Rande stehen. In Rumänien ist das bis heute noch nicht selbstverständlich.

Hoffnung auf ein neues Leben

Vor allem aber: Diejenigen, die mitmachen, lernen in den Probentagen vieles, was später für Schule und Beruf wichtig ist: „Wir erfahren, wie man konzentriert arbeitet. Wie man pünktlich morgens zur Stelle sein muss – und wie es manchmal schwer ist, etliche Stunden konzentriert durchzuhalten.“ Elena, 17, streicht sich mit einer Handbewegung ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht. Wenn sie zu den anderen in die Mitte der Turnhalle schaut, geht ein Lächeln über ihr Gesicht: „Neue Freunde“, sagt sie, habe sie hier kennengelernt, neue persönliche Kontakte geknüpft. Und nach dem Projekt wolle sie zur Schule gehen, danach studieren. Ein neues Leben warte auf sie. Das ist ein kleines Wunder: Denn noch vor sechs Wochen brachte Elena ihre Tage in einem Kinderheim in Ploie{ti zu – ohne allzu große Zukunftsperspektiven.
So wie Elena geht es vielen der Kinder. Sechs Stunden Tanzen am Tag, harte Probenarbeit – für manche war das anfangs noch ein Grund, sich zu beklagen. Nun, kurz vor der Aufführung, sind solche Einwände längst der Aufregung gewichen, die mit dem ersten Auftritt vor Publikum verbunden ist.

„Ich verlange viel von ihnen“, ist sich der Münchner Choreograf Josef Eder im Klaren, „aber ich glaube, das ist auch notwendig. Und die Gruppe macht gute Arbeit!“ Josef Eder zeichnet zusammen mit Royston Maldoom für die künstlerische Projektleitung verantwortlich. Doch eigentlich ist ihm die Gruppe längst ans Herz gewachsen. In seinem Campingbus wohnt er direkt neben dem Internat, in dem die Gruppe untergebracht ist. Davon, dass die Jugendlichen gerade mit dem Tanzprojekt eine bessere Zukunft finden, ist er überzeugt: „Ich glaube, je schwerer ein Leben sich gestaltet, desto mehr Energie ist in einem Körper gespeichert, die nicht weiß, wohin.“ Der Tanz als Ausdrucksform sei daher gerade für solche Kinder eine ideale Methode, sich auszudrücken, die „gespeicherte Energie“ sinnvoll zu nutzen.
Wichtig erscheint dem Choreografen noch ein Weiteres: Über ihre jeweilige Herkunft sprechen die Kinder in der Gruppe kaum. Besucher und Betreuer werden angehalten, sie nicht danach zu fragen, wo sie herkommen, wie sie gelebt haben. „Die Anonymität ist wichtig,“ erklärt Eder. Denn: In der Gruppe zähle nur die Leistung, nicht die Herkunft. „Sie müssen sich nicht ständig erklären, rechtfertigen.“ Unangenehme Details über das ‚frühere Leben‘ bleiben außen vor. Was zählt, ist das Erlebnis in der Gruppe, der Erfolg im Tanzprojekt, das Hoffen auf eine bessere Zukunft.

Ab und an erhält die Gruppe auch Besuch. Stefanie Moog aus der Gemeinde Deggenhausertal (Bodenseekreis) ist mit dem Rucksack quer durch Rumänien unterwegs. Durch Zufall erfährt sie von dem Projekt. Stunden später ist sie in der alten Turnhalle, schaut bei den Proben zu. „Das war jetzt einfach faszinierend: Der Ausdruck in den Gesichtern, in den Augen – jeder gibt alles. So etwas sollte es einfach viel häufiger geben.“

Es soll nicht das einzige Projekt bleiben

Gibt es auch. Das Projekt „Der Feuervogel“ ist nur der Anfang. „Eine Reihe von Folgeprojekten in ganz Rumänien werden sich anschließen,“ versichert Monique Gruber.
An ihre beiden Hände klammern sich zwei kleine Mädchen aus der Gruppe. Die Überlingerin ist nicht nur Organisatorin, sondern auch „Ersatzmutter“ für viele der Kinder. Kommenden Samstag ist es schließlich soweit: Im Nationaltheater Bukarest führen sie ihre Version des „Feuervogels“ auf, zweimal hinterei-nander. Danach geht’s mit einer weiteren Aufführungen nach Hermannstadt/Sibiu. Und vielleicht erfüllt sich danach ja für die eine oder andere Teilnehmerin, für den einen oder anderen Teilnehmer, ein Herzenswunsch: „Ich würde so gerne Schauspielerin“, sagt Adela aus Hermannstadt. Gerade mal 15 Jahre alt, blickt sie in einer Probenpause im Freien vor der alten Turnhalle auf die Straßen und Bauten der rumänischen Hauptstadt: „Vielleicht komme ich ja nochmals hierher – an die Schauspielschule hier, in Bukarest…“

Die Vorstellung am Samstag im Nationaltheater Bukarest beginnt um 20 Uhr.